Franken-Freigabe Schweizer Arbeitgeber wollen Löhne senken

Die Schweizer Wirtschaft steht nach der überraschenden Franken-Freigabe unter Schock - hat jedoch schon eine Idee, um die Währungsstärke auszugleichen: mit niedrigeren Löhnen und längeren Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter.

Bahnhofstraße in Zürich (Archivbild): Mehr Spielraum bei den Löhnen?
REUTERS

Bahnhofstraße in Zürich (Archivbild): Mehr Spielraum bei den Löhnen?


Hamburg - Mehr arbeiten und weniger verdienen: Nach der Freigabe des Franken durch die Nationalbank in Bern sollen nach dem Willen der Schweizer Unternehmen die Löhne gesenkt und die Arbeitszeiten erhöht werden. Das fordert Roland Müller, Direktor des schweizerischen Arbeitgeberverbandes, in der "Sonntagszeitung".

Die eidgenössische Wirtschaft fürchtet durch den starken Franken enorme Einbußen bei den Exporten. "Die Unternehmen brauchen in der jetzigen Ausnahmesituation Spielraum für Maßnahmen wie Arbeitszeitverlängerungen oder Lohnsenkungen", sagte Müller.

Die Forderungen der Unternehmen richten sich auch an den Staat. Der Bund könne die Arbeitslosenversicherung finanziell unterstützen, um Kurzarbeit zur Abfederung der Währungsstärke zu finanzieren, sagte Müller weiter. Wenn der Kurs des Euro bei etwa einem Franken bleibe, "hätten wir einen zusätzlichen relativen Kostennachteil in vielen Branchen, was den Druck auf alle Kosten weiter erhöhen würde", sagte auch Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer der Zeitung.

Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf glaubt dagegen, dass die Unternehmen die Aufhebung des Euro-Mindestkurses langfristig verkraften könnten - und lehnt Konjunkturhilfen ab.

Die Schweizer Nationalbank SNB hatte am vergangenen Donnerstag völlig überraschend die Wechselkursbindung des Franken an den Euro aufgehoben. Die Schweizer Währung sprang darauf zwischenzeitlich um etwa 30 Prozent nach oben. Es geschah also genau das, was die SNB jahrelang verhindern wollte: dass der Franken zu wertvoll wird.

Eurokurs im Verhältnis zum Schweizer Franken am vergangenen Donnerstag
SPIEGEL ONLINE

Eurokurs im Verhältnis zum Schweizer Franken am vergangenen Donnerstag

Hintergrund ist, dass die Schweiz rund 60 Prozent ihrer Ausfuhren in die Eurozone exportiert. Je stärker der Franken, desto teurer werden entsprechend Schweizer Produkte im Ausland - und desto schlechter lassen sie sich verkaufen. Der Chef des Uhrenkonzerns Swatch, Nick Hayek, hatte die Franken-Freigabe denn auch als Tsunami bezeichnet. Ebenfalls entsetzt ist die Tourismusindustrie: Urlaub in der Schweiz könne für viele unerschwinglich werden.

Auch auf die rund 270.000 Grenzgänger - also Beschäftigten in der Schweiz, die im Ausland leben - dürfte sich die Währungspolitik auswirken. Ihre Löhne sind durch die Aufhebung der Franken-Euro-Kopplung zwar schlagartig gestiegen. Mehrere Schweizer Unternehmen berichten in der "Sonntagszeitung" nun von ihren Plänen, ihre Angestellten niedriger zu entlohnen oder sie in Euro zu bezahlen - und stützen damit den Kurs des Arbeitgeberverbands. Wie die Unternehmen dies durchsetzen wollen, ist jedoch noch unklar.

Einkaufstourismus nach Baden-Württemberg

Autos mit Schweizer Kennzeichen in Weil am Rhein im Stau am 17. Januar
DPA

Autos mit Schweizer Kennzeichen in Weil am Rhein im Stau am 17. Januar

In der Grenzregion gibt es auch klare Gewinner: Etwa Schweizer, die günstig im Euro-Ausland einkaufen gehen können - und der Einzelhandel sowie die Gastronomie auf der nicht-schweizerischen Seite.

Zahlreiche Städte in Baden-Württemberg hatten sich daher bereits am Samstag auf einen Kundenansturm gefasst gemacht. Vor einem großem Shoppingcenter im südbadischen Weil am Rhein etwa bildeten sich tatsächlich lange Staus mit Schweizer Autofahrern.

Einkaufswagen und -Bon einer Schweizerin in Weil am Rhein am 17. Januar
DPA

Einkaufswagen und -Bon einer Schweizerin in Weil am Rhein am 17. Januar

Lange Schlangen gab es in der Grenzregion im Südwesten auch vor Wechselstuben. Laut einem Deutschlandfunk-Bericht haben viele Schweizer Bankfilialen keine Euro-Scheine mehr - der Run auf die Gemeinschaftswährung war nach der Franken-Entkopplung zu groß.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Franken-Freigabe im Überblick.

yes/dpa

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insgesamt 313 Beiträge
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Seite 1
bauerbob 18.01.2015
1. Es gibt kaum ein Ereignis, ....
...das nicht als Grund dienen könnte, um die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander gehen zu lassen.
LorenzSTR 18.01.2015
2. Naturgesetz
Sicher, Löhne senken, noch mehr Arbeit, soziale Grundversorgung abbauen. Kennen wir aus der ganzen Welt, ist wohl göttlich so vorgesehen. Die Herrschaft des Kapitals ist einfach herrlich.
der:thomas 18.01.2015
3. LOL - so muss das sein
In der Not ist solidarität der Beschäftigten dringend notwendig..und wenn mal ein Rekordjahr bez. der Gewinne ansteht die Dividenden ausschütten, damit die Wettbewerbsfähigkeit und die Attraktivität des Standorts bestehen bleibt. Dabei müssen natürlich auch risiken für die Zukunft bedacht werden. Um den zarten Aufschwung nicht zu gefährden, sollte man dann die Löhne senken.. Das ist doch alles nur um Arbeitsplätze zu sichern!
axcoatl 18.01.2015
4. Ja, sicher doch ... finden die bestimmt Klasse! ;-)
Jaja, so funktioniert Wirtschaft: Zuerst wird man als Arbeitnehmer gefressen, dann durchgekaut, danach im Dünn- und Dickdarm der letzte Rest herausgesaugt - und am Ende kann man Pech haben, und im Appendix landen - und wird rausgeschmissen. ;-) Die Arbeitnehmer finden das sicher Klasse, wenn sie nun die Strategie der Schweizer Zentralbank ausbaden dürfen. ;-)
MoorGraf 18.01.2015
5. jeder liest nur das, was er will...
Zitat von bauerbob...das nicht als Grund dienen könnte, um die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander gehen zu lassen.
ja klar, wenn die Löhne der armen Schweizer, die höchstens beim Doppelten der Deutschen liegen, gekürzt werden, ist das natürlich ein Beitrag, um die Schere noch weiter auseinandergehen zu lassen, oder? Umgekehrt fand ich, dass die Schweizer mit ihrem unbegrenzten Gelddrucken (die haben das "Aufkaufen von Devisen zur Stützung des Franken" genannt) sich ziemlich unfaire Wettbewerbsvorteile gesichert haben, aber wahrscheinlich sehe ich die Welt genauso einseitig, wie jeder andere eben nur das sieht, was er schon immer gesehen hat...
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