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Sinnkrise an der Wall Street: Geld! Wir brauchen Geld!

Von , New York

Allen Bonusorgien zum Trotz: Die Wall Street steckt in der Sinnkrise. Das alte Geschäftsmodell der Investmentbanken ist tot, neue Geldquellen sind nicht in Sicht. Verzweifelt suchen die Finanzkonzerne renditeträchtige Anlagen - und gehen in ihrer Not wieder hohe Risiken ein.

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Straßenschild an der Wall Street: Hohe Boni, trübe Aussichten

Vikram Pandit ist kein klassischer "Bonze", wie US-Präsident Barack Obama die Banker einmal schimpfte. Zwar genießt der gebürtige Inder, seit Ende 2007 Vorstandschef des Finanzkonzerns Citigroup, die obligatorischen Statussymbole der Branche: Penthouse am Central Park, Villa in Connecticut, Kinder auf der Privatschule. Sonst aber widersetzt er sich der Wall-Street-Kultur.

Er golft nicht, sammelt keine Kunst, schlurft im Parka durch Manhattan. In dieses Bild passte auch Pandits Schwur zum Höhepunkt der Finanzkrise, er werde nur noch ein symbolisches Jahressalär von einem Dollar beziehen, so lange seine Firma im Minus sei.

Nun ist es damit vorbei. Zum Wochenende gönnte sich der Top-Banker eine saftige Gehaltserhöhung. Neuer Jahressatz: 1,75 Millionen Dollar - plus Aktienoptionen und andere Bonusausschüttungen.

Es ist ein bemerkenswertes Comeback für einen Mann, der lange als einer der größten Krisenverlierer galt. Citi wurde zum Staatsmündel degradiert, die Aktie von der Börse verbannt, Pandit als "Vikula" verhöhnt: "Der machtlose Machtmensch an der Wall Street", verspottete ihn das "New York Magazine" im März 2009.

Miese Zahlen von Goldman Sachs

Inzwischen schreibt Citi wieder satte Gewinne, hat die gesamte 45-Milliarden-Dollar-Staatshilfe zurückgezahlt und ist an die New York Stock Exchange heimgekehrt. Pandit, lobte Citi-Chairman Richard Parsons, habe die Bank "auf den rechten Weg zurückgeführt".

Doch der Schein trügt. Das Investmentgeschäft der Citigroup brach im letzten Quartal 2010 empfindlich ein. Der Kurs liegt immer noch weit unter den einstigen Höchstwerten. Die Zukunft des Konzerns bleibt ungewiss: Pandit ließ fast 41 Milliarden Dollar beiseitelegen, um Citi gegen Verluste abzusichern.

Den meisten anderen US-Großbanken geht es ähnlich. Sicher, sie zahlen ihren Stars wieder tolle Boni. Doch die regulären Gehälter stagnieren oder sind geschrumpft, und die jüngsten Umsatzzahlen blieben auffallend durchwachsen. Den größten Schock erlitt vorige Woche Wall-Street-Rudelführer Goldman Sachs Chart zeigen: Die Großbank büßte im vierten Quartal 2010 mehr als die Hälfte ihres Gewinns ein.

Zocken ist tabu

Die Finanzkrise hat die einstigen Titanen kräftiger durchgerüttelt, als sie mit Bonusorgien und Buchhaltungszauber glauben machen wollen. Vielmehr stecken sie mitten in einer historischen Sinn-, wenn nicht gar Existenzkrise.

Denn jetzt, da sich der Staub gelegt hat, stellt sich endgültig heraus: Ihr Geschäftsmodell, voller riskanter Ideen und Finanztricks, hat ausgedient. Wollen die Investment- und Großbanken in ihrer jetzigen Form überleben, müssen sie dringend neue renditeträchtige Optionen finden - was ihnen bisher misslingt.

Wenn sich Pandit also diese Woche mit seinen Kollegen ins verschneite Davos zum Weltwirtschaftsforum flüchtet, werden ihn seine Sorgen nicht loslassen - denn die sind global. Passendes Motto von Davos: "Gemeinsame Normen für eine neue Realität."

