Schuldenkrise Wer die größten Griechen-Risiken trägt

Was passiert, wenn Griechenland pleitegeht? Experten warnen vor einer zweiten Finanzkrise - einer Kettenreaktion, die weltweit Banken kollabieren lässt. Große Risiken könnten in den USA liegen.

National Bank of Greece: Der größte private Gläubiger des Staates
AP

National Bank of Greece: Der größte private Gläubiger des Staates

Von


Hamburg - Pleite ist Pleite. Egal ob es zu einem ungeordneten Staatsbankrott kommt oder doch noch zu einer geordneten Umschuldung - in jedem Fall müssten die Gläubiger Griechenlands einen Teil ihrer Forderungen abschreiben. Doch nicht nur das: Experten fürchten, dass die Finanzwelt einen ähnlichen Schock erleiden könnte wie nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Damals hatte der Zusammenbruch eines einzelnen Instituts eine weltweite Kettenreaktion hervorgerufen. In den USA und Europa mussten Banken vom Staat gerettet werden.

Ob es im Fall einer Griechenland-Pleite ähnlich schlimm würde, kann niemand genau sagen - zu undurchsichtig sind die finanziellen Verstrickungen zwischen den Banken, und zu irrational ist das Verhalten der Akteure an den Finanzmärkten. Zwei Dinge stehen jedoch fest: Erstens liegt ein Großteil der griechischen Schulden in den Händen weniger, meist öffentlicher Gläubiger. Und zweitens führt auch im Fall Griechenland wieder eine Spur zu den amerikanischen Banken.

Wo ballen sich die Risiken der griechischen Schulden? Wer muss zahlen, wenn der Ernstfall eintritt? SPIEGEL ONLINE zeigt die größten Griechenland-Gläubiger:

Griechenlands größte Gläubiger

Griechenlands größte Gläubiger

Rang Institution/Bank Anleihen und andere Wertpapiere (in Mrd. €) Kredite (in Mrd. €)
1 Europäische Zentralbank (EZB) 49,0 -
2 EU-Kredite - 38,0
3 Öffentliche griechische Kassen 30,0 -
4 Ausländische Staatsfonds 25,0 -
5 Internationaler Währungsfond (IWF) - 15,0
6 National Bank of Greece 13,2 5,4
7 Nationalbanken der Euro-Zone 13,1 -
8 Piraeus Bank (Griechenland) 8,0 -
9 EFG Bank (Griechenland) 9,0 -
10 FMS (Bad Bank der Hypo Real Estate) 6,3 -

Quelle: Barclays Capital

Klicken Sie hier für die vollständige Übersicht

Griechenlands größte Gläubiger

Rang Institution/Bank Anleihen und andere Wertpapiere (in Mrd. €) Kredite (in Mrd. €)
1 Europäische Zentralbank (EZB) 49,0 -
2 EU-Kredite - 38,0
3 Öffentliche griechische Kassen 30,0 -
4 Ausländische Staatsfonds 25,0 -
5 Internationaler Währungsfond (IWF) - 15,0
6 National Bank of Greece 13,2 5,4
7 Nationalbanken der Euro-Zone 13,1 -
8 Piraeus Bank (Griechenland) 8,0 -
9 EFG Bank (Griechenland) 9,0 -
10 FMS (Bad Bank der Hypo Real Estate) 6,3 -
11 Griechische Nationalbank - 6,0
12 BNP Paribas (Frankreich) 5,0 -
13 ATE Bank (Griechenland) 4,6 -
14 AlphaBank (Griechenland) 3,7 -
15 Dexia (Belgien, Luxemburg, Frankreich) 3,5 -
16 Hellenic Postbank 3,1 -
17 Generali (Italien) 3,0 -
18 Commerzbank 2,9 -
19 Societe Generale (Frankreich) 2,9 -
20 Marfin (Griechenland) 2,3 -
21 Groupama (Frankreich) 2,0 -
22 CNP (Frankreich) 2,0 -
23 AXA (Frankreich) 1,9 -
24 Bank of Cyprus (Griechland) 1,8 -
25 Deutsche Bank / Deutsche Postbank 1,6 -
26 LBBW (Deutschland) 1,4 -
27 ING (Niederlande) 1,4 -
28 Allianz (Deutschland) 1,3 -
29 BPCE (Frankreich) 1,2 -
30 Ageas (Belgien) 1,2 -
31 RBS (Großbritannien) 1,1 -
32 DZ Bank (Deutschland) 1,0 -
33 Unicredito (Italien) 0,9 -
34 Intesa San Paolo (Italien) 0,8 -
35 HSBC (Großbritannien) 0,8 -
36 Erste Bank (Österreich) 0,7 -
37 Munich Re (Deutschland) 0,7 -
38 Rabobank (Niederlande) 0,6 -
39 Credit Agricole (Frankreich) 0,6 -
40 KBC (Belgien) 0,6 -

Quelle: Barclays Capital

Staat und Steuerzahler
Im Fall Griechenland liegt ein Großteil der insgesamt 340 Milliarden Euro Schulden in öffentlichen Händen. Laut einer Studie der britischen Bank Barclays Chart zeigen sind sechs der sieben größten Gläubiger des Landes staatliche oder multistaatliche Institutionen. Sie halten zusammen Anleihen und Kredite über 170 Milliarden Euro.

