Textildiscounter Lesara Kleider geil

Ein Cardigan für 8,99 Euro, schnell und frei Haus: Der Onlineshop Lesara treibt den Billigtrend auf die Spitze - und versetzt die Textilbranche in Aufruhr. Die Schnäppchenjagd hat allerdings einen beachtlichen Haken.

Textilfabrik im chinesischen Huaibei: Großes Geschäft mit Billigware
AFP

Textilfabrik im chinesischen Huaibei: Großes Geschäft mit Billigware

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Der Winter naht, und damit auch die Suche nach den Handschuhen. In welcher Schublade waren die im Frühjahr noch mal gelandet? Ach, egal: Neue sind fix bestellt, für 7,99 im Internet, echte Wolle, Lieferung frei Haus. Gibt's gar nicht? Gibt's doch: bei Lesara, dem ersten Discounter für Billigkleidung und Haushaltswaren, der ausschließlich im Netz verkauft. Das Berliner Start-up ist erst zwei Jahre alt und drauf und dran, den umkämpften Markt kräftig aufzumischen.

Lesara ist das logische Ergebnis einer langen Entwicklung. Seit Jahren kauft die Kundschaft weniger in Innenstädten und mehr im Internet, Deichmann konkurriert mit Zalando, Amazon legt sich mit Saturn und Thalia an. Mit Lesara gibt es nun auch eine Antwort des Internets auf Tchibo und neue Konkurrenz für C&A und Pimkie. Entsprechend selbstbewusst streut Lesara die Botschaft, den E-Commerce-Markt nachhaltig verändern zu wollen.

Facebook-Recherchen statt Designer

Das Geschäftsmodell ist ausgerichtet auf hohe Effizienz, niedrige Preise - und gleicht einer Mixtur der umstrittenen Erfolgsrezepte von Primark, Kik und Amazon: Das 150-köpfige Lesara-Team kauft Billigware bei 1500 Lieferanten vor allem in China und schickt sie dann per Luftpost nach Berlin und Staufenberg bei Kassel. Dort werden die Hosen, Messerblöcke und Armbänder sofort in schlichte Tüten gepackt und zu den Kunden gesendet. Wie sehr das Start-up dabei auf die breite Masse setzt, zeigt sich schon am Namen, der sich aus den beliebtesten Frauennamen Europas zusammensetzt: Lea und Sara.

Dabei spart das Unternehmen, wo es nur geht. Statt mit eigenen Designern etwa arbeitet Lesara mit Suchmaschinen und recherchiert bei Facebook oder Instagram: Im Netz oder bei der Konkurrenz angesagte Schnitte, Farben, Muster werden an die Lieferanten weitergeleitet, prompt geht die gewünschte Ware in Produktion. In eigene Entwürfe fließt also kein Geld, und nachbestellt wird nur, was sich gut verkauft. Keine Zwischenhändler und Großlager, kein Marketing, keine Saisonkataloge. Verkauft wird, was die Masse will - zu Preisen, die sie zu zahlen bereit ist. Turbokapitalismus wie aus dem BWL-Lehrbuch.

Lesara-Gründer Kirsch: "Ein supergutes Kundenerlebnis ist das Essenzielle"
Lesara/Urban Zintel

Lesara-Gründer Kirsch: "Ein supergutes Kundenerlebnis ist das Essenzielle"

Hinter diesen Ideen steht Roman Kirsch, Sohn deutsch-kasachischer Einwanderer und Star der Berliner Start-up-Szene. Vor vier Jahren gründete der heute 27-Jährige die Shopping-Plattform Casacanda, eine Art Onlinevariante von Ikea, die er nach nur einem Jahr für knapp zehn Millionen Euro an das US-Vorbild Fab verkaufte. Casacanda sollte den Durst nach immer neuen Schnäppchen befriedigen, so wie nun Lesara.

Das Onlinekaufhaus soll an den Erfolg anderer Fast-Fashion-Ketten wie H&M anknüpfen, die mit ihrem Unterbietungswettkampf einstige Giganten wie Quiksilver und American Apparel in ernste finanzielle Nöte getrieben haben. Langfristig will Lesara so der wichtigste Kleidungsdiscounter im Netz werden. Die Chancen stehen nicht schlecht, doch über die Methoden lässt sich streiten. So wird jedes Angebot mit einer durchgestrichenen angeblichen Preisempfehlung zum "Deal" oder "Top Deal" stilisiert.