Diese Realität ist harsch, für Banken aller Couleur. Egal ob Aktien oder Anleihen: Das Investment-Business dümpelt vor sich hin - und zwar sowohl im Geschäft mit Klienten als auch im Handel auf eigenes Konto. Neue Regulierung, so sehr sie der US-Kongress auch verwässert hat, macht den Bankern das Leben schwer. Alte Profitquellen sind versiegt. Zocken ist tabu. Und das Image, nun ja, es war mal besser.

"Diese Firmen haben mit Märkten zu tun, die seit der Krise in einigen Fällen zwei Drittel ihrer Aktivität eingebüßt haben, und es sieht nicht so aus, als würde das Volumen bald zurückkommen", sagt Banken-Analyst Richard Bove von Rochdale Securities. "Die Banken werden ein paar Jahre brauchen, um sich darauf einzustellen."

"Die Uhr tickt"

Ohnehin ist die Wall Street von heute eine andere als die von 2008. Die Ikonen von einst sind verschwunden:

Während die Überlebenden sich abrackern, die letzten Krisenkadaver aus ihren Bilanzen zu tilgen, suchen sie verzweifelt nach Ersatz für die langjährigen Profittreiber, etwa das riskante Spekulationsgeschäft mit Ramschhypotheken. Wie schwierig beides ist, Tilgen und Ersetzen, erlebt gerade die Bank of America, die aus den Trümmern der vergangenen zwei Jahre als größte Bank der USA hervorhing.

Brian Moynihan krönte sein erstes Jahr als CEO mit einem Milliardenverlust, vor allem dank einer heftigen Immobilienabschreibung. "Nötige Reparaturarbeiten", sagte er. Doch Experten sehen neue Gefahren, sollte sich die Bank nicht berappeln. "Die Uhr tickt", sagte Finanzprofessor Tony Plath dem Wirtschaftsdienst Bloomberg.

Um die Imageschäden aus der Krise und den jüngsten Skandalen auszubügeln, zwingen sich die Wall-Street-Banken zugleich zu immer mehr Transparenz. Goldman Sachs hat seine Geschäftsprinzipien überarbeitet und will sich künftig mehr in die Karten schauen lassen, unter anderem beim Risikomanagement. So umfasste die letzte Quartalsbilanz 15 Seiten - drei Seiten mehr als die vorherige. Morgan Stanleys Quartalsbericht kam diesmal auf 30 Seiten und beinhaltete regionale Zahlen, Abteilungsergebnisse und Kompensation.

Goldmans PR-Fiasko mit Facebook

Hypotheken, lange das Füllhorn der Banken, sind erst recht zu Mühlsteinen geworden. Aufgeben wollen - und können - sie dieses Business freilich nicht. Wie die "New York Times" meldet, plant Washington, das staatlich garantierte, also relativ risikofreie Hypothekengeschäft seiner lädierten Spezialbanken Fannie Mae und Freddie Mac abzutreten. Wer steht als Interessent auf der Matte? Die Wall Street.

Der Haken: Geringes Risiko, geringer Gewinn. Das gilt vor allem auch für den spekulativen Eigenhandel der Banken, einem Mitauslöser der Krise, den die US-Finanzreform 2010 stark einschränkte. Wie sich die Umsetzung der Reform in den Bilanzen niederschlägt, wird sich zwar erst zeigen. Die Banken fürchten aber jetzt schon mehr Kontrolle, mehr Einschränkungen - und weniger Freiheit.

Auch wenn der Kongress die nach dem früheren US-Zentralbankchef Paul Volcker benannte "Volcker-Regel" abschwächte, die ursprünglich eine völlige Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken anpeilte - das Laissez-faire ist erst mal vorbei. "Die 'Volcker-Regel' zwingt alle, die noch Eigenhandel-Abteilungen haben, diese Geschäfte zu schließen", prophezeit Aktienanalyst Ben Wallace.

"Ich war schockiert"

Und so suchen sie überall nach unerschlossenen Profitquellen - und setzen sich damit ganz neuen Risiken aus. Der Milliarden-Deal mit Facebook, über den Goldman Sachs seine Top-Klienten an einem künftigen Börsengang des Internetgiganten teilhaben lassen wollte, wurde zum unerwarteten PR-Debakel: Aus Angst, dass die Börsenaufsicht SEC dazwischenfunken könnte, sperrte die Bank ihre amerikanischen Kunden vom lukrativen Facebook-Einstieg aus.

