Spotify Das nächste Netflix?

Spotify, die Nummer eins im Musikstreaming, geht an die New Yorker Börse. Die Schweden vergleichen sich gerne mit der Online-Videothek Netflix - aber können sie diese Erfolgsstory kopieren?

Spotify-Chef Daniel Ek
Getty Images

Spotify-Chef Daniel Ek


Daniel Ek, schwarzes Shirt, weiße Turnschuhe, galt vor vielen Jahren noch als der größte Feind der Musikindustrie. Vor zwölf Jahren gründete der glatzköpfige Schwede den Streamingdienst Spotify. Der damals 25-Jährige Hobby-Hacker verkörperte genau jene Gefahr, die die Labels dem Internet zuschrieben: Musik illegal zu streamen und binnen Sekunden zu verbreiten.

Tatsächlich aber sorgte Ek dafür, dass sich die einst totgesagte Musikbranche wieder über steigende Umsätze freuen kann. Denn der Spotify-Boom füttert vor allem die Rechtebesitzer der Musik, die der Streamingdienst seinen Kunden gegen Gebühren anbietet. Sie freuen sich über eine neue Erlösquelle, die Ek für sie erschlossen hat.

Ob Spotify durch den Börsengang selbst neue finanzielle Mittel erhält, ist indes offen. Neue Aktien gibt Spotify zum Börsengang nicht heraus. Niemand weiß also, wie viele Papiere tatsächlich gehandelt werden. "Unsere Anteilseigner und Mitarbeiter können seit Jahren Aktien kaufen und verkaufen", schrieb Ek dazu in einem Blog-Beitrag am Ostermontag.

Mit dem beginnenden Handel auf dem New Yorker Börsenparkett werde das Unternehmen auf eine größere Bühne gebracht, schreibt Ek. "Aber er ändert nichts daran, wer wir sind, worum es uns geht oder wie wir arbeiten."

An diesem von Ek beschworenen Weiter-so gibt es jedoch einen Haken: Bisher hat das Unternehmen damit keinen einzigen Cent verdient. 2018 will Spotify die 200-Millionen-Nutzer-Marke knacken, rechnet aber weiter mit einem Verlust von 230 bis 330 Millionen Dollar. Dennoch hofft Ek auf die Gunst internationaler Investoren, wenn er am Dienstag in New York sein Unternehmen an die Börse bringt.

Gut, alles halb so schlimm, könnte man sagen. An der Börse wird nun mal die Zukunft gehandelt. Investoren können eben darauf setzen, dass Spotify mit seiner Idee - Musik per Streaming-Abo unbegrenzt zu hören - den Markt für Musik völlig neu ordnen wird. Spotify könnte noch viele weitere Millionen von Nutzern hinzugewinnen, mit denen sich in Zukunft eine Menge Geld verdienen lässt.

Immerhin ist Spotify vor Amazon und Apple der klare Marktführer im Musikstreaming: Aktuell haben die Skandinavier 76 Millionen zahlende Kunden, mehr als die Rivalen Amazon und Apple. Hinzu kommen über 95 Millionen Nutzer, die nicht zahlen und sich dafür regelmäßig Werbespots anhören.

Schlechte Verträge mit Labels

Das große Vorbild für Spotify ist der Erfolg von Netflix. Auch der Videostreaming-Gigant hat in seinen Anfängen viel Geld verbrannt und ist dann zu einem Schwergewicht an der Börse geworden. Der Aktienkurs des Unternehmens Chart zeigen hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verzwölffacht. Und erst kürzlich hat Spotify-Chef Ek mit Barry McCarthy den Mann als Finanzchef an Bord geholt, der 2002 bereits den heutigen Marktführer im Video-Streaming an die Börse brachte.

Doch es gibt eine Menge Gründe, daran zu zweifeln, dass Spotify den Erfolg von Netflix wiederholen kann. Denn während Netflix sich mit eigenen Inhalten zum Angstgegner von Unterhaltungsriesen aufbaute, ist Spotify abhängig von den großen Labels Sony Music, Warner und Universal Music. An sie gehen mehr als 75 Cent von jedem Dollar, den Spotify einnimmt. Die Schweden werden immer nur genau so viel Geld pro Nutzer verdienen, wie es ihnen die Musikriesen zugestehen: Die Marktmacht der drei großen Musiklabels ist schlicht zu groß, sie halten zusammen fast 80 Prozent aller Rechte der auf Spotify gestreamten Songs.

Netflix hingegen kann viel mehr absahnen, weil es für die Streamingrechte eine fixe Summe bezahlt und dann, sobald die Aboeinnahmen diese Summe übersteigen, mit jedem neuen Nutzer Gewinn in Höhe der Abogebühr macht. Zudem lässt der Tech-Konzern inzwischen jede Menge Streaming-Inhalte exklusiv selbst produzieren. Dass Spotify künftig Plattenfirmen Konkurrenz durch eigene Musik macht, ist schwer zu bezweifeln.

Riesiger Datenschatz

Spotify kann sich also nicht allein auf sein Abomodell verlassen. Erst kürzlich machte das Spotify-Management bei einer Präsentation deutlich, dass andere Umsatzquellen erschlossen werden müssten. Dazu zählen Werbedeals oder der Verkauf von Daten an Musiker, Plattenfirmen und Konzertveranstalter.

Denn Spotify besitzt einen riesigen Datenschatz. Jeden Tag erfasst das Unternehmen auf seinen Servern bis zu 30 Milliarden Daten von 159 Millionen Hörern. Die Geschmäcker der Hörer werden abgeglichen mit den 36 Millionen Songs aus den Katalogen der Labels. Spotify kann so seinen Kunden ein personalisiertes Produkt bauen.

"Wir sind erst in der zweiten Runde dieses Spiels", sagte Spotify-Chef Ek jüngst vor Investoren. "Die Möglichkeiten, die vor uns liegen, sind viel, viel größer, als Sie denken." Ob sich daraus Milliardengewinne schlagen lassen, ist aber noch völlig unklar.

hej//dpa

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.