Von Tobias Lill
München - Neuer Ärger für RWE-Chef Jürgen Großmann: Nicht nur mit der Bundesregierung geht das Management des Energieriesen derzeit auf Konfrontationskurs. Jetzt droht dem Unternehmen auch massiver Streit mit der Gewerkschaft Ver.di. Denn die mitgliederstarke Arbeitnehmervertretung wirft dem Stromgiganten versuchtes "Lohndumping" vor. Das geht aus einem Rundschreiben an die Mitarbeiter hervor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.
Der Essener Konzern plant der Gewerkschaft zufolge, mehrere Sparten auszugliedern. "In neuen Tochtergesellschaften will RWE ein Vergütungssystem durchsetzen", heißt es in der aktuellen Ver.di-Tarifinformation, das stellenweise noch unter dem Lohnniveau des Tarifvertrags BZA/DGB für Leiharbeit liegen werde.
Nach Gewerkschaftsangaben sind vom geplanten Outsourcing zunächst nur die Mitarbeiter der Bereiche Gastronomie und Veredelung betroffen. Setze sich die Essener Geschäftsführung in den laufenden Verhandlungen durch, werde dort für Neueinstellungen künftig nicht mehr der RWE-Gruppentarifvertag gelten, sagt der für den Konzern zuständige Ver.di-Sekretär Hans-Peter Lafos auf Anfrage: "Die Folge sind erhebliche Gehaltskürzungen und schlechtere Arbeitsbedingungen." Lafos sitzt auch im RWE-Aufsichtsrat.
In den beiden betroffenen Sparten arbeiten Ver.di zufolge etwa 2000 Mitarbeiter. Das entspricht zwar nur rund fünf Prozent der Belegschaft in Deutschland. Die drohenden Einschnitte für die Mitarbeiter sind aber beachtlich: Die RWE-Führung will neu eingestelltes Küchen- und Kantinenpersonal laut Lafos in einer neuen Konzerntochter nach einem eigenen Haustarifvertrag bezahlen.
Dieser soll nach den Vorstellungen der Arbeitgeberseite weitgehend dem - im Vergleich zum bisherigen RWE-Tarif deutlich schlechteren - Tarifvertrag für das Hotel- und Gaststättengewerbe entsprechen. Ein Koch mit drei Jahren Berufserfahrung würde nach Ver.di-Berechnungen dann ein Viertel weniger verdienen als bislang. Zudem solle die 40-Stundenwoche wieder eingeführt werden.
Auch andere Aufsichtsräte bestätigen, dass es entsprechende Verhandlungen gebe. "Da ist aber noch nichts entschieden", sagt ein Mitglied des Gremiums. Die Gespräche gehen dem Vernehmen nach im Spätsommer in die entscheidende Phase. "Wir werden das auskämpfen", versichert Lafos. Wenn RWE nicht nachgebe, werde man im Herbst streiken.
Große Einbußen bei RSB Logistic
Besonders große Einbußen drohen den angeblichen Konzernplänen zufolge künftigen Mitarbeitern der RWE-Power-Tochter RSB Logistic. Der Vorschlag der Arbeitgeber für einen neuen Haustarifvertrag sieht Ver.di zufolge bis zu 40 Prozent weniger Lohn und die Wiedereinführung der 42-Stunden-Woche vor. Für die aktuell 400 Mitarbeiter bleiben aber wohl die bisherige Regelungen bestehen.
Ein geplanter Haustarifvertrag für den Bereich Veredelung sieht laut Lafos "Kürzungen für Einsteiger in einer ähnlichen Größenordnung wie bei RSB Logistic vor". Federführend bei den Verhandlungen in dieser Sparte ist allerdings die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Dort kann man die Ver.di-Attacke nicht nachvollziehen: "Hier geht es nur darum, den angeschlagenen Bereich Veredelung zu retten", sagt IG-BCE-Mann und RWE-Aufsichtsrat Werner Bischoff.
RWE will sich zu den Ausgliederungsplänen nicht äußern. Eine Sprecherin erklärt, das Unternehmen kommentiere "laufende Gespräche grundsätzlich nicht". Wie jedoch aus Firmenkreisen verlautete, hätten die eingeplanten Einsparungen in den drei Bereichen nichts mit den enormen Kosten für den vorgezogenen Atomausstieg zu tun. "Der Konzern denkt schon länger über Einsparmöglichkeiten bei Gastronomie und Veredelung nach", heißt es aus dem Aufsichtsrat.
Das bestreitet auch Ver.di nicht. "Schon vor Fukushima gab es einen erheblichen Kostendruck", sagt Lafos. Doch klar sei auch: Der Atomausstieg werde für die Mitarbeiter ernste Konsequenzen haben. "Sie müssen für die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung bluten. Das, was jetzt verhandelt wird, ist nur der Anfang", prophezeit Lafos. Wenn sich die Belegschaft nicht wehre, werde RWE in den kommenden Monaten und Jahren immer mehr Bereiche ausgliedern. "Ziel ist es, irgendwann den Großteil in Haustarifverträge auszulagern und so die Gehälter zu drücken", ist der Ver.di-Mann überzeugt.
"Schlimme Folgen für die Angestellten"
RWE hat dem Gewerkschafter zufolge wegen des Sparzwangs bereits "den Netzbereich und die Vertriebsservicegesellschaften im Visier". Zwar lägen noch keine konkreten Kürzungsvorschläge des Arbeitgebers vor. "Aber auch hier pfeifen es die RWE-Oberspatzen von allen RWE-Dächern: Marktgerechte Vergütungen müssen zur Rettung des RWE-Konzerns eingeführt werden", macht Lafos per Rundschreiben Stimmung. In den von den angeblichen Planspielen betroffenen Segmenten arbeiten laut Gewerkschaft 8000 Menschen.
Ein Betriebsrat aus der Netzsparte des Energiemultis widerspricht jedoch: Ihm seien keine Pläne bekannt, das Netz oder Teile des Vertriebs in Billigtöchter outzusourcen. Lediglich die von der EU schon lange geforderte Ausgliederung des Hochspannungsnetzes sei vorgesehen, so der Arbeitnehmervertreter. 2010 hatten Medien berichtet, RWE wolle einen Teil seiner Hochspannungsnetz-Gesellschaft Amprion verkaufen.
Doch bei den 41.000 RWE-Beschäftigten in Deutschland geht die Angst um: "Die Atompolitik wird schlimme Folgen für die Angestellten haben", fürchtet etwa der Betriebsratschef eines Kernkraftwerks. Da ändert es auch nichts, dass die Konzernführung betriebsbedingte Kündigungen bis 2012 ausschließt.
Denn klar ist: Der Atomausstieg kostet das Unternehmen viel Geld. Allein die Auswirkungen des Moratoriums für die alten Meiler schmälern den Unternehmensgewinn nach Angaben einer RWE-Sprecherin um bis zu 200 Millionen Euro. "Bezahlen werden dafür am Ende nicht die Aktionäre, sondern die Mitarbeiter", prophezeit ein Betriebsrat.
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