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24. November 2012, 18:23 Uhr

Neue ICE-Modelle

Eine Sekunde bis zum Stopp

Ein digitales Detail stellt die Deutsche Bahn und den Siemens-Konzern vor große Probleme: Das Kommando zum Anhalten eines ICE-3-Zugs irrt etwa eine Sekunde lang durch den Rechner, bis es ausgeführt wird. Nach SPIEGEL-Informationen verweigerte das Eisenbahn-Bundesamt deshalb die Zulassung.

Hamburg - Die acht neuen ICE vom Typ Velaro sind schon lange bestellt, doch Siemens darf nicht liefern - wegen Problemen an der Steuerungssoftware. Nach Informationen des SPIEGEL traten bei Testfahrten des ICE 3 mit den bei der Deutschen Bahn üblichen Doppelzügen schwerwiegende Kommunikationsprobleme in der Software auf.

Wird der Befehl zur Aktivierung der Bremsen ausgelöst, erlaubt sich die Steuerung eine Art Gedenksekunde, ehe sie das Kommando umsetzt. Bei einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern kommt der Zug nach einer Vollbremsung deshalb erst rund 70 Meter später zum Stehen als die alten ICE. Trotzdem strebte Siemens die Zulassung des ICE 3 an.

Doch ein Gutachter sperrte sich, das Eisenbahn-Bundesamt verweigerte daraufhin die Freigabe. Ein Schock für die Deutsche Bahn: Sie hatte die für Dezember zugesagten acht neuen ICE bereits als Reserve für den Weihnachtsverkehr und harte Wintertage einkalkuliert. Die Züge sollten ab dem 9. Dezember im Deutschlandverkehr eingesetzt werden. Zugesagt war die Lieferung von insgesamt 16 Zügen ursprünglich schon für 2011.

Entsprechend sauer ist man nun bei der Bahn auf Siemens und dessen Chef Peter Löscher. Der hatte noch im September eine Auslieferung vor Ende dieses Jahres zugesagt. Wie lange Siemens nun brauchen wird, um das Problem zu beheben, ist ungewiss.

Der Konzern kämpft schon länger mit der Software der neuesten ICE-Baureihe. Diese muss kompatibel sein mit einem guten Dutzend verschiedener Signalsysteme europäischer Länder, in denen der Zug verkehren soll.

Vor Weihnachten wollen sich die Spitzen von Bahn und Unternehmen nun auf einem Krisengipfel zusammensetzen. Die Deutsche Bahn bereitet ihre Kunden bereits auf Ausfälle und Verspätungen im Winter vor und prüft zudem Schadensersatzforderungen.

Der Kauf neuer Züge in Asien jedenfalls scheint keine Lösung zu sein. Als Bahn-Chef Rüdiger Grube vor einiger Zeit bei einem japanischen Hersteller vorfühlte, winkte dieser ab: Das Zulassungshickhack mit dem Eisenbahn-Bundesamt wolle man sich für keinen noch so großen Auftrag antun.

Diese Meldung kommt aus dem neuen SPIEGEL. Hier können Sie das Heft ab Sonntag um 8 Uhr kaufen.

heb

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