Manipulierte Zinssätze: Deutsche Bank will im Libor-Skandal auspacken

Im Skandal um manipulierte Zinssätze versuchen mehrere Banken, die drohenden Strafen abzumildern. Die Deutsche Bank hat nach SPIEGEL-Informationen bei der EU-Kommission und in der Schweiz eine Kronzeugenregelung beantragt. Ärger könnte aus den USA drohen.

Anshu Jain und Jürgen Fitschen: Rückschlag für die neuen Chefs Zur Großansicht
DPA

Anshu Jain und Jürgen Fitschen: Rückschlag für die neuen Chefs

Hamburg/Washington - Die Deutsche Bank will mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten, um mit möglichst geringen Schäden aus der Libor-Affäre um manipulierte Zinssätze herauszukommen. Der Konzern hat nach SPIEGEL-Informationen schon 2011 bei der EU-Kommission sowie in der Schweiz eine Kronzeugenregelung beantragt und kürzlich erlangt. Die Bereitschaft zur Kooperation könnte mögliche Strafen abmildern. Das Institut wollte sich dazu nicht äußern.

"In der Deutschen Bank herrscht Nervosität", heißt es im Umfeld des Instituts. Die Affäre ist ein Rückschlag für die neuen Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die das lädierte Image der Bank aufpolieren wollen.

Deutschlands größte Bank wird neben rund 20 anderen Finanzkonzernen verdächtigt, zwischen 2005 und 2011 den Libor durch falsche Angaben beeinflusst zu haben. Der Schlüsselzins für viele Finanzgeschäfte wird von einer Gruppe großer Banken ermittelt, die täglich jeweils einen Zinssatz an den britischen Bankenverband melden. Das britische Institut Barclays hatte als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt und muss eine Strafe von 450 Millionen Dollar zahlen.

US-Justizbehörden bereiten angeblich mehrere Klagen vor

Ähnlich hohe Summen drohen nach Einschätzung von Experten auch den anderen Instituten. Laut einer Studie der US-Bank Morgan Stanley Chart zeigen könnten die Bußgeldzahlungen je Bank sogar zwischen 450 und 850 Millionen Dollar liegen. Hinzu kommt das Risiko durch zivilrechtliche Verfahren. In den USA haben Investoren bereits mehrere Sammelklagen eingereicht - unter anderem das kleine Frankfurter Bankhaus Metzler. Insgesamt könnten auf die beteiligten Banken laut Morgan Stanley Strafen und Schadensersatzforderungen von bis zu 22 Milliarden Dollar zukommen.

Seit die Behörden weltweit ermitteln, setzte 2011 ein Wettlauf der Banken um Immunität ein. In Brüssel etwa haben auch die UBS Chart zeigen und Barclays Chart zeigen Kronzeugenstatus. Nur die erste Bank, die kooperiert, genießt Immunität, zwei weitere können auf mildere Urteile hoffen. Doch in den USA und London sicherten sich andere Banken den Schutz.

Dabei drohen gerade dort hohe Strafen. Wie die "New York Times" berichtet, bereitet das US-Justizministerium Strafverfahren gegen mehrere Banken und einige ihrer Angestellten vor. Im Verlauf des Jahres solle zumindest gegen ein Institut Klage eingereicht werden, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise. Einige Banken, darunter mindestens zwei europäische Geldhäuser, arbeiteten laut Aussagen von Anwälten bereits an Vergleichen.

Unter den betroffenen Einzelpersonen seien auch Händler von Barclays. Die Einigung des britischen Geldhauses mit den Aufsichtsbehörden schützt die einzelnen Händler nicht vor Strafverfolgung.

Diese Meldung kommt aus dem neuen SPIEGEL. Hier können Sie das Heft kaufen.

