Steuerbetrüger in Italien: Im Land der steinreichen Armen

Von , Italien

Italienische Finanzbeamte dürfen neuerdings die Bürger belästigen und stoßen bei Kontrollen auf Erstaunliches: Ferrari-Karossen, 20 Meter-Yachten und sogar Helikopter gehören Menschen, die laut Steuererklärung unterhalb der Armutsgrenze leben. Wie machen die das bloß?

Yachten vor Portofino: Mit einem Jahreseinkommen von 20.000 Euro zum Luxus-Boot Zur Großansicht
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Yachten vor Portofino: Mit einem Jahreseinkommen von 20.000 Euro zum Luxus-Boot

Mit 80 Steuerinspektoren rückte die Staatsmacht am frühen Morgen im mondänen italienischen Ski-Ort Cortina d'Ampezzo ein. Einige Beamte verteilten sich auf Hotels, Restaurants, Bars, Schmuckläden und Boutiquen. Andere nahmen sich die überall im Ort geparkten Luxusautos vor. Nur solche freilich, die mehr als als 185 Kw auf die Straße bringen und in der Regel mehr als 100.000 Euro kosten, Ferrari zum Beispiel oder Porsche Turbo. Sie fanden 251 solcher Super-Boliden, notierten die Kennzeichen, machten von Amts wegen die Eigentümer aus und fragten beim jeweils zuständigen Finanzamt, was die Besitzer denn so verdienen. Laut deren Steuererklärung.

Das Ergebnis der Aktion am Tag vor Silvester war erstaunlich: Etwa jeder dritte von den stolzen Eignern der Super-Luxusmobile verdiente in den vergangenen zwei Jahren gerade einmal 1800 Euro im Monat - brutto. Wie viele Jahre muss jeder von denen für sein prestigeträchtiges Fahrzeug wohl gespart haben?

Damit nicht genug der Wunder: In den Geschäften, Hotels und Restaurants, in denen am Tag vor Silvester ein Steuerfahnder neben der Kasse saß, ging der Umsatz steil in die Höhe. Restaurants nahmen das Doppelte vom Vortag ein und das Dreifache vom Vor-Silvestertag 2010. Bei Luxusboutiquen vervierfachte sich der Absatz sogar. "Wir sind offenbar gut fürs Geschäft", sagten die Kontrolleure und grinsten ironisch. Denn sie sind überzeugt, dass die Registrierkassen dank ihrer Präsenz ausnahmsweise ehrlich gefüttert wurden. Sonst, so der schlimme Verdacht, wären drei Viertel der Einnahmen wie üblich als Schwarzgeld kassiert worden.

Die Kontrollierten hingegen sind sauer und sprechen vom "Polizeistaat". Und auch Vertreter der Berlusconi-Partei "Volk der Freiheit" schimpfen über solche Methoden. Sie wollen die Wirtschafts-Wunder offenbar nicht in Frage stellen.

Unter der Armutsgrenze - aber mit zwölf Zylindern

Das, was die Razzia in der ehemaligen Olympiastadt in den italienischen Dolomiten ans Licht brachte, deckt sich mit vielen anderen wundersamen Erscheinungen überall in Bella Italia. Wenn abends die Discothekenbesitzer bei ihren Etablissements vorfahren, machen in der Regel mindestens acht, oft auch zwölf Zylinder den angemessenen Lärm. Dabei muss das ein eher mieses Geschäft sein: 6000 Euro Einkommen haben die Betreiber im Schnitt, pro Jahr und brutto - laut Auswertung ihrer Steuererklärungen. Ein Leben unter der Armutsgrenze, aber mit vielen PS!

Auch Restaurantbesitzern und Schmuckhändlern geht es, nach der Steuerstatistik, kaum besser. Über 1500 Euro monatlich bringt es der Großteil von ihnen nicht. Aber viele von ihnen haben schmucke Boote in den Yachthäfen liegen, leisten sich teure Fernreisen in alle Welt und speisen in Hochpreis-Restaurants. 42.000 Boote der Luxuskategorie - mit mindestens zehn Metern Länge - gehören Menschen, die weniger als 20.000 Euro im Jahr verdienen. Wie bringen die allein die sündhaft hohen Hafengebühren für ihre Segel- oder Motorspielzeuge auf?

Über 200.000 Autos, die mehr als 100.000 Euro kosten, sind vergangenes Jahr in Italien verkauft worden. An wen nur? Es gibt nur 72.000 Italiener, die sich ein solches Fahrzeug leisten können, weil sie ein Bruttoeinkommen von 200.000 Euro haben. Ginge es nach Adam Riese, aber die Mathematik kann hier gar keine Rolle spielen. Wie könnte es sonst sein, dass jeder vierte Italiener, der sogar Hubschrauber oder ein Flugzeug sein Eigen nennt, nicht einmal 20.000 Euro im Jahr verdient?

