Schuldenschnitt von Solarworld Rettung geglückt, Überleben fraglich

Frank Asbeck schafft den Befreiungschlag, die Schulden von Solarworld sind halbiert. Gläubiger, Aktionäre und der Gründer selbst verzichten auf Hunderte Millionen Euro. Die Zukunft des einstigen Branchenpioniers ist dennoch ungewiss - die Rettungsstrategie überzeugt nicht.

Solarworld-Manager Asbeck: Fragliches Geschäftsmodell
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Solarworld-Manager Asbeck: Fragliches Geschäftsmodell

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Hamburg - Frank Asbeck ist um markige Vergleiche nie verlegen. Selbst als am Mittwoch die Aktionärsversammlung über die Rettung seines pleitebedrohten Unternehmens Solarworld stritt, verging ihm das Sprücheklopfen nicht. Was er denn von dem Kompromiss zwischen der EU und China halte, den Import von billigen Solarmodulen nach Europa einzudämmen, wurde er gefragt. Von dem Versuch, die Konkurrenz aus Asien im Zaum zu halten, die seine Firma in den vergangenen Jahren fast plattgemacht hatte? "Wir haben da Panda-Kissing gemacht", antwortete Asbeck da noch selbstbewusst. Soll heißen: Die EU war aus seiner Sicht bei den Verhandlungen zu schwachbrüstig.

Am Mittwochabend aber kam er dann doch ins Schwitzen: Wenige Aktionäre meldeten sich immer wieder neu zu Wort und verzögerten die Abstimmung. Wäre sie bis Mitternacht nicht vollzogen worden, wäre das jetzt ausgehandelte Sanierungspaket erst einmal hinfällig geworden. Nach Ansicht von Beobachtern legten die Aktionäre es darauf an, Verfahrensfehler bei den Antworten zu provozieren, um später juristische Einwände geltend zu machen.

Gegen 22 Uhr kam der Befreiungsschlag aber doch: 99 Prozent der Aktionäre stimmten für einen sogenannten Kapitalschnitt. Wer bis eben noch 150 Solarworld-Aktien besaß, besitzt künftig eine. Die Gläubiger hatten schon am Montag und Dienstag einem saftigen Schuldenschnitt zugestimmt, um das Unternehmen vor der Pleite zu retten.

Asbeck selbst wird fünf weitere Jahre an der Spitze des Unternehmens bleiben: Aufsichtsratsvorsitzender Recktenwald teilte seine Bestellung bis zum 9. Januar 2019 mit.

Mit dem Beschluss vom Mittwoch können die Schulden von 900 auf 426 Millionen Euro gedrückt werden. Dazu will Asbeck noch einmal 10 Millionen Euro zuschießen, das Emirat Katar verspricht einen Großkredit.

Deutschlands größtes Solarunternehmen ist damit gerettet. Vorerst. Denn seine Zukunft ist noch immer ungewiss. Ein neues Geschäftsmodell gibt es nicht. Asbeck hält an den zwei alten - manche sagen: veralteten - strategischen Leitlinien fest.

Leitlinie 1: Mach alles selbst

Die gesamte Wertschöpfungskette, von der Produktion des Rohstoffs Polysilizium bis zum fertigen Solarmodul, soll wie bisher im eigenen Haus verbleiben. "Wir heben so Synergien und verhindern überteuerte Preise für den Einkauf von Komponenten", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Man setze weiter auf vollautomatisierte Fertigung, auf wenige hochspezialisierte Fachkräfte.

Schon jetzt hält sich Solarworld gegenüber asiatischen Herstellern prinzipiell für konkurrenzfähig. "Wir liegen mit den Kosten da, wo die Chinesen liegen", sagte Asbeck am Mittwoch vor den Aktionären. Nur hätten diese einen unfairen Wettbewerbsvorteil. Die durchschnittlichen Produktionskosten der Chinesen, die das Branchenmagazin "Photon" auf 58 Cent pro Watt schätzt, "decken die Kosten für Produktion, Kreditzinsen, Transport und Vertrieb nicht", sagt ein Sprecher des Unternehmens. "Das sieht man an den Verlusten, die die chinesischen Konkurrenten ausweisen."

Den Kampf gegen die Chinesen will Asbeck mit zwei Maßnahmen gewinnen. Er will den Wirkungsgrad und die Lebensdauer der eigenen Module binnen drei Jahren deutlich verbessern und die Fertigung noch effizienter machen. Und er kämpft weiter gegen "Panda-Kissing". Die von ihm unterstützte Gruppe EU Pro Sun, deren Chef gleichzeitig sein Pressesprecher ist, versucht gerade vor dem Europäischen Gerichtshof höhere Mindestpreise für den Import chinesischer Solarmodule nach Europa zu erklagen.

