Von Maria Marquart, Berlin
Eine dreiviertel Stunde lang hat sich Peter Löscher um eine ungezwungene Haltung bemüht. Aber dann kommt diese Frage - und der Siemens-Chef hat wieder diesen stechenden Blick. "Siemens erzielt ein sehr ordentliches Ergebnis", hat der Konzern seine Bilanz überschrieben. Das klinge ja eher wie ein durchschnittliches Schulzeugnis, sagt ein Journalist. "Wäre das noch Note drei oder schon eine vier?" Löscher rückt auf seinem Stuhl nach vorne. "Wir brauchen jetzt hier nicht anfangen, Noten zu verteilen", raunzt er auf der Bilanzpressekonferenz in Berlin. "Wir haben Potential liegengelassen. Die Wettbewerber waren noch besser."
Siemens hat im vergangenen Geschäftsjahr das zweitbeste Betriebsergebnis der Konzerngeschichte eingefahren. Doch von Zufriedenheit ist nichts zu spüren. 5,2 Milliarden Euro betrug der Gewinn aus den fortgeführten Geschäften. Ein Minus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch unterm Strich blieb mit 4,6 Milliarden Euro 27 Prozent weniger Gewinn als im Jahr 2011. Der Auftragseingang sank um zehn Prozent auf 77 Milliarden Euro.
Nun soll ein hartes Sparprogramm die Gewinnspannen wieder nach oben treiben. Bis 2014 sollen sechs Milliarden Euro eingespart werden. "Das ist ein Programm, da muss die Mannschaft jetzt die Ärmel hochkrempeln", kündigt Löscher an. Für die Aktionäre war diese Nachricht dagegen erfreulich: Die Siemens-Aktie legte in der Spitze um 4,8 Prozent zu. Anders als die Mitarbeiter müssen die Aktionäre sich nicht bescheiden: Sie sollen wie im Vorjahr eine Dividende von drei Euro je Anteilsschein bekommen.
"Mittelfeld ist für Siemens einfach nicht gut genug"
Das will Löscher nun auch bei Siemens schaffen. Bis 2014 will er die Betriebsrendite von derzeit 9,5 Prozent auf mindestens zwölf Prozent steigern. "Mittelfeld ist für Siemens einfach nicht gut genug", verkündet er. Doch die Aussichten für die Geschäfte sind vorerst trüb. "Wir gehen davon aus, dass 2013 ein schwieriges Jahr wird", sagte Löscher. Er erwartet beim Umsatz und Gewinn Stagnation.
Doch wie konnte Siemens überhaupt ins Mittelfeld zurückfallen?
Nach seinem Amtsantritt hatte Löscher dem Konzern Reformen und schon einmal ein Sparprogramm verordnet. Tausende Stellen wurden gestrichen. Durch die Finanz- und anschließende Wirtschaftskrise kam Siemens recht glimpflich.
Doch die europäische Schuldenkrise hat der Konzern viel zu optimistisch eingeschätzt. In Europa macht Siemens rund die Hälfte seines Jahresumsatzes. Löscher setzte auf eine baldige Erholung und investierte kräftig, um dann ordentlich Aufträge einsammeln zu können. Seit Anfang 2011 schaffte Siemens weltweit mehr als 20.000 zusätzliche Stellen. Doch der Aufschwung kam nicht - und Siemens preschte mit Vollgas in den Abschwung. Nun muss der Konzern mit dem neuen Sparprogramm hektisch gegensteuern. "Besser spät als nie", kommentierte Finanzvorstand Joe Kaeser den Strategiewechsel trocken.
Für Löscher bleibt Siemens eine Dauerbaustelle. Seine aktuellen Parolen klingen ähnlich wie im Jahr 2008: Siemens müsse effizienter und profitabler werden. "Am Ende des Tages hat das natürlich Auswirkungen auf Stellen", sagt er. Doch Zahlen, in welchen Bereichen wie viele Jobs gestrichen werden könnten, nennt er nicht. Das neue Programm sieht vor allem Einsparungen im Einkauf, der Fertigung und bei Entwicklungsausgaben vor, interne Abläufe sollen unbürokratischer laufen. Unprofitable Geschäfte sollen verkauft werden, im Kerngeschäft wird zugekauft.
Erste Schritte sind bereits erfolgt. Das Geschäft mit der Abwasserreinigung wird aufgegeben. Zugleich kauft Siemens für rund 680 Millionen Euro das belgische Softwareunternehmen LMS International, mit dem die Industriesoftware gestärkt werden soll.
Der Einstieg ins Solargeschäft unter Löschers Führung erwies sich als Flop
Erst im Sommer wurde Löschers Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert. Für den 55-Jährigen steht nun die Bewährungsprobe an. Als erster externer Manager schaffte er es im Jahr 2007 auf den Chefsessel des Traditionskonzerns. Siemens ist für seine Seilschaften und Verästelungen berüchtigt. Umso skeptischer wurde beäugt, ob Löscher sich rechtzeitig Durchblick verschaffen kann. Sein Vorgänger Klaus Kleinfeld hatte ihm gute Zahlen und ein Reformprogramm hinterlassen. Die Korruptionsaffäre arbeitete Löscher konsequent ab.
Der Manager mühte sich, Siemens unter seiner Führung einen grünen Stempel aufzudrücken. Erneuerbare und nachhaltige Technologien sollten die Marke prägen. Doch genau diese machten zuletzt Probleme. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete der Konzern Sonderbelastungen von 1,2 Milliarden Euro. Gut die Hälfte davon stammt aus dem Windgeschäft, weil Siemens die Anbindung von Offshore-Windparks nicht rechtzeitig schaffte. Das Unternehmen hatte sich bei den Aufträgen schlicht übernommen.
Der Einstieg ins Solargeschäft unter Löschers Führung erwies sich als Flop. Unter hohen Abschreibungen stößt Siemens die Sparte nun ab. Im Sektor Infrastruktur und Städte, den Löscher schuf, laufen die Geschäfte nur schleppend.
Dazu kamen noch politische Einflüsse. Denn auch die Folgen der Sanktionen gegen Iran treffen den Konzern. Er darf dort alte Aufträge nicht mehr abarbeiten. Dadurch lasten fast 330 Millionen Euro auf der Konzernbilanz.
Auf die Frage nach den Schulnoten mischte sich dann auf der Pressekonferenz auch noch Finanzchef Joe Kaeser ein. Die Noten für ihre Arbeit könnten ja nicht die Manager selbst vergeben, sagte er. Das müssten Journalisten und der Kapitalmarkt machen. Die Antwort aus dem Publikum kam prompt: "Nachsitzen."
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