Streit um italienisches Stahlwerk: Lieber Krebs kriegen als arbeitslos werden

Von Hans-Jürgen Schlamp, Tarent

In Süditalien tobt ein dramatischer Streit um ein Stahlwerk: Es vergifte Arbeiter und Anwohner, befand eine Richterin und stoppte die Produktion. Doch die Beschäftigten wollen ihre Jobs nicht verlieren. Nun greift die Politik ein.

Stahlwerk Ilva: Kampf um Arbeitsplätze Fotos
AP

Tarent, auf italienisch Taranto, liegt am Absatz des italienischen Stiefels und ist etwa 1200 Jahre älter als Rom. Griechen, Römer, Sarazenen, Goten, Normannen, Spanier, Franzosen schlugen sich um die Hafenstadt am Ionischen Meer. Über Jahrhunderte galt sie als besonders reich und schön.

Heute ist sie arm, überwiegend hässlich und schmutzig. Das Risiko, an Krebs zu erkranken, ist höher als anderswo, sagen Mediziner.

Den mutmaßlichen Grund dafür sieht, wer nach Tarent fährt, gleich am Ortseingang: Ein riesiges, tausend Hektar großes Industriegelände, mit Schloten und Kränen, verrußten Hochöfen und Kokereien, grauen Gebäuden mit blinden Fenstern, hier und dort qualmt es - es sieht aus wie einst im Ruhrgebiet, vor einem halben Jahrhundert.

Etwa 12.000 Menschen arbeiten hier. Das Unternehmen heißt Ilva, gehört der Industriellenfamilie Riva und ist eine der größten Stahlschmieden Europas, allerdings nicht eine der modernsten. Der Betrieb steht vielmehr im Ruf, durch seine Emissionen die Menschen, die dort arbeiten und jene, die in der Nachbarschaft leben, seit vielen Jahren krank zu machen. Aus den Schornsteinen kämen Dioxine und giftige polymerische Verbindungen, so die Umweltorganisation Legambiente, dazu tonnenweise Blei und eine halbe Million Tonnen Kohlenmonoxid. Giftige Mineralien werden von den Abraumhalden in die Nachbarschaft verweht und färben dort Fassaden und Dächer rot. Ilva gilt als größte Dreckschleuder Italiens.

Krebs im Mutterleib

Im Auftrag des Gesundheitsministeriums haben Gutachter Krankenakten und Todesfälle zwischen 2003 und 2009 analysiert. Das Ergebnis: Die Sterblichkeitsrate rund um das Stahlwerk liegt weit über dem Durchschnitt. Hier werden viel mehr Menschen herzkrank oder bekommen Tumore als im Rest des Landes. Im Verlauf von 13 Jahren sollen in der direkten Umgebung der Fabrik fast 400 Menschen an Krebs gestorben sein. Vor allem Lungentumore raffen die Menschen dahin.

Jetzt schlug der Chef einer Kinderklinik zusätzlich Alarm: Kinder würden schon mit Krebs geboren, vererbt von der Mutter. Die Kindersterblichkeit sei in Tarent um 30 bis 50 Prozent höher als im Durchschnitt der Region Apulien. Dass die Emissionen des Stahlwerks ursächlich dafür seien, steht für die Experten außer Frage.

Auch für die Tarenter Untersuchungsrichterin Patrizia Todisco ist der Zusammenhang offenbar eindeutig. Nach einem jahrelangen Ermittlungsverfahren legte sie Ende Juli wichtige Teile der Anlage kurzerhand still. Auch ein großes Stahlwerk dürfe "sich seiner Pflicht nicht entziehen, den Schutz der Gesundheit und der Umwelt über die Logik des Profits zu stellen, die bisher in skrupelloser und zynischer Weise verfolgt worden ist", schrieb die Richterin in die Begründung ihres Beschlusses. Stahlpatriarch Emilio Riva und sein Sohn Nicola wurden in Untersuchungshaft genommen - die sie allerdings daheim, als Hausarrest, verbringen dürfen. Das brachte nicht nur die Inhaber des Unternehmens, sondern auch die Beschäftigten und sogar die Politik auf die Barrikaden.

