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Schwarz-gelber Steuerschwenk: Verbraucher zahlen Öko-Zeche der Konzerne

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Union und FDP schnüren ihr Sparpaket auf: Die Industrie wird bei der Ökosteuer deutlich entlastet, draufzahlen müssen vor allem die Verbraucher. SPIEGEL ONLINE zeigt Gewinner und Verlierer des Energie-Deals.

Stahlwerk in Duisburg: Regierung schont die Stromfresser-Industrien Zur Großansicht
dpa

Stahlwerk in Duisburg: Regierung schont die Stromfresser-Industrien

Hamburg - Die Trimet Aluminium AG könnte eigentlich glücklich sein. Denn ihr Fortbestand wurde dieses Wochenende vorerst gesichert. Eigentlich wollte die Regierung diverse Steuerprivilegien für Deutschlands größten Aluminiumproduzenten zusammenstreichen - ebenso wie die Vorteile anderer deutscher Firmen mit exorbitant hohem Energieverbrauch. Hätte die Regierung ihren ursprünglichen Plan verfolgt, wären die Gewinne der Trimet Aluminium AG massiv eingebrochen.

Bei voller Auslastung verbraucht das Unternehmen 4,6 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr - das ist rein rechnerisch so viel Elektrizität wie 1,3 Millionen Dreipersonenhaushalte benötigen. Theoretisch müsste das Unternehmen auf jede verbrauchte Kilowattstunde Ökosteuer zahlen. Doch der Staat gewährt energieintensiven Firmen großzügige Vergünstigungen. Jedes Jahr subventioniert die Regierung so den gewaltigen Stromverbrauch der Konzerne mit Milliarden.

Seit Sonntag ist klar: Das wird auch in Zukunft so sein. Die Stromfresser-Industrien bleiben von der Ökosteuer weitgehend ausgenommen. Ursprünglich wollte die Regierung die Privilegien deutlich zusammenstreichen - dies hatte Schwarz-Gelb im Sparpaket so beschlossen. Doch jetzt wollen Union und FDP die Vergünstigungen zum Großteil erhalten, immer stärker hat die Koalition ihre Ökosteuer-Pläne in den vergangenen Wochen zusammengestrichen - siehe Kasten:

Ökosteuer: Privilegien der Unternehmen
Bestimmte Prozesse in der Produktion, wie die Herstellung gewisser Baustoffe oder die Verarbeitung von Metallen, sind besonders energieintensiv. Unternehmen, die auf solche Prozesse angewiesen sind, genießen ein weit reichendes Privileg: Die Prozesse sind komplett von der Ökosteuer befreit.

Gewinner: Entsprechende Ausnahmen gibt es in der Glas-, Keramik-, Zement-, Kalk-, Baustoff-, Düngemittel- und Metallverarbeitenden Industrie.

Abschwächungen: Diesen Bereich lässt die Regierung gänzlich unangetastet. Auch in früheren Entwürfen der Ökosteuerreform wurde dieser Bereich nie diskutiert.
Unternehmen genießen weitere Privilegien, sobald sie pro Jahr mehr als 25 Megawattstunden Strom verbrauchen - was ungefähr das Sechsfache der Elektrizität ist, die ein durchschnittlicher Dreipersonenhaushalt pro Jahr verkauft. Bislang sparten sie 40 Prozent der Regelsteuersätze sein; laut aktuellem Koalitionsbeschluss sollen es künftig noch 25 Prozent sein.

Wer profitiert? Von dieser Regelung profitieren rund 120.000 Unternehmen, die meisten stammen aus dem produzierenden Gewerbe, Land- und Forstwirtschaft, Teichwirtschaft und Behindertenwerkstätten.

