Von Stefan Schultz
Und nicht genug. Ähnliche Produkte bieten die Firmen Ecobee, Lutron und Tendril. Die Firma Visible Energy treibt das Geschäftsprinzip auf die Spitze - sie hat jetzt schon eine App veröffentlicht, obwohl das dazugehörige Energiemanagementsystem erst im kommenden Jahr in die Läden kommt.
Dass der App-Wahn jetzt auch den Energiesektor erreicht, ist kein Zufall, sondern Kalkül. Die modischen Miniprogramme sollen eine Technik, die seit mehr als einem Jahrzehnt den Durchbruch am Markt nicht schafft, endlich trendy machen. Es geht ums Smart Home. Die Vision eines intelligenten, energieeffizienten Hauses.
Schon Anfang der neunziger Jahre entwickelte die Elektroindustrie die technische Grundlage dafür: eine halbintelligente Steuerung von Komponenten unter der Bezeichnung EIB (European Installation Bus). Getan hat sich seitdem wenig. Mehrfach wurde der Boom der Smart Homes ausgerufen und kam dann doch nicht. Öko- und Technikbegeisterte haben die Systeme installiert, aber vielen anderen sind sie noch zu teuer und zu störungsanfällig.
Das soll sich nun ändern. Die Debatte über den Klimawandel hat Energiesparen zum gesellschaftlichen Wert gemacht - und die technische Infrastruktur der Stromkonzerne steht vor gewaltigen Umwälzungen, die es Verbrauchern so leicht wie nie machen wird, die Kosten durch cleveres Energiemanagement zu drücken.
Schlaues Stromnetz begünstigt neue Milliardenmärkte
Hintergrund: Rund um den Globus modernisieren Regierungen ihre Stromnetze mit Milliarden-Förderprogrammen. Ein Smart Grid entsteht, ein schlaues Stromnetz, in dem sich die Energieflüsse an vielen Punkten in Echtzeit messen und kontrollieren lassen (siehe Fotostrecke unten). Ein riesiger Zukunftsmarkt entsteht, denn Energie-, Öko- und IT-Sektor finden zusammen.
Machtgewinn für Verbraucher
Die Vision der neuen Energie-Start-ups: Der Durchschnittsverbraucher der Zukunft soll sich nicht mehr einmal im Jahr über seine Strom- und Gasrechnung ärgern, sondern den Verbrauch einzelner Geräte im Minutentakt kontrollieren können. Er soll sein System so programmieren, dass es ressourcenschonend arbeitet.
Cleantech ("saubere Technik") ist das Schlagwort. Der Marktforscher Pike Research, der sich auf diesen Sektor spezialisiert hat, sieht bei den Heimmangementsystemen allein in den USA bis 2015 einen Markt mit bis zu 28 Millionen Kunden. Martina Ecker, Cleantech-Expertin bei der Investmentbank Jefferies, erwartet, dass große Haushaltsgerätehersteller schon 2010 die ersten internetfähigen Waschmaschinen und Kühlschränke in den Markt einführen. Sie könnten mit den einschlägigen Systemen kommunizieren. Einige Firmen bieten schon jetzt sogenannte Smart Plugs an, Zwischenstecker, die auch Uraltgeräte drahtlos vernetzen.
Hunderte Anbieter richten sich inzwischen auf einen Boom ein - und rüsten sich für einen brutalen Verdrängungswettbewerb. Denn die Technik wird seit den neunziger Jahren entwickelt, es gibt schon ein Überangebot an Herstellern. Experten erwarten ähnliche Gefechte wie in der Gründerzeit des Internets, als Microsoft und Apple mit schmutzigen Tricks um die Vorherrschaft kämpften.
"Jeder hofft, den großen Coup zu landen", sagt Analystin Ecker. "Start-ups wollen sich zum Microsoft oder Google des schlauen Stromnetzes aufschwingen. Sie ziehen Hunderte Investoren und Wagniskapitalgeber an."
Kein Wunder, dass auch die Tech-Riesen auf diesen Markt zielen. Microsoft
ermöglicht den Verbrauchern mit dem System
Hohm mehr Energiekontrolle über das Internet. Google
tüftelt an einem weiteren Kontrollsystem, dem
Google Power Meter. Mit ihm sollen Haushalte ihren Verbrauch rasch um durchschnittlich 15 Prozent senken können. Der US-Multikonzern General Electric
ist als Partner dabei.
iPhone als Köder
Nur über eines rätseln die Anbieter noch: Was wollen die Kunden eigentlich genau? Es mangelt an Studien, wie sie ihre Geräte überwachen wollen und was sie von einem System erwarten, das ihre Hausenergie für sie regelt.
Die iPhone-Apps von eQ-3, Control 4 und anderen Anbietern passen da ins Bild - Branchenkenner werten sie als Werbeversuch und Realitätscheck. "Das iPhone hat durch seine Bedienung die Nutzung des mobilen Internets weit vorangetrieben", sagt Martin Vesper, Geschäftsführer der EnBW-Tochter Yello Strom. Die Hoffnung sei, dass sich das auf die Akzeptanz anderer Innovationen wie die Kontrolle von Haushaltsgeräten übertrage.
Abseits aller PR-Strategien kann die Einbindung von Handys ins Energiemanagement tatsächlich sinnvoll sein. Sie können "als Fernbedienung für diverse Elektrogeräte dienen oder eine SMS schicken, wenn die Waschmaschine fertig ist", sagt David Leeds, Analyst beim Branchendienst Greentech Media. Noch sind die Verbraucher allerdings nicht so weit. Laut einer Pike-Research-Studie können sich nur 13 Prozent der Befragten vorstellen, ihre Elektrogeräte künftig per Smartphone zu steuern. Es braucht also Überzeugungsarbeit.
Sprich: Die Technik so kundenfreundlich wie möglich werden, um den Durchbruch zu schaffen - in puncto Funktionalität, Preis und Vertrieb. Und selbst wenn ein kleiner Hersteller gute Lösungen anbietet, ist er laut Analystin Ecker nicht davor gefeit, durch Vermarktungsoffensiven von Großkonzernen aus dem Markt geboxt zu werden.
Ein riskantes Geschäft - und trotzdem wichtig, sagt Experte Leeds. Denn der Ottonormalverbraucher spielt im Stromnetz eine wichtige Rolle. Laut einer Studie des amerikanischen Energieministeriums wird etwa ein Viertel aller Energie in den Haushalten verbraucht.
Durch intelligente Strommanagementsysteme hofft Leeds auf einen "Toyota-Prius-Effekt". Der Prius löste seinerzeit einen Hybridfahrzeug-Hype aus - und befeuerte eine Öko-Diskussion in der Autobranche.
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