Spekulation gegen Italien Finanzmärkte im Herdentrieb

Es geht schon wieder los: Nun knöpfen sich die Finanzmärkte Italien vor - ihr bislang größtes Opfer in der Euro-Zone. Aber wie erfolgversprechend ist die Attacke? Und wer verdient an der Misere des Landes? Die wichtigsten Punkte im Überblick.

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Börse in New York: Berlusconi will den Wählern gefallen, nicht den Finanzmärkten
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Börse in New York: Berlusconi will den Wählern gefallen, nicht den Finanzmärkten


Hamburg - Manchmal reicht ein kleines Signal, um an den Finanzmärkten den Marsch der Herde in Gang zu setzen. Im Falle Italiens war es das lose Mundwerk von Premierminister Silvio Berlusconi. "Er glaubt, er sei ein Genie und jeder andere sei blöd", polterte Berlusconi am vergangenen Freitag in einem Interview.

Adressat der rüden Äußerungen war nicht etwa ein politischer Gegner, sondern Berlusconis eigener Finanzminister Giulio Tremonti, der als Garant für Italiens finanzpolitische Stabilität gilt und dem Land nun ein weiteres Sparpaket verordnen will. Berlusconi hingegen nimmt es mit dem Sparen offenbar nicht so ernst. Tremontis Vorschläge würden im Parlament sicher noch so weich gespült, dass sie eher den Wählern und weniger den Finanzmärkten gefielen, versicherte der Regierungschef.

Das war das Zeichen, auf das die Herde gewartet hatte. Tremonti vor der Entmachtung, das mögliche Ende der italienischen Sparpolitik. Nun kamen all die Zweifel hoch, die Investoren ohnehin seit langem gegen Italien hegen:

  • Hat das Land nicht die zweithöchste Staatsverschuldung der Euro-Zone, gleich nach Griechenland?
  • Wird beim zweiten Rettungspaket für Athen nicht gerade darüber verhandelt, dass private Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten sollen?
  • Wird ein knallharter Populist wie Berlusconi im Zweifel nicht auch die Banken für den Zuspruch der Wähler opfern?

Haben sich solche Gedanken erst mal an den Finanzmärkten verbreitet, ist es schwer, sie wieder loszuwerden. Da hilft es kaum, all die Argumente aufzuführen, warum Italien ganz anders als Griechenland sei. Sobald die ersten großen Investoren damit beginnen, italienische Staatsanleihen zu verkaufen, setzt der Herdentrieb ein, und alle rennen mit. So war es bei Portugal, und so war es auch bei Irland.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Die Motivation der einzelnen Herdenteile ist dabei unterschiedlich. Die einen laufen aus Angst mit, ihre Anleihen könnten bald deutlich weniger wert sein. Die anderen wetten gerade darauf, dass es so kommt. Das Dumme daran: Beide Gruppen verstärken mit ihrem Verhalten die Abwärtsbewegung - aber nur die zweite profitiert davon.

Bei denen, die aus Angst handeln, ist der Mechanismus klar: Sie verkaufen so schnell wie möglich ihre Staatsanleihen. Damit grenzen sie einerseits die Verluste ein, die ihnen bei einem weiteren Kurssturz drohen - andererseits treiben sie diesen Kurssturz durch ihre Verkäufe selbst voran. Es entsteht eine Art selbsterfüllende Prophezeiung: Wer aus Angst vor sinkenden Kursen seine Wertpapiere verkauft, trägt dazu bei, dass die Kurse tatsächlich sinken.

Bei den Spekulanten, die vom Kursverfall profitieren wollen, ist das Ganze etwas komplizierter. Sie besitzen selbst oft gar keine Anleihen, die sie verkaufen könnten, und müssen sich stattdessen alternativer Instrumente bedienen:

  • Leerverkäufe: Laut "Financial Times" haben große amerikanische Hedgefonds längst damit begonnen, auf einen Kursverfall italienischer Anleihen zu wetten. Sie verkaufen dazu Wertpapiere, die sie gar nicht besitzen, sondern nur geliehen haben. Fällt der Kurs, kaufen die Hedgefonds die Papiere zu einem günstigeren Preis zurück und streichen den Gewinn ein. So profitieren sie vom Kursverfall, den sie selbst mitauslösen.
  • Credit Default Swaps: Die andere Möglichkeit, vom Kursverfall der Staatsanleihen zu profitieren, sind Kreditausfallversicherungen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS). Sie sollen eigentlich den Anleihenbesitzern dazu dienen, ihre Investments gegen Ausfälle abzusichern. Tatsächlich werden sie aber auch häufig für Spekulationen benutzt: So kaufen zum Beispiel Hedgefonds Absicherungen für Anleihen, die sie gar nicht besitzen. Das Kalkül dahinter: Wenn die Kurse für Staatsanleihen fallen, werden die Preise für CDS steigen.

