Todestag des Apple-Gründers: Wo Steve Jobs' Geist weiterlebt 

Von Alexander Demling

Tüftler und Tyrann, Egomane und Asket: Apple-Gründer Steve Jobs ist seit einem Jahr tot, doch auch in deutschen Chefetagen lebt sein Geist fort. SPIEGEL ONLINE hat sich auf die Suche nach Managern und Unternehmern gemacht, in deren Herzen noch immer ein kleiner Rumpel-Steve wütet.

Der vor einem Jahr verstorbene Apple-Chef Steve Jobs: Im tiefsten Herzen ziemlich deutsch Zur Großansicht
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Der vor einem Jahr verstorbene Apple-Chef Steve Jobs: Im tiefsten Herzen ziemlich deutsch

Kein Unternehmenschef der neueren Zeit verkörperte das Aufeinandertreffen von Erfolg und Ego, von Genie und Wahnsinn so perfekt wie Steve Jobs. Die Garagenfirma, die Jobs 1976 mit zwei (damals noch) Freunden gründete, ist heute das wertvollste Unternehmen der Welt. Gleichzeitig galt Jobs aber auch als detailversessener Egozentriker und mitleidsloser Menschenfeind.

Ein Eigenschaftenbündel, das gerade in deutschen Chefetagen eine gewisse Tradition besitzt: Deutschland hat ungewöhnlich viele Unternehmen hervorgebracht, die auf der Idee eines einsamen Tüftlers beruhen, der seine Idee gegen alle Widerstände vorantreibt. Wie Steve Jobs werden deutsche Manager und Unternehmer im Ausland oft als schroff und pedantisch empfunden - und das ur-teutonische Führungsprinzip "Nicht geschimpft ist genug gelobt" könnte glatt von Steve Jobs erfunden worden sein.

Umgekehrt konnte sich Steve Jobs zeitlebens für die deutsche Ingenieurskultur begeistern. Er stellte sich ein BMW-Motorrad als Kunstwerk ins Wohnzimmer, und das Design vieler Apple-Produkte orientierte sich an der puristischen Produktgestaltung der Marke Braun in den 60er Jahren.

Wer, wenn nicht die Deutschen sind also berufen, Jobs Erbe zu wahren? SPIEGEL ONLINE stellt in einer nicht ganz ernstgemeinten Übersicht die hiesigen Seelenverwandten des Apple-Gründers vor.

Nicht so süß wie seine Bären: Haribo-Chef Hans Riegel Zur Großansicht
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Nicht so süß wie seine Bären: Haribo-Chef Hans Riegel

Papa Goldbär: Haribo-Chef Hans Riegel

Auf den ersten Blick verbindet Steve Jobs und den Haribo-Chef Hans Riegel nicht viel. Gegen den radikalen Innovator Jobs wirkt der Herr über Goldbären und Lakritzschnecken wie ein Relikt aus Zeiten von Borgward, Brisk-Frisiercreme und Ludwig Erhards Zigarre.

Doch auf persönlicher Ebene ist Riegel dem Apple-Gründer ziemlich ähnlich: Nach Krebsbehandlung und Lebertransplantation führte Jobs Apple noch bis kurz vor seinem Tod. Auch der 89-jährige Riegel weigert sich, die Zügel bei Haribo aus der Hand zu geben: Es kann halt keiner so gut Fruchtgummi wie er. Immerhin hat Haribo mit dem Gummibärchen vermutlich die einzige globale Design-Ikone geschaffen, die es in Sachen Unverwechselbarkeit und Purismus mit Apples iPhone aufnehmen kann.

Ähnlich dem verstorbene Apple-Chef ist auch Riegel ein Kontrollfreak, der die Post seiner Manager liest, bevor er sie ihnen in der allmorgendlichen "Postbesprechung" austeilt. Und wer Jobs' Launen fürchtete, sollte mal in der Betriebskantine von Haribo arbeiten: Dort soll der Bärchen-Baron einen Koch abgemahnt haben, weil der die Zwiebeln zu dick geschnitten hatte.

