Siemens Industrie-Senior, 168 Jahre alt, wäre gern wieder jung

Im Zeitalter von Start-ups und Tech-Giganten wirkt Siemens wie ein Relikt - in die Jahre gekommen, träge, umständlich. Firmenchef Kaeser will nun mit vielen Millionen die jungen und wilden Ideengeber anlocken. Wenn der Plan scheitert, hat er ein Problem.

Siemens

Das Deutsche Museum in München ist derzeit eine Großbaustelle. Überall wird gebaggert, saniert und renoviert. Auch die etwas angeschmuddelte Fassade soll bald in neuem Glanz erstrahlen. Einen besseren Ort hätte Siemens-Chef Joe Kaeser sich für sein Event nicht aussuchen können.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 49/2015
Wie der "IS" seinen Krieg nach Europa trägt

Auch er will einen etwas in die Jahre gekommenen Koloss modernisieren und zukunftsfähig machen - seinen eigenen Konzern. Wie, das erfuhren mehrere hundert Gäste aus dem In- und Ausland in einem lichten Vortragssaal auf kargen Holzbänken im größten Technikmuseum der Welt.

Fast fünf Milliarden Euro will Kaeser im nächsten Jahr allein für Forschung und Entwicklung ausgeben. Weitere Zentren für Tüftler und Ingenieure sollen unter anderem im Norden Münchens, Israel und China entstehen. Eine neue Firma innerhalb der Firma soll Querdenker und Start-up-Unternehmer finanzieren und ihnen auch sonst unter die Arme greifen. Nochmals rund 100 Millionen Euro will der Siemens-Chef in den kommenden Jahren spendieren, um die eigenen Mitarbeiter zu Verbesserungsvorschlägen zu animieren.

Ein 168 Jahre altes Unternehmen will zur Speerspitze des technologischen Fortschritts werden - kann das klappen? Eines steht immerhin fest: Siemens ist dabei, sich neu zu erfinden - wieder einmal und vermutlich nicht zum letzten Mal. Als "Bank mit angeschlossener Elektroabteilung" wurde der Münchner Multi noch in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts geschmäht. Und das nicht zu Unrecht. Damals quoll die Pensionskasse über, das Geschäft selbst warf eher spärliche Erträge ab. "Für diese Rendite", rügte der Gründererbe und langjährige Aufsichtsrat Peter von Siemens, "sperrt kein Milchmann seinen Laden auf."

Der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer verstand die Botschaft und trennte den Konzernkörper schon damals von kränkelnden Ablegern wie der Halbleiter- oder Bauelementsparte. Dasselbe Schicksal ereilte wenig später den Handy- und Computerableger. 2007 war dann die Telekommunikation dran, das einstige Kerngeschäft von Siemens. Ein besonders bitterer Abschied. Auch unter Kaeser geht der Schrumpfkurs weiter, er verkaufte unter anderem die Hörgerätesparte und die Anteile am Haushaltsgerätehersteller Bosch Siemens Hausgeräte.

Gleichzeitig soll der Konzern allerdings auch wieder wachsen, unter anderem mit Hilfe intelligenter Stromautobahnen, raffinierten Systemen zur Verkehrssteuerung und neuartigen Produktionsanlagen, welche die reale und virtuelle Welt vom Produktdesign bis zur Fertigung vereinen.

Und dann will der Konzern eben auch vom Erfindungsgeist der eigenen Mitarbeiter und gezielt angelockter Tüftler profitieren.

Es ist, wieder Mal, eine Wette auf die Zukunft, wie sie Kaeser so gerne eingeht. Anders als sonst hat der Siemens-Chef nicht einmal eine Auffanglösung vorbereitet, falls der Plan floppt. Er geht offenbar davon aus, dass er funktioniert. "Wir wollen das Leben für siebeneinhalb Milliarden Menschen auf der Erde besser machen", rief er den Zuhörern im Deutschen Museum zu. Eine Nummer kleiner geht es bei Big Joe einfach nicht.

Parallel zu seinen Zukunftsvisionen hat Kaeser eine Entbürokratisierungsoffensive gestartet. An vielen Stellen im Unternehmen wird neuerdings auf die handschriftliche Unterzeichnung von Dokumenten verzichtet. Leitende Angestellte dürfen ihre Reisen auf eigene Faust buchen und abrechnen.

Rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Firmengründers Werner von Siemens im nächsten Jahr soll auch das Logo des Konzerns runderneuert und um den Zusatz "ingenuity for life" ergänzt werden. Kaeser liebt englische Schlagworte und Slogans. Die neue Kreation soll für Ingenieurskunst à la Siemens, Genius und Innovation stehen. Mal sehen wie lange der Slogan Bestand hat, wenn Kaeser irgendwann weg ist.



insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
newliberal 08.12.2015
1. Viel Spass !!!
Kennt noch einer Grundig ? Innovativ wie Apple. Saba ? AEG ? Dual ? Telefunken ? Nein ? Eben !
frenchie3 08.12.2015
2. Theoretisch möglich
Aber dann muß diese "Schmiede" ganz neu anfangen. Und nur nicht, auf keinem Fall, den aktuellen Geist der Firma mit rübernehmen
trirop 08.12.2015
3. Kann nicht klappen
Wenn der Vorstandsvoritzende ein BWL'er(FH) ist und der Aufsichtsratsvorsitzende ein Dr.jur, kann das so nicht klappen, einen Technologiekonzern zu puschen. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Wenn man aber dem mittleren Management 1/3 nach Hause schicken würde, keiner würde es merken...
Heinzi Heinz 08.12.2015
4. Profitabel
Das ist einfach, die nicht profitablen Sparten verkaufen. Die Frage ist doch eher, warum sind sie nicht profitabel und was hat der Konzern falsch gemacht. Darüber sollte nachgedacht werden und das Übel an der Wurzel gepackt werden, anstatt abzustoßen.
romeov 08.12.2015
5. Viel Erfolg
...und das meine ich ohne Häme (die werden die Altlinken SPON-Foristen eh noch gebührend bemühen). Immerhin hat Kaeser eine Vision. Hoffen wir, das das Konzept aufgeht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.