Börsencrash in Schwellenländern: Griechenland-Aktien werden zum Hoffnungswert

Von Christian Kirchner

Geldwechsler in Neu-Delhi: Für eine Handvoll Rupien Zur Großansicht
REUTERS

Geldwechsler in Neu-Delhi: Für eine Handvoll Rupien

Einst waren Schwellenländer die Lieblinge der Anleger - nun macht sich an den dortigen Börsen Panik breit. Wie konnte die Stimmung so schnell drehen? Und in welchen Staaten lohnen sich jetzt noch Aktienkäufe?

Zugegeben: Mit Schwellenländer-Anlagen habe ich ein eher grundsätzliches Problem. Und das ist meine fehlende Phantasie. Die fehlt mir nämlich, um mir vorzustellen, dass die entrechteten Menschen in brasilianischen Erzminen oder in Bangladeschs Textilfabriken die Früchte ihrer Arbeit freiwillig und dauerhaft mit mir als Aktionär teilen werden - Globalisierung hin oder her. Und die Bilder, die derzeit aus Brasilien um die Welt gehen, bestätigen diesen Eindruck ebenso wie der jüngste Absturz der Schwellenländer-Börsen und -währungen.

Um 14 Prozent ging es seit Jahresbeginn abwärts, gemessen am Schwellenländer-Index MSCI Emerging Markets, während die meisten Börsen der Industrieländer noch komfortabel im Plus sind. Nun macht sogar die Angst vor Kreditklemmen und Dominoeffekten die Runde. Das ist schon schlimm genug. Regelrecht ärgerlich ist die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der viele Strategen nun erklären, viele Schwellenländer stünden am Abgrund. Es sind die gleichen Analysten, die die Schwellenländer in den Jahren zuvor als neue Wachstumsmotoren und Stabilitätsanker in den Himmel gehoben haben.

Ein Münzwurf als Timinghilfe für die Geldanlage

Aus der jüngsten Korrektur der Schwellenländer-Börsen können Privatanleger jedenfalls eine Menge lernen. Die vermutlich wichtigste Lektion ist: Das erwartete Wirtschaftswachstum war noch nie ein guter Indikator für künftige Aktienmarktrenditen. Die Studien dazu fallen auf lange Sicht eindeutig aus - die Korrelation zwischen erwartetem Wirtschaftswachstum und Aktienmarktrenditen ist nahe null, sprich: Ein Münzwurf ist eine ebenso verlässliche Hilfe für die Frage, wo man denn künftig sein Geld anlegen müsse. Das Phänomen kennen auch Dax-Anleger. zum Erkennen der Marktwendepunkte nach unten (2000, 2007) oder oben (2003, 2009) waren Konjunkturprognosen keine Hilfe.

Viel wichtiger für hohe Renditen sind positive Überraschungen beim Wirtschaftswachstum - also gerade Abweichungen von den Prognosen - sowie das Bewertungsniveau der Aktienmärkte zum Zeitpunkt des Einstiegs. Das erklärt auch, warum die langfristige Rendite der Schwellenländer-Aktien mit gut zehn Prozent plus pro Jahr in der letzten Dekade noch immer sehr gut ausfällt: Die Bewertungen der Aktien waren zu Beginn der Nullerjahre niedrig, und das Schwellenländer-Wachstum fiel weit stärker aus, als es viele Prognosen vorhergesagt hatten.

Tipps für taktisch orientierte Zocker

Nun machen viele Anleger in Schwellenländer-Aktien die umgekehrte Erfahrung: Der Wachstumsmotor vieler dieser Staaten läuft weiterhin mit vergleichsweise hoher Drehzahl, aber die PS kommen einfach nicht mehr auf die Straße in Form steigender Aktienkurse.

Der Grund ist vor allem, dass die Struktur einer Volkswirtschaft und eines Aktienmarkts sich meist stark unterscheiden. Das illustriert ein Blick auf die bekannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China: Zusammen genommen mögen die vier Volkswirtschaften gut diversifiziert sein, ihre Aktienmärkte sind es nicht. Wer etwa einen Indexfonds auf die BRIC-Staaten kauft, investiert rund 70 Prozent seines Geldes in Finanz- und Rohstoffwerte, was einer recht einseitigen Wette gleichkommt. Man setzt also nicht auf das Wachstum in den vier Ländern insgesamt, sondern im wesentlichen auf das Wachstum der dortigen Finanz- und Rohstoffbranche.

