Neuer Air-Berlin-Chef Pichler Der Unnahbare

Verbittert hatte er Deutschland verlassen, jetzt kehrt Stefan Pichler zurück - als neuer Chef von Air Berlin. Offen bleibt, wie der knorrige Manager die Mitarbeiter der angeschlagenen Airline für eine Trendwende begeistern will.

Von Andreas Spaeth

Designierter Air-Berlin-Chef Pichler (Dezember 2013): Von Fidschi nach Berlin
Andreas Spaeth

Designierter Air-Berlin-Chef Pichler (Dezember 2013): Von Fidschi nach Berlin


Berlin - Zwölf Zeitzonen, mehr als 16.000 Kilometer - weiter weg von Deutschland geht es kaum. Doch wer den gebürtigen Bayern Stefan Pichler hier auf den Fidschi-Inseln im Südpazifik mit "Grüß Gott" begrüßt, erntet kein Lächeln, sondern erst mal verblüfftes Schweigen. Dann antwortet der Manager sachlich auf Englisch.

Nein, ein einnehmender Charakter ist dieser Stefan Pichler eher nicht, erst recht kein Charmeur oder gar Entertainer. Der Noch-Vorstandschef von Fiji Airways gilt stattdessen als verbissener Einzelkämpfer. In seiner Jugend war der Jurist und Diplom-Kaufmann, der am Freitag dieser Woche seinen 57. Geburtstag feiert, ein bekannter Marathonläufer. Nicht zufällig begann seine Karriere bei der Sportbekleidungsfirma Nike in Oregon an der US-Westküste, bevor er in die Touristik- und Airline-Branche wechselte.

Es wird spannend, ob Pichler ein Team begeistern kann, um bei der tief im Minus stehenden zweitgrößten Fluggesellschaft Deutschlands die Trendwende zu schaffen. Von Februar 2015 an soll er als Chef von Air Berlin den umgänglichen Wolfgang Prock-Schauer ablösen. Dann wird Pichler sein verglastes Vorstandsbüro im Hangar der Fiji Airways auf dem Insel-Flughafen Nadi mit dem von Air Berlin in der Nähe des Flughafens Tegel tauschen.

Schon 2012 für den Chefposten angefragt

Es sind höchst ungleiche Kaliber: Der gesamte Inselstaat ist kleiner als Rheinland-Pfalz und von kaum mehr als 800.000 Menschen bewohnt. Seine Fluggesellschaft ist im internationalen Vergleich ein Mini-Unternehmen, mit gerade einem halben Dutzend Flugzeugen und etwas mehr als einer Million Passagieren im Jahr. Air Berlin hat rund 30 Millionen Kunden mehr pro Jahr.

Allerdings kennt sich Pichler durchaus mit großen Firmen aus: Er saß von 1997 bis 2000 im Lufthansa-Vorstand und war anschließend Chef bei Thomas Cook. Nach seinem abrupten Aus bei dem Reisekonzern im Jahr 2004 und dem Zerwürfnis mit Lufthansa-Aufsichtsratschef Jürgen Weber hatte er Deutschland aber verbittert den Rücken gekehrt und bei Virgin Australia in Brisbane und Jazeera Airways in Kuwait angeheuert.

An seine Heimat tastet er sich langsam wieder heran. Schon als Air Berlin 2012 einen neuen Chef suchte, war er kurzfristig im Gespräch. Er sei "drauf angesprochen" worden, erzählt Pichler im Dezember 2013 in seinem verglasten Eckbüro im Hangar auf dem Insel-Flughafen Nadi. Da war er gerade drei Monate Chef von Fiji Airways - und betonte, er habe auch "ein paar ganz andere Angebote gehabt" von "wirklich globalen Airlines", aber das sei ihm zu stressig gewesen.

"Ich bin hier der drittwichtigste Mann im Staat"

Noch einige Jahre in der Südsee, "dann werde ich es auslaufen lassen", hatte er damals zudem angekündigt. "Dann war ich mehr als 20 Jahre Vorstandschef, und irgendwann muss genug sein." Doch so wirklich abnehmen wollte ihm das schon damals niemand, auch nicht, dass er sich mit seiner australischen Ehefrau in seiner Villa auf der künstlichen Insel "The Palm" in Dubai zur Ruhe setzen würde.

