Skurrile Firmenhymnen "Ist der Unterkiefer weg, ersetzen wir ihn dir komplett"

Eine Hymne auf künstliche Zähne, eine Ode an die Wohnungslüftung: Hunderte Unternehmen lassen sich firmeneigene Songs komponieren, besonders zu Weihnachten. Die Ergebnisse sind oft peinlich - erreichen aber gerade dadurch ihr Ziel.

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Körperkünstler: Firmenlieder können mitunter recht sonderbar sein
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Körperkünstler: Firmenlieder können mitunter recht sonderbar sein


Hamburg - "Weeestaaaaflex" tönt ein mehrstimmiger Chor jedem Anrufer entgegen, der die Nummer des Gütersloher Filterherstellers Westaflex wählt. Es folgen Weihnachtsglöckchen, ein Beat, und jemand singt: "Die kontrollierte Wohnungslüftung Westa Air Control verbindet gute Luft und Wärme, ja man fühlt sich richtig wohl." Dann teilt eine freundliche Stimme mit, dass über die Weihnachtstage niemand da ist (siehe Hörbeispiel unten).

Nicht nur auf dem Anrufbeantworter von Westaflex begegnet man dem Loblied auf die kontrollierte Wohnungslüftung. Wenn die Mitarbeiter des Mittelständlers ihren Computer hochfahren, ertönt der Ohrwurm ebenfalls. Wenn Geschäftsführer Jan Westerbarkey angerufen wird, dudelt das Lied als Handyklingelton. Und auf der firmeninternen Weihnachtsfeier wurde zu später Stunde der Firmenhit aufgelegt - als Instrumentalversion, die Mitarbeiter sangen Karaoke. "Wenige Unternehmen haben eine solche akustische Identifikation wie wir", schwärmt Westerbarkey. "Das sorgt für Zusammenhalt in der Belegschaft."

Produziert hat den Wohnungslüftungssong die Audio-Marketingagentur Ladage Media in Herford - so wie mehr als tausend andere Firmenlieder. Selten bleibt es bei einer Warteschleife. "Viele kaufen gleich das ganze Paket", sagt Constantin Reineck, Sprecher von Ladage Media. "Sie lassen sich Unternehmenslieder produzieren, die dann bei Firmenveranstaltungen gesungen werden, in der Telefonwarteschleife laufen und in der Werbung vorkommen." Oft würden die Synchronstimmen bekannter Hollywoodschauspieler gebucht.

Das Ziel: Firmen wollen mit sogenanntem Audio Branding ihr Image klangvoll aufpolieren. "Wir haben von Jahr zu Jahr Produktionssteigerungen", sagt Reineck. 1000 bis 20.000 Euro legen die Unternehmen für ein Lied hin, je nachdem, wie aufwendig die Produktion ist. Neben Ladage gibt es noch eine Handvoll anderer Agenturen, die sich auf Unternehmenslieder spezialisiert haben.

Synchronstimmen bekannter Hollywoodschauspieler

Das Spektrum der Songs ist groß. Manche sind lustig, wie das von Con-Dental, einem kleinen Zahnlabor in Fulda. Der Songtext ist mit Reggae-Tönen hinterlegt: "Werden die Zähne immer schiefer, stimmt was nicht mit deinem Kiefer." Und weiter: "Ist der Unterkiefer weg, ersetzen wir ihn dir komplett" (siehe Hörbeispiel). Andere Songs klingen romantisch, wie zum Beispiel das Liebeslied der Deutschen Post an die DHL Packstation. Dort heißt es: "Sie gibt mir Freiheit und ich liebe sie dafür, Pakete senden ist 'ne Kleinigkeit." Es folgt der Refrain "Ja, zum Glück gibt's die Packstation, und sie hat immer für mich Zeit" (siehe Hörbeispiel).

Die skurrilsten Firmenhymnen
Analog zu Nationalhymnen werden auch ganze Firmenhymnen produziert. Das sind Lieder, die nicht in erster Linie Marketingzwecken dienen, sondern sich an die Belegschaft richten und etwa bei Firmenfeiern gesungen werden. "Sie sind ein Vehikel, um die Hierarchien zu durchbrechen", erklärt Reineck. "Die Leute haben ein Gemeinschaftserlebnis, das verbindet."

