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Selbstmorde chinesischer Arbeiter: Ausweg Freitod

Von , Hongkong

Die Selbstmordserie beim iPhone-Hersteller Foxconn sorgt für Entsetzen. Doch auch in anderen chinesischen Firmen wählen Arbeiter den Freitod - Experten zufolge leben sie isoliert und leiden unter unerträglichem Leistungsdruck. Die Regierung versucht, das Problem herunterzuspielen.

Fabrik in China: "Foxconn ist sicher nicht der schlimmste Ort" Zur Großansicht
REUTERS

Fabrik in China: "Foxconn ist sicher nicht der schlimmste Ort"

Am 16. Mai nahm Herr Liang eine tödliche Dosis Gift. Kurz zuvor hatte er einen Arbeitsunfall, doch die Firma verweigerte ihm einen finanziellen Ausgleich.

Mitte April sprang Zhu Susu aus dem vierten Stock eines Fabrikgebäudes in den Tod. Kurz zuvor hatte sie mit ihren Eltern telefoniert und gesagt, dass sie erschöpft sei; dass sie Tag für Tag bis spät in die Nacht Überstunden schieben müsse.

Am 15. April sprang ein Mann namens Cao von einem Gebäudedach in den Tod. Kurz zuvor hatte sein Arbeitsgeber gedroht, ihn zu entlassen; Cao stand im Verdacht, gestohlen zu haben.

Geschichten von Selbstmorden chinesischer Arbeiter kursieren derzeit weltweit. Grund ist eine Suizid-Serie beim Auftragsfertiger Foxconn. Seit Jahresanfang haben sich elf Mitarbeiter auf dem Werksgelände in den Tod gestürzt, drei weitere unternahmen Selbstmordversuche, konnten aber gerettet werden. Der Konzern stellt unter anderem Apples iPhone und Sonys Playstation her - entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit.

Doch Foxconn ist nicht das einzige Unternehmen, in dem Angestellte unerträglich harte Arbeitsbedingungen erdulden müssen. Beim Netzwerk- und Telekommunikationsspezialisten Huawei sprangen binnen zwei Jahren sechs Arbeiter in den Tod.

Und auch Liang, Zhu und Cao haben nicht für Foxconn gearbeitet. Sie waren bei kleineren Produzenten in der südchinesischen Metropole Shenzhen beschäftigt.

"Ich bin sicher, dass Selbstmorde auch in anderen Firmen traurige Realität sind", sagt Geoffrey Crothall vom China Labour Bulletin in Hongkong, einer Organisation, die sich für die Rechte von Arbeitern in China stark macht. Chinas Medien berichten nur sehr selten über Selbstmorde. Und wenn sie es tun, behandeln sie jeden Freitod als Einzelfall, ohne Verweis auf Arbeitsbedingungen oder sozialen Druck, unter dem viele Arbeiter leiden.

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Foxconn: Selbstmord-Serie

Gesicherte Zahlen über die Häufigkeit von Selbstmorden in chinesischen Unternehmen gibt es nicht. Doch das China Labour Bulletin hat den Zusammenhang zwischen Suiziden und Streitigkeiten am Arbeitsplatz untersucht - und kam zu erschütternden Ergebnissen: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Arbeiter in China sich als Zeichen des Protestes das Leben nehmen, etwa wenn ihnen der Lohn nicht bezahlt wurde", sagt Crothall - oder wenn sie öffentlich gerügt worden seien oder zu einer Strafe verdonnert wurden.

Druck am Arbeitsplatz, Isolation in riesigen Fabriken

Die meisten Arbeiter in den Fabriken sind Wanderarbeiter aus den ärmeren Provinzen im Landesinneren. Sie verbringen praktisch ihre gesamte Zeit auf dem Fabrikgelände, wohnen in großen Schlafsälen, essen in werkseigenen Kantinen. Zur Familie kehren sie bestenfalls einmal im Jahr zum chinesischen Neujahrsfest zurück. Solch Bedingungen herrschen im gesamten Perlfluss-Delta in Südchina. "Foxconn ist da sicher nicht der schlimmste Ort", sagt Crothall.

Dennoch gehen Wissenschaftler mit dem iPhone-Hersteller hart ins Gericht. Angestellte setzen ihrem Leben ein Ende, weil sie dem Druck am Arbeitsplatz, der Isolation in den riesigen Fabriken fernab der Familie, der Enttäuschung über eine langweilige, stupide Arbeit nicht gewachsen seien, schrieben neun renommierte Professoren der Sozialwissenschaft in einem offenen Brief an Foxconn. Die Todesfälle "zwingen uns, die Frage nach der Zukunft der 'Fabrik der Welt' und der einer neuen Generation von Wanderarbeitern zu stellen".

Der Konzern selbst beteuert, die Suizide hätten nichts mit den Arbeitsbedingungen zu tun, die hätten Arbeiter persönliche Probleme gehabt. Der Konzern verwies mehrfach auf die Kalkulation von Psychologie-Professoren wie Fan Fumin: Angesichts der 420.000 Angestellten in China liege das Unternehmen weit unter der Selbstmordrate des Landes. Auf 100.000 Einwohner kommen demnach jährlich im Durchschnitt 16 Freitode.

Schweigende Medien

Hinzu kommt, dass die Arbeitsbedingungen in China durchaus streng geregelt sind: In der Provinz Guangdong etwa gilt die 40-Stunden-Woche, maximal sind 36 Überstunden im Monat zulässig.

Das Problem ist, dass die Gesetze kaum eingehalten werden: Arbeiter bei Foxconn berichten von mehr als 80 Überstunden im Monat.

Die Regierung in Peking hat dagegen bislang wenig unternommen - sie versucht eher, das Problem herunterzuspielen: Ende vergangener Woche wurden chinesische Zeitungen und Web-Seiten angewiesen, die Selbstmorde in der Berichterstattung nicht zu hoch zu hängen. Reporter vor den Werkstoren des Konzerns mussten zurückgepfiffen werden. Künftig sollen nur noch Artikel der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua zu dem Thema gedruckt werden.

Mitarbeit: Huang Peiyi

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