"Was mich motiviert, ist, eine Airline profitabel zu führen", sagte Pichler damals ebenfalls, und verwies auf seine Erfolge in Australien und Kuwait. Anflüge von Großspurigkeit sind auch auf Fidschi zu erkennen. "Ich bin hier so etwas wie der drittwichtigste Mann im Staat", lässt er etwa ganz nebenbei fallen.

Die Kluft bei Fiji Airways zwischen dem Vorstandschef auf der einen und seinen Mitarbeitern auf der anderen Seite wird jedenfalls bei einer Abschiedszeremonie für den letzten Jumbo Jet der kleinen Fluggesellschaft deutlich. Das Personal hat eigens ein Lied geschrieben und trägt es im Hangar unter der Tragfläche des Flugzeugs vor. Alle sind gerührt.

Nur Stefan Pichler nicht. Er hält eine staubtrockene Rede. Als Mitarbeiter sich für ein Foto zu Pichler stellen sollen, zieren sich alle. Manche Angestellten wirken beinahe ängstlich, ihr Lächeln gequält. Dann erhalten alle wasserfeste Filzstifte und sollen ihre persönlichen Abschiedsgrüße auf den alten Jumbo kritzeln. Als erster darf Pichler den Stift ansetzen. Ganz klein krakelt er "Good bye... sweet memories" auf den Flugzeugrumpf.



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boah 04.11.2014
1. Ich habe Feuer gemacht - Uuuaaah
Wieder so ein Marathonmann. Der sich auf die Brust trommelt wie ein Gorilla ("Bei mir haben auch andere angefragt" klingt wie "ich habe Feuer gemacht"). Dieser Typus steht für die Shareholder an der Spitze des Unternehmens - nicht für die Mitarbeiter. Ein alter (weisser) Managertypus wie ein Dinosaurier. AirBerlin wird so nicht lange fliegen.
SpitzensteuersatzZahler 04.11.2014
2.
Zitat von boahWieder so ein Marathonmann. Der sich auf die Brust trommelt wie ein Gorilla ("Bei mir haben auch andere angefragt" klingt wie "ich habe Feuer gemacht"). Dieser Typus steht für die Shareholder an der Spitze des Unternehmens - nicht für die Mitarbeiter. Ein alter (weisser) Managertypus wie ein Dinosaurier. AirBerlin wird so nicht lange fliegen.
Die Mitarbeiter sind auch nur dazu da, die segmentierten Tätigkeiten nach Weisung auszuführen. Klar dass der Unternehmensbesitzer (vulgo: Shareholder) wichtiger ist. Ziel eines Unternehmens ist die Erwirtschaftung von Gewinn und nicht das Zurverfügungstellen möglichst vieler Arbeitsplätze...
busytraveller 04.11.2014
3. Verglastes Büro im Hangar
Das mußte wohl zweimal gesagt werden. Tip für SPON: Text einfach nochmal durchlesen. Liest man die Branchenforen, dann eilt Pichler ein schlechter Ruf voraus. Offenbar hat Air Berlin keinen Mann mit besseren Referenzen gefunden. Es sieht überhaupt nicht gut aus für AB.
dginxberg 04.11.2014
4. Herzliche Anteilnahme
Ich persönlich kann den Airberlin Mitarbeitern nur mein persönliches Beileid aussprechen. Was bzw wen sie da als Vorstandsvorsitzenden bekommen, schwant ihnen wohl noch nicht. Von wegen ehemaliger Thomas Cook Vorsitzender - er hat als ehemaliger Condor Geschäftsführer die Airline fast zugrunde gerichtet mit seinen fantasievollen Plänen und diversen anderen Geschichten, deshalb wurde er aus dem Amt gejagt und musste Deutschland den Rücken kehren. Danach redete er nur abschätzig von seiner Heimat und bis vor kurzem hätte er sich nicht vorstellen können, jemals zurückzukehren. Ein Pichler für Airberlin ist wahrlich eine grandiose Wahl: Besser wäre eigentlich nur noch ein Herr Middelhoff gewesen!
boah 04.11.2014
5. Sehenden Auges...
... wird hier wieder einmal von "oben herab" ein Unternehmen den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Es erinnert einiges an die Schemata wie bei HERTIE, KARSTADT, OPEL ... Hoch lebe der systemrelevante Kapitalismus :P
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