Sparkurs in Kraftwerksparte Siemens-Aktionäre warnen Kaeser vor Jobabbau

An den von Siemens-Chef Kaeser geplanten Stellenstreichungen gibt es viel Kritik - auch von Aktionären. Auf der Hauptversammlung sagte ein Fondsmanager, der Konzern müsse "seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen".

Joe Kaeser vor der Hauptversammlung
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Joe Kaeser vor der Hauptversammlung


Geplante Stellenstreichungen in der Kraftwerksparte sind auf der Hauptversammlung von Siemens durch mehrere Aktionärsvertreter kritisiert worden. "Stellenabbau muss das letzte Mittel sein", sagte Aktionärsschützerin Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz an die Adresse von Siemens-Chef Joe Kaeser. "Ich möchte Sie gerne in die Verantwortung nehmen: Suchen Sie eine andere Lösung."

Auch Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment mahnte die Siemens-Führung, nicht leichtfertig komplette Standorte zu schließen. "Siemens muss nicht nur Rendite liefern, sondern auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen."

Fondsmanager Marcus Poppe von der DWS begrüßte die Pläne hingegen: "Von Siemens zu verlangen, langfristig Verluste mit Gewinnen aus anderen Konzernbereichen auszugleichen, ist keine nachhaltige Lösung." Siemens müsse aber mit den Mitarbeitern fair umgehen. "Überzogene Gewinnerwartungen an die Sparte sind daher genauso falsch wie der Versuch Einzelner, politisches Kapital aus dem Schicksal der Betroffenen zu schlagen."

Siemens will im Kraftwerksgeschäft Tausende Jobs streichen und hatte die Schließung von Werken angekündigt, darunter der Standort im sächsischen Görlitz. Kaeser hatte die massiven Abbaupläne in der Sparte zuvor als unvermeidlich verteidigt. Angesichts schrumpfender Umsätze und eines Ergebniseinbruchs im ersten Geschäftsquartal sei der Handlungsbedarf "sogar dringlicher geworden", sagte er.

Industrieverbund als Ausweg?

Am Rande des Aktionärstreffens brachte Kaeser jedoch eine mögliche Lösung für den Standort ins Spiel. Man erwäge ein "Industriekonzept Oberlausitz", sagte Kaeser. Vorstellbar wäre etwa, dass das Werk eigenständiger werde, dabei aber zunächst unter dem Dach von Siemens verbleibe. In einigen Jahren könnte der Standort dann in einem Industrieverbund aufgehen.

Nötig wäre dann wohl auch eine Umsteuerung bei den Produkten, etwa hin zu Speichertechnologien, sagte Kaeser. Um solche Erwägungen umzusetzen, bedürfe es aber der Mitwirkung der Bundes- und Landesregierung sowie anderer Beteiligter. Erst jüngst hatte Kaeser den Beschäftigten in Görlitz am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos Hoffnung gemacht.

SPIEGEL TV über Görlitz im Siemens-Schock

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Bei einem Abendessen mit US-Präsident Donald Trump in Davos hatte Kaeser diesen zudem zu seiner Steuerreform beglückwünscht und erklärt, angesichts der erfolgreichen Reform habe Siemens entschieden, eine neue Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln. Die Äußerungen sorgten für Irritationen, unter anderem bei der IG Metall.

Auf der Hauptversammlung unterstrich Kaeser nun, dass er Trump für die Steuerreform gelobt habe, durch die mehr Geld für Investitionen und Beschäftigung bleibe - nicht etwa für das erste Jahr seiner Amtszeit. "Man hat als Unternehmensführer Werte, die sollte man nicht verkaufen - aber man hat auch Interessen", sagte Kaeser.

Arbeitnehmervertreter laufen seit Wochen Sturm gegen die Abbaupläne im Kraftwerksgeschäft, mit denen Siemens auf den Markteinbruch vor allem bei großen Gasturbinen reagiert. Vor der Münchner Olympiahalle, in der die Hauptversammlung stattfand, protestierten Beschäftigte verschiedener Standorte.

Gewinne steigen um zwölf Prozent

Fürs erste Quartal konnte Kaeser den Anlegern dank des Verkaufs von Aktien des Lichtspezialisten Osram und der Effekte aus der US-Steuerreform einen Gewinnanstieg um zwölf Prozent auf 2,2 Milliarden Euro vorlegen. Der Umsatz nahm um 3 Prozent auf 19,8 Milliarden und der Auftragseingang um 14 Prozent auf 22,5 Milliarden Euro zu. Zu dem Wachstum trug allerdings vor allem der Zusammenschluss mit dem spanischen Windkraftanbieter Siemens Gamesa bei.

Schwächer entwickelte sich hingegen nicht nur die Kraftwerkssparte. Gewinnrückgänge musste auch die kurz vor dem Börsengang stehende Medizintechniksparte Healthineers hinnehmen. Allerdings gehört das Geschäft weiter zu den größten Ertragsbringern bei Siemens. Neue Details zum Börsengang gab es nicht.