Familie Riva drohte umgehend, nicht nur die Überlebensfähigkeit des Werks in Tarent stehe damit in Frage, sondern auch die von zwei Walzwerken in Norditalien. Im Klartext: Wenn die Justiz nicht einknickt, machen wir drei Großbetriebe dicht.

Das blieb bei den Beschäftigten natürlich nicht ohne Wirkung. Sie zogen gegen die Justiz auf die Straße, blockierten die Stadt, besetzten das Werk und skandierten: "Lieber hier krank werden als anderswo verhungern".

Seitdem tobt ein übler Streit in Tarent: Beschäftigung steht gegen Gesundheit, Krebs oder arbeitslos heißt die perfide Alternative. Arbeiter und Geschäftsleute stehen gegen Mediziner und Mütter, Politiker attackieren die Justiz, beide verbeißen sich in einen Krieg um Zuständigkeiten und Grenzwerte.

Italiens Premier Mario Monti schickte gleich drei Minister ins Krisengebiet, und sein Staatssekretär Antonio Catricalà kündigte eine Verfassungsklage der Regierung gegen die Vorgehensweise der Justiz in Tarent an. Der Schutz der Gesundheit sei gewiss wichtig, aber die Richter dürften sich dabei nicht in die Industriepolitik der Regierung einmischen. Denn Rom habe Hunderte Millionen Euro in das Werk und in die Beseitigung von Umweltproblemen gesteckt.

Das beruhigte die Belegschaft zumindest so weit, dass sie die Blockade abblies. Aber bis heute marschieren regelmäßig Arbeitertrupps mit Transparenten im Zentrum der Stadt auf. "Wir kennen das Risiko", sagen sie. Viele haben Kollegen vorzeitig sterben sehen. Andere haben Krebserkrankungen in der Familie. Aber "wir brauchen unsere Arbeitsplätze". Die sind jetzt zusätzlich durch die Wirtschaftskrise gefährdet. Vorige Woche kündigte die Unternehmensleitung an, wegen anhaltender Absatzprobleme bis zu 2000 Mitarbeiter für 13 Wochen nach Hause zu schicken. Der Staat zahlt solange eine Art Arbeitslosengeld, aber das macht die Angst in Tarent nicht kleiner. Wenn Ilva schließt, heißt es dort, gehen in der 200.000-Einwohner-Stadt die Lichter aus.

So ist es wohl. Die Altstadt ist ohnehin in desolatem Zustand, abends ist sie nahezu menschenleer. Nur ein paar tätowierte Jugendliche rasen mit ihren Mopeds durch die engen, dunklen Gassen. Städtisches Leben ist auf die Einkaufsstraßen der Neustadt beschränkt. Aber auch das wäre in Gefahr, wenn das Stahlwerk seine Tore schließt. Viele Zulieferbetriebe würden mitgerissen, das kostete weitere Jobs. Auch mehr als zwei Drittel des gesamten Warenumschlags des Hafens hängen von Ilva ab.

190 Millionen Beratungshonorare für die Eigentümer

Deshalb haben die Behörden offenbar über Jahrzehnte nicht sehen wollen, welche Schäden der Stahlkoloss bei den Menschen und der Umwelt anrichtet. Die Justiz ermittelte zwar, aber Ilva machte einfach weiter. Und wenn es knirschte, half die Politik. 2008, zum Beispiel, pfiff die Regierung Silvio Berlusconis die Kontrolleure des Umweltministeriums zurück. Die gingen offenbar zu streng ans Werk. Bis heute, heißt es, seien bei Ilva keine Messanlagen installiert, die den Ausstoß der gefährlichen Gase und Rußpartikel kontinuierlich und genau messen.