Warum die Politik die Finanzmärkte nicht versteht

Hat die Herde zu rennen begonnen, läuft das Spiel für die Spekulanten fast von alleine. Die Kurse der Staatsanleihen sinken und sinken - und die der CDS steigen und steigen. Das betreffende Land, gegen dessen Staatsanleihen spekuliert wird, muss nicht einmal wirklich pleitegehen, damit die Spekulanten Gewinn machen. Es reicht, wenn die Anleihen-Kurse einfach nur weit genug sinken.

Die einzige Schwierigkeit für die Spekulanten besteht dann noch darin, den richtigen Moment zum Ausstieg zu erwischen. So könnten politische Eingriffe wie ein neues europäisches Hilfspaket oder eine Aufstockung des Rettungsschirms den Kursverfall eindämmen. Bisher hat so etwas aber immer nur kurze Zeit gewirkt, wie vor allem das Beispiel Griechenland zeigt. Jedem Rettungspaket und vermeintlichen Befreiungsschlag folgte schon bald Ernüchterung - und die Abwärtsbewegung setzte sich fort.

Die europäischen Regierungen machen derzeit nicht den Eindruck, als könnten sie den Herdentrieb der Finanzmärkte stoppen - geschweige denn, die Herde zur Umkehr bewegen. Das liegt auch an den unterschiedlichen Mechanismen, nach denen Märkte und Politik funktionieren: Während Politiker vor allem auf die Meinung ihrer Wähler achten, benötigen die Finanzmärkte Klarheit und Verlässlichkeit. Eine einfache Zusage der großen Euro-Staaten Deutschland und Frankreich, alle strauchelnden Mitgliedsländer bedingungslos zu retten, würde die Herde an den Finanzmärkten wohl beruhigen. Bei den heimischen Wählern könnten die Regierungen damit aber kaum punkten.

Wer noch einen Beweis dafür braucht, wie weit gerade die deutsche Politik von der Logik der Finanzmärkte entfernt ist, muss sich nur die Reaktion von Angela Merkel (CDU) auf die italienischen Probleme anschauen. Statt etwa eine Patronatserklärung für das Land abzugeben, die alle Zweifel beseitigt, mahnte die Kanzlerin die italienische Regierung am Montag zu mehr Sparsamkeit - und schürte damit die Unsicherheit an den Märkten noch weiter. Eine rennende Herde kann man so nicht stoppen.

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insgesamt 274 Beiträge
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matt_us, 11.07.2011
1. Attacke ist erolgversprechend - wenn man nicht gegen Spekulanten durchgreift
Zitat von sysopEs geht schon wieder los: Nun knöpfen sich die Finanzmärkte*Italien vor*- ihr bislang größtes Opfer in der*Euro-Zone. Aber*wie erfolgversprechend ist die Attacke? Und wer verdient an der Misere des Landes?*Die wichtigsten Punkte im Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,773687,00.html
Solange man nichts gegen die Credit Default Swap Spekulation unternimmt, ist eine solche Attacke sehr vielversprechend. Denn jedesmal wenn man Renditen verdoppelt, vervierfacht man so etwa seinen Gewinn mit CDS. Deshalb gehoert das Teufelszeug verboten. Warum will das keiner? Hier steht was mit CDS angestellt werden kann: eurogate101.com
donbernd, 11.07.2011
2. Herde
Wenn wir schon bei den Herdenvergleichen sind ...... tötet man den/die Alphas beginnen die internen Rangspiele und die Herde ist erstmal ausgiebig mit sich selbst beschäftigt.
Ghost12 11.07.2011
3. Man kann es nicht mehr hören
....immer wieder "die Spekulanten" und "die Herde". Es sind die gleichen, die man dann 5 Minuten später "rettet". Dann heißen die gleichen Player "Finanzmärkte". Laaaaangweilig. Vielleicht konzentrieren sich auch die Medien endlich mal auf die fundamentalen Probleme, die durch Verschuldung enstehen.
Family Man 11.07.2011
4. ""
Am Besten gleich mitspekulieren. Dann gewinnt man das Geld, das einem anschliessend von der Steuer genommen wird um Italien zu retten. Das müsste dann bei plus minus null enden, oder?
totalmayhem 11.07.2011
5. Unerhoert!
---Zitat--- Tremontis Vorschläge würden im Parlament sicher noch so weich gespült, dass sie eher den Wählern und weniger den Finanzmärkten gefielen, versicherte der Regierungschef. ---Zitatende--- Ein Regierungschef und Parlament die Politik im Sinne des Volkes (der Waehler) und nicht der "Finanzmaerkte" machen? Unerhoert! Auf sie mit Gebruell! Selbst schuld, Italien. :)
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