Smarthome-Konzepte: Schalt die Heizung mit dem Handy aus

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Den Haushalt per iPhone steuern: Neue Technik macht's möglich. Mit simpelsten Lösungen für jedermann wollen Start-ups die Verbraucher dazu bringen, Energiemanagement zu betreiben. Ein Massenmarkt mit Milliardenpotential - auf den auch Giganten wie Microsoft und Google drängen.

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iPhone-Apps: Energiekontrolle per Handy
Der Energiesektor hat einen neuen Modetrend. Die iPhone-App. Die deutsche Firma eQ-3 hat ein Programm geschrieben, das Fenster, Heizkörper, Lichtschalter und Dutzende weitere Dinge im Haushalt per Fingerzeig kontrolliert. Das US-Start-up Control4 bietet ein Heimmanagementsystem, das beim Filmegucken automatisch das Licht dimmt und PC und Fernseher sperrt, solange die Kinder Hausaufgaben machen - auch dieses Programm lässt sich seit kurzem über iPhone und iPod Touch steuern.

Und nicht genug. Ähnliche Produkte bieten die Firmen Ecobee, Lutron und Tendril. Die Firma Visible Energy treibt das Geschäftsprinzip auf die Spitze - sie hat jetzt schon eine App veröffentlicht, obwohl das dazugehörige Energiemanagementsystem erst im kommenden Jahr in die Läden kommt.

Dass der App-Wahn jetzt auch den Energiesektor erreicht, ist kein Zufall, sondern Kalkül. Die modischen Miniprogramme sollen eine Technik, die seit mehr als einem Jahrzehnt den Durchbruch am Markt nicht schafft, endlich trendy machen. Es geht ums Smart Home. Die Vision eines intelligenten, energieeffizienten Hauses.

Schon Anfang der neunziger Jahre entwickelte die Elektroindustrie die technische Grundlage dafür: eine halbintelligente Steuerung von Komponenten unter der Bezeichnung EIB (European Installation Bus). Getan hat sich seitdem wenig. Mehrfach wurde der Boom der Smart Homes ausgerufen und kam dann doch nicht. Öko- und Technikbegeisterte haben die Systeme installiert, aber vielen anderen sind sie noch zu teuer und zu störungsanfällig.

Das soll sich nun ändern. Die Debatte über den Klimawandel hat Energiesparen zum gesellschaftlichen Wert gemacht - und die technische Infrastruktur der Stromkonzerne steht vor gewaltigen Umwälzungen, die es Verbrauchern so leicht wie nie machen wird, die Kosten durch cleveres Energiemanagement zu drücken.

Schlaues Stromnetz begünstigt neue Milliardenmärkte

Hintergrund: Rund um den Globus modernisieren Regierungen ihre Stromnetze mit Milliarden-Förderprogrammen. Ein Smart Grid entsteht, ein schlaues Stromnetz, in dem sich die Energieflüsse an vielen Punkten in Echtzeit messen und kontrollieren lassen (siehe Fotostrecke unten). Ein riesiger Zukunftsmarkt entsteht, denn Energie-, Öko- und IT-Sektor finden zusammen.

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E-Auto und Co.: Bausteine der Energie-Revolution
Die Idee der Smart Homes passt in diesen Markt. Denn das schlaue Energienetz soll Stromtarife ermöglichen, die stündlich nach Angebot und Nachfrage variieren, wodurch intelligente Heimmanagementsysteme viel Geld sparen können. Smart-Home-Lösungen könnten sich dann für jedermann lohnen. Und sie könnten sexy werden - durch iPhone-Apps und andere spielerische Lösungen, die die komplexe Technik für jedermann bedienbar machen.

Machtgewinn für Verbraucher

Die Vision der neuen Energie-Start-ups: Der Durchschnittsverbraucher der Zukunft soll sich nicht mehr einmal im Jahr über seine Strom- und Gasrechnung ärgern, sondern den Verbrauch einzelner Geräte im Minutentakt kontrollieren können. Er soll sein System so programmieren, dass es ressourcenschonend arbeitet.

Cleantech ("saubere Technik") ist das Schlagwort. Der Marktforscher Pike Research, der sich auf diesen Sektor spezialisiert hat, sieht bei den Heimmangementsystemen allein in den USA bis 2015 einen Markt mit bis zu 28 Millionen Kunden. Martina Ecker, Cleantech-Expertin bei der Investmentbank Jefferies, erwartet, dass große Haushaltsgerätehersteller schon 2010 die ersten internetfähigen Waschmaschinen und Kühlschränke in den Markt einführen. Sie könnten mit den einschlägigen Systemen kommunizieren. Einige Firmen bieten schon jetzt sogenannte Smart Plugs an, Zwischenstecker, die auch Uraltgeräte drahtlos vernetzen.

Hunderte Anbieter richten sich inzwischen auf einen Boom ein - und rüsten sich für einen brutalen Verdrängungswettbewerb. Denn die Technik wird seit den neunziger Jahren entwickelt, es gibt schon ein Überangebot an Herstellern. Experten erwarten ähnliche Gefechte wie in der Gründerzeit des Internets, als Microsoft und Apple mit schmutzigen Tricks um die Vorherrschaft kämpften.

"Jeder hofft, den großen Coup zu landen", sagt Analystin Ecker. "Start-ups wollen sich zum Microsoft oder Google des schlauen Stromnetzes aufschwingen. Sie ziehen Hunderte Investoren und Wagniskapitalgeber an."

