Starker Franken: Schweizer Währungsflüchtlinge stürmen deutsche Grenzstädte

Von , Lörrach

Euro und Dollar kriseln, der Schweizer Franken ist so viel wert wie lange nicht. Während die eidgenössische Wirtschaft unter der Starkwährung leidet, ziehen deutsche Grenzstädte Tausende Einkaufstouristen aus dem Alpenland an. "Ich suche gar nichts Bestimmtes", sagt eine. "Aber die Preise sind unschlagbar."

Starker Franken: Shopping-Touristen in Lörrach Fotos
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An Kunden wie Alice Wasserfallen merken die Lörracher, dass sich etwas verändert hat. Die Schweizerin steht an der Kasse des Schuhgeschäfts und lässt sich das mit der Mehrwertsteuer erklären. Sie bekommt diese nämlich erstattet - wenn sie beim nächsten Einkauf ein abgestempeltes Formular des Zolls mitbringt.

Für die gewöhnlichen Einkaufstouristen, die jedes Wochenende über die Grenze kommen, ist das längst Routine. Wasserfallen hingegen fuhr bislang höchstens zwei- bis dreimal im Jahr zum Shoppen nach Deutschland: "Mir war das immer zu mühsam." Doch nun steht der Euro bei 1,10 Franken, in der vergangene Wochen verpasste die Schweizer Währung sogar nur knapp den Gleichstand mit dem Euro. "Jetzt lohnt es sich richtig, in Deutschland einzukaufen", sagt die Mutter.

Der Grund für den starken Franken: Euro-Krise und US-Schuldendesaster. Während die großen Währungen für viele Investoren immer unattraktiver werden, erscheint der Schweizer Franken als sichere Bank. In der Folge steigt der Kurs - und das bekommen auch deutsche Grenzstädte wie Lörrach zu spüren. Denn mittlerweile kosten in der Schweiz viele Produkte das Doppelte, Deodorant oder Olivenöl sogar das Dreifache.

Wasserfallen nimmt für die beiden Töchter gleich mehrere Paar Schuhe mit und will dann weiter ins Reisebüro, den nächsten Urlaub buchen. Auch das ist in Lörrach viel billiger als in der Heimat.

Die kleine Stadt erlebt gerade einen gigantischen Boom. Zwar sorgten die Schweizer auch früher schon für ein knappes Fünftel des Umsatzes von Gastronomie und Einzelhandel. Doch seit Anfang August ist der Anteil auf 35 Prozent hochgeschossen. An Samstagen kommt sogar jeder zweite Kunde aus der Schweiz, sagen die Händler.

Aus der etwas provinziellen Kleinstadt im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz ist eine Einkaufshochburg geworden. Nicht ein einziges Geschäft in der Innenstadt steht leer, für eine freiwerdende Immobilie habe es kürzlich mehr als 30 Interessenten gegeben, sagt Bürgermeisterin Marion Dammann.

"Nur so viel: Es ist erheblich mehr"

Fast scheint den Lörrachern ihr Aufschwung Made in Switzerland ein wenig unheimlich. Denn bei aller Freude über den Ansturm der Schweizer machen sie in Gesprächen auch stets die Sorge deutlich, ob das denn alles so weitergeht. Horst Schmiederer zum Beispiel. Der Chef des Modehauses Kilian mitten im Zentrum spricht von einem beträchtlichen Umsatzplus. Wie viel es genau ist, will er lieber nicht sagen. "Nur so viel: Es ist erheblich mehr als sonst." Denn es kommen nicht nur mehr Schweizer als früher, sie kaufen laut Schmiederer auch wesentlich mehr - "und vor allem hochwertige Sachen". Ware also, bei der dem Händler mehr Gewinn bleibt als bei Billigprodukten.

Aber klar sei auch: "Die Schweizer kaufen schon jetzt viel Herbstmode. Deshalb kann ich nicht sagen, ob das Geschäft so weiterläuft." Angst vor einer möglichen Abwertung des Franken hat Schmiederer dagegen nicht. "Selbst wenn der Kurs wieder auf 1,30 Franken steigt, ist das immer noch sehr gut für uns."

Doch derzeit steht der Franken nun einmal besonders günstig für die Lörracher - und für Schweizer Schnäppchenjäger. Selbst Stammgäste, die seit Jahren über die Grenze kommen, staunen über die Preisunterschiede. "Dieses Portmonnaie hier kostet nur 29,90 Euro", sagt Yvonne Widmann aus Basel. "Bei uns kostet das 70 Franken, also fast das Doppelte." Nur zehn Minuten brauche sie mit dem Auto bis Lörrach, erzählt die Schweizerin, während ihr Mann in der Herrenabteilung des Modehauses stöbert. "Ich suche eigentlich gar nichts Bestimmtes, aber die Preise sind echt unschlagbar - vor allem, weil man auch noch die Mehrwertsteuer abziehen kann."

