Stellwerkchaos in Mainz: Reisen mit der Bahn wird zum Glücksspiel

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Zugreisende am Mainzer Bahnhof: Eine Million Überstunden

Das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof bringt massive Fehlplanungen bei der Deutschen Bahn ans Licht. Jetzt rächt sich der rigorose Sparkurs von Ex-Chef Mehdorn. Fahrgäste müssen jederzeit mit Ausfällen rechnen.

Berlin - Für die Pendler auf der Zugstrecke zwischen Hannover und Würzburg sind Monate voller Unwägbarkeiten endlich vorüber. Seit dem Winter mussten sie immer wieder damit rechnen, dass ihr Zug plötzlich anhielt, wenn er sich dem Ort Bebra näherte. Der Grund: Der Betriebsrat der Deutschen Bahn hatte durchgesetzt, dass die Fahrdienstleiter im Stellwerk endlich wieder die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepausen einlegten. Die hatten lange Zeit immer wieder darauf verzichten müssen, weil nicht genug Leute da waren, um eine ununterbrochene Aufsicht zu gewährleisten. Und so mussten die Züge eben warten.

Doch die Vorfälle sind harmlos im Vergleich zu dem, was Fahrgäste derzeit am Mainzer Hauptbahnhof erleben. Ab 20 Uhr halten dort Fernzüge nur noch in Ausnahmefällen, weil das zuständige Stellwerk unbesetzt ist. Urlaub und krankheitsbedingte Ausfälle hätten die Belegschaft stark dezimiert, hieß es bei der Bahn zur Begründung.

Als dann bekannt wurde, dass die abendlichen und nächtlichen Einschränkungen des Fernverkehrs noch mehrere Wochen bestehen bleiben, machten die Betroffenen ihrem Unmut öffentlich Luft: "Rheinland-Pfalz macht Ferien, und die Bahn macht mit", lästerten die Verbraucherschützer in dem Bundesland. Und Sebastian Knopf, Pro-Bahn-Landesvorsitzender von Rheinland-Pfalz und Saarland, griff die Bahn an: "Dass ein solcher Knotenpunkt praktisch ausfällt, ist ein unhaltbarer Zustand und eine Riesenblamage für die Bahn." Auch Landes-Verkehrsminister Roger Lewentz und der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (beide SPD) zeigten sich "sehr verärgert".

Die Zustände in den Stellwerken haben bereits die Bundesnetzagentur auf den Plan gerufen. Wie ein Sprecher der Behörde bestätigte, ist eine Untersuchung eingeleitet worden, weil sich schon im vergangenen Jahr Bahn-Konkurrenten über Einschränkungen auf den Strecken beschwert hätten. Näheres dazu wollte er mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht sagen.

Nach allem was bereits öffentlich wurde, sind die Zustände in Mainz nur das spektakulärste Beispiel für Behinderungen, die mit Personalengpässen bei den Bahn-Lotsen zusammenhängen. Die Liste der Ausfälle wird nach Angaben der Bundesnetzagentur immer länger:

  • Einige Wochen vor der erzwungenen Nachtruhe in Mainz musste der Nachtverkehr auf der Strecke Mainz-Worms eingestellt werden, weil Fahrdienstleiter erkrankt waren und zunächst kein Ersatz gestellt werden konnte.
  • Im Bahnhof Zwickau in Sachsen musste das örtliche Stellwerk im Oktober 2012 zeitweise den Dienst einstellen, weil nicht genügend Mitarbeiter zur Verfügung standen.
  • Auch im Stellwerk im rheinland-pfälzischen Friedrichssegen fielen am 2. April mehrere Schichten aus.
  • In Bebra/Hessen fiel der Betrieb gleich mehrere Monate komplett aus. Im Juli nahm die Kontrollstelle den Dienst wieder auf.

Die Schuld für die Misere gibt Valerie Wilms, Bahn-Expertin bei den Grünen, dem Vorstand der Netztochter der Deutschen Bahn: "Jetzt zeigen sich die Spätfolgen der Ära Mehdorn", sagte Wilms SPIEGEL ONLINE. Der damalige Bahn-Chef hatte in seiner Amtszeit gespart, wo er nur konnte. Die Tochter DB Netz musste ihr Personal besonders stark ausdünnen und auf Neueinstellungen verzichten, die Überalterung macht sich inzwischen deutlich bemerkbar. Das Durchschnittsalter des Personals liegt bei 46 Jahren.

