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Hamburger Start-up Statista: Balken, die die Welt beschreiben

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Statista auf dem Tablet: Aus Daten-Kaffeesatz kühne Thesen zusammenzubasteln Zur Großansicht
Statista

Statista auf dem Tablet: Aus Daten-Kaffeesatz kühne Thesen zusammenzubasteln

Ob der ägyptische Kondommarkt oder die teuersten öffentlichen Bauprojekte: Bei Statista wird fast alles in Zahlen und Grafiken gegossen. Das Hamburger Start-up ist zu einer der erfolgreichsten Statistikdatenbanken der Welt geworden.

Es war Wochenende, als Friedrich Schwandt in der "FAZ" las, dass man die Sache mit den steigenden Kosten beim Flughafenbau in Berlin auch relativ sehen kann. Da stand geschrieben, dass die U-Bahn-Station am neu gebauten World Trade Center in New York teurer werde als der Wolkenkratzer selbst. Die Baukosten hätten sich um zwei Milliarden Dollar erhöht - eine Verdoppelung.

Schwandt, angefixt von diesen Zahlen, alarmierte seine Leute. Die recherchierten, bei welchen Projekten weltweit die Kosten am schnellsten gestiegen waren. Rasch brachten sie die Daten unters Volk, in Form einer Grafik mit zwölf Balken. Deutschlands albtraumhaft-kostspielige Bauten, der Flughafen Berlin-Brandenburg und die Hamburger Elbphilharmonie, wirkten in der Auflistung ziemlich harmlos. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" übernahm die Grafik.

So arbeitet Schwandt gerne: Lesen, staunen, rausreißen und dann eine Grafik posten. Der Unternehmer gründete Ende 2007 gemeinsam mit vier Freunden seinen Dienst Statista, eine Datenbank, in der alle nur denkbaren Zahlenkolonnen aufbereitet werden.

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DER SPIEGEL

Schwandt hält seinen Dienst für "supergründlich". Seine 75 Rechercheure listen fast alles auf - von der beliebtesten Klolektüre der Bundesdeutschen bis zur Zahl der Mumpserkrankungen im internationalen Vergleich.

500 Neuanmeldungen pro Tag

"Wir zählen zu den erfolgreichsten Statistikdatenbanken der Welt", behauptet Schwandt - und versucht das - branchengemäß - mit jeder Menge Zahlen zu belegen. Mehr als fünf Millionen Besucher nutzen seinen Dienst pro Monat, zehn Mal so viel wie die Webseite des Statistischen Bundesamtes. Selbst die oberste Statistikbehörde der USA oder die OECD hätten weniger Abrufe. Ob Statista auch die meisten Daten der Welt hortet, lässt sich schwer messen. "Wir glauben, ja", sagt Schwandt.

Das Geschäft, aus Daten-Kaffeesatz kühne Thesen zusammenzubasteln, boomt. Die Erfolgsfaktoren der Hamburger Zahlenfabrik sind Masse sowie eine möglichst hohe Sichtbarkeit bei Google und in den sozialen Netzwerken. Bei Facebook oder Twitter werden Grafiken gern geteilt. Gerade bei komplexen Sachverhalten sagen ein paar Zahlenbalken mit Erklärungen oft mehr als viele Worte.

Statista-Chefs Gründer und Kröger: Viel Handarbeit Zur Großansicht

Statista-Chefs Gründer und Kröger: Viel Handarbeit

Schwandt beriet einst bei Boston Consulting Medienunternehmen. So empfahl er etwa dem "Focus", ein eigenes Diabetiker-Magazin zu gründen und beschäftigte sich früh mit Bezahlinhalten im Internet.

Weil sie mit Reichweite allein kein Geld verdienen, sind lediglich sieben Prozent der Statista-Daten für jedermann kostenlos einsehbar. Wer mehr klicken will, muss sich registrieren. 500 Neuanmeldungen kommen jeden Tag hinzu. Kostenpflichtig wird es aber nur für die, die Zugang zu allen Daten des Dienstes haben möchten.

Mehr als 10.000 zahlende Abonnenten soll es geben, Firmen zahlen um die 200 Euro im Monat. Neben Medienhäusern und Redaktionen gehören auch große Konzerne, Parteien oder Universitäten zu den Kunden. Auch SPIEGEL ONLINE kooperiert mit Statista, prüft die Grafiken und Recherchen aber vor der Veröffentlichung.

"Ein wirkliches Start-up, das zutiefst deutsch ist"

Einige der Daten bekommt der Gründer ausgerechnet vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Dort findet man das Angebot nach eigener Aussage "interessant". Es sei ein zusätzlicher Verbreitungskanal für die eigenen Daten, aber keine Konkurrenz für das steuerfinanzierte Portal Destatis.

2014 machte Statista acht Millionen Euro Umsatz, im Jahr zuvor waren es nur fünf Millionen. Gewinn wirft der Dienst bislang nach eigener Auskunft nur in Deutschland ab. Was er einnimmt, steckt Schwandt angeblich sofort wieder ins Unternehmen.

"Wir bekommen jeden Monat Übernahmeangebote von Verlagen, Datenunternehmen oder Finanzinvestoren", sagt Schwandt. Doch er wolle nicht verkaufen. "Wir haben mit Statista ein wirkliches Start-up entwickelt, das auch noch zutiefst deutsch ist. Anders als andere deutsche Unternehmer kopieren wir unser Konzept nicht. Und wir können so schnell auch selbst nicht kopiert werden, weil viel zu viel Handarbeit drin steckt", sagt Schwandt.

Doch manches geht dann doch auch bei Statista vollautomatisch. Eine Statistik zum Kondommarkt in Ägypten flog aus dem Portal. Sie interessierte niemanden und wurde ein Jahr lang nicht angeklickt.

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