Die Folgen waren verheerend. Goldman-Klienten beschwerten sich öffentlich. "Sie haben mir den Teppich unter den Füßen weggezogen", klagte einer im "Wall Street Journal". Auch Facebook zeigte sich konsterniert. "Ein Fiasko", sagte Bankenanalyst Chris Whalen dem US-Radiosender NPR. "Ich war schockiert."

Der Ernst der Lage ist allen klar. Mitte Januar gab Goldman Sachs die Ergebnisse einer Umfrage unter mehr als 200 Klienten bekannt. Zwar hätten die meisten die "sehr angesehene Marke" Goldman Sachs gelobt. Trotzdem hätten viele Bedenken gehabt, "ob die Firma ihren traditionellen Werten treu geblieben" sei: "In einigen Fällen habe die Firma ihre Interessen und kurzfristige Anreize zu stark gewertet."

Was Goldman nicht davon abhielt, in seiner Jahresbilanz 2010 acht Tage später insgesamt 15,3 Milliarden Dollar für Bonuszahlungen festzuschreiben - rund 430.000 Dollar pro Mitarbeiter.

Mit Material von Reuters

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1. Sinnkrise?
Celestine, 24.01.2011
---Zitat--- Denn jetzt, da sich der Staub gelegt hat, stellt sich endgültig heraus: Ihr Geschäftsmodell, voller riskanter Ideen und Finanztricks, hat ausgedient. Wollen die Investment- und Großbanken in ihrer jetzigen Form überleben, müssen sie dringend neue, renditeträchtige Optionen finden - was ihnen bisher misslingt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741137,00.html ---Zitatende--- Das Geschäftsmodell habe ausgedient? Man brauche neue Modelle? Dann weiß Herr Pfitzke mehr als die New York Times, 12. Dez. 2010. Laut dem Artikel hat sich der Umfang des Derivatenhandels nur unwesentlich verringert. Zunehmend weichen die Spekulanten auf die Commodity Markets aus, besonders beliebt: Agrarprodukte aller Art ... http://www.nytimes.com/2010/12/12/business/12advantage.html?_r=2&pagewanted=1&partner=rss&emc=rss&src=igw
2. ...
kalumeth 24.01.2011
Zitat von sysopAllen Bonus-Orgien zum Trotz: Die Wall Street steckt in der Sinnkrise. Das alte Geschäftsmodell der Investmentbanken ist tot, neue Geldquellen sind nicht in Sicht. Verzweifelt suchen die Finanzkonzerne renditeträchtige Anlagen - und gehen in ihrer Not wieder hohe Risiken ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741137,00.html
Wie wärs mal mit legaler Lohnarbeit?
3. Sie meinen sicher
Berta, 24.01.2011
Zitat von kalumethWie wärs mal mit legaler Lohnarbeit?
legale Zeitarbeit. ;-)
4. Rette sich wer kann!!!
Transmitter, 24.01.2011
Zitat von sysopAllen Bonus-Orgien zum Trotz: Die Wall Street steckt in der Sinnkrise. Das alte Geschäftsmodell der Investmentbanken ist tot, neue Geldquellen sind nicht in Sicht. Verzweifelt suchen die Finanzkonzerne renditeträchtige Anlagen - und gehen in ihrer Not wieder hohe Risiken ein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741137,00.html
Ausgezeichneter Bericht. Der hat ja schon zeitgeschichtliche Dimensionen! Fazit für "Normalbürger": Rette sich wer - noch - kann! Das Ding kann nicht gut gehen!
5. Diebstahl als Beruf
Andreas Kah 24.01.2011
Nach meinem bescheidenen Wissen ist Investmentbanking letztlich der Versuch gewesen, Papieren einen Wert "anzuspekulieren", sich mit Gewinn davon zu machen und dumme Käufer mit wertlosem Ramsch zurück zu lassen. Jetzt wo alles in Trümmern liegt, stürzt man sich auf die einst so langweiligen realen Märkte, wo echte Ware gehandelt wird. Man kommt aber nicht als Anbieter oder Käufer einer Ware. Auch hier ist das alleinige Ziel, durch Marktmanipulation Geld in die eigenen Taschen umzuleiten, das immer breiteren Bevölkerungskreisen durch steigende Preise gestohlen wird. Für mich sind diese amerikanischen Banker nichts als Gauner, die die Welt nicht braucht. Abschaffen!
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