Insekten als Lebensmittel Wie die Mehlwürmer in die Schweizer Burger kamen

Seit dieser Woche werden in der Schweiz Nahrungsmittel aus Insekten verkauft. Demnächst könnten auch in Deutschland Grillen, Heuschrecken oder Würmer auf der Speisekarte stehen. Was steckt dahinter?

Entomos

Bei den meisten Europäern ruft es Ekel hervor, doch für viele Asiaten und Afrikaner ist es völlig normal: Rund 65 Prozent der Weltbevölkerung essen Insekten. Die Schweiz hat nun als erstes europäisches Land Züchtung und Verkauf von Insekten als Lebensmittel legalisiert. Seit dieser Woche gibt es Burger und Hackbällchen mit Mehlwürmern in den Regalen einiger Supermärkte der Kette Coop.

Die Schweiz könnte Vorreiter für die EU sein, in der das Insektenessen noch in einer rechtlichen Grauzone steckt. In den meisten Ländern, darunter Deutschland, sind Insekten nicht als Lebensmittel zugelassen. Dabei gelten sie als sehr gute Proteinquellen, enthalten viele Vitamine und Mineralstoffe.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno (FAO) forscht seit 2003 zu dem Thema und kommt zu dem Schluss, dass die Züchtung von Insekten ökologischer sei als die von herkömmlichem Fleisch. Laut einer Studie könnte die weltweit benötige Farmfläche um ein Drittel reduziert werden, wenn die Hälfte des aktuell zu hohen Fleischkonsums durch Grillen und Mehlwürmer ersetzt würde. Damit wäre eine Fläche gewonnen, die 70-mal größer ist als Großbritannien.

Zudem seien der Wasser-, Futter- und CO2-Verbrauch geringer. Insofern sieht die FAO in Insekten viel Potenzial, um den Welthunger ökologisch sinnvoll zu bekämpfen. Im Jahr 2014 organisierte die FAO die Konferenz "Insects to feed the world". Ein Ergebnis: Der private Sektor ist bereit, in Insektenfarmen zu investieren. Doch zunächst müssen Insekten als Lebensmittel legalisiert und akzeptiert werden.

In der Schweiz war es effektive Lobbyarbeit, die zum Erfolg führte. Die Geschichte begann 2008 mit einem Stand auf dem Paléo Festival: Der ehemalige Grünen-Politiker Jürgen Vogel bot in der Fritteuse gebratene Insekten an.

Auf die Idee hatten ihn 18 Indianer aus dem Amazonasgebiet gebracht, die als Ehrengäste vor Ort waren. "Für sie sind die großen weißen Bandwürmer eine Delikatesse", sagt Vogel, "ich fand sie auch lecker." Aber später erfuhr er, dass der Verkauf illegal ist. Also gründete Vogel einen Verein, der sich für die Legalisierung einsetzt. Schnell unterstützte ihn eine Nationalrätin. Ein Insektenapéro als Stehparty im Bundeshaus, mit karamellisierten Grillen, habe rund die Hälfte der Räte überzeugt, erzählt Vogel. Zeitgleich begann der Bund damit, das Lebensmittelgesetz zu überarbeiten. "Das ging durch wie ein Brief bei der Post", sagt Vogel, "keiner hat sich aufgeregt."

Seit Mai sind drei Insektenarten in der Schweiz als Lebensmittel anerkannt:
Grillen, Wanderheuschrecken und Mehlwürmer.

Die Auswahl ist kein Zufall. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat sich am Marktinteresse orientiert und Bedingungen geprüft, um eine Gesundheitsgefahr auszuschließen.

