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Schuldenkrise: Warum Deutschland Europas größter Krisenprofiteur ist

Von Kai Lange

Europa bebt, aber der deutsche Leitindex hält sich wacker. Die Gründe für die Dax-Stärke sind einfach und erfreulich zugleich: Staat, Firmen und Verbraucher profitieren von der Euro-Schwäche, den niedrigen Zinsen und dem Ruf Deutschlands als sicherer Hafen.

Hamburger Hafen: Der schwache Euro hilft den Exporteuren Zur Großansicht
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Hamburger Hafen: Der schwache Euro hilft den Exporteuren

Hamburg - Der Dax trotzt der Krise: Binnen zwei Tagen hat der deutsche Leitindex knapp sechs Prozent hinzugewonnen und sich von seinem Kursrutsch Anfang der Woche wieder erholt. Während an den Finanzmärkten die Nervosität noch immer groß ist, tastete sich der Dax Chart zeigen am Freitag erneut an die Marke von 6000 Zählern heran.

Damit notiert der Index nur knapp unter dem Niveau von Anfang Januar. Und das trotz einer beispiellosen Euro-Krise. Anders sieht es im europäischen Leitindex EuroStoxx Chart zeigen aus. Hier verzeichnen Anleger seit Jahresbeginn rund 13 Prozent Verlust.

Dass die Performance des Dax deutlich besser ist als beim EuroStoxx - und auch die meisten nationalen Indizes der Euro-Länder schlägt -, ist ein klares Signal der Finanzmärkte. Die Deutschen sind eben nicht die "Deppen" oder "Zahlmeister Europas", wie sie sich selbst gerne sehen, sondern zählen zu den Profiteuren der Krise der Gemeinschaftswährung.

Wachstumsimpulse für die Wirtschaft kommen von verschiedenen Seiten: Die Exportindustrie profitiert vom verhältnismäßig günstigen Euro, internationale Investoren verschieben Gelder nach Deutschland, Unternehmen und Verbraucher freuen sich über die niedrigen Zinsen.

Es fließt viel Geld nach Deutschland

Was den Euro angeht: Auf dem aktuellen Niveau von rund 1,24 Dollar liegt er immer noch über seinem langjährigen Durchschnitt. Bei seiner Einführung notierte der Euro bei rund 1,18 Dollar, fiel Ende 2000 bis auf 0,85 Dollar und kletterte 2009 sogar über die Marke von 1,50 US-Dollar. Von diesem Rekordniveau aus hat die Währung zeitweise zwar knapp 20 Prozent eingebüßt. Von einem Absturz ins Bodenlose kann aber keine Rede sein. Volkswirte sehen den "fairen Wert" des Euro bei 1,20 US-Dollar.

Kein Euro-Land ist so stark von seinen Ausfuhren abhängig wie Deutschland. Der Export sorgt für 45 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Zwar gehen rund 60 Prozent der deutschen Exporte in die Euro-Zone. Doch Firmen, die ihre Waren etwa in Asien oder USA anbieten, können dies nun zu günstigeren Preisen tun.

"Wettbewerbsfähig sind die meisten deutschen Unternehmen ohnehin, so dass die jüngste Abwertung des Euro für echte Preisvorteile im außereuropäischen Ausland sorgt", sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus. Durch jahrelange Lohnzurückhaltung habe Deutschland die Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen, die es seinerzeit durch eine zu harte Währung eingebüßt hatte.

Hinzu kommt: Die Bundesrepublik profitiert von ihrem Ruf als "sicherer Hafen". Während Investoren aus dem Euro-Raum insgesamt Geld abziehen, fließt Deutschland mehr Geld zu - obwohl die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen in dieser Woche ein Rekordtief von 2,56 Prozent erreicht hat.

Der Bund kann sich damit zu extrem günstigen Konditionen mit frischen Mitteln versorgen und seine Schulden refinanzieren.

Die Zinsen dürften niedrig bleiben

Die Zinsvorteile sind beachtlich: Seit Herbst 2009 hat die Deutsche Finanzagentur Anleihen in Höhe von mehr als 120 Milliarden Euro am Kapitalmarkt platziert. Bei einem Zinsvorteil von einem Prozent spart Deutschland pro Jahr 1,2 Milliarden Euro Zinsen - gerechnet auf eine zehnjährige Laufzeit sind das zwölf Milliarden Euro. Bezogen auf die gesamte deutsche Staatsverschuldung von fast zwei Billionen Euro brächte eine langfristige Zinsersparnis in dieser Höhe sogar 20 Milliarden Euro. Pro Jahr wohlgemerkt.

