Eklat auf Aktionärstreffen Siemens entzieht Osram-Chef Berlien das Vertrauen

Offener Kampf bei der Osram-Hauptversammlung: Großaktionär Siemens hat Vorstandschef Olaf Berlien das Vertrauen entzogen und stimmt gegen seine Entlastung.

Von manager-magazin-Redakteurin Angela Maier

Es kracht gewaltig: Großaktionär Siemens ist mit Osram-Vorstand alles andere als zufrieden
DPA

Es kracht gewaltig: Großaktionär Siemens ist mit Osram-Vorstand alles andere als zufrieden


Der Münchener Siemens-Konzern, mit 17,52 Prozent größter Aktionär der im M-Dax notierten Lichtfirma Osram, hat Osram-Chef Olaf Berlien auf der Hauptversammlung die Entlastung verweigert. Berlien wurde am Nachmittag dennoch mit gut 70 Prozent der Stimmen entlastet. Das heißt, dass außer Siemens nahezu alle Aktionäre dem Vorstandschef das Vertrauen ausgesprochen haben. Aktionäre wie die Deutsche Asset Management und Aktionärsvertreter wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hatten angekündigt, für die Entlastung zu stimmen.

Die Osram-Aktie, die nach dem Siemens-Vorstoß zeitweise um 7 Prozent geklettert war, gab ihre Gewinne in der Folge teilweise wieder ab.

Das Misstrauensvotum der ehemaligen Mutter Siemens beschädigt Berliens Position und auch die von Osram-Chefaufseher Peter Bauer schwer. Bauer hat den von Osram im November angekündigten Strategieschwenk stets unterstützt und betonte am Ende der Hauptversammlung nochmals, der Aufsichtsrat werde den Vorstand um Berlien bei der Umsetzung der neuen Strategie weiter unterstützen und beraten. Die neue Strategie mit stärkerem Fokus auf halbleiterbasierte Technologien sei "aus Sicht des Aufsichtsrats alternativlos für eine nachhaltige Zukunft des Unternehmens", teilte Bauer mit.

Mit dem in der Firmengeschichte wohl einmaligen Vorgang treibt Siemens-Chef Joe Kaeser den bizarren Kampf gegen Berlien auf die Spitze. Das Spektakel begann Anfang November, als der Osram-Chef die neue Wachstumsstrategie verkündete und damit Anleger und Analysten auf dem falschen Fuß erwischte. Die Börse hatte Berliens Pläne mit einem Kursrutsch um fast ein Drittel quittiert. Kaeser distanzierte sich sofort öffentlich, wie andere Aktionäre sei auch er "nicht glücklich".

Während Berlien in den Folgewochen bei Analysten und Fondsmanager für seine neue Strategie warb, wiederholte Siemens-Chef Kaeser seine skeptischen Worte mehrfach gegenüber der Presse und - kurz vor Weihnachten - sogar nochmals in einer eigens verbreiteten Pressemitteilung: "Siemens war und ist als Anteilseigner mit der jüngsten Aktienkursentwicklung von Osram nicht zufrieden." Eine Forderung, etwa die Strategie zu verändern, verband Kaeser mit seiner Kritik nicht. Vielmehr enthielt er sich diesbezüglich jeder Bewertung. Ein Osram-Aufsichtsrat sagte vor der Hauptversammlung Journalisten, Siemens' Verhalten sei "völlig unverständlich".

Trotz der Entlastung durch die Mehrheit der Aktionäre beschädigt das Misstrauensvotum der ehemaligen Mutter Siemens Chart zeigen Berliens Position und auch die von Osram-Chefaufseher Peter Bauer sehr schwer. Bauer hat den Strategieschwenk stets unterstützt.

Siemens-Hausjurist Christian Bleiweiss begründete die Nichtenlastung für Berlien damit, dass die Osram-Aktionäre "unvermittelt und ohne strategische Hinführung" von Osrams kürzlich vollzogenem Strategieschwenk informiert wurden. Diese Vorbereitung habe Vorstandschef Berlien oblegen.

Siemens-Chef treibt bizarren Kampf gegen Berlien auf die Spitze

Zudem werde durch Osrams Plan, mit einer neuen, eine Milliarde Euro teuren LED-Chipfabrik in Malaysia in die LED-Massenfertigung einzusteigen, das Risikoprofil "ausgeprägt" erhöht und müsste durch strategische Partnerschaften reduziert werden. Hierfür habe es Optionen gegeben, die Osram nicht genutzt habe.

Hat nicht mehr das Vertrauen von Großaktionär Siemens: Osram-Chef Olaf Berlien
Osram

Hat nicht mehr das Vertrauen von Großaktionär Siemens: Osram-Chef Olaf Berlien

Berlien und Bauer verteidigten am Dienstag in ihren Reden vor den 2500 Aktionären die Neuausrichtung. "Den Strategieprozess hat der Vorstand seit Jahresbeginn in kontinuierlicher und enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat geführt", sagte der seit Anfang 2015 amtierende Berlien. "Es hat sich schnell gezeigt, dass es aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung keine risikofreie Entscheidungen gibt." Doch wäre ein 'weiter so' "die schlechteste Option" gewesen.

Bauer betonte, der Aufsichtsrat habe die neue Strategie sorgfältig und "mit großem Zeitaufwand" mit dem Vorstand diskutiert. Man habe mehrere strategische Optionen analysiert und - schon vor dem November-Beschluss - in Sitzungen des Aufsichtsratsplenums im Juni und September "die Chancen und Risiken der verschiedenen Optionen gegeneinander aufgewogen".

Aktionärsvertreterin kritisiert Siemens scharf

Aktionärsvertreterin Caterina Steeg vom Verein zur Förderung der Aktionärsdemokratie kritisierte Siemens' Verhalten scharf und betonte, für Anlegerkommunikation sei Finanzvorstand Klaus Patzak zuständig. Wenn es stimme, dass Patzak die Strategie nicht billige, solle Patazk zurücktreten. Osrams Kapitalmarktinformation sei "abgrundtief schlecht". Auch angesichts der schlechten Qualität der Ergebnisprognosen "stellt sich die Frage, ob dieser Finanzvorstand die Zahlen im Griff hat".

Mit Berliens Nichtentlastung stellt Kaeser nicht nur Berlien und Bauer bloß, sondern auch den eigenen Vorstandskollegen Roland Busch. Busch hatte im Osram-Aufsichtsrat die Strategie über viele Monate mitdiskutiert und am Ende auch genehmigt.

Trotz Siemens' Querschüssen war Berlien zuletzt teilweise erfolgreich mit seiner Werbetour: Der Osram-Kurs hat sich seit November zwar kaum erholt, aber im Börsenabschwung der vergangenen Wochen sehr gut gehalten - auch dank unerwartet guter Quartalszahlen und Aktienrückkäufen.



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