Soziale Getränke: Trinken für den guten Zweck

Von Laura Frommberg

Gut gemacht statt gut gemeint: Getränke wie die Brause LemonAid oder das Bier Quartiermeister mischen die Durst-Branche mit einem Dreifach-Versprechen auf. Alle Zutaten sind ökologisch angebaut, fair gehandelt - und von jeder verkauften Flasche fließt Geld in soziale Projekte.

Fotostrecke: Zum Wohlsein mit sozialen Getränken Fotos

Im Konferenzraum eines Loftbüros im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli lümmeln Jakob Berndt und Paul Bethke auf Stühlen und haben Großes vor. Sie wollen "trinkend die Welt verändern" und schlürfen für ihre Mission ausgerechnet Limonade.

Euphorisch erzählen die beiden 29-Jährigen die Geschichte ihres jungen Unternehmens, bei dem sie selbst die besten Kunden sind. Zwei Jahre jung ist ihre Firma LemonAid Beverages GmbH, in einer Phase gegründet, in der das Börsenparkett von der Finanzkrise wie ein Mixgetränk durchgeschüttelt wurde.

Es ist die Geschichte von LemonAid und ChariTea, Zitronenlimonade und Eistee, gebraut aus Bio-Zutaten. Das an sich ist noch nicht ungewöhnlich. Was sie aber von anderen ökobewussten Softdrink-Anbietern wie Fritz-Cola, Aloha oder Bionade unterscheidet: Die Zutaten stammen nicht nur aus biologischem Anbau, sondern auch weitestgehend aus Fairtrade-Projekten.

Tee aus Sri Lanka und Südafrika, Limettensaft aus Brasilien, Rohrzucker aus Paraguay und Honig aus Mexiko - für die Bauern, die für die Partnerprojekte arbeiten, bedeutet dies faire Löhne durch angemessene Einkaufspreise. Berndt und Bethke gelingt es scheinbar mühelos, den fairen Handel aus der Ökoecke in die junge Szene von Cafés und Bars zu befördern. Dabei spielt die Tatsache, dass ihre Getränke ziemlich lecker schmecken, natürlich keine Nebenrolle.

Moral und Wirtschaft verbinden

Um sich gegen die Großen am Markt besser zu behaupten, bildete sich vor Kurzem der "Verband korrekter Getränkehersteller", dem bisher sieben Mitglieder angehören. Selbstverständlich mischt LemonAid aus Hamburg mit. "Wir wollen den Konzernen etwas entgegen setzen", sagt Jakob Berndt, "ihnen zeigen, dass die Konsumenten Werte haben und dafür auch einstehen."

Die Ausrichtungen der Unternehmen im Verband sind unterschiedlich, der soziale Gedanke aber eint sie: Während LemonAid etwa auf Fairtrade in Übersee setzt, zählt für den Familienbetrieb Karl Mölle im schwäbischen Nördlingen neben ökologisch nachhaltiger Getränkeproduktion auch regionale Verbundenheit ("riesig ist, was hiesig ist").

Der Cola- und Bierhändler Premium wiederum will Moral und Wirtschaft verbinden, mit Partnern, die ökologische, wirtschaftliche und soziale Mindeststandards einhalten. Premium selbst stellt keine Getränke her, die Macher steuern ein Netzwerk aus Logistik, Produktion und Händlern.

Wodka mit LemonAid statt Pils

Der Trendforscher Reinhard Wippermann beobachtet die Entwicklung des ethischen Konsums seit Jahren. "Im Sektor Getränke hat es in Deutschland mit dem Markteintritt der Bionade angefangen", sagt er. Das war 1995. Jetzt finde ein weiterer Wandel statt, von "nur" bio zu sozialem Konsum. Und das sei nicht nur ein kurzer Hype, sondern ein langfristiger Trend, der sich, so die Prognose des Forschers, fortsetzen wird.

Fairtrade ist bei der Konsumentengruppe der sogenannten Lohas, die einen nachhaltigen und gesunden Lebensstil pflegen (Lifestyle of Health and Sustainability), längst etabliert. Nun geht der Zug weiter in die Gemeinde der Generation 18-plus, die sich statt Café Latte oder Pils eine coole Limo bestellen. Oder auf Partys ihren Wodka mit LemonAid mixen.

Die Urväter der Szene-Getränke mit Fairtrade-Touch sind die Briten Adam Balon, Richard Reed und Jon Wright, Gründer von "Innocent Smoothies". Mitte zwanzig, den Studienabschluss gerade in der Tasche und in guten Jobs angekommen, beschlossen sie im Sommer 1998, ökologische Frucht-Smoothies herzustellen, die nachhaltig verpackt sind und deren Zutaten aus Betrieben mit fairen Arbeitsbedingungen stammen.

Kurzum kauften sie für ein paar Hundert Pfund Obst, pürierten es, füllten es in Flaschen ab und fuhren auf ein Jazzfestival. Der Absatz war reißend. Montagfrüh kündigten die drei ihre Jobs. Im April 1999 nahm der erste Sandwich-Shop die "Innocent Smoothies" ins Sortiment. Mittlerweile setzen 10.000 Verkaufsstellen in 13 Ländern zwei Millionen Liter um. Pro Woche.

