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Schuldenschlamassel: Warum China Anleihen von Krisenstaaten verschmäht

Aus Peking berichtet Kirsten Rulf

Europa setzt bei der Euro-Rettung große Hoffnungen in China - doch die Volksrepublik interessiert sich kaum für Staatsanleihen der Sorgenstaaten. Die Regierung in Peking hat offenbar andere Pläne: Sie will mehr Macht bei europäischen Firmen.

Sany-Chef in Berlin: Die Strategie chinesischer Investoren hat sich 2011 stark verändert Zur Großansicht
DPA

Sany-Chef in Berlin: Die Strategie chinesischer Investoren hat sich 2011 stark verändert

Die Euro-Strategen wähnten sich bis vor wenigen Tagen fast am Ziel: Um Europa zu retten, so der Plan der Staats- und Regierungschefs, sollte die finanzielle Feuerkraft des Schutzschirms EFSF vervielfacht werden - und das ohne weiteres Geld der Euro-Länder. Der Trick dahinter: Private Investoren und Staaten sollten verlockt werden, Anleihen der Euro-Länder zu kaufen. Dafür sollte ein Teil des Geldes versichert werden. Ihre größten Hoffnungen setzten die Europäer dabei in die Chinesen.

Doch damit haben sich die Regierenden der Euro-Staaten gründlich verkalkuliert. China hat offenbar kein Interesse mehr an europäischen Staatsanleihen, wie die Volksrepublik immer deutlicher zu verstehen gibt. "Was die europäische Wirtschaft braucht, ist Geld als eine Art frisches Blut", sagt der Pekinger Regierungsberater Wang Yiming von der wichtigen Entwicklungs- und Reformkommission gegenüber SPIEGEL ONLINE. Sein Komitee berät Chinas Regime maßgeblich in Wirtschaftsfragen. "Aber wir wollen dieses Geld nicht wie bei einer Bluttransfusion einfach an Europa übertragen. Wir wollen stattdessen in Zukunft hier selbst welches erzeugen, durch Investitionen."

Was das konkret heißt, das erzählen einem Regierungsberater und Wirtschaftsprofessoren in Peking mittlerweile nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, sondern ganz offen beim Cappuccino im Pekinger Botschaftsviertel: Weg von Staatsanleihen aller Art, hin zum direkten Kauf und Bau von Firmen und Infrastruktur in Europa. "Die vorsichtige Herangehensweise, Investitionen in Europa eher indirekt und unbemerkt über Partner zu tätigen, ist spätestens seit Anfang 2011 vorbei", erklärt ein Regierungsberater. Die Chinesen wollten mehr Direkt-Investment.

Katastrophaler Zeitpunkt für Paradigmenwechsel

Ein Paradigmenwechsel, der für die Euro-Retter zu einem katastrophalen Zeitpunkt kommt: In Bulgarien wird noch in diesem Jahr eine chinesische Autofabrik eröffnet, die 50.000 Autos im Jahr auf den europäischen Markt bringen soll. Ungarn hat Premiere Wen Jiabao persönlich erst im Juni 400 Millionen Euro versprochen, unter anderem für den Bau eines Flughafens als Logistikstützpunkt für die Vertriebswege chinesischer Waren in Europa. Auch eine große Chemiefabrik wollen die Chinesen in Ungarn noch in diesem Jahr bauen, und das Eisenbahnnetz wollen sie modernisieren.

Vor allem einer mischt bei solchen Investitionen kräftig mit: Der chinesische Staatsfonds China Investment Corporation, kurz CIC. Der CIC wird quasi direkt von der Pekinger Regierung gesteuert. Der Fonds tätigt langfristige Investitionen für das Regime, verwaltet die Devisenreserven Chinas. Er ist milliardenschwer.

Einen möglichst großen Teil dieser Milliarden wollten eigentlich die Euro-Staaten haben, für ihren Rettungsschirm. Eine Investition in Millionenhöhe aus China für den EFSF wurde immer als eine sichere Sache kolportiert, und war fest eingeplant. Aber Ende November kündigte Lou Jiwei, der Chef des mächtigen Staatsfonds, erstmals in einer westlichen Zeitung an, man wolle gerne auch in Großbritannien helfen, die Infrastruktur auszubauen. "Die Infrastruktur in Europa und den USA benötigt dringend Investitionen", sagte er der "Financial Times". Chinesische Unternehmen müssten "in solche Projekte auch investieren, sie entwickeln und betreiben".

Ausländische Staatsanleihen seien auch im Hinblick auf den zu erwartenden Gewinn nicht mehr besonders attraktiv, formulierte es Anfang November ein anderer CIC-Manager. In chinesischen Medien konnte man solche Äußerungen sogar schon viel früher lesen.

Unangenehme Pleite

Dass China kaum Interesse am EFSF zeigt, ist für die Euro-Strategen eine äußerst unangenehme Pleite. Dazu noch eine, die vermeidbar gewesen wäre. Es hätte nur mal jemand Gunnar Koerdt fragen müssen. Der Bürgermeister von Bedburg bei Köln hätte den Euro-Rettern schon früher sagen können, warum die Chinesen die Euro-Retter auf ihren Staatsanleihen sitzen lassen.

