Stellwerkchaos in Mainz: Aufsichtsrat will Bahn-Mitarbeiter aus dem Urlaub holen

"Die Bahn lebt auch vom Teamgeist": Aufsichtsratsmitglied Patrick Döring will Fahrdienstleiter aus dem Urlaub holen, um das Chaos am Mainzer Bahnhof zu beheben. Der Gewerkschaftschef nennt den Vorschlag "schäbig". Nach SPIEGEL-Informationen drohen sogar weitere Störungen.

Bahnsteig am Mainzer Hauptbahnhof: Seit Tagen fallen Züge aus Zur Großansicht
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Bahnsteig am Mainzer Hauptbahnhof: Seit Tagen fallen Züge aus

Berlin - Das Chaos am Mainzer Bahnhof hat einen handfesten Streit zwischen Aufsichtsrat und Gewerkschaft ausgelöst: Patrick Döring, Mitglied des Bahn-Kontrollgremiums, fordert, Stellwerk-Fahrdienstleiter aus dem Urlaub zu holen. Die Bahn müsse die Mitarbeiter zurückrufen und zur Arbeit verpflichten.

Von den 15 üblicherweise dort arbeitenden Mitarbeitern seien derzeit fünf erkrankt und drei im Urlaub, berichtet die "Bild am Sonntag". Bereits seit dem vergangenen Wochenende fallen regelmäßig Züge am Hauptbahnhof in Mainz aus, der Regionalverkehr läuft abends und nachts nur eingeschränkt. Vom Fernverkehr ist der Hauptbahnhof in dieser Zeit komplett abgeschnitten.

"Die Bahn lebt auch vom Teamgeist der Eisenbahner", sagte Döring der Zeitung. Der FDP-Generalsekretär weiter: "In Mainz müssen die Züge wieder rollen." Der Ruf der Bahn stehe auf dem Spiel. Am Samstag hatte die "Stuttgarter Zeitung" berichtet, dass Bahn-Chef Rüdiger Grube personelle Konsequenzen ziehe. Der Vorstand Produktion der DB Netz AG, Hansjörg Hess, solle von seinen Aufgaben entbunden werden.

"Die Kollegen brauchen ihren Urlaub"

Von Montag an sollen auch wochentags zu den Hauptverkehrszeiten viele Züge im Regionalverkehr ausfallen, wie die Bahn mitteilte. Zahlreiche Fernverkehrszüge würden außerdem umgeleitet.

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Alexander Kirchner, wies Dörings Forderung zurück. "Unsere Kolleginnen und Kollegen brauchen ihren Erholungsurlaub dringend", erklärte Kirchner am Sonntag. Die Deutsche Bahn wisse schon "seit langem, dass es Personalengpässe gibt", fügte Kirchner hinzu. "Jetzt den Kollegen den schwarzen Peter zuzuschieben, die ihren Erholungsurlaub dringend brauchen, ist einfach nur schäbig."

Neue Störungen drohen

Auch in anderen Teilen des Landes könnte es nach SPIEGEL-Informationen zu empfindlichen Störungen des Schienenverkehrs kommen: Wie in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ist in den meisten Bahnhofsstellwerken die Technik veraltet und personalintensiv. Knapp 3000 Weichen-Schaltzentralen der Deutschen Bahn werden immer noch weitgehend mechanisch betrieben. Die Anlagen, meist mehrere pro Bahnhof, sind oft 40 Jahre und älter. An wenig befahrenen Strecken stammen sie mitunter sogar noch aus der Kaiserzeit.

Lediglich 415 Stellwerke, die ein Drittel des Schienenverkehrs in Deutschland regeln, werden computergesteuert. Die betagte Technik ist zwar zuverlässig, benötigt aber mehr Personal als die elektronischen Stellwerke. Nach Angaben der EVG fehlen derzeit 1000 Stellen. Außerdem schieben die 12.000 Fahrdienstleiter der Bahn rund eine Million Überstunden vor sich her.