Zunächst verzögerte sich der Verkauf. Denn Voraussetzung für den Import in die Schweiz ist eine offizielle Genehmigung der ausländischen Produktionsstätten. Bei inländischer Produktion müssen die Insekten zudem aus der vierten Zuchtgeneration für Lebensmittel stammen. Das ist jetzt der Fall, und inzwischen sind zwei größere Schweizer Produktionsbetriebe bewilligt: Entomos unter Geschäftsführer Urs Fanger und Essento Food, deren Mitgründer Matthias Grawehr ist. Beide arbeiteten von Anfang an eng mit Vogel zusammen. Essento importiert die Insekten aus Belgien, verarbeitet sie zu Produkten und beliefert jetzt die Supermarktkette Coop.

Sieben Filialen verkaufen die Insekten-Burger und -Bällchen für umgerechnet knapp acht Euro pro Packung. Laut Mediensprecher Ramón Gander plant Coop weitere Insekten-Produkte an mehr Standorten anzubieten. Der erste Verkaufstag am vergangenen Montag sei gut gelaufen.

Burgerpatties aus Insekten
Tina Sturzenegger/ Essento

Burgerpatties aus Insekten

Coop ist die zweitgrößte Supermarktkette in der Schweiz , 2016 lag der Nettoerlös bei mehr als zehn Milliarden Franken. "Wir sind überzeugt, dass viele Kunden an innovativen Produkten interessiert sind und Lebensmittel aus Insekten probieren und mögen werden", sagt Gander.

Einer Studie zufolge sind rund neun Prozent der Schweizer bereit, Insekten zu essen, ein weiteres Drittel der Befragten ist nicht abgeneigt. "Es ist ein Nischenmarkt mit viel Potenzial", sagt Fanger. Es sei zwar nicht zu erwarten, dass Insekten von heute auf morgen zum täglich Brot werden, aber die Nische werde weiter wachsen. Das Ziel von Grünen-Politiker Vogel ist es, auch die Schweizer Bauern als Zulieferer miteinzubeziehen.

Problem bei der Klimabilanz

Doch das Geschäft mit den Krabbel- und Kriechtieren hat für die Umwelt nicht nur Vorteile. Zwar sind laut der Umweltorganisation WWF bei vielen Insekten 80 Prozent des Tieres essbar - im Gegensatz zu rund 50 Prozent beim Rind. Allerdings fühlen sich Insekten erst richtig wohl bei einer Temperatur über 25 Grad. Sprich: Für eine positive Klimabilanz brauchen sie wärmere Regionen als in Mitteleuropa gegeben. "Wenn extra beheizt wird, ist die Klimabilanz im Eimer", sagt WWF-Experte Markus Wolter. Was im Süden der Welt sinnvoll ist, sei hier nur mit kreativen Produktionsmodellen nachhaltig: Zum Beispiel, indem Züchter die Insektenfarmen an Heizkraftwerke andocken. Der Schweizer Produzent Entomos nutzt etwa Erdwärme.

Auch die Futterbilanz müsse differenziert betrachtet werden, warnt der WWF. Insekten benötigen zwar weniger Futtermasse und produzieren qualitativ hochwertige Proteine auf kleiner Fläche. In der Schweiz wird derzeit nach gesetzlichen Vorgaben ein Gemisch aus Getreidesorten verfüttert. "Aber der eigentlich geniale Clou ist sie mit abgelaufenem Joghurt oder altem Brot zu nähren, also keine Futtermittel extra für die Insekten anzubauen", sagt Wolter. Indem sie Produkte umwandeln, die für den Menschen nicht genießbar sind, können Insekten die Produkte veredeln. Das sei jedoch bisher hygienisch schwierig. Und für Konsumenten mental schwer zu verdauen.

