Start-up-Wettbewerb Die Idee ihres Lebens

Maren Ulbrich und Sebastian Budde haben eine Geschäftsidee, beide wollen eine Firma gründen. Bei einem Start-up-Wettbewerb treten sie gegeneinander an. Wer gewinnt - und warum?

Besprechung im Team von Maren Ulbrich (3. v. r.)
Luis Humpert

Besprechung im Team von Maren Ulbrich (3. v. r.)

Aus Bremen berichtet


Sebastian Budde will die Wohnungssuche in Großstädten revolutionieren. Doch im Moment kann er nicht mal ein Bild mit einem Beamer an die Wand werfen. Und der Text für die Abschlusspräsentation steht auch noch nicht. Die Technikprobe ist eine Katastrophe.

Im Raum nebenan kniet Maren Ulbrich auf dem Boden und guckt auf ein Flipchartblatt. "Ich würde diesen Teil gerne als Grafik aufmalen, aber ich habe keine Ahnung, wie", sagt Ulbrich. Sie fängt noch mal von vorne an. Beiden läuft die Zeit davon. Nur noch eine Stunde, dann muss alles stehen.

Sebastian Budde und Maren Ulbrich wollen ein Unternehmen gründen.

Drei Tage lang haben sie beim Start-up-Wettbewerb in Bremen Kunden identifiziert, Konzepte für die Finanzierung erstellt, an ihren Ideen gefeilt. Die Preise sind hier Nebensache. Die beiden wollen stattdessen wissen, ob ihre Idee etwas taugt.

Nun steht der Höhepunkt bevor. Ein Vortrag noch, dann entscheidet die Jury. Einer der beiden wird gewinnen - und einer leer ausgehen.

Am ersten Abend aufgeben

Unternehmen mit neuen Geschäftsideen - also nicht der Blumenladen um die Ecke - spielen eine zentrale volkswirtschaftliche Rolle. Sie tragen zum technologischen Fortschritt bei, schreibt die KfW Bankengruppe in ihrem aktuellen Gründungsbericht.

Zwar ist die Zahl der Gründungen in Deutschland im vergangenen Jahr stark zurückgegangen. Die Geschäftsideen würden aber besser. Doch wie wird aus einer guten Idee ein Unternehmen? Wie schwierig das ist, haben die Teilnehmer des Start-up-Wettbewerbs leidvoll erfahren.

Schon am ersten Abend ist Maren Ulbrich kurz davor aufzugeben. Sie steht vorne in der Mitte des großen Konferenzraums im Bremer Innovations- und Technologiezentrum, einem schmucklosen Gebäude gleich um die Ecke vom Bremer Uni-Campus.

40 Teilnehmer sind gekommen: BWLer, Designer, Programmierer, Ingenieure. Anfangs kann jeder seine Idee vorstellen; Pitch heißt das im Start-up-Jargon. Die Teilnehmer stimmen dann in mehreren Stufen darüber ab, welche Ideen weiterverfolgt werden.

Erst zwei Kinder, jetzt das eigene Unternehmen

"Ich bin die externe Personalabteilung für Handwerksbetriebe", fängt Maren Ulbrich ihren Pitch an. Doch sie verliert den Faden, verheddert sich, setzt wieder neu an. Schon ist die Zeit um. "Ich hab verkackt", sagt Ulbrich später. "Ich dachte, es ist vorbei."

Doch in Einzelgesprächen schafft sie es, Stimme für Stimme genügend Unterstützer für ihre Idee zu finden - und darf eins von insgesamt sieben Teams leiten.

Kaum ein Handwerksbetrieb habe eine Personalabteilung, die meisten seien zu klein, sagt Ulbrich. Die Mehrheit der Angestellten habe nicht einmal einen schriftlichen Arbeitsvertrag. Ulbrich will das ändern und für viele Handwerksbetriebe gleichzeitig das Personal betreuen.

Die 36-Jährige - Jeans, T-Shirt, Sneaker - hat selbst mehrere Jahre in einem größeren Handwerksbetrieb in der Verwaltung gearbeitet. Sie kenne die Probleme, sagt Ulbrich. "Der Gedanke an die Selbstständigkeit war schon immer da." Jetzt, nach der Geburt ihrer beiden Kinder, soll es losgehen.

Ulbrich mit Team
Luis Humpert

Ulbrich mit Team

Nach dem Studium nicht den Mut gehabt

Ihr Konkurrent Sebastian Budde ist in einem ganz anderen Bereich unterwegs. Ihn würden die langen Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen nerven, sagt er. Stattdessen sollen die Makler die Wohnungen als Virtual-Reality-Modelle im Internet hochladen. Dann könnte jeder von überall aus eine Wohnung besichtigen - und beide Seiten würden sich die lästigen Termine sparen. So die Theorie.

Budde hat immer ein DIN-A5-Notizbuch dabei. "Da schreibe ich meine Ideen rein", sagt der Wirtschaftspsychologe. Schon im Studium hat er sich für Konzepte wie Virtual und Augmented Reality interessiert.