Kein Wunder, dass auch die Tech-Riesen auf diesen Markt zielen. Microsoft Chart zeigenermöglicht den Verbrauchern mit dem System Hohm mehr Energiekontrolle über das Internet. Google Chart zeigen tüftelt an einem weiteren Kontrollsystem, dem Google Power Meter. Mit ihm sollen Haushalte ihren Verbrauch rasch um durchschnittlich 15 Prozent senken können. Der US-Multikonzern General Electric Chart zeigen ist als Partner dabei.

iPhone als Köder

Nur über eines rätseln die Anbieter noch: Was wollen die Kunden eigentlich genau? Es mangelt an Studien, wie sie ihre Geräte überwachen wollen und was sie von einem System erwarten, das ihre Hausenergie für sie regelt.

Die iPhone-Apps von eQ-3, Control 4 und anderen Anbietern passen da ins Bild - Branchenkenner werten sie als Werbeversuch und Realitätscheck. "Das iPhone hat durch seine Bedienung die Nutzung des mobilen Internets weit vorangetrieben", sagt Martin Vesper, Geschäftsführer der EnBW-Tochter Yello Strom. Die Hoffnung sei, dass sich das auf die Akzeptanz anderer Innovationen wie die Kontrolle von Haushaltsgeräten übertrage.

Abseits aller PR-Strategien kann die Einbindung von Handys ins Energiemanagement tatsächlich sinnvoll sein. Sie können "als Fernbedienung für diverse Elektrogeräte dienen oder eine SMS schicken, wenn die Waschmaschine fertig ist", sagt David Leeds, Analyst beim Branchendienst Greentech Media. Noch sind die Verbraucher allerdings nicht so weit. Laut einer Pike-Research-Studie können sich nur 13 Prozent der Befragten vorstellen, ihre Elektrogeräte künftig per Smartphone zu steuern. Es braucht also Überzeugungsarbeit.

Sprich: Die Technik so kundenfreundlich wie möglich werden, um den Durchbruch zu schaffen - in puncto Funktionalität, Preis und Vertrieb. Und selbst wenn ein kleiner Hersteller gute Lösungen anbietet, ist er laut Analystin Ecker nicht davor gefeit, durch Vermarktungsoffensiven von Großkonzernen aus dem Markt geboxt zu werden.

Ein riskantes Geschäft - und trotzdem wichtig, sagt Experte Leeds. Denn der Ottonormalverbraucher spielt im Stromnetz eine wichtige Rolle. Laut einer Studie des amerikanischen Energieministeriums wird etwa ein Viertel aller Energie in den Haushalten verbraucht.

Durch intelligente Strommanagementsysteme hofft Leeds auf einen "Toyota-Prius-Effekt". Der Prius löste seinerzeit einen Hybridfahrzeug-Hype aus - und befeuerte eine Öko-Diskussion in der Autobranche.

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Forum - Verlieren die Energieriesen die Kontrolle?
insgesamt 458 Beiträge
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1. Die werden nicht weniger verdienen!!!
querdenker13 30.09.2009
Zitat von sysopEE-Autos, intelligente Waschmaschinen, Kleinkraftwerke im Keller: Deutschland steht vor einer Energierevolution. Die Kräfteverhältnisse zwischen Verbrauchern und Versorgern verschieben sich dabei grundlegend. verlieren die Konzerne die Kontrolle? Oder werden sie ihre Macht zementieren?
Die großem 4 werden immer Mittel und Wege finden der Bevölkerung das Geld aus der Tasche zu ziehen.
2.
Rainer Daeschler 30.09.2009
Zitat von sysopverlieren die Konzerne die Kontrolle? Oder werden sie ihre Macht zementieren?
So lange sie Mittel und Wege finden politische Entscheidungsträger zu verwöhnen, wird ihnen die Kontrolle nicht entgleiten. Man muss sie nur in Beiräten einbinden und kann sie so mit verhältnismäßig geringen Beträgen, wie 3100,- € im Jahr, gewogen halten. Erwartet man mehr von den Begünstigten, offeriert man Aufsichtsratssitze in Töchtern, das ist nicht so auffällig wie bei der Konzernmutter selber, oder auch berufliche Perspektiven.
3.
Hartmut Dresia 01.10.2009
Zitat von querdenker13Die großem 4 werden immer Mittel und Wege finden der Bevölkerung das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Grundsätzlich gehören Energieversorgungsunternehmen in öffentliche Hände. Hier sind die Kommunen besonders gefordert, da zum Beispiel über Gewinne der Energieversorger der öffentliche Personennahverkehr gefördert werden kann. Gerdae jetzt, da dem Arbeitsmarkt das Wasser bis zum Hals steht (http://www.plantor.de/2009/dem-arbeitsmarkt-steht-das-wasser-bis-zum-hals/), wären EVU in öffentlicher Hand auch sehr geeignet, um wirkungsvolle arbeitsmarktpolitische Impulse zu unterstützen.
4.
AndyH 01.10.2009
Zitat von Hartmut DresiaGrundsätzlich gehören Energieversorgungsunternehmen in öffentliche Hände. Hier sind die Kommunen besonders gefordert, da zum Beispiel über Gewinne der Energieversorger der öffentliche Personennahverkehr gefördert werden kann.
Das hatten wir schon. Soll man zurückverstatlichen?
5.
Rainer Daeschler 01.10.2009
Zitat von AndyHDas hatten wir schon. Soll man zurückverstatlichen?
Dafür spricht einiges, doch in der Praxis nicht in allen Fällen machbar. Schließlich wurden auch ausländische Staastunternehmen eingeladen, sich in Deutschland dumm und dämlich zu verdienen. Frankreich mit 45,01% an der EnBW Schweden mit 100% an Vattenfall Das gibt einen internationalen Scherbenhaufen, wenn man versucht ihnen diese Pfründe wieder zu entreißen.
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