Macht all das Schwellenländer jetzt zu einer unattraktiven Anlage? "Wer investiert, wo sich alle wohl fühlen, investiert vermutlich am falschen Ort", twitterte der Templeton-Schwellenländer-Guru Mark Mobius am vergangenen Donnerstag, während die Kurse weltweit in die Tiefe rauschten. Das hatte schon einen Hauch von Verzweiflung.

Immerhin hält die empirische Kapitalmarktforschung für ganz abgebrühte Börsenzocker auch konstruktive Tipps bereit: Zwar ist das erwartete Wirtschaftswachstum kein Indikator für künftige Aktienmarktrenditen - sehr wohl aber das vergangene. Und zwar in dem Sinne, dass die wachstumsschwächsten Länder der Vergangenheit künftig die höchsten Renditen versprechen. Vermutlich, weil hier die Stimmung so am Boden ist, dass die Kurse künftig nur positiv überraschen können. Im Schnitt 25 Prozent pro Jahr sackte ein, wer in den letzten 40 Jahren stets in die Aktienmärkte der wachstumsschwächsten Länder der letzten fünf Jahre investiert hat. Das wären laut aktueller IWF-Datenbank Irland, Kroatien, Italien, Lettland und, man ahnt es, Griechenland.

Das übrigens seit einer Woche wieder offiziell Schwellenland ist.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. lediglich 5% der Bevölkerung
thewisemansfear 23.06.2013
Zitat von sysopZugegeben: Mit Schwellenländeranlagen habe ich ein eher grundsätzliches Problem. Und das ist meine fehlende Phantasie. Die fehlt mir nämlich, um mir vorzustellen, dass die entrechteten Menschen in brasilianischen Erzminen oder in Bangladeschs Textilfabriken die Früchte ihrer Arbeit freiwillig und dauerhaft mit mir als Aktionär teilen werden - Globalisierung hin oder her. Und die Bilder, die derzeit aus Brasilien um die Welt gehen, bestätigen diesen Eindruck ebenso wie der jüngste Absturz der Schwellenländerbörsen und -währungen.
in Deutschland sind überhaupt Aktionäre, aber zurück zum Text: Hätte sich ein Journalist vielleicht fragen können, warum die oben angeführten Leute die "Früchte *ihrer* Arbeit" nicht mit den Aktionären teilen wollen? Dann hätte er womöglich festgestellt, dass besagte "Früchte" nicht bei den Arbeitern ankommen, weil diese systematisch von den herrschenden Eliten eben nicht "geteilt" werden. Lasst den einfachen Arbeiter an dem Wohlstandszuwachs teilhaben, und es gibt für sie keinen Grund auf die Straße zu gehen. ---Zitat--- Nun machen viele Anleger in Schwellenländer-Aktien die umgekehrte Erfahrung: Der Wachstumsmotor vieler dieser Staaten läuft weiterhin mit vergleichsweise hoher Drehzahl, aber die PS kommen einfach nicht mehr auf die Straße in Form steigender Aktienkurse. ---Zitatende--- Interessante Logik, muss man schon sagen. Ich verweise nochmals auf das weiter oben geschriebene, das ist viel eher der Grund, wo die "PS nicht auf die Straße kommen". ---Zitat--- Regelrecht ärgerlich ist die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der viele Strategen nun erklären, viele Schwellenländer stünden am Abgrund. Es sind die gleichen Analysten, die die Schwellenländer in den Jahren zuvor als neue Wachstumsmotoren und Stabilitätsanker in den Himmel gehoben haben. ---Zitatende--- Cui bono? Hat der Autor schon einmal etwas von Herdentrieb gehört? Wer die Herde kontrolliert, kann nach belieben schalten und walten (Kurse manipulieren). Wenn die Kursentwicklung nichts mehr mit der eigentlichen wirtschaftlichen Entwicklung zu tun hat, ja, auf welcher Grundlage stehen die Aktienmärkte dann eigentlich?
2. Na und?
kumi-ori 23.06.2013
"Regelrecht ärgerlich ist die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der viele Strategen nun erklären, viele Schwellenländer stünden am Abgrund. Es sind die gleichen Analysten, die die Schwellenländer in den Jahren zuvor als neue Wachstumsmotoren und Stabilitätsanker in den Himmel gehoben haben." Ich verstehe nicht, was daran ein Widerspruch sein sollte.