Aber nach der Uni ein Unternehmen gründen? "Dazu hatte ich nicht den Mut", sagt Budde. Der 28-Jährige arbeitete zunächst in einer Marketingagentur und ist mittlerweile Freiberufler.

Budde sitzt am zweiten Tag mit seinem Team und einem Mentor des Start-up-Wettbewerbs am Tisch und legt den Kopf schief. Die Mentoren haben meist selbst schon Unternehmen gegründet und sollen den Teams helfen.

"Warum sollte der Makler sich diesen Aufwand machen?", fragt ein Teammitglied in die Runde. In der Stadt würde der die Wohnung doch auch so loswerden.

"Man muss sich eine Nische suchen, in die man reinpasst", meint der Mentor. "Wie sieht die Zielgruppe aus? Welche Needs haben die?" Welche Bedürfnisse also.

Budde nimmt einen roten Stift und schreibt Zielgruppen auf einen Flipchart-Zettel: Ferienwohnungen, Hotels, gewerbliche Immos, ländliche Immos, klassische Vermieter, internationale Immobilieninvestoren.

Die Diskussion wogt hin und her. Sollte man auch Wohnungsverkäufer ansprechen oder nur Vermieter? Gewerbliche Immobilien könnte man auch noch mal differenzieren, meint der Mentor.

Sebastian Budde lehnt an der Wand, den Stift in der Hand. Der Fokus für das Start-up ist noch nicht gefunden.

"Mach einen Sohn und eine Tochter"

Maren Ulbrich und ihr Team sind schon weiter. Zwei Aufstellwände haben sie mit roten, gelben und grünen Notizzetteln beklebt: lauter Ziele und Maßnahmen und Antworten auf die Frage, was die dem Kunde am Ende nützen könnten.

Wenn Ulbrich nachdenkt, dann tritt sie einen großen Schritt zurück und verschränkt die Hände hinter dem Kopf.

Auf Zetteln an der Wand entsteht gerade das fiktive Ehepaar Manni und Waltraut Prigge. Manni Prigge ist 45 Jahre alt und Dachdeckermeister, Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr. Nach Feierabend trinkt er gerne mal ein Bier mit seinen Freunden.

Indem sie sich die Lebenswelt der Familie Prigge vorstellt, möchte die Designerin im Team das Logo erstellen.

"Haben sie Kinder?", fragt sie.

"Mach einen Sohn und eine Tochter", sagt Ulbrich. "Und: Wir wissen noch nicht, ob der Sohn im Handwerk bleibt."

Noch fünf Stunden

Ein Tag später, es ist der letzte Tag des Wettbewerbs. Noch fünf Stunden bis zur Abschlusspräsentation. Sebastian Budde starrt wieder auf den Flipchart-Ständer, aber das alte Blatt mit den Zielgruppen und deren Needs liegt mittlerweile auf dem Fußboden.

Bis in die Nacht haben sie am Konzept gearbeitet. Nun rechnet Budde Zahlen zusammen: einmalige Kosten, laufende Kosten und Einnahmen. Auf den Tischen haben Kaffeetassen und Club-Mate-Flaschen Abdrücke hinterlassen.

"Nach meiner Rechnung machen wir im ersten Jahr 72.000 Euro Miese", sagt Budde.

Das Team will sich auf Mietwohnungen in Hamburg beschränken. Und statt Virtual-Reality-Modelle soll es 360-Grad-Videos geben. Das ist technisch einfacher.

Im Team von Maren Ulbrich ist die Stimmung angespannt. Die Designerin fühlt sich ausgeschlossen. Mit Kopfhörern im Ohr sitzt sie vor ihrem Laptop.

Als sie das Logo präsentiert, will niemand zu viel Kritik äußern.

"Kann man das Werkzeug im Logo noch austauschen?", fragt ein Teammitglied.

"Dann müsst ihr mir aber schon genau sagen, welches", gibt die Designerin zurück.

"In Anbetracht der Zeit lassen wir es so", sagt Ulbrich. Es ist die schnelle Lösung ohne große Diskussion.

Das Finale

Zwei Stunden später sind alle Teilnehmer des Wettbewerbs wieder im großen Konferenzraum. Fünf Juroren bewerten Budde, Ulbrich und die fünf anderen Teams. Sie sind selbst Unternehmer, arbeiten für Start-up-Investoren oder kommen von der Wirtschaftsförderung.

54 Stunden lang haben die Teams gearbeitet; sechs Minuten haben sie, um die Ergebnisse vorzustellen.

Abschlusspräsentation von Sebastian Budde (r.)
Luis Humpert

Abschlusspräsentation von Sebastian Budde (r.)

Nach der katastrophalen Technikprobe hat Sebastian Buddes Team viele Probleme noch lösen können. Budde spricht mit sicherer Stimme. Der Beamer wirft einen Prototyp für die Website an die Wand.