"Es gibt kein Produktionsland, das unumstritten ist"

Nicht nur diese sogenannten Streichpreise sind umstritten. Blogger beklagen etwa, Lesara suggeriere bei Billigartikeln, es handele sich um teure Markenware oder fälsche Kundenbewertungen. Kirsch beteuert gegenüber SPIEGEL ONLINE, alle Kundenbewertungen seien echt - es hätten lediglich Mitarbeiter gekaufte Porträtbilder fälschlicherweise mit echten Kommentaren kombiniert: "Solche Fehler passieren, wenn man sehr schnell wächst."

Kritik daran, dass fast das gesamte Sortiment aus Asien kommt, wehrt Kirsch hingegen ab. "Es gibt kein Produktionsland, das unumstritten ist", sagt er. Das stimmt so allerdings nicht - zumal seit Langem bekannt ist, dass die Produktionsbedingungen in asiatischen Textilfabriken oft unmenschlich oder gar lebensgefährlich sind. Kirsch verweist auf einen verpflichtenden Verhaltenskodex für Kooperationspartner und sagt, chinesische Sozialstandards seien "fast eins zu eins eine Kopie" deutscher Regelungen. Außerdem würden seine Mitarbeiter in China darauf achten, nur mit fairen Arbeitgebern zusammenzuarbeiten.

Lesara lässt seine Produkte trotz der vielen Berichte über die schwierigen Bedingungen für Arbeiter in mehr als tausend chinesischen Fabriken herstellen. Denn das Land, immerhin weltgrößter Textilexporteur, garantiert niedrige Produktionskosten sowie überschaubare Umweltschutzauflagen. Dabei sind die Folgen dramatisch: Zwei Drittel der chinesischen Gewässer sind vergiftet, vor allem mit Chemikalien aus der Textilindustrie.

Zugleich lechzt Europa nach billiger Massenware. 4,3 Millionen Tonnen Kleidung landen hier auf dem Müll - pro Jahr. Dass jedes Kilo Baumwolle bei der Herstellung 10.000 Liter Wasser verschlingt - egal.

Für Discounter wie Lesara ist diese Wegwerfkultur bei der Kleidung jedenfalls eine perfekte Geschäftsgrundlage: Inzwischen bietet das Portal auch auf Italienisch, Niederländisch und Englisch mehr als 50.000 Produkte "zu einem knackigen Preis" (Kirsch) an, 750 Tonnen Waren hat das Unternehmen binnen zwei Jahren an seine Kunden verschickt.

Drei Millionen Besucher - pro Monat

Ein Ende dieses Aufstiegs ist nicht in Sicht: 700.000 Besucher kamen vor einem Jahr monatlich auf die Lesara-Homepage, inzwischen sind es mehr als drei Millionen. Pro Woche verschickt das Start-up nach eigenen Angaben rund 50.000 Produkte, bei einem Wachstum von 20 Prozent im Vier-Wochen-Takt. Und das Vertrauen der Investoren in das Billigwaren-Modell ist offenbar groß: Erst im September sammelte Kirsch weitere 15 Millionen Euro ein. Das Geschäft läuft also, trotz Gift- und Müllbergen.

Kritik daran hält Kirsch für normal. Es gebe immer Leute, "die das Modell kritisch betrachten", sagt er - und fügt an: "Für uns ist ein supergutes Kundenerlebnis das Essenzielle."

Natürlich ist Lesara nicht allein verantwortlich für solche Missstände, und der Hunger der Massen nach Billigkleidung ist kein neues Phänomen. Doch das Start-up treibt diese Entwicklung auf die Spitze - angetrieben von einer weitverbreiteten Gleichgültigkeit beim Shoppen. Der Großteil der meist weiblichen Lesara-Kunden ist laut dem Start-up zwischen 25 und 65 Jahre alt, und eine kritischere Generation wächst nicht nach: 96 Prozent der Jugendlichen wissen laut einer repräsentativen Greenpeace-Studie von den unwürdigen Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie - aber nicht einmal jeder Achte hat demnach sein Kaufverhalten verändert.