Abschwächungen: In früheren Entwürfen wollte die Regierung die Vergünstigungen auf 20 Prozent der Regelsteuersätze beschränken.
Wer trotz Steuerbefreiungen und Steuervergünstigungen noch immer viel Geld für Energie ausgibt, erhält noch eine dritte Steuererleichterung. Diese ist abhängig von der Rentenversicherung, die die Ökosteuer zum Teil subventioniert. Nach Angaben des Bundestags würde der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung ohne Ökosteuer rund 1,7 Prozentpunkte höher liegen.

Die niedrigeren Rentenbeiträge sparen alle Betriebe bei ihren Personalkosten ein - auch Unternehmen mit einem besonders hohen Energieverbrauch. Übersteigen die zusätzlichen Energiekosten der Ökosteuer nun aber deutlich die eingesparten Rentenbeiträge, sparen sich die Unternehmen obendrein einen Großteil der Steuer.

Wer profitiert? Bislang müssen die Ökosteuerkosten die eingesparten Rentenbeiträge um mindestens 500 Euro übersteigen - über diesem Sockelbetrag wird den Unternehmen die Ökosteuer um 95 Prozent erlassen. Künftig steigt der Sockelbetrag auf 1000 Euro, und die Steuervergünstigung wird auf 90 Prozent gesenkt.

Abschwächungen: Der Sockelbetrag wurde im Laufe der Diskussion radikal zusammengestrichen. Anfangs beabsichtigte die Regierung, ihn auf 20.000 Euro zu erhöhen, der Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums sah immerhin noch eine Anhebung auf 5000 Euro vor, bis zum Wochenende war von 2500 Euro die Rede. Die Vergünstigung sollte ursprünglich auf 73 Prozent gesenkt werden.
Dass die Vergünstigungen bei der Ökosteuer weitgehend bestehen bleiben, offenbart ein tiefes, strukturpolitisches Problem der Bundesrepublik: Es stellt sich die Frage, inwieweit energieintensive Branchen in Deutschland überhaupt überlebensfähig sind.

Die Trimet Aluminium AG etwa erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 28 Millionen Euro. Auch in den Jahren vor der Krise lag ihr Überschuss maximal bei 40 Millionen Euro. Der Verband der Industrie- und Kraftwirtschaft (VIK), die zentrale Interessenvertretung von energieintensiven Unternehmen aller Branchen, hat ausgerechnet, dass ein Unternehmen mit einem jährlichen Strombedarf von einer Milliarde Kilowattstunden durch die aktuellen Ökosteuer-Pläne der Regierung ab kommenden Jahr fast eine Million Euro draufzahlen würde:

Was die Steuerreform die Unternehmen kostet
Strombedarf pro Jahr Ökosteuer derzeit Ökosteuer ab 2011
10 Mio. Kilowattstunden 6600 Euro 16.000 Euro
100 Mio. Kilowattstunden 62.000 Euro 155.000 Euro
1 Mrd. Kilowattstunden pro Jahr 615.000 Euro 1.538.000 Euro
Quelle: Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft
Für die Trimet Aluminium AG, die in einem Durchschnittsjahr rund drei Milliarden Kilowattstunden verbraucht, fielen zusätzliche Kosten von drei Millionen Euro an. Und das jetzt, da die Regierung die Privilegien nur sehr vorsichtig abgeschafft hat. Der VIK schätzt, dass der aktuelle Regierungsplan die Energiekosten für Unternehmen mit großem Verbrauch im Schnitt um das Zweieinhalbfache steigert. Nach dem ursprünglichen Konzept von Schwarz-Gelb hätten sich die Ausgaben der Unternehmen um den Faktor zehn erhöht. Die Trimet Aluminium AG hätte dann Zusatzkosten von zwölf Millionen Euro stemmen müssen - das hätte mehr als ein Drittel ihres Gewinns aus dem vergangenen Jahr aufgefressen.

"Deutlicher Optimierungsbedarf"

Die Frage ist: Was wäre passiert, wenn die Regierung härter durchgegriffen hätte? Hätte sie den Industriestandort Deutschland zerstört? Oder doch nur die Unternehmen zu mehr Energieeffizienz gezwungen?

Der VIK beteuert, viele Unternehmen hätten ihre Produktionsprozesse längst angepasst, viel mehr Energie ließe sich nicht mehr einsparen.

Unabhängige Experten sehen das anders: "Es gibt in zahlreichen Branchen noch deutlichen Optimierungsbedarf", sagt etwa Helmut Groscurth, Geschäftsführer des unabhängigen arrhenius Instituts für Energie- und Klimapolitik, das bisweilen Analysen für die Regierung anfertigt. "Besonders mittelständische Unternehmen könnten ihren Stromverbrauch durch den Einsatz von Energieeffizienzsystemen senken."

Tatsächlich sollte die Ökosteuer genau das bewirken, als die rot-grüne Regierung sie einführte. Unternehmen, die viel Energie verbrauchen, sollten dazu gezwungen werden, ihre Produktionsprozesse so effektiv wie möglich zu gestalten, um Kosten zu sparen.

Mit den Aufschlägen, die Unternehmen auf Strom- und Heizkosten zahlen müssen, wird zudem die gesetzliche Rentenversicherung subventioniert. Deren Beitragssatz würde ohne die Ökosteuer rund 1,7 Prozent höher liegen, rechnete der Bundestag aus. Die Energiekosten stiegen also, und die Lohnkosten fielen. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsrepublik sollte dadurch beschleunigt werden.

Nur wenige Subventionen für energieintensive Unternehmen werden abgebaut

Klimaschützern zufolge konnte die Steuer nie besonders viel Wirkung entfalten - die Privilegien, die Stromfresser-Industrien erhielten, waren offenbar zu groß, um die Energieeffizienz flächendeckend zu steigern. Sollten hingegen die Angaben aus der Industrie stimmen und Unternehmen wie die Trimet Aluminium AG ihre Effizienz tatsächlich nicht mehr sehr viel steigern können, würde das nichts anderes bedeuten, als dass ganze Industriezweige ohne die zahlreichen Privilegien, die ihnen die Regierung gewährt, kaum überlebensfähig sind.

So oder so: Die Rechnung übernimmt letztlich der Steuerzahler. Laut Subventionsbericht der Bundesregierung haben die Sonderregelungen zur Ökosteuer gegenwärtig ein Gesamtvolumen von gut 5,3 Milliarden Euro. Ursprünglich wollte die Regierung das Ausgabenloch im kommenden Jahr um rund eine Milliarde Euro verkleinern. Jetzt ist nur noch von 500 Millionen Euro Erleichterung für die Steuerzahler die Rede. "Gerade zehn Prozent der Subventionen für energieintensive Unternehmen werden abgebaut", sagt Damian Ludewig, Geschäftsführer des Forums für ökologisch-soziale Marktwirtschaft.

Ökosteuer-Vergünstigungen der Unternehmen
Privileg Ersparnis*
Steuerbefreiung 900 Millionen Euro
Steuervergünstigungen 2420 Millionen Euro
Steuerschmerzgrenze 1960 Millionen Euro
Gesamt 5280 Millionen Euro
*Gesamteinsparungen für Strom und Wärme (80 Prozent der Einsparungen kommen aus dem Stromsektor); Quelle: Subventionsbericht 2010 der Bundesregierung
Die Milliarden, mit denen der Staat die hohen Energiekosten der Unternehmen subventioniert, fehlen der Regierung an anderer Stelle. Da das Geld aber laut Sparpaketsbeschluss irgendwo herkommen muss, holt es sich Schwarz-Gelb künftig einfach woanders: bei den Rauchern.

Mit anderen Worten: Damit die Unternehmen bei der Ökosteuer sparen können, müssen die Bürger beim Zigarettenkauf draufzahlen. Laut aktuellem Rechenmodell des Finanzministeriums steigt die Tabaksteuer bis 2015 jedes Jahr um 7,3 Cent. Die Zigarettenindustrie dürfte ihrerseits die Gunst der Stunde nutzen - und aufrunden. Der Preis für eine Schachtel mit 19 Zigaretten dürfte jährlich um rund 10 Cent pro Jahr steigen, kündigte ein Sprecher des Verbands deutscher Rauchtabakindustrie bereits an. "Beim Drehtabak sind jährliche Preisanhebungen von gut 20 Cent für eine 40-Gramm-Packung vorgesehen, also eine Anhebung um insgesamt einen Euro."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 167 Beiträge
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1. ooo
MarkH, 25.10.2010
Zitat von sysopUnion und FDP schnüren ihr Sparpaket auf: Die Industrie wird bei der Ökosteuer deutlich entlastet, draufzahlen müssen vor allem die Verbraucher. SPIEGEL ONLINE zeigt Gewinner und Verlierer des Energie-Deals. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,725100,00.html
Die SPON-Leser wussten das schon vor einigen Monaten ;o)))
2. aw
kdshp 25.10.2010
Zitat von sysopUnion und FDP schnüren ihr Sparpaket auf: Die Industrie wird bei der Ökosteuer deutlich entlastet, draufzahlen müssen vor allem die Verbraucher. SPIEGEL ONLINE zeigt Gewinner und Verlierer des Energie-Deals. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,725100,00.html
Hallo, sorry aber über diese "Gurkentruppe" kann man nur noch lachen. Ja ne ist klar mit uns wird alles besser, der bürger darf nicht mehr belastet werden und mit uns gibt es keien steuererhöhung UND jetzt kommt ein ding nach dem anderen. OK bei einem haben sie wort gehalten DIE LOBBY bekommt das volle PLUS packet.
3. Guts o!
gunman, 25.10.2010
Zitat von sysopUnion und FDP schnüren ihr Sparpaket auf: Die Industrie wird bei der Ökosteuer deutlich entlastet, draufzahlen müssen vor allem die Verbraucher. SPIEGEL ONLINE zeigt Gewinner und Verlierer des Energie-Deals. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,725100,00.html
Gut so! Der verblödetete Verbraucher, der vor jedem Tankstellenbesuch gerne äußert, wie viel mehr er gerne für die Umwelt zahlen möchte, wenn man ihn nur zur passenden Zeit und Ort befragt, soll ordentlich eins in die Fresse bekommen, um vielleicht endlich zu merken, wie er innerhalb seines kurzen Daseins verarscht wird.
4. na klar ...
abromeit, 25.10.2010
... so oder so. Denn ansonsten würde es als Kostenfaktor in die Kalkulationen einfließen. Es ist immer der Verbraucher, der zahlt. Wer sonst?
5. ...
Aquifex 25.10.2010
Vielleicht raffen die grünen Gutmenschen jetzt langsam mal, daß der Öko-Steuer-Unsinn spätestens am Energie-Erhaltungssatz scheitert. Die Entscheidung heißt nicht "Energie-Effizienz - ja oder nein", sondern "Industrie - ja oder nein". Bestimmte Produktionen kosten Energie. Dagegen macht auch die Ökostsuer nichts. Entweder wir verzichten auf einen großen Teil unseres Wohlstandes (medizinische Versorgung, Mobilität, Kommunikation) indem wir grün die Industrie abstellen, oder man packt das Problem mal da an, wo es ist: Es GIBT bisher keine Alternativen zum fossilen oder Atom-STrom. Also Geld her für entsprechende Forschung und kein Geschrei, wenn man mal eine Mrd Euro für einen Teilchenbeschleuniger braucht (und ja, der verbaucht auch Strom). Keine Reigerung mußte die Pferdekutsche besteuern, als die ersten Autos erfunden wurden. Wenn es eine Alternative gibt, wird die sich auch druchsetzen. Die Lenkung des Verbrauchs über den Preis funktioniert vielleicht bei Alcopops in der Partygesellschaft, aber nicht bei der Energie.
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Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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