Auch wenn LemonAid im Vergleich dazu noch ein zartes Pflänzchen ist, die Anfänge klingen ziemlich ähnlich. Die Idee hatte Paul Bethke. Nach seinem Wirtschaftsstudium in Edinburgh, Lüneburg und Paris ging er zunächst zur Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), erst als Praktikant, dann als Entwicklungshelfer.

Treffen mit den "Brauerei-Nerds"

Er stellte schnell fest: einfach nur so viel Geld wie möglich in die Entwicklungsländer zu pumpen, bringt wenig. Statt bloßer finanzieller Unterstützung setzt Bethke darauf, die Bauern direkt in den Entwicklungsländern mit Kooperationen, fairen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen zu stärken.

So entstand die Idee für die nachhaltige Limonade. Sogar den Namen hatte er schon. "Ich habe das Konzept eine Weile mit mir herumgetragen, wusste aber nicht, wie und mit wem ich es umsetzen kann", sagt Bethke. Bis er seinen Schulfreund Jakob Berndt auf einer Party traf und den Werber mit seiner Idee ansteckte.

Im Herbst 2008 kündigte Berndt seinen Job in einer Agentur. "Dann war es plötzlich ziemlich ernst", erinnert sich Bethke. Wochenlang mischten sie auf der Suche nach dem perfekten Rezept Tees und Limos an. Fuhren von Messe zu Messe, "um die Brauerei-Nerds zu treffen", wie sie scherzhaft sagen. Schließlich fand sie mit einem Familienbetrieb in Nordbayern einen Abfüller.

Die Getränkebranche ist laut Trendforscher Wippermann blitzschnell: Die Vorlaufzeiten für die Entwicklung eines Produktes sind vergleichsweise kurz, schneller ist nur die Mode. Sowohl die Produkt-Entwicklung als auch der Materialeinkauf lassen sich zügig und mit überschaubarem technischem Wissen umsetzen.

Jens Lönneker vom Kölner Marktforschungsinstitut Rheingold ergänzt: "Softdrinks sind Produkte, die sowohl für die Produzenten als auch für die Verbraucher preiswert sind." Da lege der Kunde fürs gute Gewissen gerne noch was drauf: Einen Aufpreis für Fairtrade von einem Euro können und wollen sich viele Konsumenten leisten.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. .
Haio Forler 20.11.2010
Zitat von sysopGut gemacht statt gut gemeint:*Getränke wie die Brause LemonAid oder das Bier Quartiermeister mischen*die Durst-Branche mit*einem*Dreifach-Versprechen auf.*Alle Zutaten sind ökologisch angebaut, fair gehandelt - und von*jeder verkauften Flasche fließt Geld in soziale Projekte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,729949,00.html
Finde ich gut, wenn Hartz 4-Bezieher auch mal was Soziales tun können ;))))
2. ...
shatreng 20.11.2010
Finde ich eine gute Sache. Wenn die Politik scheinbar nicht Willens ist, durch vernünftige (globale) Rahmenbedingungen die Welt "fairer/gerechter" zu gestalten, muss man es möglicherweise über den Konsum versuchen. Eigentlich ist das jedoch ein absolutes Armutszeugnis und ein Eingeständnis, dass nur diejenigen vernünftig partizipieren können, die ausreichend Geld besitzen. Der Staat gewährleistet dann Eigentum und Sicherheit und fertig ist die perfekte neoliberale Welt.
3. Ginge auch anders
Gani, 20.11.2010
Zitat von shatrengFinde ich eine gute Sache. Wenn die Politik scheinbar nicht Willens ist, durch vernünftige (globale) Rahmenbedingungen die Welt "fairer/gerechter" zu gestalten, muss man es möglicherweise über den Konsum versuchen. Eigentlich ist das jedoch ein absolutes Armutszeugnis und ein Eingeständnis, dass nur diejenigen vernünftig partizipieren können, die ausreichend Geld besitzen. Der Staat gewährleistet dann Eigentum und Sicherheit und fertig ist die perfekte neoliberale Welt.
Mal an der eigenen Nase packen, denn doe Politik braucht es dazu gar nicht. Es müssten nur alle (und das heisst wirklich alle Konsumenten - überall) Produkte aus zweifelhafter Herkunft (Kinderarbeit, Ausbeuterbetriebe, Umweltverschmutzer etc) kompromisslos meiden - (teurere) Alternativen gibts genügend und hinter jedem Marktführer der den Kapitalismus und Globalisierung Abends in die Gebete einschliesst, warten andere die sofort einspringen würden um dem Konsumenten zu geben was er will - zu höheren Preisen, versteht sich. Das Problem ist nur, da geht dann ein ganzes Stück unseres bequemen Lebenstils flöten. Preise ziehen an, Produkte sind zeitweilig gar nicht verfügbar usw. Es muss erst richtig weh tun bevor es besser wird, aber dafür brauchts die Politiker nicht... Wer macht mit? Dachte ich mir.
4. Think global, drink local
Alzheimer, 20.11.2010
Wenn es geht, nehme ich lieber das Bier einer ortsnahen Brauerei, und zahle für den Kasten gerne ein, zwei Euro mehr. Das Bier muß nicht durch ganz Deutschland oder gar Europa per LKW gekarrt werden.
5. Die Brühe sollte aber auch schmecken....
Realo, 20.11.2010
...sorry wenn ich diesen "banalen" Aspekt mal in die Diskussion werfe. Bionade ---> für mich nur *würg-kotz-spuck*. Ist eben auch alles ein bisschen Geschmacksache, und über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten.
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