Solar-Förderkürzung Warum RWE und E.on aufatmen

Die Förderung für Fotovoltaik wird deutlich gekürzt - für die deutschen Energieversorger ist das eine gute Nachricht: Denn stetig steigende Solarstrommengen stellen sie vor ernste Probleme. Außerdem kommen die Konzerne nun selbst in den Genuss erheblicher Subventionen.

Von Nils-Viktor Sorge

Solaranlage bei Mainz: Störfaktor für die Konzerne
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Solaranlage bei Mainz: Störfaktor für die Konzerne


Hamburg - Als beste Freunde der erneuerbaren Energien galten die Top-Manager der großen deutschen Versorger nie. In den achtziger Jahren erklärten sie, Wind und Sonne könnten auch in ferner Zukunft keinen nennenswerten Anteil der Stromerzeugung übernehmen. Sie bauten ein riesiges Windrad namens Growian - um zu zeigen, "dass es eben nicht geht", wie von RWE-Vorstand Günther Klätte überliefert ist.

Diese historische Fehleinschätzung kostet die Konzerne heute Milliarden. Die Erneuerbaren tragen jede fünfte Kilowattstunde zum deutschen Strommix bei, unter gütiger Mithilfe des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). RWE Chart zeigen, E.on Chart zeigen, Vattenfall und EnBW Chart zeigen profitieren mangels rechtzeitiger Investitionen kaum und müssen zu allem Übel auch noch ihre Kraftwerke regelmäßig drosseln, weil Sonne, Wind und Co. Vorfahrt im Netz haben.

Da kommt die Förderkürzung für Solarstrom vielleicht gerade noch rechtzeitig. Sie wird den Zubau von Fotovoltaikanlagen wohl deutlich begrenzen. Das verschafft den Versorgern etwas Luft bei ihrem verzweifelten Versuch, nach dem Atomausstieg ihren Platz in der neuen deutschen Energiewelt zu finden.

Solarstrom ersetzt 15 bis 20 Großkraftwerke und drückt Preise

"Die Förderkürzung ist tendenziell positiv für die großen Versorger", sagt Analyst Sven Diermeier von Independent Research. Ihre Kraftwerke könnten nun häufiger ins Netz einspeisen als ohne die Subventionsbremse für Solar.

Das rasante Wachstum der Solarenergie hatte den Konzernen zunehmend Kopfschmerzen bereitet. Auf gigantische 25.000 Megawatt ist allein die Erzeugungskapazität der Fotovoltaik in Deutschland zuletzt angeschwollen. An sonnigen Tagen ersetzt der Solarstrom rechnerisch 15 bis 20 Großkraftwerke.

Zuletzt drohte ein weiterer massiver Zubau, weil die Solartechnik rasante Fortschritte macht und ständig günstiger wird. Das hätte die Kalkulationen der Konzerne vollends auf den Kopf gestellt.

"Solarstrom wirkt doppelt negativ für die Versorger", sagt Analyst Diermeier. Ausgerechnet mittags, wenn Strom traditionell am teuersten war, müssen die Leute von RWE, E.on, Vattenfall und EnBW schon heute viele Kraftwerke drosseln. Dann sehen sie zu, wie die Preise sinken und andere Geld mit der Stromerzeugung verdienen. "Auslastung und Rendite der einzelnen Kraftwerke sind durch das große Angebot an Strom aus erneuerbaren Quellen betroffen", heißt es bei einem Energiekonzern.

Um drei Euro hat sich der Preis pro Megawattstunde Spitzenlaststrom im vergangenen Sommer durch die Solarenergie durchschnittlich verbilligt, das sind grob fünf Prozent. An manchen Tagen rutschten die Notierungen sogar in den negativen Bereich, weil auch ein starker Wind wehte. Zwar verkaufen die Versorger einen Großteil ihres Stroms über Langfristkontrakte. Doch auch diese geraten durch die häufigen Stromschwemmen unter Druck.