Schweizer Einzelhändler warnen vor Jobabbau

Wie immer gibt es aber auch beim Boom von Lörrach und anderen Grenzstädten wie Weil am Rhein und Konstanz eine Kehrseite. Und die erleben gerade die Schweizer Händler im Grenzgebiet. Dort bleiben die Geschäfte am Samstag menschenleer, die Kunden sind wenige Kilometer entfernt auf Schnäppchenjagd - in Deutschland, Frankreich oder Italien. Von den Lobbyisten des eidgenössischen Einzelhandels gibt es auf Anfrage deshalb die bissige Bemerkung: "Wen die Preise in der Schweiz stören, dem rate ich, doch im Ausland einen Job zu suchen und dort dann preisgünstig einzukaufen", sagt der Vizechef des Detaillistenverbands, Max Buholzer. Wer Einkaufstourismus betreibe, gefährde Jobs in der Schweiz.

Die Schweizer in Lörrach lassen solche Drohungen kalt. "Da ist sich jeder selbst der Nächste", sagt Sabine Knösels, die sich bei Karstadt gerade ihre Mehrwertsteuer zurückgeholt hat. "So lange in der Schweiz alles so teuer ist, habe ich da überhaupt kein schlechtes Gewissen."

Knösels kommt aus Reinach, das liegt noch in der Nähe der deutschen Grenze. Aber mittlerweile lockt der starke Franken sogar Gäste aus der Zentralschweiz an: Fredy Müller ist am Samstag mit seiner Familie aus Luzern angereist, er nimmt eine Autofahrt von rund drei Stunden in Kauf. Müller kauft in Lörrach vor allem für seine Kinder ein - Klamotten also und Spielzeug.

"Den Euro einführen? Bloß nicht!"

Für Horst Krämer sind Leute wie der Luzerner Familienvater entscheidend für Lörrachs Aufschwung. "Selbst bei einem Kurs von 1,65 Franken vor fünf Jahren kamen immer 20 Prozent des Umsatzes aus der Schweiz", sagt Krämer, der den Gewerbeverein "Pro Lörrach" leitet. "Der Unterschied heute ist, dass wir auch Gäste aus Zürich und Luzern haben. Das sorgt für ein zweistelliges Plus beim Handel."

Fredy Müller gibt zu, er sehe die Probleme der Schweizer Wirtschaft mit dem aufwertenden Franken durchaus. Sie lägen aber eher in der Exportindustrie als im Handel. Also beim Maschinenbau oder in der Chemieindustrie. Damit diese Branchen nicht in eine Krise rutschen, sei es wichtig, dass der Franken gegenüber Euro und Dollar wieder an Wert verliere.

Und wenn das nicht klappt? Sollte die Schweiz dann vielleicht auch den Euro einführen? Müller ist fassungslos: "Bloß nicht! Wir sind doch stolz und glücklich, dass wir unseren Schweizer Franken haben."

Die Lörracher können also beruhigt sein. Ihr Aufschwung Made in Switzerland dürfte nicht so schnell zu Ende gehen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes kam es zu Verwechslungen zwischen Euro- und Frankenkurs. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 164 Beiträge
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1. Umrechnung
1401ger 15.08.2011
"Doch nun steht der Franken bei 1,10 Euro"... Ach so, jetzt hat der Franken den Wert des Euro also schon überholt? Bei Spiegel geht halt alles etwas schneller als im Rest der Welt ^^
2. ...
ergoprox 15.08.2011
Tja, wenn dann die Läden schliessen, die Löhne sinken, die Immobilienpreise in den Keller gehen, dann wird das Jammern groß sein. Aber wieso sollte die Schweizer nicht auch mal betroffen sein...
3. Nichts Verwerfliches
Hardliner 1 15.08.2011
Zitat von sysopEuro und Dollar kriseln, der Schweizer Franken ist so viel wert wie lange nicht. Während die eidgenössische Wirtschaft unter der Starkwährung leidet, ziehen deutsche Grenzstädte Tausende Einkaufstouristen aus dem Alpenland an. "Ich suche gar nichts Bestimmtes", sagt eine. "Aber die Preise sind unschlagbar." http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,780201,00.html
Der Schweizer Einzelhandel kassiert seit vielen Jahren kräftig ab. Vor allem der Lebensmittelsektor (Migros, Coop etc.) hat sich daran gewöhnt, weit überzogene Preise zu verlangen. Wenn die Ostschweizer jetzt den starken Franken zum Anlass nehmen, in Deutschland einzukaufen, dann ist das nichts Verwerfliches. Übrigens: Viele Schweizer aus dem Bodenseeraum fahren zum Tanken ins österreichische Vorarlberg, weil dort der Sprit wesentlich billiger ist als in der Schweiz und auch billiger als in Deutschland.
4. Werbeslogan
kingofmetal 15.08.2011
Zitat von sysopEuro und Dollar kriseln, der Schweizer Franken ist so viel wert wie lange nicht. Während die eidgenössische Wirtschaft unter der Starkwährung leidet, ziehen deutsche Grenzstädte Tausende Einkaufstouristen aus dem Alpenland an. "Ich suche gar nichts Bestimmtes", sagt eine. "Aber die Preise sind unschlagbar." http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,780201,00.html
Ich hätte dazu den passenden Werbespruch - Schweiz ist geil.
5. ....
toledo 15.08.2011
Wieso der Franken plötzlich so beliebt und angeblich so sicher ist, erschließt sich mir bei Volkswirtschaft nicht, die sich gerade aus 7,7 Mio Häuptern (davon 20& Ausländer..) zusammensetzt und kaum nennenswerte Industrie ihr eigen nennt! Scheint mir auch nur virtuelles Vertrauen gepaart mit sonstigen Luftnummern zu sein, oder was?
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