Die Personaldecke sei extrem dünn, sagt ein EVG-Sprecher. Da müssten nur wie in Mainz Fahrdienstleiter wegen Krankheit und Urlaub ausfallen, "dann bricht das Kartenhaus zusammen". Ein Bahn-Sprecher wies die Vorwürfe zurück.

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insgesamt 455 Beiträge
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1. optional
sudiso 11.08.2013
ich kann dazu nur sagen. Tja Deutsche Bahn, ihr habt dasselbe Problem wie die Deutsche Telekom. Ihr habt es einfach mal versäumt euer Schienennetz auszubauen, bzw. zu erneuern. Dann hättet ihr auch nicht soviele Probleme. Ganz zu schweigen von dem neuen ICE, der Systeme an Bord haben muss für mehrere Länder, das kann nicht funzen weil ein Problem auftritt, was behoben wird. Doch sobald dieses Problem behoben wurde,tritt ein neues auf. Es sollte ein Typ ICE geben der nur zwischen 2 Ländern, maximal 3 Ländern fährt, nicht mehr. Was die Telekom betrifft, so hat diese es auch verschlafen ihr netz auszubauen, und hat den Zukunftsträchtigen Kabelanbindung verkauft.... Jetzt sehen die sich vor dem Dilemma dass Vodafone Kabeldeutschland aufgekauft hat und sich damit als Konkurrent beweist
2. Ein Drittel der Belegschaft krank?
liberalerfr 11.08.2013
Der Skandal ist doch, dass ein Drittel der Belegschaft sich krank meldet! Und es ist keine Grippezeit! Die Bahn muss dringend dort ansetzen und prüfen, was zu diesen hohen Krankenstand geführt hat. Auch Maßnahmen um die Genesung der Kranken zu befördern sollten ergriffen werden.
3. selbstverständlich
cleo21 11.08.2013
das ist doch wohl selbstverständlich, dass die Kollegen im Urlaub zurück an ihre Arbeitsstelle kommen. Die Gewerkschaft soll nicht aufstacheln, sondern in dieser Situation zustimmen.
4.
ewspapst 11.08.2013
Zitat von sysopDPA"Die Bahn lebt auch vom Teamgeist": Aufsichtsratsmitglied Patrick Döring will Fahrdienstleiter aus dem Urlaub holen, um das Chaos am Mainzer Bahnhof zu beheben. Der Gewerkschaftschef nennt den Vorschlag "schäbig". Nach SPIEGEL-Informationen drohen sogar weitere Störungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/stellwerkchaos-in-mainz-mitarbeiter-sollen-urlaub-abbrechen-a-915921.html
Hier präsentiert sich der laute Seufzer eines bundesdeutschen Bürgers: Warum waren wir eigentlich so dumm und haben die Bundesbahn privatisiert? Es hatte doch alles sehr pünktlich funktioniert und viel teurer war der Betrieb der Bahn auch nicht. Man konnte die Fahrkarten sogar am Schalter kaufen und das ohne dafür einen Lehrgang über Wochen zu machen, um dieser Fahrkarte zu kommen.
5. Ziemlich zynisch
kippelman 11.08.2013
dass die Bahn jetzt für ihre verpfuschte Personalpolitik auch noch die Solidarität der Arbeitnehmer einfordern will. In der langfristigen Entwicklung tickt hier auch in anderen Branchen eine Zeitbombe - es wurde Jahrzehnte auf Kosten des Personals gespart und dann wenn alles zusammenbricht soll es wieder mal der kleine Angestellte richten. Aber früher wurde nicht mit dem Rechenschieber entlassen, da konnte sich ein "Wir-"Gefühl entwickeln, da hat man beiderseitig am gleichen Strang gezogen. Heute ist Personal ein notwendiger Kostenfaktor und Kostenfaktoren haben logischerweise auch ein andere Einstellung zum Arbeitgeber. Nun ist das in einer Autofabrik nicht ganz so schlimm, da werden die Autos halt ein paar Tage später gebaut, aber gerade bei Unternehmen wie Bahn oder Post schlägt es eben sofort voll nach unten durch.
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