Oft jedoch hält diese Verbindung nicht lange. Rudi Maier ist Kulturwissenschaftler an der Universität Tübingen. Er beschäftigt sich mit Firmenhymnen und berichtet, dass besonders Unternehmen mit hoher Personalfluktuation Lieder für ihre Mitarbeiter produzieren. Er nennt als Beispiel PricewaterhouseCoopers und KPMG. Der Zweck sei, die Mitarbeiter stärker zu binden.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young wagt gar einen göttlichen Vergleich: Der Konzern ließ den bekannten Gospel "Oh Happy Day" umschreiben. Statt "when Jesus washed my sins away" heißt es nun: "Oh happy day, when Ernst & Young showed me a better way." Das Lied wurde 2001 für neue Mitarbeiter produziert und von einer professionellen Sängerin vorgeführt (siehe Hörbeispiel). Heute jedoch bereut das Unternehmen, ausgerechnet die Stellen, an denen Jesus vorkommt, umgedichtet zu haben. "Im Rückblick ist das schon ein bisschen peinlich", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Eigentlich sei das Lied nur für die Mitarbeiter gedacht gewesen, aber jemand habe es dann einfach ins Internet gestellt.

"Mein Chef steht zu mir, weil ich bin wie ich bin"

Auch viele Lebensmitteldiscounter haben Firmenhymnen. "An so 'nem Tag wie heut ist alles drin, mein Chef, der steht zu mir, weil ich bin, wie ich bin", heißt es etwa bei Kaufland. Und weiter: "Doch ohne dich ist nichts zu machen, bist sehr wichtig sogar. Wir brauchen dich, mach mit, sag einfach ja" (siehe Hörbeispiel). Bei Kaufland heißt es auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Das Lied dient nur internen Zwecken."

Kulturwissenschaftler Maier hat hierfür eine Erklärung: "Viele Firmen legen großen Wert darauf, dass ihre Hymnen nicht nach außen dringen, weil es ihnen peinlich ist." Wie viele Unternehmen genau Firmenhymnen haben, sei deshalb schwer zu beziffern. Die Zahl habe aber zugenommen.

Manchmal dringen auch Lieder, die ursprünglich an die Belegschaft gerichtet waren, gewollt nach außen, wie zum Beispiel das Lied von Air Berlin mit dem Titel "Kerosin im Blut". Vor einigen Jahren hatte der Airport Nürnberg das Lied als Geschenk für Air Berlin produzieren lassen (siehe Hörbeispiel). Die Air Berliner sollen so begeistert gewesen sein, dass die Pressestelle das Lied in der Hotline spielte. Aus Jux schlug ein Münchner Autohändler das Lied beim Münchner Lokalsender Radio Gong vor und ließ die Moderatoren bei der Fluggesellschaft anrufen. Das Lied landete prompt auf Platz eins der Hörercharts und wurde Woche für Woche wiedergewählt. Es folgte eine Live-Aufführung der Warteschleife in München. Bei Youtube gibt es ein Video des Auftritts: Eine blonde Sängerin steht auf der Bühne, um sie herum eine Gruppe Manager, die sich behäbig im Takt wiegt.

"Im Zweifel ist der Chef nicht der Kumpel"

Kulturwissenschaftler Maier sieht Auftritte wie den von Air Berlin kritisch. "Das hat nichts mit Durchbrechen von Hierarchien zu tun. Das Management steht oben auf der Bühne, und die Mitarbeiter stehen unten. Da soll ganz klar gezeigt werden, wer der Boss ist."

Dass in Unternehmen gesungen wird, ist nicht neu. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden die Stände- und Handwerkslieder (siehe Kasten links). Heute werden Unternehmenshymnen meist von der Firmenleitung angestoßen.

Genau darin sieht Maier ein großes Problem. "Es wird versucht, einen Betriebsalltag zu harmonisieren, der voller Spannungen ist." Gerade in Zeiten, in denen Mitarbeiter entlassen werden, sei das ein falsches Signal. Im Zweifel sei der Chef eben nicht der Kumpel. "Wenn die Firmenleitung anordnet, wir singen jetzt zusammen, dann wissen die Mitarbeiter, dass etwas nicht stimmt." Der Kulturwissenschaftler ist sogar der Überzeugung, dass Firmenhymnen ein Krisenphänomen sind.

Heimlich lästern statt auf Kommando singen

Auch während der Opel-Krise tauchte ein Lied auf. Eine Sängerin, die sich Liza nennt und als Opel-Fan ausgibt, schenkte der Belegschaft das Lied "Gebt nicht auf" (siehe Video). In Maiers Augen ist das ein neues Phänomen, weil es nicht die Unternehmensleitung war, die das Lied initiiert hat. "Das ist eine Mischung aus Firmenhymne und Protest gegen die da oben. Das stärkt die Belegschaft wirklich."