Auf der Hauptversammlung verabschiedete sich auch der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme. Künftig soll der frühere SAP-Co-Chef Jim Hagemann Snabe das Kontrollgremium führen.

dab/dpa/Reuters



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
ego66 31.01.2018
1. Produkte von Siemens nicht mehr empfehlenswert
Gerade ist die Spülmaschine meiner Eltern kaputt gegangen. Auf die Frage, welche ich empfehlen würde (habe selbst eine Siemens), wird ein anderer Hersteller zum Zuge kommen. Bin zwar nicht selbst betroffen, aber die Region wird weniger Steuereinnahmen Dank der Entlassungen haben. Man kann nur hoffen, dass auch andere Kunden die entsprechenden Konsequenzen ziehen.
rene.macon 31.01.2018
2. Es wäre schön, Unternehmen würden sich wenigstens mal an die Gesetze..
halten! "Gesellschaftlichen Verantwortung " ist ein subjektiver, normativer Begriff. Darunter kann und darf jeder etwas anderes verstehen. Gegenüber der Gesellschaft ist jeder Bürger nur an die bestehenden Gesetze gebunden. Es herrscht in unserem Land Religions- Bekenntnis- und Meinungsfreiheit. Wenn die Gesellschaft möchte, dass die Unternehmen mehr Sozial- oder Umweltstandards einhalten, muss sie das in allgemeinverbindliche Gesetze gießen - und für deren Einhaltung sorgen. Wenn Siemens im Gegensatz zur Konkurrenz einen Beschäftigungsüberhang hält, sinkt seine Wettbewerbsfähgikeit gegenüber der Konkurrenz und die rentablen Arbeitsplätze geraten ebenfalls in Gefahr.
Nordstadtbewohner 31.01.2018
3. Von welcher Gesellschaft ist eigentlich die Rede?
Siemens ist ein internationaler Konzern mit internationalen Eigentümern und Kunden. Von daher frage ich mich, welcher gesellschaftlichen Verantwortung Siemens da überhaupt nachkommen soll. Es kann nicht sein, dass Gewinne, die international erwirtschaftet werden, dazu verwendet werden, Standorte in Deutschland zu subventionieren. Dazu kommt, dass im Artikel nur Stimmen aus Deutschland zu Wort kommen, aber Aktionärsvertreter aus dem Ausland (die Masse der Siemensaktionäre befindet sich nicht Deutschland, ebenso die Mehrheit der Siemens-Beschäftigten) gar nicht. Ich finde es richtig, dass Siemens unrentable Standort schließt und die Entwicklung und Produktion dort konzentriert, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist. Sollte Siemens von diesem Kurs abkommen, bedeutet es langfristig das Ende des Unternehmens.
Nachtsegler 31.01.2018
4. noch ein Nachtrag:
"Kaeser ist Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE)." Das berichtet Wikipedia. Genial, diese Befürwortung, denn so kann man noch bedenkenloser Menschen um ihre Arbeit bringen, auf Steuerzahlerkosten!
th.schuler 31.01.2018
5. Bosch Siemens Hausgeräte
Zitat von ego66Gerade ist die Spülmaschine meiner Eltern kaputt gegangen. Auf die Frage, welche ich empfehlen würde (habe selbst eine Siemens), wird ein anderer Hersteller zum Zuge kommen. Bin zwar nicht selbst betroffen, aber die Region wird weniger Steuereinnahmen Dank der Entlassungen haben. Man kann nur hoffen, dass auch andere Kunden die entsprechenden Konsequenzen ziehen.
Sie treffen mit Ihrem Boykottaufruf leider den Falschen. Hausgeräte mit dem Siemens Logo werden von der BSH Bosch Siemens Hausgeräte GmbH hergestellt. Die BSH ist seit 2015 zu 100% im Besitz von Bosch. Abgesehen davon - ich bin auch der Meinung, dass das ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, für das man nicht Joe Kaeser allein verantwortlich machen kann. Die Politik macht die Spielregeln. Siemens ist ein internationaler Konzern, aber die Politiker agieren immer noch viel zu national und unkoordiniert, und lassen sich gegeneinander ausspielen. Trumps Steuerdumping ist ein gutes Beispiel, wie sich Nationen gegeneinander runterziehen, anstatt miteinander gute Spielregeln für eine globalisierte Welt aufzustellen. Deswegen müssten internationale Organisationen wie die EU oder die UN, WTO etc. mehr Gewicht bekommen, anstatt weniger. Sonst ist das Spielfeld einfach nicht ausgeglichen. Wieso gibt es keine internationale Gewerkschaft von Bedeutung? Wieso gibt es keine weltweite soziale Partei? Jeder meint, er kann in seinem eigenen kleinen Land für sich selber kämpfen. Hat in der Vergangenheit oft nicht gut funktioniert, und wird in Zukunft noch viel schlechter funktionieren. Man stelle sich nur mal vor, was ein weltweiter Streik gegen Siemens auslösen könnte. Wird aber nicht stattfinden, weil die Gewerkschaften sich nicht international koordinieren.
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