Ende des Start-up-Hypes Das kurze Leben der Einhörner

Lange stiegen die Bewertungen vieler deutscher Start-ups in immer atemberaubendere Höhen. Doch nun mehren sich die Anzeichen für eine Krise. Ist das Ende des Hypes erreicht?

Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer
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Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer


Anfang September starb ein deutsches Einhorn. Es ging sehr schnell.

Unicorns - so nennt die Gründerszene jene jungen Unternehmen, die vor dem Börsengang eine Milliarde Dollar oder mehr wert sind. Als die Risikokapitalgeberin Aileen Lee den Begriff vor drei Jahren erfand, passte er perfekt: Ein Milliarden-Dollar-Start-up war so selten wie geheimnisvoll.

Mittlerweile zählt das "Wall Street Journal" 149 Einhörner weltweit, fast viermal so viele wie vor drei Jahren. Uber und Airbnb sind die bekanntesten. Nur fünf deutsche Start-ups rangieren in dem illustren Klub: Delivery Hero, HelloFresh, CureVac, Auto1 Group und Home24. Bis zum 6. September 2016.

Dann verliert der Möbelversandhändler Home24 über Nacht über die Hälfte seines Werts.

Um das zu verstehen, ist es gut zu wissen, wie die zum Teil exorbitanten Bewertungen junger Firmen zustande kommen. Risikokapitalgeber stellen Start-ups Geld zur Verfügung, im Gegenzug erhalten sie Anteile an den Unternehmen. Kauft ein Kapitalgeber etwa für zehn Millionen Dollar zehn Prozent der Anteile, ist das Start-up 100 Millionen Dollar wert.

Alles wird digital? Vielleicht auch nicht.

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Die wertvollsten Start-ups: Einhörner aus Deutschland

Mit dieser Logik hatte es Home24, eine Internetseite, über die man Möbel kaufen kann, auf eine sagenhafte Bewertung von 1,1 Milliarden Dollar gebracht. Bis Home24 im Sommer neues Geld brauchte. Da war Investoren das Unternehmen, das zu gut 40 Prozent Rocket Internet gehört - der Start-up-Schmiede der Samwer-Brüder - nur noch knapp 470 Millionen Dollar wert.

Eine down round, also die Abwertung eines Unternehmens, ist ein seltenes Ereignis in der Gründerwelt. Zumindest war sie das, jahrelang. Unter dem Mantra "Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden" schossen die Bewertungen der Start-ups in die Höhe. Gewinne brauchten sie nicht vorzuweisen. Eine Idee genügte.

Juroren in "Die Höhle der Löwen": Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Frank Thelen, Jochen Schweizer und Ralf Dümmel (von links)
VOX / Benno Kraehahn

Juroren in "Die Höhle der Löwen": Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Frank Thelen, Jochen Schweizer und Ralf Dümmel (von links)

Eine Idee genügt auch in der Vox-Sendung "Die Höhle der Löwen", in der sich Carsten Maschmeyer und Jochen Schweizer als Start-up-Mentoren geben. Der Gründer-Hype, er ist so groß geworden, dass er es ins Fernsehen geschafft hat.

Er verdeckt, dass viele Hoffnungsträger der Szene mit Problemen kämpfen, Investoren skeptisch geworden sind, Geschäftsideen sich als weniger innovativ entpuppen als gedacht.

Nur ein paar Beispiele:

"Es ist Ernüchterung eingetreten", sagt Florian Heinemann, Partner des Risikokapitalgebers Project A Ventures. "Gerade im Onlinehandel haben einige Investoren schlechte Erfahrungen gemacht und sind deshalb vorsichtiger geworden. Sie achten nun stärker auf Profitabilität."

Doch genau an der mangelt es den allermeisten Start-ups, weil das typische Geschäftsmodell bisher war: so schnell wie möglich wachsen - egal, was es kostet; Marktanteile erringen - auch wenn man dabei Verluste macht.

Der Gewinner bekommt alles

In einer vernetzten Welt kann es nur ein Facebook, ein Uber, ein Airbnb geben - höchstens noch ein, zwei kleinere Wettbewerber, weil ihr Geschäftsmodell darauf beruht, einen großen Anteil aller Nutzer zu haben, sonst sind sie für alle Nutzer unattraktiv.

Facebook, Uber, Airbnb: Sie alle hatten ernsthafte Konkurrenten, wahrscheinlich waren sie noch nicht einmal die Ersten mit ihren Geschäftsideen. Aber niemand schaffte es so schnell wie sie, so aggressiv zu wachsen.

Dass unter den Einhörnern so wenige deutsche Start-ups sind, ist kein Zufall. "Finanzierungsrunden über 30, 40 oder 50 Millionen Euro sind in Deutschland noch immer selten", sagt Alexander Kölpin, Geschäftsführer des Wagniskapitalfonds WestTech Ventures. In den USA hingegen erhielten Unternehmensgründer oft schon recht früh 100, 200 Millionen Dollar oder mehr an Risikokapital, um rasch zu expandieren.