Ob das reicht? Branchenkenner sind kritisch. Denn das Konzept der vollintegrierten Fertigung steht international auf dem Prüfstand. "Es ist für Modulhersteller inzwischen günstiger, manche Komponenten einzukaufen, als sie selbst zu produzieren", sagt Wolfgang Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung. "Andere große Player verändern entsprechend ihre Strategie. So hat zum Beispiel der norwegische Konzern REC seine Polysilizium-Sparte verkauft."

Auch ist fraglich, ob Solarworld im Wettbewerb mit den Asiaten noch groß genug ist. Der chinesische Weltmarktführer Yingli Solar lieferte nach Angaben des Branchendienstes pvXchange im vergangenen Jahr Solarmodule mit einer Leistung von rund 2300 Megawatt aus - fast dreimal so viel wie Solarworld. Insgesamt sind die Deutschen in puncto Produktionskapazität nur noch das neuntgrößte Unternehmen.

Die Chinesen sind größer und haben billigere Arbeitskräfte. Es ist fraglich, ob man ihnen durch höhere Effizienz Paroli bieten kann. Selbst Asbeck glaubt das nicht - immerhin hofft er auf weitere Hilfen aus Brüssel. Andere deutsche Solarfirmen gaben bereits ganz auf. Der Bosch-Konzern, der lange ebenfalls auf eine vollintegrierte Fertigung setzte, gibt seine Solarsparte zum Ende des Jahres komplett auf.

Leitlinie 2: Komplettlösungen für kleine Kunden

Wie bisher setzt Asbeck zudem vor allem auf Komplettlösungen für kleine und mittelgroße Kunden. "Wir werden Systeme weiterentwickeln, die Module auf dem Dach mit Batterien, Lösungen für Heizung und Kühlung und die Steuerung all dieser Komponenten via Smartphone kombinieren", sagt sein Sprecher.

Analysten sehen auch das kritisch. Zwar sind kleine Komplettlösungen ein Wachstumssegment - aber derzeit nicht das Wichtigste.

"Die großen Wachstumsmärkte der Zukunft sind USA, China und Japan", sagt Erkan Aycicek, Leiter des Analystenteams für Energie bei der Landesbank Baden-Württemberg. "In diesen Ländern aber ist die Marke Solarworld nicht so stark präsent wie in Europa, und die Vertriebsstrukturen sind weniger gut." Zudem liegt in den USA und China der Fokus auf großen Projekten. "Bei diesen kommt es auf besonders günstige Lösungen an", sagt Ayçiçek. "Und da sind die asiatischen und amerikanischen Wettbewerber Solarworld überlegen."

In Europa sieht Ayçiçek ebenfalls nur bedingt Chancen: "Auch im Segment der Komplettlösungen hat Solarworld, wenn überhaupt, nur einen kleinen Vorsprung. Es besteht die Gefahr, dass die Deutschen auch hier bald von den Asiaten ausgestochen werden."

Zukunft ungewiss

Solarworld ist also mitnichten gerettet. Gläubiger wie Gründer setzen derzeit auf das Prinzip Hoffnung. Sie haben große Verluste akzeptiert, weil sie ohne den Schuldenschnitt nur noch mehr Geld verloren hätten.

Auf der Hauptversammlung kritisierten mache Aktionäre den Sanierungsplan scharf. Asbeck wies das zurück - und verteidigte sein Lebenswerk. Er sagt, dass er noch jahrelang Chef bleiben will. Dass er an seine Strategie glaubt. Es gibt neben ihm nicht mehr viele, die das derzeit tun.