Denn nur ein paar hundert Meter von Koerdts Büro entfernt, im Bedburger Industriegebiet, kann man sich die Zukunftspläne, die die Chinesen in Deutschland verfolgen, schon anschauen: Hier hat der chinesische Baumaschinenhersteller Sany in den vergangenen zwei Jahren ein riesiges Werk hochgezogen. "Das größte europäische Direkt-Investment, das die Chinesen bisher je getätigt haben", sagt Koerdt. Seiner 25.000-Einwohner Stadt soll es 600 Arbeitsplätze bringen - und wahrscheinlich einige Millionen Euro für den kommunalen Haushalt.

Den chinesischen Investoren hat es einen direkten Zugang zum europäischen Markt und deutsches Know-How gebracht. "Eine echte Erfolgsgeschichte!", sagt Koerdt. Eine, die den Euro-Rettern eine Warnung hätte sein können: "Die Chinesen von Sany wollten unbedingt in einen großen eigenen Produktionsstandort investieren", berichtet Gunnar Koerdt. "Die haben gesagt: Wir wollen was Eigenes, wir bauen hier was auf! Die hatten ein absolut drängendes Interesse, selbst hier einen Markstandort zu haben."

Wie stark auch der Staatsfond CIC und damit indirekt die chinesische Regierung an der Investition in Bedburg beteiligt sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Ein Analyst an der Hongkonger Börse, wo Sany gelistet ist, schätzt die Beteiligung über Umwege auf bis zu fünf Prozent, andere behaupten gar, es seien bis zu zehn Prozent. Es könnten auch viel weniger sein. In jedem Fall aber plant Sany in Deutschland weitere große Investitionen: "Die Firma hat jetzt schon angekündigt, dass sie im kommenden Jahr den Produktionsstandort hier ausbauen wollen", berichtet Bürgermeister Gunnar Koerdt.

China könnte doppelt gewinnen

Natürlich hat China auch wegen solcher Investitionen weiterhin Interesse an einem stabilen Euro. Aber statt in den Rettungsschirm zu investieren, schlägt Peking vor, über ein größeres Engagement im Internationalen Währungsfonds (IWF) Staaten wie Griechenland unter die Arme zu greifen. Damit würde die Volksrepublik gleich doppelt gewinnen: Denn das würde die Rolle Chinas im IWF stärken.

Und das wiederum könnte das Land vielleicht schon früher ein Stück näher an ein weiteres Ziel bringen: die schnellere Anerkennung als "Marktwirtschaft" in der Welthandelsorganisation. Mit diesem Status fallen Handelsschranken, chinesische Ware kann noch einfacher auf dem Weltmarkt gehandelt werden, zu geringen chinesischen Preisen.

Fast könnte man also sagen: Je länger die Euro-Krise dauert, desto besser für China. International gewinnt es an politischem Einfluss und durch die langfristigen Investitionen des Staatsfonds an Einfluss auf den europäischen Märkten. Dass Peking unter diesen Voraussetzungen erst mal wenig Interesse daran hat, für die Hebelung des Euro-Rettungsschirms herzuhalten, hätte den Brüsseler Planern also viel früher klar sein können: Ein deutliches erstes Anzeichen dafür steht ja in Beton gegossen nur rund 200 Kilometer von Brüssel entfernt: die neue Deutschlandzentrale der Firma Sany, gleich um die Ecke von Gunnar Koerdts Bürgermeisterbüro in Bedburg.

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1.
peter234 07.12.2011
Zitat von sysopEuropa*setzt bei der Euro-Rettung große Hoffnungen in China - doch die Volksrepublik interessiert sich kaum für Staatsanleihen der Sorgenstaaten. Die Regierung in Peking hat*offenbar andere Pläne: Sie will mehr Macht bei*europäischen Firmen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,800708,00.html
Es ist halt nicht jeder doof genug Griechenland Geld zu schenken.
2. Die haben
flower power 07.12.2011
Zitat von sysopEuropa*setzt bei der Euro-Rettung große Hoffnungen in China - doch die Volksrepublik interessiert sich kaum für Staatsanleihen der Sorgenstaaten. Die Regierung in Peking hat*offenbar andere Pläne: Sie will mehr Macht bei*europäischen Firmen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,800708,00.html
halt Klasse von uns gelernt. Bravo China - ihr macht das richtig.
3. So ist's richtig!
mcmercy 07.12.2011
Ja die Chinesen machens richtig, während europäische Regierungen sich nur an Pleitefirmen beteiligen HRE, Commerzbank investieren die Chinesen in Zukunftstechnologien und in rentable Unternehmen, dabei nehmen Sie dann gleich noch satte Wirtschaftsförderung in Anspruch, die natürlich vom Steuerzahler kommt. Das Motto der KP: "Heute gehört uns China, morgen die ganze Welt" und das ganze ohne einen einzigen Schuß abgefeuert zu haben. Die Kommunisten haben halt verstanden wie Kapitalismus funktioniert :-)
4. Was denn?
guebert100 07.12.2011
Wurde nicht von vielen Forenten hier und anderswo schon der Untergang des Abendlandes ausgerufen und die gelbe Gefahr beschworen, weil die Chinesen Europa kaufen würden? Und nun? Die Chinesen lassen die Finger von den Statsanleihen und alles ist wieder gut.
5. Warum
spon-1317319864453 07.12.2011
Zitat von flower powerhalt Klasse von uns gelernt. Bravo China - ihr macht das richtig.
Warum den eitlen Banken Geld hinterherwerfen. Den Umweg kann man sich, wie man sieht, ersparen. Warum sollen die Banker als Made im Speck verdienen. Richtig so !
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