3. Interessante Studie der London Business School
JonHH 23.06.2013
Eine Studie der London Business School, die 101 Jahre Börsenentwicklung zum Thema hat ("Triumph of the Optimists: 101 Years of Global Investment Returns"), kommt zu folgendem Schluss: High quality global journalism requires investment. Please share this article with others using the link below, do not cut & paste the article. See our Ts&Cs and Copyright Policy for more detail. Email ftsales.support@ft.com to buy additional rights. http://www.ft.com/cms/s/0/666df6e6-01af-11e2-8aaa-00144feabdc0.html#ixzz2X1kD1J6K “We suspect the story about economic growth is already in stock prices. You would have to have been a hermit for the past 20 years not to know the China growth story and you would expect that to be factored into stock prices.” Im Klartext: Wer heute in einen Schwellenländer-Fonds bzw -Index/-ETF investiert, bezahlt das zuletzt hohe Wirtschaftswachstum gleich mit - weil es eingepreist ist. Nur, wenn dann nochmal eine große Schippe "überraschendes Mehrwachstum" drauf gelegt wird, kann man dann noch von überdurchschnittlich hohen Renditen profitieren. Überraschendes Ergebnis: Den größten Profit machten in den letzten 101 Jahren (!) regelmäßig diejenigen, die in die Länder mit dem zuletzt SCHWÄCHSTEN Wachstum investierten. Eine mutige Strategie, die mittlerweile wissenschaftlich bewiesen ist und genau entgegen des Herdentriebs wirkt. Interessant auch ein Essay eines Investors, zu finden als PDF bei Google unter "The Asian growth story Lee". Da wird die Studie zusammengefasst, sowie Tipps zum besseren Verständnis speziell der asiatischen Schwellenländer gegeben.
4. Anal-lysten
hefe21 23.06.2013
Kann mal irgendein Journalist oder auch ein Wirtschaftsstudent ein paar dieser "Analysten" rauspicken und analysieren. Das haltlose, sich immer wiederholende Dummgeschwätz dieser volkswirtschaftlichen Parasiten ist ja schon lange Zeit ein großes Ärgernis. Ebenso das Legosatzgestammel in den Börsenberichten der öffentlich rechtlichen Inof-Radios: "der Dax kommt voran" ist einer der Höhepunkte des bodenlosen Ahnungslosgeschwurbels, ebenso die hartnäckige Behauptung, irgendwo würden Werte vernichtet oder geschaffen - wie neulich wieder in unglaublicher Einfalt auf WELT-Online. Mindestens der Hälfte dieser Leute sollte man Schaufel und Besen in die Hand drücken und sie so zu einem Berufswechsel "überreden"
5. Mumpitz....
fatherted98 23.06.2013
Zitat von thewisemansfear5% in Deutschland sind überhaupt Aktionäre,
..die 5% beziehen sich hoechstens auf direkten Aktienbesitz. Ueber Riesterprodukte, Aktienfonds, Sparplaene und viele windige und nicht windige Produkte der Banken und Versicherungen hat fast jeder, der eine Kapitallebensversicherung oder eine Geldanlage sein eigen nennt, Aktien. Noch dazu haben diese Leute ueberhaupt keinen Einfluss darauf welche Aktien mit Ihrem Geld gekauft werden... Bitte nicht so einen Quatsch erzaehlen, nur weil man auf Investoren bashen will.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Anlegemanöver
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 35 Kommentare
  • Zur Startseite
Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

16:14 Uhr Kurs absolut in %
DAX 9.409,71 +91,89 0,99
MDax 16.142,90 +171,91 1,08
TecDax 1.199,12 +11,61 0,98
E-Stoxx 3.155,81 +16,55 0,53
Dow 16.408,54 -16,31 -0,10
Nasdaq 100 3.534,53 +1,45 0,04
Nikkei (late) 14.526,30 -6,50 -0,04
€ in $ 1,3815 +0,0000 0,00
€ in £ 0,8224 +0,0000 0,00
€ in sfr 1,2202 +0,0000 0,00
Öl ($) (late) 110,03 +0,01 0,00
Gold ($) (late) 1.299,00 -2,50 -0,19
So steht der Dax gerade