Das Potenzial der Marktnische haben auch erste Jungunternehmer in Deutschland erkannt. Das Start-up Swarm Protein aus Köln hat einen Insekten-Protein-Riegel entwickelt. Mit drei Geschmackrichtungen: Schoko, Nuss und Frucht. "Exotischer sollte es nicht werden, schließlich müssen sich die Menschen erst einmal an die entscheidende Zutat Hausgrille gewöhnen", sagt Timo Bäcker, Mitgründer von Swarm Protein. Gemeinsam mit Christopher Zeppenfeld reiste er 2015 durch Thailand. Sie probierten dort viele präparierte Insekten und stellten über eine Thai sprechende Freundin Kontakt zu den Grillenbauern her. Jetzt importieren sie die Grillen. Der Prototyp ihres Riegels ist fertig. 80 bis 90 Grillen stecken in einer Portion. In diesen Tagen, sagt Bäcker, erhalte man die Genehmigung von den Behörden, um den Verkauf über einen eigenen Webshop zu starten.

Grille: Zutat für den Proteinriegel
Entomos

Grille: Zutat für den Proteinriegel

Die Gesetzeslage in Deutschland ist an das EU-Recht gebunden und nicht ganz eindeutig, da Insekten nicht explizit erwähnt werden. Gesetzlich unterscheidet das EU-Recht zwischen ganzen und zerteilten Tieren. Verkauft ein Unternehmen etwa nur die Beine der Insekten, muss die zuständige nationale Behörde dies erst genehmigen. Geht es um vollständige Tiere, können die Länder selbst entscheiden, ob sie den Verkauf dulden. Belgien und die Niederlande zum Beispiel legen die Gesetze liberal aus.

Anfang 2018 tritt allerdings eine neue EU-Verordnung in Kraft, die für Klarheit sorgt: Insekten werden darin als neuartige Lebensmittel anerkannt, und jede einzelne Art muss auf Antrag bei der EU genehmigt werden. Eine fortschreitende Legalisierung ist dann möglich.

Ob Grillen und Würmer schließlich in europäischen Speiseplänen akzeptiert werden, ist eine andere Frage. "Doch auch Algen oder roher Fisch haben sich schneller durchgesetzt als erwartet und sind jetzt hip", sagt Umweltschützer Wolter.



insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thunder79 24.08.2017
1. Essen wird schließlich erlernt,
daher finde ich die Idee sehr gut, auch wenn ich wohl auch erstmal mit den ersten Bissen hadern würde....
ChristianHofmann 24.08.2017
2. Absolut kein Problem...
Insekten sind ja essbar, in vielen asiatischen Länder stehen die schon immer auf den Speisekarten. Das der Gedanke daran Insekten zu Essen Ekelt auslöst ist eine Kopfsache und wurde so von uns erlernt weil wir solche Dinge normal nicht Essen. Ich persönlich habe schon Erfahrungen mit Insekten gemacht als ich mich einige Zeit in Thailand aufgehalten habe und ich kann versichern das z.B frittierte Mehlwürmer sich nicht hinter Erdnussflips verstecken müssen ;) Ganz nebenbei ist es ökologisch Sinnvoller 100 Kg Insekten zu züchten anstatt 100 kg Fleisch.
derPelle 24.08.2017
3. Wir sollten alle ...
... auf Insekten umsteigen. Es hat ausschließlich nur Vorteile. Aber solange uns die nachfolgenden Generationen nicht kümmern und man Wurst und Fleisch kaufen kann, das billiger als Hundefutter ist, wird sich wohl in nacher Zukunft nichts ändern.
muellerthomas 24.08.2017
4.
"Rund 65 Prozent der Weltbevölkerung essen Insekten." ja, allerdings kaum als Hauptnahrungsmittel, sondern eher als Snack. Also auch in den Ländern, in denen bisher schon Insekten gegessen werden, gilt kaum, was hier als Ziel ausgegeben wird: "Laut einer Studie könnte die weltweit benötige Farmfläche um ein Drittel reduziert werden, wenn die Hälfte des aktuell zu hohen Fleischkonsums durch Grillen und Mehlwürmer ersetzt würde. "
Pfaffenwinkel 24.08.2017
5. In der Bibel steht,
dass Jesus, als er in der Wüste lebte, sich von Heuschrecken ernährte. Trotzdem: Ich mag sie nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.