Meist identifizieren sich aber nur wenige Mitarbeiter mit dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Das Ergebnis einer Umfrage des Gallup-Instituts aus dem Jahre 2008 zeigt: Nur 13 Prozent der Befragten fühlen sich emotional an ihr Unternehmen gebunden. 67 Prozent leisten Dienst nach Vorschrift, 20 Prozent haben bereits innerlich gekündigt.

Eine Firmenhymne könne durchaus eine positive Wirkung haben, glaubt Maier, wenn auch anders als von der Firmenleitung beabsichtigt: Nämlich dann, wenn die Mitarbeiter heimlich über die Integrationsarbeit lästern - so etwas schweiße wirklich zusammen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Lexington67 26.12.2009
1. Die Zahlen der Umfrage....
Die Zahlen der Umfrage überraschen jetzt nicht wirklich. Da in Zeiten des Turbokapitalismus der Mitarbeiter nur noch als "Human Resources" und Kostenfaktor gesehen wird, der im Falle eines Falles einfach vor die Tür gesetzt wird muss man sich nicht wundern wenn die Mitarbeiter ihren Betrieb auch nur noch als Einnahmequelle sehen, die es unter Umständen so schnell wie möglich zu substituieren gilt. Für eine emotionale Bindung ist da nicht mehr viel Raum, die würde sich eher als stärend erweisen. Es würde mich auch nicht wirklich wundern, wenn die 13% die sich dem Unternehmen verbunden fühlen von "altem Schrot und Korn" und schon seit ewigen Zeiten Mitarbeiter in ein und demselben Unternehmen sind.
Thomas Gr. 26.12.2009
2. Ja wo singen sie denn ...
Zitat von sysopEine Hymne auf künstliche Zähne, eine Ode an die Wohnungslüftung: Hunderte Unternehmen lassen sich firmeneigene Songs komponieren, besonders zu Weihnachten. Die Ergebnisse sind oft peinlich - erreichen aber gerade dadurch ihr Ziel. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,668735,00.html
Manche Songs, die vermutlich das "Wir-Gefühl" steigern sollen. lassen sich nur im volltrunkenden Zustand ertragen. Den meisten Auftraggebern scheint dies auch bewusst zu sein, sonst würde man den Song im Sinne der Corporate-Identity nutzen und offensiv an die Öffentlichkeit gehen! Aber nein - die wehr- und hilflosen Mitarbeiter sind die bevorzugten Opfer. Haltet durch, wir sind in Gedanken bei Euch!
Realo, 26.12.2009
3. Jepp !
Zitat von Lexington67Die Zahlen der Umfrage überraschen jetzt nicht wirklich. Da in Zeiten des Turbokapitalismus der Mitarbeiter nur noch als "Human Resources" und Kostenfaktor gesehen wird, der im Falle eines Falles einfach vor die Tür gesetzt wird muss man sich nicht wundern wenn die Mitarbeiter ihren Betrieb auch nur noch als Einnahmequelle sehen, die es unter Umständen so schnell wie möglich zu substituieren gilt. Für eine emotionale Bindung ist da nicht mehr viel Raum, die würde sich eher als stärend erweisen. Es würde mich auch nicht wirklich wundern, wenn die 13% die sich dem Unternehmen verbunden fühlen von "altem Schrot und Korn" und schon seit ewigen Zeiten Mitarbeiter in ein und demselben Unternehmen sind.
Da stimme ich Ihnen zu ! Trotzdem halte ich persönlich es für erschreckend wie wenig Arbeitnehmer sich noch mit "ihrem" Unternehmen idenifizieren. Ihre anderen Argumente treffen ebenfalls zu, sind aber für mich deprimierend. Ich habe 36 Jahre für einen Konzern gearbeitet bevor ich mich selbstständig gemacht habe. Mit dem Unternehmen konnte ich mich immer identifizieren. Nein, wir hatten keine Hymne ;-)
Zyklotron, 26.12.2009
4. Ein Volk, ein Lied, eine Firma.
Die Sache mit den Firmenhymnen erinnern ein bisschen an die Lobeshymnen, mit der manche Diktatur sich selbst besungen hat. Pure Heuchelei.
Bala Clava 26.12.2009
5. Wie geht denn die Spiegel-Hymne?
"Oh, Sturmgeschütz der De-moh-ho-krah-tieh, du enttäuscht die Leh-heser niehiehie." (c)Text und Musik: Die Teerbohlen.
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