Von Andrew Peaple, Wall Street Journal Deutschland
Royal Dutch Shell ist kein Unternehmen, das für seine Sympathiewerte bekannt ist. Dank eines Brentöl-Preises, der im Schnitt über 100 Dollar je Barrel lag, hat der Öl- und (immer stärker auch) Gasriese im vergangenen Jahr 26,6 Milliarden Dollar gescheffelt. Allerdings lag Shell mit seinem Jahresgewinn 14 Prozent unter dem Vorjahreswert und verfehlte auch die Erwartungen des Marktes. Die Ölproduktion nahm zudem nur um ein Prozent zu.
Die Ergebnisse sind ein perfektes Abbild der Situation, wie sie sich für Anleger bei Shell darstellt: Die schiere Größe und die operative Expertise des Konzerns lassen sie ruhig schlafen. Großen Träumen dürfen sie sich aber nicht hingeben.
Shell ist von plötzlichen Produktionskürzungen oder geopolitischen Problemen verschont geblieben, die den britischen Rivalen BG Group und BP in der Vergangenheit zugesetzt haben. Stattdessen befindet sich das Unternehmen in einem langfristigen Wandel, in dem die Produktion von Erdgas an Gewicht gewinnt, die inzwischen für die Hälfte des gesamten Ausstoßes steht.
Angesichts der Erwartungen, dass die weltweite Gasnachfrage langfristig steigen wird, erscheint diese Strategie vernünftig. Ähnlich wie beim US-Konkurrenten ExxonMobil, der immer noch darum kämpft, die Anleger vom Sinn der Übernahme von XTO Energy im Jahr 2010 zu überzeugen, ist die Strategie aber auch mit Schmerzen verbunden. Jedes Energieunternehmen, das über die nächsten paar Jahre hinaus eine Rolle auf dem Markt spielen will, muss an der Schiefergas-Revolution in den USA teilhaben. Eben diese Revolution drückt allerdings die Gaspreise nach unten, was Shell in seinem Upstream-Geschäft, der Exploration und Förderung, in den USA den zweiten Quartalsverlust in Folge einbrockte. Das Unternehmen sah sich außerdem gezwungen, den Wert seiner Reserven herunterzusetzen, wodurch die Reproduktionsrate, die angibt, wie viel der Produktion durch Reserven gedeckt ist, erschreckend niedrig bleibt.
Ob Shell seinen Aktienkurs aufwecken kann?
Shell hat das Problem, dass es immer eine Achillesferse gibt, die das Ergebnis herunterzieht. Im vergangenen Jahr waren es die Probleme im Raffinerie-Geschäft, die den Gewinn drückten. Seit Anfang 2009 lag die Rendite auf das eingesetzte Kapital bei 10,6 Prozent, nachdem sie zwischen 2005 und 2008 mit 20,5 Prozent noch fast doppelt so hoch war. Das zeigen Daten von Sanford C. Bernstein. Eine andere Frage ist, wie Shell mehr aus seinem Kapital herausholen, das bereits in die Produktion investiert wurde: 65 Milliarden Dollar an Vermögenswerten in der Bilanz des Unternehmens sind entweder gerade in der Entwicklung oder sie liegen brach, weil die Renditen derzeit unattraktiv sind.
So wie es aussieht, werden Shells Investitionen in diesem Jahr um weitere zehn Prozent auf kolossale 33 Milliarden Dollar steigen. Das Unternehmen geht davon aus, dass all die Ausgaben dazu führen werden, dass der Ausstoß im Jahr 2017 ein Fünftel höher sein wird als 2012. Um die Investoren in der Zwischenzeit bei Laune zu halten, hat Shell die Ausschüttung erneut angehoben. Die Dividendenrendite liegt jetzt bei fast fünf Prozent und damit ungefähr auf dem Niveau, das auch Wettbewerber bieten.
Dank seiner reichen Ressourcen kann sich Shell dies alle leisten - das ist der beruhigende Faktor für Anleger. Die Gesamtrendite der Aktie lag im vergangenen Jahr mit acht Prozent jedoch unter der von Exxon und nicht viel höher als die von BP. Dass Shell das Talent hat, seine Anleger einzuschläfern, ist unstrittig. Ob das Unternehmen den eigenen Aktienkurs aufwecken kann, muss sich erst noch zeigen.
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