stk/Reuters

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insgesamt 71 Beiträge
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1. wann...
lodjur 15.07.2012
wird die gesellschaft sich endlich gegen dieses korrupte, kriminelle und vollkommen skrupelfreie bankunwesen sowie gegen eine politik zu erheben, die diese leute gewähren lässt? sie treiben mit ihren marktradikalen, menschenverachtenden ideologien, ihrer art der kapitalvergabe, ihren zinsen und spekulationen weltweit millionen menschen in die verelendung. nur für sie selbst gelten die regeln des freien marktes nie. das kleinunternehmen, das sich nicht mehr refinanzieren kann, geht pleite, und die bank wird mit milliarden steuergeldern von denen gerettet, die sie auspresst bis aufs letzte. und weil das alles immer noch nicht reicht, wird dann noch manipuliert und betrogen - aber siehe da: auch hier sind die "strafen" kaum der rede wert, und über "kronzeugenregelungen" gibt es mildernde umstände. die menthalität dahinter ist klar: auf jeden fall alles versuchen, und wenn man dummerweise erwischt wird, lässt sich das ja mit wenig einsatz aus der welt schaffen. hier ist eine ganze branche, die schon längst nicht mehr auf dem boden demokratischer und rechtsstaatlicher grundsätze steht, dabei, auszutesten, wie weit sie gehen kann. und da immer neue grenzüberschreitungen zugelassen werden, wird sie immer dreister, immer skrupelloser. viele der menschen, die in ihr arbeiten, halten sich für eine wirtschaftliche, geistige und moralische elite. sie haben längst jeden bezug zur realität verloren. wie lange noch? wollen wir warten, bis deren macht zu groß geworden ist, um sie noch ohne einen gewaltsamen umbruch zu brechen?
2. Mein Gott
abominog 15.07.2012
Die Banken machen exorbitante Gewinne, bezahlen ihre Angestellten fürstlich bis königlich, haben effektiv NULL Risiko, müssen nicht malochen wie so manch andere Bürger, leben quasi anstrengungslos in Saus und Braus, wurden weltweit respektiert und geachtet - und dann sowas? Menschenskinder, was ist nur mit euch Bankster passiert?
3.
Jochen Binikowski 15.07.2012
Ich habe noch nie verstanden was Geldstrafen bei organisierter Kriminalität, also z.B. die Manipulationen der Großbanken, bewirken sollen. Ein paar Monate Knast für die CEOs würde Wunder wirken.
4. Eigentlich sollte es endlich mal auffallen
nicolo1782 15.07.2012
Immer wenn in den letzten Jahren Illegales im Bereich der Banken entdeckt wurde, die Deutsche Bank war an vorderster Front dabei und zwar international. Aber Herr Ackermann und jetzt Herr Jain gelten immer noch als ehrenwerte Männer und dürfen z.B. beim CDU-Witschaftstag in Begleitung der Kanzlerin auftreten.
5. ganz einfach...
derlabbecker 15.07.2012
Zitat von sysopIm Skandal um manipulierte Zinssätze versuchen mehrere Banken, die drohenden Strafen abzumildern. Die Deutsche Bank hat nach SPIEGEL-Informationen bei der EU-Kommission und in der Schweiz eine Kronzeugenregelung beantragt. Ärger könnte aus den USA drohen. Skandal um Libor: Deutsche Bank beantragt Kronzeugenregelung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,844446,00.html)
... Strafe in Höhe eines Jahresgewinnes, und gleichzeitig Verbot diese Strafe im Folgejahr steuerlich geltend zu machen. Dann hört die Zockerei und der Beschiss auf, wenn die einfach mal so 10 Mrd. Strafe abdrücken müssen....
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Interbankenmarkt und Libor-Zinssatz
Interbankenmarkt
Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Banken, die kurzfristig Geld übrig haben, verleihen es an Banken mit kurzfristigem Finanzbedarf. Geber- und Nehmerbanken wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen, denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieses Vertrauen ist seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 gestört. Weil deshalb der Interbankenmarkt nicht mehr richtig funktioniert, müssen immer wieder die Notenbanken einspringen und die Geschäftsbanken mit billiger Liquidität versorgen.
Libor-Zinssatz
Der Libor - die London Interbank Offered Rate - wird seit den achtziger Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz, an dem sich zahlreiche andere Kredite mit variablem Zinssatz orientieren.
Wie kann der Libor manipuliert werden?
Das Problem ist, dass es auf dem Interbankenmarkt im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft an Transparenz mangelt. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen.
Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?
Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie auch für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung: Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können dabei jenen Händlern zu Gewinnen verhelfen, die mit Hilfe entsprechender Derivate auf niedrige Zinsen gewettet haben.
Weiß man, wie viel Geld die Zinsmanipulationen eingebracht haben?
Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.
Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?
Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro Interbank Offered Rate - für den Euro. Er wurde im Jahr 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die im Vergleich zum Libor höhere Zahl der beteiligten Banken soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen beim Euribor.