Doch die Kritik der Jury ist hart. "Ich sehe nicht, dass der Makler ein Problem hat, das ihr lösen könnt", sagt ein Juror. Da ist sie wieder, die Frage nach der Zielgruppe - und wer letztlich für die 3D-Videos bezahlen soll.

Auch Maren Ulbrich hat mit ihrem Team bis zur letzten Minute gearbeitet. Doch die Präsentation hat zu viele Elemente. Der Einstiegsfilm startet zu früh, die Musik ist zu laut, Ulbrichs Stimme zu leise, die Zeit zu kurz.

Aber die Jury mag die Idee. Der Handwerker hat ein Problem, und Maren Ulbrichs Unternehmen bietet eine Lösung an. Ulbrich gewinnt den Wettbewerb, weil die Juroren glauben, dass man mit ihrer Idee Geld verdienen kann.

Ulbrich selbst glaubt das auch. Im August soll das Unternehmen starten.

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insgesamt 17 Beiträge
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globaluser 06.06.2016
1. Innovation brauchen wir
aber die Handwerkeridee ist Kokolores, die machen das schon über den Personalvermittler ihres Vertrauens, kann eigentlich nur in ländlichen Gebieten funktionieren. Ach ja - bezahlen mögen diese kleinen Betriebe auch nicht viel. Natürlich haben alle legal Beschäftigten in Handwerksbetrieben Arbeitsverträge.
peterbruells, 06.06.2016
2.
Zitat von globaluseraber die Handwerkeridee ist Kokolores, die machen das schon über den Personalvermittler ihres Vertrauens, kann eigentlich nur in ländlichen Gebieten funktionieren. Ach ja - bezahlen mögen diese kleinen Betriebe auch nicht viel. Natürlich haben alle legal Beschäftigten in Handwerksbetrieben Arbeitsverträge.
Das ist tautologisch. Es ging aber um „schriftliche Arbeitsverträge“ und die gibt es eben nicht immer.
globaluser 06.06.2016
3. @peterbruells
ok, einverstanden, würde sich aber auch bei dieser Dienstleistung kaum ändern. Wie gesagt, prinzipiell bin ich nicht dagegen, ich befürchte aber, das es hier um rein administrative Angelegenheiten geht (Lohnabrechnung) und nicht um eine konzertierte Personalentwicklung, denn da wäre in der Tat Bedarf. Aber wir kennen den Business-Plan nicht.
larsmach 06.06.2016
4.
Da gibt es eine "VC industry", eine "Venture Capital industry", und ja: Die hat ihre eigene Sprache! Die hat ihre eigenen Rituale, und dort geht es um "tag-long", "drag-along" oder "liquidation preference" in den einschlägigen Verträgen. Und das Wesen dieser "Industrie" besteht vornehmlich darin, etwas Geld in eine Idee zu stecken (und oft so viele Zuschüsse wie möglich zu sammeln, auch wenn ein Projekt dafür passend zur Fördermaßnahme zurechtgebogen werden muss). Am Ende will man den "Exit", d.h. man verpackt das Firmchen in schönes Geschenkpapier mit Schleife obendrauf und sieht zu, dass man einen Käufer dafür findet: Je schillernder, desto besser, weil: Teurer. Es geht um eine hohe "Valuation" (Bewertung), und auch wenn erste Einnahmen dies unterstützen würden, macht der VC Investor seinen Gewinn vollkommen unabhängig von tragfähigen Einnahmen des Start-Ups selbst. Parallel dazu läuft die reale Wirtschaft. Menschen kümmern sich um Unternehmen, und es werden auch neue gegründet. Das geht - wie seit Menschengedenken - solide: Ein Unternehmer betreibt ein eigenes Geschäft, verdient damit Geld und investiert den Gewinn in Innovationen, Wachstum etc. etc.. Und kein "Exit" und kein "Bewertungs"-gieriger VC Investor quatscht da hinein.
hmoik 06.06.2016
5. ...Expertise... ?
Ich bin immer wieder begeistert, wenn jemand konstruktive Kritik übt. Aber einfach etwas als "Kokolores" zu bezeichnen, reicht dann doch nicht. Und der Verweis auf die Personalvermittler ist schlicht falsch. Die kümmern sich nämlich anschließend nicht um die internen Verwaltungsaufgaben, die liegen in kleineren Betrieben häufig eher bei Steuerberatern. Die wiederum wickeln aber nur das Steuerliche und die SozV ab. Die Idee hat also durchaus eine Grundlage und die Gründerin hat Marktkenntnisse. Der Pitch wäre es also wert, sich die Zeit zum zuhören zu nehmen. Ach ja... Expertise? Ich habe 14 Unternehmen gegründet, sitze bei 7 im Board und bin direkt und indirekt über VCs an über 40 beteiligt, in D und USA. Mal erfolgreich, mal komplett versemmelt. Life is a roller coaster.
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