Skeptische Finanzmärkte Euro schlittert in Existenzkrise

Der Absturz des Euro ist ein erschreckendes Signal: Die Finanzmärkte bezweifeln, dass Griechenland seine Probleme in den kommenden Jahren lösen kann. Die Europäische Zentralbank fürchtet nun einen Flächenbrand - es geht um nicht weniger als die Existenz der Gemeinschaftswährung.

Protest in Griechenland: Zweifel, ob die Bevölkerung mitzieht
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Protest in Griechenland: Zweifel, ob die Bevölkerung mitzieht

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Berlin - José Luis Zapatero gilt nicht als Heißsporn. Der spanische Ministerpräsident verliert selten die Fassung. Jetzt jedoch trat er in Brüssel sichtlich genervt vor die Mikrofone. An den Finanzmärkten kursierten Gerüchte, denen zufolge Spanien im Kürze einen Antrag auf Finanzhilfe durch die Euro-Gemeinschaft stellen wolle. "Das ist kompletter Irrsinn", polterte Zapatero.

Doch sein Ausbruch am Dienstag dieser Woche schürte das Misstrauen erst noch. Und so genügte auch die Bestätigung der erstklassigen Bonität Spaniens durch die Rating-Agentur Fitch nicht mehr, um die Investoren zu beruhigen. Die Risikoprämien für Kreditausfallversicherungen auf spanische Staatsanleihen verteuerten sich innerhalb weniger Handelsstunden sprunghaft um 18,5 Prozent.

Ein Gerücht mit unbekannter Quelle, ein nervöses Dementi eines Regierungschefs - es braucht derzeit wenig, um die Finanzmärkte in Aufruhr zu versetzen. An diesem Mittwoch teilte dann die US-Ratingagentur Moody's mit, Portugals Staatsanleihen drohe erneut eine Abwertung der Bonität um ein, zwei Stufen.

Der Eindruck: Immer weniger Investoren scheinen bereit, auch nur einen Cent auf Europas Regierungen und die Gemeinschaftswährung zu setzen. Dabei richtet sich das Misstrauen nicht allein gegen Staaten wie Griechenland, Spanien und Portugal. Das Problem ist mittlerweile viel größer. Der Euro insgesamt gerät unter Druck.

In der Nacht zum Mittwoch fiel sein Kurs erstmals seit April 2009 unter die Marke von 1,30 Dollar - und nähert sich nun einem Wert von 1,28 Dollar. Experten wie Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehen davon aus, dass am Ende rund 1,20 Dollar auf dem Kurszettel stehen könnten. Die Analysten der Bank of New York Mellon gehen sogar von 1,10 Dollar aus, und manche Fachleute gehen noch weiter. "Bis zum Jahresende könnte ich mir eine Parität zum Dollar vorstellen, da die Märkte ja bekanntlich gern übertreiben", sagte der Präsident des deutschen Exportverbands, Anton Börner, an diesem Mittwoch. Auf gut Deutsch: Ein Euro könnte dann nur noch einen Dollar wert sein.

An und für sich stellt die Abwertung kein Problem dar. Im Gegenteil: Lange Zeit klagte die Wirtschaft über einen zu teuren Euro im Vergleich zur US-Währung. Auch im Verhältnis zum chinesischen Yuan, der an den Dollar gekoppelt ist, fühlten sich die Europäer im Nachteil. "Wenigstens dieser Druck lässt jetzt ein wenig nach", sagt ein Händler.

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Doch überbewerten sollte man die Vorteile eines vergünstigten Wechselkurses nicht. "Speziell die deutsche Industrie ist in den weniger preissensiblen Hochtechnologie-Segmenten stark", sagt Belke. "Dementsprechend ist der Vorteil jetzt begrenzt." Dazu komme, dass sich die Unternehmen nach den Erfahrungen mit vergangenen Währungsschwankungen weithin abgesichert und damit das Risiko volatiler Wechselkurse weitgehend eliminiert hätten.

Umgekehrt bringt ein niedriger Eurokurs kaum Nachteile. Für Touristen aus Euro-Ländern werden Auslandsreisen teurer, aber sonst - nicht einmal der in Dollar zu entrichtende Ölpreis stellt nach Ansicht von Experten ein Problem dar: "Die hohe Kaufkraft des Euro hat in der Vergangenheit Spielräume für Preiserhöhungen geschaffen", sagt Belke. Diese seien jetzt wieder geringer geworden.

Das eigentliche Drama des Kursverfalls liegt woanders. "Die Finanzmärkte trauen den Europäern schlicht nicht mehr zu, dass sie die Schuldenkrise in den Griff bekommen", sagt Manfred Jäger, Finanzmarktexperte beim Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft.

Sparpaket geht nicht weit genug

Noch deutlicher wird Mohammed El-Erian, Topmanager von Pimco, einem der größten Anleihe-Spezialisten der Welt: "Die Nothilfen für Griechenland werden zwar die Liquiditätsengpässe beseitigen, die Solvenzprobleme des Landes aber nicht lösen." Erik Nielsen von Goldman Sachs glaubt gar, dass die Hilfsgelder kaum ausreichen, um den angepeilten Zeitraum von drei Jahren zu überbrücken.

Im Sanierungsprogramm der griechischen Regierung klaffen erhebliche Lücken. Für die Jahre 2013 und 2014 sind zwar Einsparungen von rund zehn Milliarden Euro angekündigt. Laut "Financial Times Deutschland" fehlen aber konkrete Vorschläge, wo Athen kürzen will. Auch bei den für 2012 angekündigten Sparmaßnahmen gebe es noch eine Kluft von rund 900 Millionen Euro. Hinzu kommen Zweifel, ob die griechische Bevölkerung dem drakonischen Spardiktat folgen wird - vor allem nach den Demonstrationen an diesem Mittwoch.

Wie dramatisch die Verantwortlichen die Situation beurteilen, zeigt eine bemerkenswerte Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie kündigte an, künftig auch Ramschanleihen als Sicherheiten für Bargeld zu akzeptieren. "Das ist ein eklatanter Bruch der selbst gesetzten Regeln", sagt DIW-Finanzexperte Belke. "Daran werden sich die Marktakteure noch lange erinnern."

Den Zentralbankern sitzt die Angst vor einem Flächenbrand im Nacken, den sie nicht mehr kontrollieren könnten und der die Währungsunion pulverisieren könnte. "Ein Zahlungsausfall Griechenlands würde in der gegenwärtigen sehr fragilen Lage ein erhebliches Risiko für die Stabilität der Währungsunion und des Finanzsystems darstellen", sagt Bundesbank-Präsident Axel Weber. Er sehe die Gefahr der Ansteckung für weitere Mitgliedstaaten der Währungsunion und "sich verstärkende Rückkopplungseffekte auf den Kapitalmärkten".

"Hier wird im Moment von Spekulanten ein Angriffskrieg gegen die Euro-Zone geführt", sagte Jochen Sanio, Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im Haushaltsausschuss des Bundestags.

Europäische Zentralbank bricht Tabus

Mittlerweile wird über einen noch weitergehenden Schritt spekuliert: Demnach könnte der EZB-Rat am Donnerstag bei seiner turnusmäßigen Zinssitzung den Ankauf griechischer Staatsanleihen in Erwägung ziehen - ein Schritt, der noch vor wenigen Wochen undenkbar schien.

"Wir glauben, die EZB wird ins Endspiel gezwungen werden und falls nötig Griechenland sogar mit einem Schutzwall umgeben, indem sie ein großes Hilfspaket für Spanien schnürt", schreiben die Analysten der Schweizer Großbank Credit Suisse in einer neuen Studie. Die Hüter des Euro hätten schlicht "keine andere Option". Der Grund: In den Depots europäischer Banken befinden sich enorme Mengen an Staatsanleihen Griechenlands und anderer Problemländer.

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Sollte es tatsächlich zu diesem Schritt kommen, dann blieben nicht mehr viele Optionen, um den Euro zu retten. Der Ankauf von Staatsanleihen ist eine der letzten Karten, die die EZB überhaupt spielen kann, um Griechenland vor dem Bankrott zu retten.

Sollte der Plan nicht aufgehen, sieht es für den Euro schlecht aus.

insgesamt 195 Beiträge
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Baikal 05.05.2010
1. Juristen und Sparkassenonkel
Zitat von sysopDer Absturz des Euro ist ein erschreckendes Signal: Die Finanzmärkte bezweifeln, dass Griechenland seine Probleme in den kommenden Jahren lösen kann. Die Europäische Zentralbank fürchtet nun einen Flächenbrand - es geht um nicht weniger als die Existenz der Gemeinschaftswährung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,693196,00.html
Kein Wunder, der Euro war und ist falsch konstruiert, genau wie die EZB. Statt einseitig auf die Geldwertstabilität zu setzen, wäre eine Anlehnung an das Magische Dreieck richtig gewesen: Preisstabilität, eine ausgeglichene Handelsbilanz und Vollbeschäftigung. Die vierte, auch noch mögliche Ecke wäre Wachstum gewesen, aber eben nicht drei Prozent sind drei Prozent von dem mit Augebrauen (einem Juristen) und einem Sparkassenopa wie Köhler. Nun haben wir den Salat, Nölling, Schachtschneider und Hankel hatten Recht.
egomeabsolvo, 05.05.2010
2. Weg damit!
Diesen Euro wollte ich nie, wie viele andere auch. Jetzt haben die, weiland vielgescholtenen, Euroskeptiker einen kräftigen Schwung schnelles Wasser auf ihre Mühlen erhalten. Ich hoffe, dass der Teuro in diesen Wassern ersäuft! Der Staat wird sich bei der Einführung einer neuen nationalen Währung gesundstoßen, denn es glaubt doch niemand ernsthaft, dass Staatsschulden redlich umgerubelt werden? Also: raus aus Staatsanleihen und ähnlichen Junk-Bonds, rein in die Sachwerte. Heißer Tip: Gold und Silber überdauern fast alles und alle...auch unsere Bürokrakengesteuerte Eurodemokratur!
ruplanb 05.05.2010
3. Für ein titelfreies Spon-Forum !
Zitat von sysopDer Absturz des Euro ist ein erschreckendes Signal: Die Finanzmärkte bezweifeln, dass Griechenland seine Probleme in den kommenden Jahren lösen kann. Die Europäische Zentralbank fürchtet nun einen Flächenbrand - es geht um nicht weniger als die Existenz der Gemeinschaftswährung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,693196,00.html
Ich wundere mich über die Fahrlässigkeit bei der Aufnahme Griechenlands. Nicht die aktuellen Probleme Griechenlands sind das Problem. Das Problem sind diejenigen, die Griechenland bei der Aufnahme bedenkenlos durchgewunken haben. Das politische EU-Establishment und der EU-Beamtenapparat. Es gibt keine Verantwortlichen, keine Fehler, keine Konsequenzen. Aus diesem Grund wird der Euro scheitern - leider.
kippelman 05.05.2010
4. Lieber ein Ende mit Schrecken
Ich halte es für falsch Griechenland unter solchen Bedingungen mit aller Gewalt halten zu wollen. Das Land hätte nie in die Eurozone gehört und jetzt mit aller Gewalt an den Fehlern der Vergangenheit festzuhalten bringt nichts. Wenn Griechenland aus der Eurozone herausfliegt dann gibt es ein Ende mit Schrecken - klar. Anleihen werden endlich wieder so bezahlt wie es die aktuelle Bonität des Landes verdient und nicht mit ungerechtfertigt niedrigen Zinsen weil sich jeder auf den Verbund verläßt! Natürlich werden Portugal und Co dadurch die nächsten Opfer. Andererseits wird das auch nicht durch Hilfen verhindert werden können, dazu sind die Probleme zu gigantisch. Natürlich baden wir's trotzdem mit aus - Versicherungen etc. haben jede Menge von den Schrottanleihen in den Büchern und das wirkt sich natürlich auf die Lebensversicherungen aller aus. ABER: wenn die Schuldenländer in den Staatsbankrott gehen und ihre Schulden über Nacht abwerten müssen, dann zahlen ALLE - international, also auch amerikanische Fonds usw. Die bei der "Hilfe" alle aussen vor blieben und sich die Hände reiben. Was soll also dieses Spendenpaket für internationale Anleger? Dieses sture Festhalten an den Fehlern der Vergangenheit wird uns nur noch mehr in die Bredouille reiten.
altmannn 05.05.2010
5. .
Zitat von sysopDer Absturz des Euro ist ein erschreckendes Signal: Die Finanzmärkte bezweifeln, dass Griechenland seine Probleme in den kommenden Jahren lösen kann. Die Europäische Zentralbank fürchtet nun einen Flächenbrand - es geht um nicht weniger als die Existenz der Gemeinschaftswährung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,693196,00.html
Von Beginn an war eine kontrollierte Insolvenz Griechenlands die einzige tragfähige Lösung des Problems. Wie eigentlich IMMER in der letzten Zeit entschieden sich die Politikdarsteller gegen die Vernunft, um ihren Bossen (Ackermänner aller Art) gefällig zu sein. Nun kommen die hässlichen Einzelheiten des Rettungspaketes langsam aus dem Schatten getreten, incl. bail-out Garantie für alle Staaten, die sich nicht mehr unter 5% am "Markt" refinanzieren können. Ein Fest für die Spekulanten und "Anleger"! Dazu die Annahme der Ramschanleihen als "Sicherheiten" in die Tresore der EZB!!! Sind diese Figuren dem Wahnsinn verfallen?? Un das noch verkaufen als "Es gibt keine Alternative...". Fassungslos im Angesicht der Katastrophe A.
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