Manch aussichtsreicher deutscher Unternehmer gründet sein Start-up daher gleich in den USA. Mesosphere von Florian Leibert und Tobias Knaup beschäftigt heute fast 200 Mitarbeiter. Im Frühjahr erhielt das Unternehmen, das Rechenzentren besser auslasten will, eine Bewertung von 600 Millionen Dollar, Gerüchte um ein Kaufinteresse Microsofts machten die Runde. Das Start-up mit Sitz in San Francisco könnte eines der nächsten Einhörner werden. Es wäre aber kein deutsches, sondern ein amerikanisches.

Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes
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Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes

"In Deutschland hätte ein Start-up wie Theranos niemals so viel Geld einsammeln können", sagt Regina Hodits, Vorstand im Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Das US-amerikanische Medizintechnologie-Unternehmen galt als eines der innovativsten Start-ups überhaupt, seine Gründerin Elizabeth Holmes wurde nicht nur wegen ihrer schwarzen Rollkragenpullover mit Steve Jobs verglichen. Mit einem Piks in den Finger und ein paar Tropfen Blut würden Millionen US-Amerikaner viele Gesundheitswerte von zu Hause aus testen können, versprach Holmes.

Von Investoren mit Geld vollgepumpt, stieg der hochgerechnete Wert des Medizintest-Unternehmens auf neun Milliarden Dollar.

Bis das "Wall Street Journal" enthüllte, dass die Theranos-Tests nicht so funktionierten, wie versprochen. Nach weiteren Zweifeln an der Wirksamkeit der Tests und Ermittlungen der Behörden brach der Unternehmenswert auf geschätzte 800 Millionen Dollar ein.

Emotionen sind wichtiger als Fakten

Es sind Geschichten wie diese, die Start-up-Investoren haben zögerlicher werden lassen. Geschichten, die es auch in Deutschland gibt. Movinga galt als Vorzeige-Start-up, rasend schnell bauten zwei junge Gründer die Umzugsplattform auf, beschäftigten bald 500 Mitarbeiter, Rocket Internet investierte. Im Sommer kam der Knall. Das eingesammelte Kapital war fast weg. Ein Drittel der Belegschaft musste gehen, die Gründer gleich mit. Der neue Chef sagt: "Wir sind zu schnell gewachsen."

Abgesetzte Movinga-Gründer Chris Maslowski (links) und Bastian Knutzen
movinga

Abgesetzte Movinga-Gründer Chris Maslowski (links) und Bastian Knutzen

Zu den Abstürzen einstiger Hoffnungsträger kommt die allgemeine Verunsicherung: die extrem niedrigen Zinsen, die hohe Verschuldung vieler Staaten, das Brexit-Votum, jetzt auch noch Trump.

"Wie viel investiert wird, hängt von Emotionen und Stimmungen ab, nicht nur von Fakten", sagt Heinemann von Project A Ventures. 1999 gründete er sein erstes Unternehmen, später arbeitete er für Rocket Internet und wurde Investor. Mit dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende und dem Börsencrash 2008 will Heinemann die Situation heute nicht gleichsetzen. Dennoch rät er Gründern, Geld lieber jetzt anzunehmen, so lange sie es noch bekommen. Und schneller profitabel zu werden, um weniger von den Launen der Investoren abhängig zu sein.

"Geld ist da"

Optimistischer sieht es Axel Menneking, Leiter von hub:raum, einem Start-up-Fonds und -Brutkasten der Deutschen Telekom. "Ja, es ist 2016 in Deutschland deutlich weniger investiert worden als im Vorjahr - aber das liegt auch daran, dass 2015 bedingt durch Sondereffekte wie das Investment in Delivery Hero sehr viel investiert wurde", sagt er. Der Lieferdienstvermittler hatte 2015 mehrere Hundert Millionen Euro eingesammelt. Zudem sei es nichts Schlechtes, wenn Kapitalgeber gezielter, wählerischer investierten, meint Menneking: "Geld ist auf jeden Fall da."

"In Europa sind die Bewertungen vieler Start-ups im weltweiten Vergleich niedrig", sagt BVK-Vorstand Hodits. "Wir sind noch lange nicht am Plateau angekommen."

Ein Satz, wie er auch während des Hypes um die Internetunternehmen Ende der Neunzigerjahre oft fiel. Kurz bevor ihr Wert einbrach.

Was beobachten sie gerade, fragt man sich in der Gründerszene: die Rückkehr zur Normalität nach einem extrem erfolgreichen Jahr? Oder doch die ersten Vorboten für das Platzen der Blase?

Vor Kurzem hat sich die Unicorn-Erfinderin Aileen Lee einen neuen Begriff ausgedacht: Unicorpse. Eine Kombination aus Einhorn und Kadaver.

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