Gut, mancher Eigner von Luxusvillen, Hochpreisautos oder Schnellbooten ist gar nicht arm, sondern hat nur vergessen, dass er reich ist. Wie ein Zahnarzt aus Florenz, der "aus Versehen" über sechs Millionen Euro steuerlich ausgebucht hatte. Oder der Unternehmer aus Bergamo, der seine fünf Häuser nicht im Sinne hatte, als er die Schulbeihilfe beantragte, die der Staat armen Familien gewährt. Aber kann es sein, dass jeder vierte Italiener etwas vergessen hat, wenn er angibt, dass er keinerlei Vermögen, keinen Euro auf dem Sparbuch, ja nicht einmal ein Konto hat?

Steuersünder könnten Italien retten

Italiens neuer Regierungschef Mario Monti will der Sache nun auf den Grund gehen. Mit einem "redditometro", einem "Einkommensmessgerät", sollen die Steuerfahnder wie mit einer Wünschelrute durchs Land ziehen und die wunderlichen Widersprüche aufdecken: wenig oder gar kein Einkommen, aber ein Leben im Luxus. 120 Milliarden Euro könnte der Staat zusätzlich einnehmen, so glaubt Monti, wenn die Italiener nicht in so großer Zahl so dreist den Fiskus hintergingen. Das ist viel Geld. Ein paar Jahre, und der italienische Schuldenberg wäre kein Thema mehr.

Aber zunächst sind die Folgen der neuen Politik - selbst das Bankgeheimnis wird dabei geopfert - für die Italiener unabsehbar und im Einzelfall schwer erträglich. So müssen sich Ehemann und -frau künftig auch im Scheidungsfalle noch gut verstehen und ohne Streit auseinandergehen. Denn andernfalls werden vor Gericht die Einkünfte und das Vermögen des Paares Punkt um Punkt aufgelistet - und auch dem Finanzamt geschickt. Welche Tragödie: Am Ende wird womöglich "die Scheidung auf Italienisch" wieder modern, mithin, wie im Oskar-gekrönten Film, der finale Schusswaffengebrauch.

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insgesamt 163 Beiträge
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1. Ärgerlich
zoon.politicon 07.01.2012
Zitat von sysopItalienische Finanzbeamte dürfen neuerdings die Bürger belästigen und stoßen bei Kontrollen auf Erstaunliches: Ferrari-Karossen, 20 Meter-Yachten und sogar Helikopter gehören Menschen, die laut Steuererklärung unterhalb der Armutsgrenze leben. Wie machen die das bloß? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,807533,00.html
Erste Reaktion: unglaublich! Zweite Reaktion: Das hätte doch auch unser deutscher Staatsapparat vor Abschluss der entsprechenden EU-Verträge wissen und berücksichtigen müssen. Welche ignorante Politiker-Kaste regiert uns!
2. Ich vermute ...
Semonides 07.01.2012
Zitat von sysopItalienische Finanzbeamte dürfen neuerdings die Bürger belästigen und stoßen bei Kontrollen auf Erstaunliches: Ferrari-Karossen, 20 Meter-Yachten und sogar Helikopter gehören Menschen, die laut Steuererklärung unterhalb der Armutsgrenze leben. Wie machen die das bloß? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,807533,00.html
... daß sich diese Symptome der angeblich griechisch-italienischen Krankheit hierzulande ebenfalls fänden - wenn man denn suchte. Vermutlich weniger bei den Durchschnittsverdienern, bei denen das Finanzamt die Gehaltsabrechnung in der Regel mitgestaltet, als vielmehr bei denen, die durch Kapitaleinkünfte hinreichend Freiraum für "kreative Buchhaltung" haben und deren "steuerliche Optimierung" sich lohnt.
3.
Seraphan 07.01.2012
Zitat von sysopItalienische Finanzbeamte dürfen neuerdings die Bürger belästigen und stoßen bei Kontrollen auf Erstaunliches: Ferrari-Karossen, 20 Meter-Yachten und sogar Helikopter gehören Menschen, die laut Steuererklärung unterhalb der Armutsgrenze leben. Wie machen die das bloß? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,807533,00.html
Naja, wenn es halt geht, wer will es verdenken?
4. Wer darf es....
Tyxaro 07.01.2012
...zahlen? Sobald Italien dann herrabgestuft wird, und wir wieder einspringen müssen. Zahlen wir die verkorkste Finanzpolitik Italiens. Aber das sollte man bei uns auch mal einführen. Wobei... der Deutsche Mittelstadtsmichel ist viel zu anständig und hat angst vor dem Finanzamt, aber mal bei den oberen 10% genauer Prüfen, da wird man bestimmt fündig.
5. Mit
carlo02 07.01.2012
Zitat von SeraphanNaja, wenn es halt geht, wer will es verdenken?
Mit denen is kein Staat zu machen. Das is ihre Mentalität und sie haben offensichtlich nicht die Durchsetzungskraft, ihre Gesetze durch zu setzen. Raus aus dem Euro mit denen. Am Ende zahlen wir den ihr Geld.
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Steckbrief Italien
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Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission