Zehnjährige Bundesanleihe Plötzlich wieder Rendite

Erstmals seit eineinhalb Jahren ist die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe auf mehr als 0,5 Prozent gestiegen. Ist das die Wende am Anleihenmarkt?

Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt
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Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt

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Die Zeiten, in denen Anleger negative Zinsen für deutsche Bundesanleihen hinnehmen müssen, scheinen erst einmal vorbei zu sein: Die Rendite deutscher Staatspapiere mit zehnjähriger Laufzeit ist am Donnerstag erstmals seit Januar 2016 über 0,5 Prozent geklettert. Das klingt zunächst nicht nach viel, ist aber innerhalb so kurzer Zeit eine scharfe Bewegung am Anleihenmarkt, denn vor wenigen Wochen lag die Rendite der Papiere noch bei rund 0,25 Prozent.

Anlegern bietet sich damit ein ungewohntes Bild. Es ist noch nicht allzu lange her, da war die Rendite für die wichtige zehnjährige Staatsanleihe gar unter null Prozent gefallen. Ihr historisches Tief hatte die Anleihe im Juli 2016 mit minus 0,2 Prozent erreicht. Damals sorgte der Brexit an den Finanzmärkten für Unruhe - Investoren flüchteten deshalb in Anlagen wie deutsche Anleihen, das trieb die Kurse nach oben. So kam es zu dem kuriosen Umstand, dass der Bund aufgrund der Negativzinsen knapp 1,2 Milliarden Euro verdienen konnte. Die Sparer aber schauten blöd drein: Wer Deutschland zehn Jahre Geld lieh, zahlte drauf.

Vor allem die extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) drückte die Renditen auf ein Rekordtief. Hinzu kam, dass in unsicheren Zeiten Investoren ihr Geld verstärkt in sogenannte sichere Häfen wie Staatspapiere verlagerten. Bundesanleihen gelten als nahezu risikoloses Investment, weil Deutschland pünktlich zurückzahlt und von großen Rating-Agenturen mit der höchsten Bonitätsnote AAA bewertet wird. Aufgrund der großen Nachfrage nehmen Anleger niedrigere Zinsen in Kauf.

Bereitet EZB-Präsident Mario Draghi eine geldpolitische Wende vor?

Nun spekulieren Anleger auf eine Wende am Anleihemarkt. Denn Volkswirte rechnen damit, dass sich die EZB allmählich von ihrer ultralockeren Geldpolitik verabschiedet. Die jüngsten Aussagen des EZB-Präsidenten Mario Draghi werden von Marktteilnehmern so verstanden, dass die Notenbank bald ihre Wertpapierkäufe reduziert. Draghi hatte sich äußerst zuversichtlich zur Wirtschaft im Euroraum geäußert und den jüngsten Rückgang bei der Inflation als vorübergehend bezeichnet.

Das heißt: Die EZB würden dann in naheliegender Zukunft weniger Bonds kaufen, und die Renditen würden wieder steigen, weil die Nachfrage nach den Papieren sinkt. Mit den Käufen will die Notenbank derzeit die Kreditvergabe und so auch das Wirtschaftswachstum und die Inflation stimulieren. Seit März 2015 hat die EZB Anleihen, vor allem Staatspapiere, im Umfang von 1,95 Billionen Euro gekauft.

Am Donnerstag verstärkten Bemerkungen des Chefs der französischen Notenbank, Francois Villeroy de Galhau, die Spekulationen auf eine geldpolitische Straffung weiter. Die außergewöhnlich lockere Geldpolitik der EZB sei nicht für die Ewigkeit, heißt es in einem Schreiben des Währungshüters an den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron.

Durch ihre Anleihenkäufe drückte die EZB die Renditen der Bundesanleihe in den vergangenen Jahren massiv nach unten. Analysten der Commerzbank haben ausgerechnet, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ohne die Käufe der EZB deutlich höher liegen würde - nämlich bei etwa einem Prozent.