  • An erster Stelle dabei steht die Europäische Zentralbank (EZB), die geschätzt 49 Milliarden Euro griechische Staatspapiere hält.
  • Gleich danach kommen die EU-Staaten. Sie hatten im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds ( IWF) ein insgesamt 110 Milliarden Euro schweres Hilfsprogramm aufgelegt, wovon sie 80 Milliarden Euro tragen. Da das Programm über drei Jahre gestreckt ist, wurden bisher erst 38 Milliarden Euro ausgezahlt, gut acht Milliarden davon kamen aus Deutschland, von der staatlichen KFW Bankengruppe.
  • Auf den Plätzen drei bis fünf der griechischen Gläubigerliste folgen öffentliche griechische Institutionen wie Renten- und Sozialkassen, ausländische Staatsfonds und der IWF, der bisher 15 Milliarden Euro aus dem gemeinsamen Hilfsprogramm mit der EU ausgezahlt hat.
  • Auch die einzelnen europäischen Zentralbanken, wie etwa die Bundesbank, halten griechische Anleihen über insgesamt rund 13 Milliarden Euro.

Griechische Banken
Wenn man davon ausgeht, dass Staaten und Zentralbanken ihre Verluste aus einer möglichen Griechenland-Pleite schon irgendwie stemmen können, liegt eine der größten Gefahren für das Weltfinanzsystem wahrscheinlich bei den griechischen Banken. Die sieben größten Institute des Landes haben dem Staat laut Barclays-Schätzung fast 50 Milliarden Euro geliehen. Ganz vorne steht die größte Privatbank des Landes, die National Bank of Greece, die laut den Barclyas-Daten mit insgesamt mehr als 18 Milliarden Euro im Feuer steht.

Im Falle eines Staatsbankrotts oder einer Umschuldung müssten sehr wahrscheinlich mehrere griechische Banken gerettet werden - fragt sich nur: von wem? Da dem griechischen Staat das Geld dazu fehlt, müssten wohl die EU-Staaten einspringen. Im Hilfspaket von EU und IWF aus dem vergangenen Jahr sind für die Bankenrettung ursprünglich zehn Milliarden Euro vorgesehen. Doch das dürfte im Ernstfall nicht reichen. Die Alternative zur Rettung wäre ein Bankrott der griechischen Banken - mit unabsehbaren Folgen für das weltweite Finanzsystem.

Deutsche Banken
Die deutschen Kreditinstitute gehören zu den größten privaten Gläubigern Griechenlands. Laut Bundesbank-Statistik besaßen sie Ende März griechische Staatsanleihen im Ursprungswert von rund zehn Milliarden Euro. Hinzu kommen geschätzt sechs bis sieben Milliarden Euro, die die Abwicklungsanstalt FMS in ihren Büchern hat und für die der Bund bürgt. Die FMS ist die Bad Bank der verstaatlichten Hypo Real Estate Chart zeigen(HRE). Sie soll den Wertpapierbestand der HRE abwickeln. Für ihre Verluste muss der Steuerzahler aufkommen.

Unter den privaten deutschen Banken trägt die Commerzbank Chart zeigen das größte Risiko. Sie hielt Ende März Griechen-Anleihen in Höhe von 2,9 Milliarden Euro. Ein Verzicht auf diese Forderungen würde die ohnehin schon staatlich gestützte Bank hart treffen. Auch die Deutsche Bank Chart zeigen sowie die Versicherer Allianz Chart zeigen und Munich Re Chart zeigen halten größere Bestände an Griechenland-Anleihen.

Französische Banken
Die französischen Banken sind ebenfalls große Gläubiger des griechischen Staates. Zusammengenommen dürften sie ähnlich viele Staatsanleihen in ihren Büchern haben wie die deutschen Institute. Bei den französischen Banken kommt jedoch ein weiteres Risiko hinzu: Weil sie über ihre griechischen Tochterfirmen extrem hohe Kredite an dortige Unternehmen und Verbraucher vergeben haben, wären sie von einem Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft besonders hart betroffen. Nach einer Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beliefen sich die Forderungen französischer Institute an griechische Unternehmen und Verbraucher Ende 2010 auf fast 40 Milliarden Dollar (28 Milliarden Euro). Allein die Tochter der Großbank Crédit Agricole, Emporiki, hatte laut der Rating-Agentur Moody's Ende März Kredite über 21,1 Milliarden Euro in ihren Büchern. Die Tochter der Société Générale Chart zeigen, Geniki, kam auf 3,4 Milliarden Euro.