Doch auch Bahn-Chef Rüdiger Grube ist aus Sicht von Wilms mitverantwortlich: "Er hätte in den vergangenen zwei Jahren Zeit genug gehabt, gegenzusteuern und neue Fachkräfte anzulernen, statt die Überschüsse aus dem Monopolbetrieb Netz AG in Prestigeprojekte zu stecken", sagte die Abgeordnete.

Das gilt um so mehr, als die Engpässe für jeden Personalplaner absehbar gewesen sind. Laut Alexander Kirchner, dem Vorsitzenden der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, fehlen derzeit rund tausend Fahrdienstleiter. In der Folge seien rund eine Million Überstunden bei den Beschäftigten aufgelaufen. Ein Ausfall wegen Krankheit führe dann schnell zu unüberbrückbaren Engpässen. Die Bahn jedoch habe aus Kostengründen die Augen vor der absehbaren Entwicklung verschlossen.

"Es kann jederzeit und überall zu Zugausfällen kommen"

Hinzu kommt, dass in den nächsten 10 bis 15 Jahren laut Bahn-Unterlagen rund 18.000 Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden. Das Unternehmen versucht daher, neue Fahrdienstleiter auch in Schnellkursen auszubilden, und greift dabei etwa auf Ex-Mitarbeiterinnen der früheren Drogeriekette Schlecker oder auf ehemalige Bundeswehrangehörige zurück. Doch die müssen erst entsprechende Erfahrungen im Schienenverkehr sammeln, bevor sie die Ausbildung überhaupt mit Aussicht auf Erfolg beginnen können.

Damit aber bleibt kaum Hoffnung, dass sich an der Notsituation so schnell etwas ändert. Die Liste der zeitweisen Streckenstilllegungen wird länger werden. "Es kann jederzeit und überall zu Zugausfällen kommen, auch in Hessen", sagt Uwe Reitz, Sprecher der Bahngewerkschaft EVG. "Da braucht nur jemand krank zu werden oder aus anderen Gründen nicht zum Arbeitsplatz zu kommen." Für die Kunden bleibe Reisen mit der Bahn ein Glückspiel: Vorhersagen, welche Bahnhöfe besonders gefährdet seien, könne man derzeit nicht treffen.

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Mehdorn?
diddi99 08.08.2013
Das Stellwerk in Stuttgart soll im Zuge von S21 auch nach Karlsruhe verlegt werden. Was Mehdorn nicht geschafft hat, macht Grube jetzt vollends kaputt.
2. Wie gehabt, Großprojekte
ulrich_frank 08.08.2013
statt sinnvoller gebrauchstauglicher Bahninfrastrukturplanung. Aber solange Führungsstellen politisch besetzt werden statt nach fachlichem Können geht es so weiter.
3. Ich bin kein großer Fan von Betriebsräten,
ptb29 08.08.2013
dass sie aber die Einhaltung von Arbeits- und Ruhezeiten durchsetzen, rechne ich ihnen positiv an. Leider passiert das dann wieder auf Kosten anderer, die dafür "etwas mehr" machen müssen.
4. Managerwesen statt Unternehmertum
MartinB. 08.08.2013
Die große Krankheit der letzten Jahrzehnte: Es herrschen die Manager, die an Quartals- und Jahreszahlen gemessen werden und nach zwei, drei Jahren in ein anderes Unternehmen wechseln. Die Unternehmer alter Schule, die ein *Unternehmen* leiten und am Ende ihrer Karriere möglichst gesund an den Sohn, Juniorpartner etc. weitergeben wollen, sind doch inzwischen die Ausnahme. Turbokapitalismus angloamerikanischer Machart führt eben genau da hin: Kurzzeitige Gewinnoptimierung, langfristige Debakel.
5. Öffentliche Hand ..
Gallandor 08.08.2013
Es gibt Dinge, die nicht in die freie Wirtschaft gehören. Dazu gehören alle Dinge der grundlegenden Infrastruktur wie Straßen, Bahn, Wasser, Strom, Telefon und Internet .. Hat in den letzten 30 Jahren jemals eine Privatisierung etwas Gutes hervorgebracht außer einige wenige Leute reicher zu machen?
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Mainzer Hauptbahnhof: Probleme durch Personalmangel

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