"Der Strom aus erneuerbaren Quellen ist für die großen Kraftwerksbetreiber ein absoluter Störfaktor", sagt Analyst Pascal Göttmann von der Münchner Bank Merck Finck. Vor allem der Einsatz von Gaskraftwerken sei unrentabel geworden.

Auch die Milliardeninvestitionen in neue Kohlekraftwerke rentieren sich womöglich schlechter als ursprünglich geplant. "Für neue Großkraftwerke bedeutet der rasante Zubau der erneuerbaren Energien ein kalkulatorisches Risiko", sagt Göttmann.

Freie Bahn für Kohlestrom

EnBW baut beispielsweise eine Anlage in Karlsruhe. E.on hofft noch immer auf die Fertigstellung des Kraftwerks in Datteln. Vattenfall baut in Hamburg, und RWE nimmt derzeit ein 2200-Megawatt-Braunkohlekraftwerk südwestlich von Düsseldorf in Betrieb. Allen Anlagen ist gemein, dass sie sich besser herauf- und herunterfahren lassen als ihre recht unflexiblen Vorgänger. Doch schadet oder nutzt das zu erwartende Hin und Her?

"Die neuen Kohleblöcke werden sich umso mehr lohnen, je weniger Strom aus erneuerbaren Energien eingespeist wird", sagt Analyst Diermeier. "Deutlich noch mehr Solarstrom würde die Rentabilität der Anlagen belasten."

Die Förderkürzung entspannt die Lage zumindest vorläufig. Ohne weitere Förderkürzungen geht der Boom der Erneuerbaren aber weiter, erwartet Energieexperte Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). "Bis zum Jahr 2015 werden wir unsere gesamte Spitzenlast im Sommer mit Solar- und Windenergie decken." Der Strompreis fällt dann weiter, noch mehr konventionelle Kraftwerke müssen vom Netz.

Immerhin profitieren die Versorger langsam selbst vom Vormarsch der Erneuerbaren. Alle setzen auf den Ausbau der Windenergie im Meer und planen große Parks. "Diese Ausrichtung macht sich jetzt bezahlt", sagt Göttmann. Mit einiger Verspätung gliedern sich die Konzerne nun geballt in die Reihe der EEG-Subventionsempfänger ein.

Ironie der Geschichte: Offshore-Windkraft ist inzwischen die teuerste Form der erneuerbaren Energien. Strom aus den Mühlen im Meer wird mit 15 bis 19 Cent pro Kilowattstunde vergütet. Für den von RWE-Chef Jürgen Großmann gern verspotteten Strom aus großen Solarparks gibt es ab März nur noch 13,5 Cent, wenn auch ein paar Jahre länger.

Auch bei den Erzeugungskosten liegt Solar in Deutschland inzwischen gleichauf mit Strom vom Meer. Und die Schere öffnet sich. "Fotovoltaik wird tendenziell billiger, Offshore-Windkraft tendenziell teurer", sagt der Leiter der Abteilung erneuerbare Energien bei der Commerzbank, Jan-Philipp Gillmann.

Ausbau der Windparks im Meer energiepolitisch gewünscht

"Es erklärt sich mir nicht, weshalb man auf die teuerste Lösung setzt", sagt RWI-Experte Frondel mit Blick auf Offshore-Windkraft. "Alte Windkraftanlagen an Land durch neue zu ersetzen, wäre deutlich billiger."

Die Förderkürzung bei Solar verbessert die Lage für Offshore-Wind aber sogar - schließlich lassen sich auf See künftig die höchsten Renditen erwirtschaften. Das dürften Großinvestoren und Banken honorieren. Auch energiepolitisch ist der zunächst teure Ausbau gewünscht.

"Offshore-Windkraft ist für die Energiewende in Deutschland unerlässlich, schon, weil wir ein dicht besiedeltes Land sind", sagt der Chef der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler. Zudem weht der Wind recht stetig und verbessert so die Grundlast-Qualitäten der Erneuerbaren.

Fast scheint es, als würden die großen Versorger mit Verspätung ihre Rolle bei der Energiewende finden - und endlich auch an ihr verdienen.



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bürostuhlpilot 27.02.2012
1. Wer hätte das gedacht..
Zitat von sysopREUTERSDie Förderung für Fotovoltaik wird deutlich gekürzt - für die deutschen Energieversorger ist das eine gute Nachricht: Nun kommen die Konzerne selbst in den Genuss erheblicher Subventionen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,817772,00.html
- die Großkonzerne zocken selber ab. Wo bleiben denn jetzt die kämpferischen Subventionskritiker, die Solarstrom als Abzocke und soziale Ungerechtigkeit brandmarken?
EchoRomeo 27.02.2012
2. Daß man den Photaholiker ihre Märchen nicht austreiben kann
Zitat von sysopREUTERSDie Förderung für Fotovoltaik wird deutlich gekürzt - für die deutschen Energieversorger ist das eine gute Nachricht: Nun kommen die Konzerne selbst in den Genuss erheblicher Subventionen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,817772,00.html
Leider vergessen sie immer zu erwähnen, daß das "ersetzen" nur gegen 12h Mittags bei idealsten Bedingungen der Fall ist. Da aber der Stromverbrauch sich nicht nach dem "Liefervermögen" der Photovoltaik richtet - auch Nachts, im Winter, bei Wolken und anderem Sonnenstand - müssen die Kraftwerke, die PV angeblich ersetz teuer im Leerlauf mitggefahren werden, damit bei Wölkchen und anderem Sonnenstand geliefert werden kann. Sonst geht das Licht aus und stehen die Motoren
Ruhri1972 27.02.2012
3. Ja klar
Es war ja nicht anders zu erwarten, das schwarz/gelb vor der Stromlobby eingeknickt ist. Ich plädiere für einen Musterprozess. Hierbei sollte es um die Gleichstellung von Subventionen nach dem EEG gehen. Egal ob Sonne oder Wind - gleicher Betrag für alle Formen der Erzeugung.
herr_kowalski 27.02.2012
4. Gorbatschow:
Zitat von sysopREUTERSDie Förderung für Fotovoltaik wird deutlich gekürzt - für die deutschen Energieversorger ist das eine gute Nachricht: Nun kommen die Konzerne selbst in den Genuss erheblicher Subventionen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,817772,00.html
Wer zu spät komt, den bestraft das Leben. Grandiose Managerleistungen waren das.
bürostuhlpilot 27.02.2012
5.
Zitat von EchoRomeoLeider vergessen sie immer zu erwähnen, daß das "ersetzen" nur gegen 12h Mittags bei idealsten Bedingungen der Fall ist. Da aber der Stromverbrauch sich nicht nach dem "Liefervermögen" der Photovoltaik richtet - auch Nachts, im Winter, bei Wolken und anderem Sonnenstand - müssen die Kraftwerke, die PV angeblich ersetz teuer im Leerlauf mitggefahren werden, damit bei Wölkchen und anderem Sonnenstand geliefert werden kann. Sonst geht das Licht aus und stehen die Motoren
Das ist das Märchen, was Atomstromkomiker gerne immer wieder verbreiten. An einem bewölkten Sommertag mit einem diffusen Anteil von über 80% kann der Wert der Globalstrahlung durchaus noch 300 W/m² betragen. (https://www.avu.de/index.php?page=2081) Weiter: Solarzelle: Heutige Solarzellen haben (angewandt z. B. in Deutschland) einen Erntefaktor, der größer als 1 ist, d. h. sie erzeugen ein Vielfaches der Energie, die für die Herstellung notwendig war. (http://de.wikipedia.org/wiki/Solarzelle#Energetische_Amortisation_und_Erntefaktoren) Unsinn. Der Skandal ist der, daß große Energieversorgungsunternehmen schon immer Subventionen aus dem Klimafonds abzockten - und durch die Kürzungen der Solarsubventionen noch viel mehr. Danke, Herr Rösler, danke Herr Röttgen, danke - Frau Merkel. Büttel der Stromkonzerne.
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