US-Banken
Auf den ersten Blick sind die amerikanischen Banken dieses Mal fein raus: Lediglich 1,5 Milliarden Dollar an griechischen Staatsanleihen hielten sie laut BIZ-Statistik Ende 2010 - und zwar zusammengenommen. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn ein paar Zeilen weiter zeigt dieselbe Statistik, dass sich in den USA auch dieses Mal wieder ein Risiko ballen könnte: 34 Milliarden Dollar "andere potentielle Engagements" amerikanischer Banken in Griechenland sind dort aufgelistet, der mit weitem Abstand höchste Wert aller Staaten. Dahinter dürften sich zum großen Teil Credit Default Swaps (CDS) verstecken. Diese von Investorenlegende Warren Buffet einst als "finanzielle Massenvernichtungswaffen" bezeichneten Papiere sind Kreditversicherungen, mit denen Großbanken sich zum Beispiel gegen den Ausfall von Staatsanleihen oder direkten Darlehen absichern. Die Bank, die den CDS ausgegeben hat, ersetzt der Bank, die den CDS gekauft hat, den Schaden, den diese wegen des Ausfalls eines Schuldners erlitten hat.

Der weltweite CDS-Markt ist fest in der Hand von etwa 15 Großbanken, die meisten davon kommen aus den USA. Große Namen in dem Geschäft sind Goldman Sachs Chart zeigen, Morgan Stanley Chart zeigen oder die Citigroup Chart zeigen, aber auch die Deutsche Bank Chart zeigenoder die französische BNP Paribas Chart zeigen. CDS-Papiere gelten deshalb als so gefährlich, weil der Handel mit ihnen völlig undurchsichtig ist und sie im Ernstfall Kettenreaktionen auslösen können. Ein konkretes, aber frei erfundenes Beispiel: Weil Griechenland seine Schulden nicht mehr vollständig zurückzahlen kann, geht auch der größte private Gläubiger pleite, die National Bank of Greece. Deutsche Banken halten Anleihen der National Bank of Greece in ihren Büchern, haben sich gegen deren Ausfall aber bei der US-Investmentbank Goldman Sachs über CDS versichert. Den Schaden muss nun also Goldman Sachs tragen - es sei denn, die Bank hat sich selbst wiederum über CDS gegen diesen Fall versichert, zum Beispiel bei der Deutschen Bank.

Im Voraus ist bei einem solchen Schwarze-Peter-Spiel nicht abzusehen, wo der Schaden am Ende landen wird. Und das Ganze geht nur dann gut, wenn das letzte Glied in der Kette auch zahlen kann.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 136 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ignazwrobel 26.06.2011
1. Griechensoli
Zitat von sysopWas passiert, wenn Griechenland pleitegeht?*Experten warnen vor einer zweiten Finanzkrise - einer Kettenreaktion, die weltweit Banken kollabieren lässt.*Große Risiken könnten*in den USA liegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770392,00.html
Führt den Griechensoli oden Eurosoli ein. Deutschland bezahlt alles.
badsch 26.06.2011
2. 49 Milliarden in der EZB
Zitat von sysopWas passiert, wenn Griechenland pleitegeht?*Experten warnen vor einer zweiten Finanzkrise - einer Kettenreaktion, die weltweit Banken kollabieren lässt.*Große Risiken könnten*in den USA liegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770392,00.html
$9 Milliarden griech. Staatsanleihen in der EZB ohne jede demokratische Legitimation. Das ist im Grunde ein unfassbarer Verstoß gegen die Statuten, die die Notenbank in einer Währungsunion eines Staatenbundes nicht machen darf. Soweit bekannt, gibt es außer den GR-Staatsanleihen auch noch faule griechische Bankpapiere, die im Gefolge der Krise ebenfalls von der EZB präsentiert werden müssten.
Hagen65 26.06.2011
3. Schrecken ohne Ende
Das größte Risiko sind die Deutschen Volksvertreter, die in ein, zwei Jahren dem Griechischen Staatsbankrott noch etliche Steuermilliarden hinterhergeworfen haben werden und schulterzuckend sagen: "wie haben es versucht".
Dr_Lecter 26.06.2011
4. Risiko
Hmm, also entweder man hilft weiterhin mit hunderten von Milliarden (auch anderen europäischen Staaten) oder man schreibt wie Ende 2008 wieder hunderte Milliarden ab. Ich meine: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Es wird Zeit für eine Entschleunigung. Zurück auf Null und neue (bessere) Spielregeln. Dann müssen die Politiker halt mal nachdenken, ob sie den Raubtierkapitalismus auch weiterhin freie Hand lassen wollen. Ein komplettes (und hoffentlich endgültiges) Zusammenbrechen des CDS-Systems wäre für Alle das Beste was passieren kann.
Firewing6 26.06.2011
5. Besser schnell abwickeln...
... bevor noch mehr Steuergelder verloren gehen. Mit dem Euro würde zwar auch die EU dran glauben müssen, aber die Steuern können wir dann (wie früher) in die Rüstung stecken. Denn ohne EU rollen bald wieder Panzer durch Europa. Eine passende Ideologie haben wir auch schon zur Hand: Wer nicht mit uns "grünt", der muss davon eben überzeugt werden. Geht doch mal gar nicht, dass die Franzosen so viele AKWs haben...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.