Die jetzige Regierung will eine Lösung, bei der die Gesundheit von Arbeitern und Bevölkerung natürlich an erster Stelle steht, wie sie sagt, die aber das Werk erhält und es erlaubt, während der Sanierung weiter zu produzieren. 400 Millionen Euro will Rom dafür bereitstellen. Und im Übrigen müssten erst einmal neue Gutachten her, die vorliegenden Zahlen seien nicht wirklich abgesichert.

Auch die Stahlbarone aus der Riva-Familie wollen Geld investieren und das Werk umwelt- und menschenfreundlicher machen. Dabei hätten sie seit Jahren keine Dividende von Ilva bekommen. Alles, was dort erwirtschaftet wurde, sei reinvestiert worden, sagen sie.

Doch, seltsam, allein zwischen 2008 und 2011, das behauptet jedenfalls das italienische Wochenmagazin "L'Espresso", habe eine Holding, die von Emilio Riva samt Kindern und Enkeln kontrolliert werde, 190 Millionen Euro von Ilva bekommen - für Beratungen. Die Riva-Eigentümer, so "L'Espresso", hätten sich selbst beraten und dafür natürlich ordentlich bezahlt.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. ---------
brux 18.11.2012
Hier scheint auch massiv gegen EU-Recht verstossen zu werden. Aber dass man in Europas Süden EU-Recht als grobe Leitlinie sieht, ist ja wirklich nichts neues. Nur kann es eben nicht sein, dass sich einige Wettbewerbsvorteil auf Kosten der Umwelt verschaffen.
2.
gowild 18.11.2012
Vor 20 Jahren gab es im Osten auch Stahlwerke mit vielen tausend Beschäftigen. Wo ist das Problem hier? Im Osten blühen auch wieder die Landschaften. Wird auch auf Sizilien funktionieren.
3.
antilobby 18.11.2012
Zitat von gowildVor 20 Jahren gab es im Osten auch Stahlwerke mit vielen tausend Beschäftigen. Wo ist das Problem hier? Im Osten blühen auch wieder die Landschaften. Wird auch auf Sizilien funktionieren.
Sind die Norditaliener auch bereit, Jahr für Jahr Milliarden von Euros in den Süden zu pumpen, wie es in D unter den Namen "Solidarpakt" immer noch passiert?
4. Wer dumm wählt, den bestraft das Leben
Regulisssima 18.11.2012
"pfiff die Regierung Silvio Berlusconis die Kontrolleure des Umweltministeriums zurück" Die Italiener habe Berlusconi gewählt, obwohl sie genau wussten, dass er ein Blender war und sich einen Dreck um das Gesetz kümmert. Jetzt müssen sie die Konsequenzen tragen. Für Mitleid ist da kein Platz, schliesslich haben die Deutschen auch zu recht kein Mitleid mit jenen, die die Zeche für 'unsere' Landesbanken, den Nürburgring, die Elbphilamonie, den Flughafen Berlin oder die NRW-Schuldenorgie bezahlen müssen. Jeder ist seines Glückes Schmied und wer dem Beamtenadel vorauseilend-gehorsam Vertrauen schenkt, wird eben beschissen. Ganz legitim !
5.
syracusa 18.11.2012
Zitat von antilobbySind die Norditaliener auch bereit, Jahr für Jahr Milliarden von Euros in den Süden zu pumpen, wie es in D unter den Namen "Solidarpakt" immer noch passiert?
Bis jetzt: ja. Aber die Bereitschaft sinkt. Die Norditaliener subventionieren den Süden schon extrem viel länger, als die West- die Ostdeutschen. Leider ohne nennenswerte Erfolge, wenn man von reich gewordenen Mafiosi mal absieht. Dem Süden Italiens fehlt nicht Geld, sondern es fehlt Vertrauen in die Institutionen, und es fehlt an Institutionen, die Vertrauen verdienen. Der Staat wird als fremder Usurpator betrachtet, und oft genug führt er sich auch so auf.
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