Zusammengefasst: Der Onlinediscounter Lesara mischt die Textilbranche auf, im Netz will das Berliner Start-up zum führenden Anbieter von Billigware werden. Die Chancen stehen nicht schlecht, zumal Firmenchef Roman Kirsch Erfahrung mit dem Geschäftsmodell hat. Allerdings gibt es Kritik an der Qualität der Ware sowie Zweifel an der Ehrlichkeit der Plattform. Zudem lässt Lesara in China produzieren, wo die Produktionsbedingungen seit Langem in der Kritik stehen.

Made in China - Billig-Jeans vom Discounter

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insgesamt 204 Beiträge
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Seite 1
postmaterialist2011 02.11.2015
1. Blödsinn !
"Es gibt kein Produktionsland, das unumstritten ist" - selten so einen Blödsinn gelesen. Portugal ist ziemlich unumstritten. Dort verdienen die Mitarbeiter allerdings mindestens den üblichen Mindestlohn, werden nicht in Kasernen gehalten wie in China und die hohen Umweltstandards der EU gelten auch. Der Typ beutet die Natur aus (zu dem Preis ist eine umweltverträgliche Produktion unmöglich), er beutet Menschen aus ( die im Extremstakkord diesen Ramsch nähen müssen), er macht Kreativen eine lange Nase ( deren Entwürfe kopiert er ohne Kosten) und trägt dazu bei, dass die Müllberge immer schneller wachsen ( ein T-Shirt für € 3, einmal getragen dann weg damit). Solche Firmen braucht kein Mensch, aber der dumme Konsument macht solche Ausbeuter gross.
bruderlaurentius 02.11.2015
2. Solche Läden gehören verboten
Tag ein, Tag aus debattieren wir über Moral, schon fast inflationär. Ob in der Flüchtlingsfrage, der Massentierhaltung und der Textilbranche. Es tut mir in der Seele weh, dass wir kulturell auf so einem niedrigen Niveau angelangt sind und alles mit "BilligIstGeil" rechtfertigen können. Der Mensch im 21. Jhd. denkt in Schubladen, sodass er nullkommanull Verantwortung gegenüber seiner Umwelt und seiner Mitmenschen tragen muss. Nach dem Motto, cool nur 7,99 € für ein T-Shirt, sich aber später über den Klimawandel und knappe Ressourcen oder gar Flüchtlingsströme aufregen. Alles hängt mit allem zusammen.
SPONU 02.11.2015
3. So funktioniert das heute...
Man kauft bei "Geiz ist geil", Primark, Kik etc ein. Verbingt Stunden beim online Preisvergleich von der gewünschten Ware. Lässt sich dann noch vom örtlichen Fachhhandel gratis beraten, um dann gut informiert online zu bestellen. Und einmal im Jahr postet man eben ein virtuelles Kerzchen auf der Facebook Seite, holt sich dafür "likes" von Freunden und alles ist wieder gut. Je nach Wahl gibt's die Kerzchen für die Schleckerfrauen, gegen die Verödung unserer Innenstädte, gegen Verpackungsmüll oder für Mindestlohn bei Paketzustellern. Und sollte dochmal wieder eine böse Nachricht von toten Näherinnen zu uns durchdringen wird das natürlich "ge-shared" und mit einem frowny smiley versehen.
grivel 02.11.2015
4. Ach Herr Kirsch....
"Es gibt kein Produktionsland, das unumstritten ist". Mal an Trigema gedacht? Damit sage ich nur setzen,6. Lächerliche Aussage, sofern sie nicht gefälscht wurde. Nein Trigema, ist kein Luxuslabel - aber ein Unternehmen das weiss wie man Arbeitskraft korrekt einsetzt.
gpkneo 02.11.2015
5. Na ja
Habe mir mal die Artikel und Preise angeschaut. Da gibt es hier vor Ort vergleichbare Artikel zu gleichen Preisen und ich kann anprobieren. Ich kann mich von der Qualität der Ware überzeugen und entscheiden, ob ich kaufe oder nicht.
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