Er steht früher auf: Schraubenkönig Reinhold Würth Zur Großansicht
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Er steht früher auf: Schraubenkönig Reinhold Würth

"Schaffe, net schwätze": Reinhold Schrauben-Würth

Steve Jobs war ein arbeitswütiger Perfektionist - und verlangte die gleichen Eigenschaften auch von seinen Mitarbeitern. Was seinen Ansprüchen nicht genügte, quittierte der Meister oft mit "Das ist mies" oder "Ungenügend". Diese Art von Motivationskunst lebt in Schraubenproduzent Reinhold Würth weiter: Vor einem Monat erst putzte der schwäbische Unternehmer seine Außendienstler herunter, weil die den Umsatz nur um ein paar Prozent gesteigert hatten. Dann rechnete er ihnen vor, wie viel Gewinn sie verschenken, wenn sie statt um 7:30 Uhr erst zwei Stunden später ihren Dienst antreten. "Schaffe, net schwätze" ist nicht nur das persönliche Motto des Schrauben-Selfmademan, sondern inoffizielle Firmenideologie. Schließlich ist für Würth Arbeit "die intelligenteste Form der Freizeitgestaltung". Wer diese Einstellung nicht teile, könne sich ja einen neuen Job suchen. In die Arbeitsbedingungen in seinem Konzern will sich Würth daher nicht reinreden lassen, einen Betriebsrat hat das Unternehmen mit mehr als 66.000 Beschäftigten bis heute nicht.

Erfolgreicher Pedant: VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech Zur Großansicht
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Erfolgreicher Pedant: VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech

Scharfer Messer: VW-Patriarch Ferdinand Piech

Eines Sonntags im Januar 2008 rief Steve Jobs einen hohen Manager von Google an, mit einem "dringenden Anliegen": Das Gelb des zweiten "o" in Google werde auf dem iPhone nicht ganz richtig angezeigt, das Problem müsse sofort gelöst werden. Für seine Detailversessenheit war Jobs berühmt und berüchtigt. Doch Erbsenzähler, oder besser, Erbsenmesser gibt es auch in deutschen Unternehmen: VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech kann ziemlich unangenehm werden, wenn es um Feinheiten an seinen Autos geht. Einer Gruppe von Ingenieuren drohte er einst mit dem Rausschmiss, wenn sie die Spaltmaße der Karosserien nicht im nächsten halben Jahr auf maximal vier Millimeter verkleinern würden.

Der 75-jährige Piech wacht über den VW-Konzern mit harter Hand und feuert missliebige Manager wie den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Bernd Pitschetsrieder. "Wer nicht spurt, hat es verspielt", sagt Piech. Könnte von Jobs stammen.

Und wie bei Apple hat sich auch bei Volkswagen diese Tour de Force ausgezahlt. Aus der verschnarchten Konzernmarke Audi machte Piech einen ebenbürtigen Premium-Konkurrenten von BMW und Mercedes. Volkswagen gilt derzeit als erfolgreichster Autokonzern der Welt.

Und so wie Jobs bei der Suche nach seinem Nachfolger mit Tim Cook ein glückliches Händchen bewies, so lebt auch im Piech-Zögling und heutigen Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn das Perfektionismus-Gen weiter. Unvergessen Winterkorns Auftritt bei der Automesse IAA, als er mit einem Maßband durch einen neuen Hyundai krabbelte und laut darüber schimpfte, dass der Koreaner mittlerweile das Qualitätsniveau von Volkswagen und BMW übertreffe.

Eine Klasse für sich: Karl Lagerfeld Zur Großansicht
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Eine Klasse für sich: Karl Lagerfeld

Die Marke bin ich: Karl Lagerfeld

Wer Steve Jobs zeichnen will, braucht nur drei Insignien: schwarzer Rollkragenpullover, Brille, gestutzter Vollbart. Wer Karl Lagerfeld zeichnen will, braucht nur zwei: Pferdeschwanz und Sonnenbrille. Jobs stilisierte sich selbst hemmungslos zur Marke, seine Auftritte waren choreografiert wie Ballettpremieren. Eine Kunst der Selbstikonisierung, die auch Karl Lagerfeld zum Erfolg verholfen hat - immerhin der einzige Deutsche, der seit Jahrzehnten weit oben im Haute-Couture-Zirkus mitmischt. Und wie Jobs besitzt auch Lagerfeld die Gabe, sich selbst ganz selbstverständlich als Mittelpunkt seines eigenen Universums zu begreifen - und den Rest der Menschheit als Planeten, die auf mehr oder weniger entfernten Bahnen um die Sonne des eigenen Genius treiben.

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