Geplante Siemens-Schließung Görlitz, plötzlich am Abgrund

Siemens will den Standort Görlitz komplett schließen. Doch die Bewohner der strukturschwachen Region kämpfen selbstbewusst dagegen. Sie wissen, dass es um mehr geht als um Jobs.

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Aus Görlitz berichtet


Seit 2004 ist Pascal Lock bei Siemens, er hat nie woanders gearbeitet. Mit 16 begann er eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Später besuchte er fünf Jahre lang berufsbegleitend die Fachhochschule, bildete sich zum Maschinenbautechniker weiter, wechselte auf einen Ingenieursplatz. Die Produkte, die er früher selbst gefertigt hat, plant er seitdem. Den Posten, den er früher hatte, beaufsichtigt er nun. Es sei ihm wichtig "zu sehen, was wir fertigen", sagt Lock.

Dann kam das Jahr 2017, das glücklich anfing und gut weiterging. Im Februar wurde Locks Tochter geboren, im September kauften der 29-Jährige und seine Frau ein Haus in seinem Heimatort Rosenbach bei Görlitz. Mitte Oktober erfuhr Lock dann durch das manager magazin von drastischen Einschnitten bei der Siemens-Kraftwerksparte, und seitdem ist klar, dass sein Jahr mit Ängsten und in Ungewissheit zu Ende geht.

Dass er aus den Medien von den Abbau- und Schließungsplänen erfahren musste, tue besonders weh, sagt Lock. In den Wochen darauf konkretisierte Siemens diese Pläne. Der Konzern kündigte an, in den Kraftwerks- und Antriebssparten 6900 Arbeitsplätze zu streichen, die Hälfte davon in Deutschland. Die Standorte Leipzig und Görlitz sollen ganz geschlossen werden.

6,2 Milliarden Euro Gewinn und trotzdem das Aus?

In Görlitz betrifft die Entscheidung laut Siemens 720 Mitarbeiter. IG Metall und Betriebsräte dagegen sprechen sogar von 960 Arbeitsplätzen. Doch in der östlichsten Stadt Deutschlands mit ihren 55.000 Einwohnern und der malerischen historischen Altstadt geht es um weit mehr als die Zukunft eines Werks. Das zeigt ein Blick auf die Akteure - und auf die Kulisse.

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Kahlschlagpläne in Görlitz: Die Zukunft einer Region

Da ist zunächst Siemens: Ein deutscher Weltkonzern, der auf den globalen Märkten Profite einfährt und dem Druck des globalen Wettbewerbs ausgesetzt ist. 2016 war ein Rekordjahr: Das Unternehmen machte 6,2 Milliarden Euro Gewinn. Zugleich verweist Siemens auf die Defizite im Kraftwerksgeschäft und die flaue Nachfrage im Geschäft mit den großen Turbinen.

Auf der anderen Seite stehen die Bewohner einer strukturschwachen Region: 2500 von ihnen bildeten diese Woche eine Menschenkette, um gegen die geplante Schließung zu protestieren, unter ihnen auch Mitarbeiter des Schienenfahrzeugherstellers Bombardier, der ebenfalls Stellen abbauen will. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt Görlitz liegt jetzt schon bei rund 13 Prozent. Sollte das Siemens-Werk geschlossen werden, würde sie deutlich steigen. "Wenn Siemens stirbt, stirbt Görlitz und die Region", lautete die Botschaft auf einigen der Demonstrationsschilder.

Im Video: "Die ganze Region hier geht vor die Hunde"

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Schließlich der Zeitpunkt: Deutschland kurz nach der Bundestagswahl. Vor 2000 demonstrierenden Siemens-Mitarbeitern in Berlin kritisierte SPD-Chef Martin Schulz die Pläne, nannte das Vorgehen des Konzerns "asozial". Zuvor hatte die Bundesregierung Siemens zu fairen Regelungen gemahnt. Die Entscheidung sei von großer Tragweite für den Industriestandort Deutschland, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Und im Bundestag mochte sogar der FDP-Abgeordnete Thorsten Herbst die Entscheidung "nicht nachvollziehen".

Dass ein SPD-Chef vor Arbeitnehmern spricht, deren Stellen in Gefahr sind, ist nicht überraschend. Dass die Politik die Entscheidung auch in der Breite kritisch sieht, lässt aber erahnen, welche gesellschaftliche Wucht die Entwicklungen in Görlitz noch entfalten könnten. Bei der Bundestagswahl holte die AfD in Görlitz ein Direktmandat. Dabei konnte sie mit ihrer Kritik an der Flüchtlingspolitik Angela Merkels punkten. Wenn nun ein Global Player der Region den Rücken zudreht, könnte zu der Wut auf die politischen Eliten die auf die Wirtschaftseliten hinzukommen.

An jedem Siemens-Job hängen weitere Arbeitsplätze

Wie zentral die Rolle von Siemens ist, lässt sich am Beispiel Pascal Locks plastisch machen: Lock ist - wie fast jeder Siemensianer hier - so etwas wie der Mittelpunkt mehrerer konzentrischer Kreise. "Es gibt natürlich die Kollegen hier bei Siemens, dann gibt es in meinem Freundeskreis noch Leute, die für Siemens-Zulieferer arbeiten", sagt er. Und dann gebe es noch den dritten Kreis: Menschen, die in keiner wirtschaftlichen Beziehung zu Siemens stehen, die sich aber fragen: "Was wird aus der Region?"

