Löscher-Nachfolge Aufsichtsrat wählt Joe Kaeser zum neuen Siemens-Chef

Ein neuer Chef für Siemens: Joe Kaeser führt ab sofort die Geschicke von Deutschlands größtem Elektronikkonzern. Das Votum im Aufsichtsrat erfolgte einstimmig - nach den Querelen zuvor eine Überraschung.

AFP

München - Der Führungswechsel beim Elektrokonzern Siemens ist besiegelt: Der Aufsichtsrat wählte den bisherigen Finanzchef Joe Kaeser zum neuen Vorstandsvorsitzenden. Kaeser setzte sich bereits im ersten Wahlgang durch, das Votum erfolgte einstimmig. Der 56-Jährige löst Peter Löscher ab, der seinen Posten an der Siemens-Spitze nach sechs Jahren räumen muss.

Der Stabwechsel wird demnach bereits am 1. August, also an diesem Donnerstag, stattfinden. Löscher werde mit Ablauf des Tages sein Amt niederlegen und in gegenseitigem Einvernehmen aus dem Vorstand ausscheiden, teilte Siemens mit. Der gebürtige Österreicher solle aber dem Unternehmen weiter verbunden bleiben und unter anderem den Vorsitz des Stiftungsrates der Siemens-Stiftung übernehmen. Kaesers Nachfolger auf dem Posten als Finanzvorstand werde zeitnah ernannt.

Kaeser erklärte, er wolle "Siemens in ein ruhiges Fahrwasser" zurückführen und "ein Hochleistungsteam formen". Bereits im Herbst werde sich das neue "Team Siemens" zur Präzisierung des Unternehmensprogramms äußern.

Der bisherige Siemens-Chef Löscher war massiv unter Druck geraten, nachdem er am vergangenen Donnerstag die zweite Gewinnwarnung innerhalb von drei Monaten verkünden musste. Auch sein Umsatzziel von 100 Milliarden Euro und die für das Jahr 2014 angekündigte Rendite von zwölf Prozent erwiesen sich als unerreichbar. Zudem war ihm vorgeworfen worden, keine Vision für den Technologiekonzern zu entwickeln. Bereits am Wochenende teilte Siemens den Abgang Löschers mit.

Es war mit Spannung erwartet worden, ob Kaeser sich bereits im ersten Wahlgang durchsetzen würde, in dem eine Zweidrittelmehrheit nötig ist - oder einen zweiten Wahlgang benötigen würde, bei dem eine einfache Mehrheit ausreicht. Denn nach SPIEGEL-Informationen hatte sich insbesondere der Vizechef des Aufsichtsrats, Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, vehement gegen den Abgang Löschers und die Bestellung Kaesers gestemmt.

Arbeitnehmervertreter fordern Ende der Personalquerelen

Gemeinsam mit weiteren Aufsichtsratsmitgliedern, dem Allianz-Chef Michael Diekmann und Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, erwog Ackermann demnach, Kaeser die Stimme zu verweigern. Nun erhielt der Ex-Finanzvorstand auch die Stimmen dieses Trios. Seine Bestellung kann daher als ebenso klarer wie in dieser Eindeutigkeit überraschender Sieg für den Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme gelten, der Kaeser auserkoren hatte.

Löscher sagte, er sei "in der vergangenen Woche zu dem Schluss gekommen, dass eine vertrauensvolle Basis für einen Verbleib an der Spitze der Siemens AG nicht mehr gegeben ist". Der abgelöste Konzernchef konnte sich eine letzte Spitze gegen den Aufsichtsrat nicht verkneifen: Ein Unternehmen brauche "ein vertrauensvolles Zusammenwirken und ein Höchstmaß an Geschlossenheit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat". Die Interessen Einzelner, auch seine eigenen, "hätten hinter dem Wohlergehen des Unternehmens zurückzustehen".

Die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat forderten nach dem Votum ein Ende der Personalquerelen bei dem Elektrokonzern. "Es geht nicht um Einzelpersonen und Interessen, sondern um das Wohl des Konzerns und seiner Mitarbeiter und eine langfristige und kreative Unternehmensperspektive", sagte Jürgen Kerner, der für die IG Metall im Siemens-Aufsichtsrat sitzt.

Kerner sagte, Siemens sei "alles andere als ein Sanierungsfall. Die beiden zurückliegenden Jahre brachten den höchsten Gewinn der Unternehmensgeschichte". Trotzdem sei Siemens ins Ungleichgewicht geraten, "und der Hauptgrund dafür ist die Ausrichtung des Konzerns an einem abstrakten und überzogenen Renditeziel." Dadurch habe man den Konzern und seine Mitarbeiter dem noch stärkeren Druck der Finanzmärkte ausgesetzt. "Dieser Schuss ist nach hinten losgegangen", beklagte Kerner.

Tatsächlich kommen auf den neuen Siemens-Chef eine Reihe von Herausforderungen zu. Dazu gehört etwa, den Zusammenhalt in der Führungsriege zu stärken und das Vertrauen der Finanzmärkte in Siemens zurückzugewinnen. Es wird unter anderem erwartet, dass Kaeser keine einheitlichen Renditeziele mehr ausgeben, sondern Ziele für jede der vier Konzernsparten formulieren wird.

fdi/dpa

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
diamant755 31.07.2013
1. das gleiche in grün
So kann man sich doch gleich selbst beerdigen einfach den gleichen in Grün einsetzten, ein Armutszeugniss für Siemens nichts wird sich dadurch verändern. Aber die Frage ist: Ist es heutzutage überhaupt noch möglich ein Unternehmen von "innen" zu verändern? Nein, denn heutzutage werden einem Veränderungen "auferlegt" von Unternehmensberatern und staatlichen Kontrollen. Das einzige was hier wirklich passiert ist das Gehalt bekommt jetzt ein anderer.
partey 31.07.2013
2. Gut!
Werter Herr Kaeser, bitte denken Sie auch an die zahlreichen Zulieferer und deren Mitarbeiter. Ihr Vorgänger hat es geschafft einen Großteil dieser Mittelständler bis an den Rand des Ruins zu (er)pressen. Die mittelständischen Zulieferer und SIEMENS haben jahrzehntelang gut zusammen gearbeitet. Dieser Zusammenhalt wurde zu Gunsten kurzfristiger Gewinn- und Aktienkursoptimierung aufgekündigt. Auch Sie wissen, made in Germany hat seinen Preis, lang- und mittelfristig jedoch, profitiert die Siemens AG von dem Know-How, der hohen Flexibilität und den sog. "kurzen Wegen" des deutschen Mittelstands. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.
spon-facebook-10000156513 31.07.2013
3. optional
Was hat Herr Kaeser denn die letzten Jahre als CFO gemacht? Wurden die Maßgeblichen Entscheidungen nicht von beiden getroffen?
tradepro 31.07.2013
4. Antikorruptionsbekämpfung
Das habt ihr Deutschen jetzt von Eurer Antikorruptionsbekämpfung. Eine Gewinnwarnung nach der anderen. So werden Weltkonzerne in den Abgrund gefahren. Wer mitspielen will muss nunmal nach den im jeweiligen Land geltenden Regeln spielen. In vielen Ländern ist Korruption nun mal "part of the game".
BorisBombastic 31.07.2013
5. Sieg für Cromme oder der Presse, was wirklich?
diese vermeintlichen Machtkämpfe dieser Alphatier schaden dem Mega Konzern und entreissen dem Unternehmen unnötige Energie. Oder wird hier wiedereinmal lustvoller Hysterie Journalismus betrieben mit der Lust an dem Fall der grossen Platzhirsche?
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