Von den günstigen Konditionen profitieren darüber hinaus die Firmen. Sie können sich zu günstigeren Bedingungen refinanzieren als vor der Krise - die Rendite von 7- bis 10jährigen Unternehmensanleihen mit AAA Rating liegt wieder unter 4 Prozent. "Die Finanzierungskosten für die besseren Rating-Klassen haben inzwischen wieder das Niveau von 2006 erreicht", sagt Schilbe.

Bauzinsen auf Nachkriegstief

Gewinner der niedrigen Zinsen sind aber auch die Verbraucher. Denn Hausfinanzierungen und Konsumentendarlehen sind günstiger. Nach Berechnungen des Baufinanzierers Interhyp sind die Zinsen für Darlehen mit zehnjähriger Laufzeit auf das niedrigste Niveau der Nachkriegszeit gefallen. Bei den Konsumentenkrediten zeigt die Kurve ebenfalls nach unten.

Und angesichts der drohenden Rezession in vielen südeuropäischen Ländern dürfte die Europäische Zentralbank die Zinsen weiterhin auf niedrigem Niveau halten. Zu groß sei die Gefahr, die anspruchsvollen Haushaltssanierungen in den europäischen Krisenländern durch Zinserhebungen abzuwürgen, sagt Eric Le Coz, Fondsmanager bei Carmignac.

Die niedrigen Zinsen kurbeln die Binnenkonjunktur an, der schwache Euro hilft der Exportwirtschaft - es gibt also gute Gründe für die aktuelle Dax-Stärke.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. .
Beutz 29.05.2010
Zitat von sysopEuropa bebt, aber der deutsche Leitindex hält sich wacker. Die Gründe für die Dax-Stärke sind einfach und erfreulich zugleich: Staat, Firmen und Verbraucher profitieren von der Euro-Schwäche, den niedrigen Zinsen und dem Ruf Deutschlands als sicherer Hafen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,697384,00.html
Immerhin sehr schön an der Realität des Arbeitnehmers und des Normalo vorbeigeschrieben - oder habe ich einen meiner Kontoauszüge verpennt... ? Liebe Grüße.
2. Fatalismus
unterländer 29.05.2010
Zitat von sysopEuropa bebt, aber der deutsche Leitindex hält sich wacker. Die Gründe für die Dax-Stärke sind einfach und erfreulich zugleich: Staat, Firmen und Verbraucher profitieren von der Euro-Schwäche, den niedrigen Zinsen und dem Ruf Deutschlands als sicherer Hafen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,697384,00.html
Sensationell! Deutschland profitiert immer. Deutschland profitiert angeblich, wenn der Euro stabil ist und Deutschland profitiert natürlich auch dann, wenn der Euro schwächelt. Hauptsache ist anscheinend, dass wir so lange weichgekocht werden, bis wir einsehen, dass jedes Opfer aus unseren von den Steuerzahlern gefüllten Kassen, das in die Kassen fremder Staaten fließt, gerechtferigt ist.
3. .
Wolfghar 29.05.2010
Zitat von sysopEuropa bebt, aber der deutsche Leitindex hält sich wacker. Die Gründe für die Dax-Stärke sind einfach und erfreulich zugleich: Staat, Firmen und Verbraucher profitieren von der Euro-Schwäche, den niedrigen Zinsen und dem Ruf Deutschlands als sicherer Hafen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,697384,00.html
Ja das stimmt, die Krise ist echt toll. Vor allem die Hartz4 Empfänger die demnächst in Slums leben, werden sie feiern. Aber auch der Arbeitnehmer der nur einen Tag Urlaub verliert wird dies gerne tun wenn der Leitindex dafür stabil bleibt.
4. Böse Euroschwäche ?!
marant 29.05.2010
Zitat von sysopEuropa bebt, aber der deutsche Leitindex hält sich wacker. Die Gründe für die Dax-Stärke sind einfach und erfreulich zugleich: Staat, Firmen und Verbraucher profitieren von der Euro-Schwäche, den niedrigen Zinsen und dem Ruf Deutschlands als sicherer Hafen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,697384,00.html
Deutschland war schon immer auf Exporte fixirt, und davon abhängig - brechen die Außenmärkte, so bricht die fast gesamte produzierende deutsche Wirschtaft zusammen - siehe voriges Jahr, Absatzkrise der Automobilindustrie, es war kurz und heftig, aber nun scheint es wieder zu laufen... ?
5. Wunderbar....
diaphoros 29.05.2010
....der Artikel. Und das alles durch jahrelange deutsche Lohnzurückhaltung. Wir sind nicht nur die Zahlmeister Europas, sondern seine größten Deppen dazu.
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