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Einwanderungs-Begrenzung: Schweizer schockieren ihre Wirtschaftsbosse

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Grenze zur Schweiz: "Die Unsicherheit der Unternehmen ist groß"

Meist folgen die Schweizer den Empfehlungen ihrer Wirtschaftsverbände - diesmal nicht. Entsprechend schockiert sind die Unternehmer über den Erfolg der Anti-Zuwanderungs-Initiative. Auf der deutschen Seite der Grenze freut man sich über mögliche Rückkehrer.

Hamburg - Rund 80.000 Menschen wandern jedes Jahr in die Schweiz ein. Sie belegen nicht nur Wohnungen und tragen zur Verstopfung der Straßen bei, sie arbeiten auch. Entsprechend groß sind die Sorgen der Schweizer Wirtschaft nach dem Votum für härtere Zuwanderungsregeln. "Die Unsicherheit für die Unternehmen ist groß", sagte der Direktor der Handelskammer Deutschland Schweiz, Ralf Bopp. Und Unsicherheit sei für die Wirtschaft noch schlimmer als schlechte Nachrichten.

Vor allem exportorientierte Branchen wie der Maschinenbau oder die Elektro- und die Metallindustrie befürchten jetzt Nachteile im Handel mit der EU. Der Präsident des Schweizer Arbeitgeberverbands, Valentin Vogt, hofft zwar darauf, "dass man sich irgendwie einigen wird", sicher ist das aber nicht. Auch der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar fürchtet die Reaktion aus Brüssel: "Wenn die EU-Kommission die "bilateralen" Verträge kündigt, dann hat das für die Wirtschaft ernste Folgen."

An vielen Orten in der Schweiz ist man noch fassungslos über das Abstimmungsergebnis, schließlich folgen die Schweizer normalerweise ihren Wirtschaftsverbänden in der Frage, wie viele Einwanderer das Land braucht, um den Wohlstand zu sichern. "Ein Grund für das Votum könnte auch die gefühlte Demütigung der Schweizer Banken durch die USA gewesen sein", vermutet Straubhaar. Viele Konservative in der Schweiz könnten das Gefühl gehabt haben, mit der Abstimmung Schweizer Werte zu verteidigen.

"Für Bewerber mit Spezialwissen gibt es keine Gefahr"

Wie auch immer die Begründung lautet: Die Unternehmen sind perplex. "Man ist davon ausgegangen, dass das Votum nicht durchkommt. Es ist schlicht unlogisch", sagt der Deutsche Helwig Schäfer. Er arbeitete 14 Jahre in der Schweiz für ein weltweit tätiges mittelständisches Unternehmen, zum Schluss als Vize-Direktor - seit sechs Jahren berät er die Firma von Deutschland aus. Er sieht auch nach der Volksabstimmung keine Probleme: "Für Bewerber mit Spezialwissen gibt es keine Gefahr", sagt Schäfer. Die Wirtschaft brauche diese gut ausgebildeten Ärzte, Wissenschaftler, Führungskräfte. "Das Problem liegt eher im Niedriglohnsektor", sagt Schäfer.

Eine Neuregelung der Zuwanderung könnte Schweizer Unternehmen aber vor einige Probleme stellen. Kommt das Kontingentsystem, das die Zahl der Stellen begrenzt, die jedes Jahr mit ausländischen Bewerbern besetzt werden dürfen, wäre das laut Bopp ein bürokratischer Alptraum: "Der Verwaltungsaufwand wird deutlich ansteigen, wenn die Unternehmen erst nachweisen müssen, dass kein Inländer für eine Stelle gefunden werden kann." Selbst wenn das gelingt, kommt die zweite Hürde: Die Menge der Zuwanderer wäre begrenzt.

Zu Jahresbeginn könnten Unternehmen - nach einer sogenannten Inländerprüfung - noch relativ problemlos Ausländer einstellen. Wenn das Kontingent voll ist, wäre das nicht mehr möglich. Dem Ökonomen Straubhaar zufolge dürfte das vor allem internationale Führungskräfte treffen: "Die sind sehr mobil und werden es sich nicht bieten lassen, dass sie beispielsweise ihre Familie nicht mitbringen können. Die Europazentralen internationaler Konzerne könnten also Personalprobleme bekommen." Ähnlich sieht es der Schweizer Arbeitgeberpräsident Vogt: "Unsere Sorge ist, dass ein Kontingentierungssystem vor allem Niedrigqualifizierte anzieht."

"Die Unternehmen brauchen die Leute"

Von einer Neuregelung sind vor allem auch Deutsche betroffen, die mit rund 300.000 Einwohnern einen Großteil der ausländischen Bevölkerung in der Schweiz stellen, auch wenn sich der Zuzug in den vergangenen Jahren abgeschwächt hat. Zwar beruhigt Handelskammer-Direktor Bopp: "Zurzeit muss kein Arbeitnehmer, der im Land ist, um seinen Job fürchten. Die Unternehmen brauchen die Leute." Wird die Initiative aber umgesetzt, müssten sie damit rechnen, dass ihr Arbeitsverhältnis vor einer Vertragsverlängerung von den Schweizer Behörden überprüft wird.