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insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
Rikus 07.08.2013
1. optional
Hat Autor Stefan Schultz eigentlich jemals einen positiven Artikel mit Bezug auf Photovoltaik bei SpOn veröffentlicht? Da er offenbar immer nur mehr oder weniger polemisch über das Thema berichtet, habe ich mir den Namen mittlerweile gemerkt. Traurig, dass so etwas hier zu lesen ist, stand der Spiegel doch eine Zeit lang auch für die Energiewende und den Einsatz von erneuerbaren Energien.
gjedda 07.08.2013
2. Das Siechtum nimmt seinen weiteren Verlauf.
Wer von den finanziell Beteiligten ernsthaft glaubt, daß Solarworld den Schuldenschnitt durch erfolgreiches Management mittelfristig kompensieren könnte, der hätte Herrn Asbeck selbst zur Disposition stellen müssen. Die Schieflage des Unternehmens verkraftet jedenfalls keinen Geschäftsführer, der im persönlichen Lebensstil immer Vollgas gibt, bisher gemachte Fehler stets bei Anderen sucht und die üppigen Subventionen der Vergangenheit als bilanzierte Positiva verbucht hat! Dabei spielt die Billigkonkurrenz aus Fernost noch die kleinste Rolle. Rechtzeitig die Zeichen der Zeit zu erkennen und schleunigst daraus seine Konsequenzen zu ziehen, hätte allen Beteiligten einiges Kapital erhalten. Das, was jetzt passiert ist der kurze Augenblick des Luftholens vor dem freien Fall, mehr nicht. Solarworld wird den Bach runtergehen und wieder sind dann Alle Anderen schuld, nur Herr Asbeck natürlich nicht. Die Regeln des Marktes hebeln Deutschland als Hersteller komplett aus, zu teuer, falsch kalkuliert und schlechtes Management. Die vielgepriesene EU ist sich uneins und angesichts der Konkurrenz Chinas offensichtlich impotent Da hilft nur noch die oftbeschworene gute Fee mit drei freien Wünschen..... -glückauf-
kurpfaelzer54 07.08.2013
3. Der Patriarch
...droht, er wolle noch "jahrelang" Chef bleiben. Das ist eine schlechte Nachricht für Mitarbeiter und Rest-Aktionäre. Der Sonnenkönig war immer für Kapriolen gut. Einmal wollte er Opel übernehmen, vor einigen Monaten schielte er noch auf Bosch-Solar. Das Gründungsmitglied der Grünen wurde durch die verfehlte EEG-Politik des Ex-Umweltministers Trittin und seiner Parteifreunde zum Multimillionär. Die gebratenen Tauben flogen nur so ins Maul. Wichtige Entwicklungen und Veränderungen wurden verschlafen. Nun büßen Gläubiger und Aktionäre dafür. Asbeck hat seine Schäfchen im Trockenen. Bei der "neuen" Solarworld macht er sogar durch fragwürdige Bezugsrechte für Neuaktien einen guten Schnitt. Das Unternehmen hat allerdings vor allem ein Glaubwürdigkeitsproblem und das heißt: Frank Asbeck. Mit dem selbstherrlichen Patriarchen an der Spitze dürfte das Unternehmen auf Dauer keine Chance haben! Die nächste Krise ist absehbar.
richard-erb 07.08.2013
4. Der lernt es nicht mehr
Die Herstellung von Solarzellen ist technologisch relativ einfach. Das bedeutet, dass die Einstiegshürden für Wettbewerber niedrig sind. Wer technologisch einfache Produkte in Hochlohnländern produziert, kann auf Dauer dem Wettbewerbsdruck aus Niedriglohnländern nicht standhalten. Einfache Rechnung: Vollkosten eines Mitarbeiters in der Solarbranche in Deutschland um und bei 100.000 Euro pro Jahr. Vollkosten eines ähnlich qualifizierten Mitarbeiters in der Solarbranchei n China ca. 30.000 EUro pro Jahr. Für die einfachen Dinge einen Partner in China so aufrüsten, dass er gute Qualität produziert und die Produkte in China mit dem Label German Quality hochpreisig anbieten. In Deutschland die Bereiche Beratung,Vertrieb, Installation und Service betreiben. Funktioniert bei anderen doch auch. Warum nicht bei Solarworld?
hors-ansgar 07.08.2013
5.
Zitat von sysopGetty ImagesFrank Asbeck schafft den Befreiungschlag, die Schulden von Solarworld sind halbiert. Gläubiger, Aktionäre und der Gründer selbst verzichten auf Hunderte Millionen Euro. Die Zukunft des einstigen Branchenpioniers ist dennoch ungewiss - die Rettungsstrategie überzeugt nicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/solarworld-schuldenschnitt-erfolgreich-zukunftsstrategie-fraglich-a-915273.html
Mich würde interessieren, ob Solarworld und Herr Asbeck unter Marktbedingungen je erfolgreich gewesen wären. Mir scheint, dass wir es hier mit einem Fall von geschicktem Lobbyismus, grünem Amigotum und Subventionismus zu tun haben. In erster Linie zum Wohle Herrn Asbecks und seiner Aktionäre (so sie denn früh genug ausgestiegen sind). Oder sind es wieder mal die bösen Chinesen?
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