Dass die Zinsen aber bald wieder auf diesem Niveau liegen, halten Volkswirte für unwahrscheinlich. Denn auch wenn die EZB ihr Kaufprogramm zurückfährt, bleibt sie ihrer Rolle als Käuferin treu und wird noch viele Milliarden Euro in den Finanzmarkt pumpen.



insgesamt 8 Beiträge
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Darwins Affe 06.07.2017
1. Wenig Spielraum
1) Die EZB wird einen Teufel tun, die Zinsen ordentlich zu erhöhen: Was würde dann aus den ganzen Zombie-Staaten, Zombie-Unternehmen und Zombie-Banken? 2) Positive Nettozinsen (nach Abzug der Inflation) dürften wohl noch Jahre (wenn überhaupt) auf sich warten lassen: Demographie, schlechte Produktivität und Schuldensause im Euro-Raum lassen der EZB wenig Spielraum.
larsmach 06.07.2017
2. 5,26% - auch noch nicht lange her!
Wenn man in der Grafik auf "Gesamt" klickt, findet man "5,26%" vor lächerlichen 15 Jahren. Für ein Land ist das ein Klacks, und angesichts langer Laufzeiten von Schuldentiteln auch. Na, mal sehen... vielleicht läuft die Sache so weiter - oder der SPIEGEL hat in 2030 wieder ein Bild vom "Kranken Mann Europas" auf dem Cover. Leben ist ein dynamischer Prozess, und die Erde kurvt eiernd duch's Weltall...
karl-felix 06.07.2017
3. Die
Zitat von Darwins Affe1) Die EZB wird einen Teufel tun, die Zinsen ordentlich zu erhöhen: Was würde dann aus den ganzen Zombie-Staaten, Zombie-Unternehmen und Zombie-Banken? 2) Positive Nettozinsen (nach Abzug der Inflation) dürften wohl noch Jahre (wenn überhaupt) auf sich warten lassen: Demographie, schlechte Produktivität und Schuldensause im Euro-Raum lassen der EZB wenig Spielraum.
1)EZB ist klug genug, die Zinsen ganz ganz vorsichtig um vielleicht 0,25% zu erhöhen , falls die Konjunktur im Euro-Raum weiterhin so gut läuft . Für den kleinen Sparer gehen damit goldene Zeiten zu Ende. Jetzt wird fremdes Geld wieder teuer und die Zinsknechtschaft für den kleinen Mann treibt ihn weiter in die Arme der grossen Geldbesitzer. Goldene Zeiten für kleine Leute in den letzten Jahren gehen wohl zu Ende. Guter Mann der Draghi. 400 Milliarden im Jahr werden alleine in Deutschland vererbt. Pro Jahr. 3) Ich habe im letzten Jahr netto 3,5% erwirtschaftet. Nicht schlecht bei 0 Inflation . Einen solch hohen Realzins hatten wir in den letzten 70 Jahren sehr sehr selten . Negative Realzinsen waren auch zu DM Zeiten eher die Regel als die Ausnahme. Aber dank der boomenden EU-Wirtschaft wird der EZB nichts anderes übrigbleiben als langsam die Zinsen zu erhöhen .
Rooo 06.07.2017
4. Könnte an den langfristigen Aussichten für dieses Land liegen.
Könnte an den langfristigen Aussichten für dieses Land liegen. Kurz- und mittelfristig sieht es ja noch gut aus, aber wie sieht es hier in 10 Jahren aus, wenn der nächste weltweite Wirtschaftsabschwung kommt? Das Schicksal haben wir in den letzten Jahren ja quasi vorgezeichnet.
willibaldus 06.07.2017
5.
Zitat von RoooKönnte an den langfristigen Aussichten für dieses Land liegen. Kurz- und mittelfristig sieht es ja noch gut aus, aber wie sieht es hier in 10 Jahren aus, wenn der nächste weltweite Wirtschaftsabschwung kommt? Das Schicksal haben wir in den letzten Jahren ja quasi vorgezeichnet.
Ich denke eher mit Schrecken an den Renteneintritt der Babyboomer in 15 JAhren. Die Zahl der Rentner explodiert und die Zahl der Arbeiter bleibt bestenfalls gleich.
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