Die drei Kreise decken die Sichtweisen fast vollständig ab, außerhalb bleibt kaum etwas.

Pascal Lock glaubt, dass an jeder Siemens-Stelle bis zu drei weitere Arbeitsplätze hängen. Wie die meisten Siemensianer hadert er nicht nur mit der Kommunikationspolitik der Konzernführung, er rätselt auch über das unternehmerische Kalkül. Bei der Protestaktion in Görlitz trägt er gemeinsam mit anderen ein straßenbreites Banner. Der Schriftzug darauf: "Zukunftsmarkt, volles Werk - Warum Görlitz, Herr Kaeser?"

Pascal Lock ist seit 2004 bei Siemens
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Pascal Lock ist seit 2004 bei Siemens

Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme verteidigte zuletzt die Entscheidung des Konzerns: "Wir können keine Turbinen bauen, die wir dann auf dem Werksgelände vergraben müssen, weil sie niemand haben will", sagte er dem "Handelsblatt".

Wer Siemens-Mitarbeiter in Görlitz auf diese Begründung anspricht, bekommt meist die gleiche Antwort zu hören: Industrie-Dampfturbinen, wie sie in Görlitz gebaut werden, sind keine Gasturbinen. Erstere erzeugen Prozessdampf, beispielsweise in Zucker-, Chemie- und Papierfabriken. Die Nachfrage nach ihnen boomt. (Allerdings ist im Geschäft mit Industrieturbinen die Billigkonkurrenz aus Osteuropa und China im Kommen.)

Auch der Mittelstand ist besorgt

Nicht nur bei Politikern und Gewerkschaftern findet die Siemens-Belegschaft Unterstützung, sondern - außerhalb des eigenen Hauses - auch bei anderen Arbeitgebern.

In einem Restaurant wenige Kilometer außerhalb von Görlitz hat sich eine Gruppe von Unternehmern aus der Region zu einem Stammtisch versammelt. Feinkost und Kartoffeln sind aufgetischt. Die Sakkos und Hemden sind hochwertig, was sich aber erst bei näherem Hinsehen zeigt. Wohlstand und Understatement - der deutsche Mittelstand ist zusammengekommen.

Michael Stein ist einer von 18 Unternehmern, die sich etwa viermal im Jahr zum Stammtisch treffen. Gemeinsam beschäftigen sie etwa 400 Menschen im Gewerbegebiet Hagenwerder bei Görlitz. 80 Prozent der Anwesenden haben Geschäftsbeziehungen zu Siemens - so schätzen es Stein und Winfried Pfeiffer, der Initiator des Stammtischs.

Stein ist geschäftsführender Gesellschafter eines Rohrleitungs- und Behälterbauunternehmens - mit Sitz in Cottbus und einer Betriebsstätte in Hagenwerder. Sein Unternehmen beschäftigt insgesamt 175 Mitarbeiter. Es ist Siemens-Zulieferer.

Michael Steins Unternehmen ist Siemens-Zulieferer
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Michael Steins Unternehmen ist Siemens-Zulieferer

"Wir in der Region brauchen die global tätigen Unternehmen, um überleben zu können", sagt Pfeiffer. "Siemens hat eine gesellschaftliche Verantwortung", sagt Stein.

Der Appell an die soziale Verantwortung von Unternehmen ist über die Jahre zum Kampfbegriff geronnen, bisweilen ist er nicht mehr als eine Phrase. In Görlitz Ende 2017 ist das anders.

Die Einschätzung vieler Siemens-Mitarbeiter, dass an jedem Arbeitsplatz im Werk ein bis drei weitere Jobs hängen, hält Stein für realistisch. Ein Aus würde nicht nur die Zulieferer hart treffen, sondern auch viele andere Geschäfte. Die Siemens-Mitarbeiter sind hochqualifiziert, die Jobs gut. Nicht wenige führen das Dipl.-Ing. vor dem Namen, eine deutsche Weltmarke wie Siemens. "Das geht natürlich mit einer gewissen Kaufkraft einher", sagt Stein.

Breite Unterstützung, begrenzte Möglichkeiten

Gemeinsam mit den anderen Unternehmern aus Hagenwerder haben Stein und Pfeiffer einen Brief an Sachsens Landesregierung geschrieben.

Nach anfänglicher Verweigerung haben sich der Betriebsrat von Siemens und die IG Metall inzwischen zu ergebnisoffenen Gesprächen mit dem Konzernmanagement bereit erklärt. Pascal Lock sieht darin nur ein erstes Vortasten. An der grundsätzlichen Lage ändere sich dadurch nichts.

Auch wenn die Siemens-Belegschaft breite Unterstützung in Görlitz und darüber hinaus gefunden hat, juristisch können sie wohl eher nicht gegen die Pläne vorgehen. Und auch der Einfluss der Politik ist begrenzt. Martin Schulz räumte in seiner Rede vor den Mitarbeitern ein: "Ich kann Siemens nicht zwingen."

Auf die soziale Verantwortung von Siemens aber weisen sie alle hin.

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