Das größte Problem: Auch sogenannte Grenzgänger sind von der Kontingentlösung betroffen, also Menschen, die in der Schweiz arbeiten, aber jenseits der Grenze leben. Vor allem die Region Basel mit ihren Pharmaunternehmen wäre massiv betroffen. Das Abstimmungsergebnis aus dem Kanton Tessin zeigt, dass die Schweizer gerade von den Pendlern genervt sind. Im Tessin reisen viele Menschen aus dem krisengeplagten Italien täglich zur Arbeit an - in dem Kanton stimmten mehr als 70 Prozent der Wähler für die Initiative.

Neben den hochqualifizierten Jobs sind auch Angestellte der Gesundheits- und Pflegeberufe betroffen, von denen rund 40 Prozent aus dem Ausland kommen. Die Branchenverbände hatten sich klar gegen die Volksabstimmung positioniert. Wie es dort weitergehen wird, ist noch unklar. Man wolle erst einmal prüfen, wie man reagieren kann, heißt es.

Während die Schweizer noch hoffen, dass die Abstimmung in den kommenden drei Jahren möglichst sanft umgesetzt wird, frohlockt man auf der anderen Seite der Grenze: Die Landesregierung in Baden-Württemberg freut sich schon "auf die Rückkehr vieler gut ausgebildeter Fachkräfte, vor allem auch in den Gesundheitsberufen."

Schweizer Votum zu "Masseneinwanderung"

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1. Ja,
budenspecht 10.02.2014
ökonomisch gesehn war dieses Votum schlicht Dummheit. Man hat ein wirkliches Erfolgsmodell geschaffen, einen weltweit beneideten Lebensstandard, und will das alles als "Almöhi" mit drei Ziegen. Die sollen dann auch noch den Sprit für den dicken Geländewagen geben, nebst anderem. Wohlstand macht halt wohl doch eher dumm.
2. Probe
mattotaupa 10.02.2014
Mal davon abgesehen, dass tatsächlich nur ca. 56% der Schweizer überhaupt abstimmten, hätte ich gern die langen Gesichter der Zustimmer gesehen, wären die Zuwanderer in der Schweiz in der letzten Woche einfach mal nicht zur Arbeit erschienen.
3. Ich find das richtig gut...
zwitscherpiep 10.02.2014
...dass die Schweizer kein ausländisches Geld mehr reinlassen und das, was drinnen ist, ausweisen!! Oder hab ich da was falsch verstanden?
4. Grüezi aus der Schweiz
rolandkurmann 10.02.2014
JA es ist so, die Schweiz braucht ausländische Fachkräfte und Arbeiter. Wir sind keineswegs nationalistisch oder ultrakonservativ geprägt wie im Artikel dargestellt. Wir heissen diese Fachkräfte und Arbeiter willkommen, dass dafür auch teurere Wohnungen, überfüllte Bahnen und Strassen in Kauf genommen werden ist leider unumgänglich. Aber: es ist eine Frage der Verhältnismässigkeit. Stellen Sie sich vor, über Jahre hinweg kommen jedes Jahr 1 Mio Menschen nach Deutschland um zu arbeiten und zu leben, was passiert dann bei den deutschen Bundesbürgern? Wenn Junge nach der Berufslehre keine Arbeit kriegen, wenn gut ausgebildete oder ältere Fachkräfte Ihre Arbeit verlieren und wegen eines billigeren "EU-Arbeiters" arbeitslos werden? Wenn Grenzkantone (wie der Tessin) mit tieflohn-arbeitswilligen überschwemmt werden? Übrigens: die Grüne Partei des Kanton Tessin gilt sicher nicht als konservativ - und eben diese Partei hat die Annahme der Initiative wegen der erwähnten grossen Probleme beschlossen, schliesslich hat der Tessin mit 78% zugestimmt. Wir haben einen hohen Anteil ausl. Bürger, die Arbeitslosengeld und Sozialhilfe beziehen, obschon diese nie in der Schweiz gearbeitet haben. Der Trick wird mit Scheinarbeitsverträgen - welche die CH-Behörden wegen der hohen Anzahl nicht prüfen können - gemacht. Erst wenn die Bundesrepublik auch 23.5% Ausländeranteil hat - das sind zusätzliche 12 Mio Ausländer die jetzt Deutschland aufnehmen muss - erst dann ist die Bundesrepublik auf dem gleichen Stand wir die Schweiz. EU-Brüssel meint es sei ein Privileg EU-Mitglied zu sein - wir sind der Meinung es ist ein Privileg Nicht-EU-Mitglied zu sein.
5. Ausländerfeindlichkeit der SVP
Urbayer 10.02.2014
Mich verwundert das Ergebnis der Abstimmung überhaupt nicht. Ich kenne die Schweiz eigentlich ganz gut. Was Ausländer angeht, schaue man sich den immer noch aktuellen Film "die Schweizermacher" von Emil an. Dann sollte man sich den nachfolgenden Spiegel-Artikel in Erinnerung rufen. Wer es als eine Frechheit empfindet, daß ein deutscher Fliegerarzt schweizer Soldaten untersucht... http://www.spiegel.de/politik/ausland/kampfjet-unglueck-in-schweiz-svp-nutzt-toten-fuer-auslaenderhetze-a-930647.html
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