SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. August 2014, 17:52 Uhr

Arbeitskampf bei Lufthansa und Bahn

Das müssen Sie über die drohenden Streiks wissen

Von

Für Reisende und Pendler drohen die kommenden Wochen zur Nervenprobe zu werden. Bei der Lufthansa und der Bahn stehen Streiks bevor. Könnten sie noch abgewendet werden? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Hamburg - Touristen aus Deutschland genießen ihre freien Tage, zehn Bundesländer haben noch Sommerferien. Wenn die Urlauber in diesen Tagen die Nachrichten in der Heimat verfolgen, dürfte manchen vor der Heimreise grauen. Denn ausgerechnet in der Hauptreisezeit hat die Pilotenvereinigung Cockpit Streiks bei der Lufthansa angekündigt. Und auch Reisende und Pendler, die auf die Bahn angewiesen sind, müssen Chaos im Zugverkehr fürchten. Denn zwei Gewerkschaften liebäugeln bereits mit Arbeitsniederlegungen bei der Bahn. Cockpit und Lokführer-Gewerkschaft GDL wollen sich allerdings abstimmen, damit nicht zeitgleich Bahn- und Flugreisende von einem Streik betroffen sind.

Worum geht es in den Konflikten zwischen den Gewerkschaften und Unternehmen? Müssen Reisende sich bereits auf ein Verkehrschaos einstellen oder lassen sich Streiks noch abwenden?

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Verwöhnte Piloten und eine bedrängte Airline: Der Streit zwischen Cockpit und Lufthansa

1. Warum wollen die Lufthansa-Piloten schon wieder streiken?

Manch einer dürfte den vergangenen Streik bei der Lufthansa noch in Erinnerung haben. Anfang April fielen bei einem drei Tage langen Vollstreik der Piloten bei Europas größter Fluggesellschaft rund 3800 Flüge aus. 425.000 Passagiere waren von dieser längsten Arbeitsniederlegung in der Lufthansa-Geschichte betroffen. Sie kostete das Unternehmen nach eigenen Angaben 60 Millionen Euro. Anschließend setzten sich beide Parteien wieder an den Verhandlungstisch.

Doch vier Monate später steht bei dem nun angekündigten Streik erneut dasselbe Thema wie bereits im April im Zentrum: die Übergangsrenten für 5400 Piloten bei Lufthansa, Germanwings und Lufthansa Cargo.

Bis Ende 2013 konnten Lufthansa-Piloten bereits ab dem Alter von 55 Jahren in Rente gehen. Als Überbrückung bis zur staatlichen Rente zahlte das Unternehmen dann aus einer eigenen Übergangsrentenkasse bis zu 60 Prozent der Bezüge. Im Gegenzug mussten die Piloten spätestens mit 60 Jahren aufhören.

Bisher zahlte die Airline jährlich acht Prozent eines Pilotengehalts in die Übergangsrentenkasse. Im Streit mit Cockpit fordert Lufthansa, die Altersgrenze für die Frührente zu erhöhen und die Piloten an der Finanzierung zu beteiligen.

Die Gewerkschaft lehnt das ab. Sie verweist auf gesundheitliche Schäden durch lange Arbeitszeiten und Nachtflüge. Und sie befürchtet, dass das Unternehmen die gebildeten Rückstellungen von 1,2 Milliarden Euro auflösen will. Das wiederum weist Lufthansa zurück.

2. Warum ist der Streit so verfahren?

Neben der Grundsatzentscheidung über die Frührente verhandeln Cockpit und Lufthansa noch über weitere Themen:

3. Wie stehen die Chancen auf eine schnelle Einigung?

Schlecht. Denn für beide Seiten geht es um richtungweisende Veränderungen. Lufthansa steht durch Billigflieger und staatliche Airlines wie Emirates unter Druck. Lufthansa-Chef Carsten Spohr will nicht nur das Bodenpersonal und die Stewards und Stewardessen, sondern auch die Piloten an dem Sanierungs- und Sparkurs beteiligen. Im Juli kündigte Spohr an, das Billigsegment unter der Dachmarke "Wings" auszubauen. Die Crews der Eurowings-Billigflieger sollen weniger verdienen als ihre Kollegen bei der herkömmlichen Lufthansa.

Scharmützel unter Gewerkschaftern: Der Tarifstreit bei der Bahn

4. GDL, EVG und die Bahn: Wer streitet da mit wem?

Die Deutsche Bahn hat es im aktuellen Tarifstreit mit zwei Vereinigungen zu tun: Der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sowie der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Dabei geht es zum einen um höhere Gehälter für Bahn-Mitarbeiter. Zum anderen will das Unternehmen die Gewerkschaften aber auch dazu bringen, sich gegenseitig eine Art Verhandlungsvollmacht zuzugestehen. GDL und EVG sollen sich jeweils abstimmen, nur eine der beiden Gewerkschaften soll dann federführend mit der Bahn verhandeln. Der Vorteil für das Unternehmen: Es hätte nur noch ein Gegenüber am Verhandlungstisch. Doch für die Gewerkschaften würde das bedeuten, Einfluss abzugeben. Und darum ist der aktuelle Tarifkonflikt vor allem auch ein Machtkampf zwischen GDL und EVG.

5. Was sind die wichtigsten Streitpunkte?

Die Bahn möchte ein Kooperationsabkommen mit den Gewerkschaften. Diese weigern sich. Die Bahn will zunächst geklärt haben, welche Gewerkschaft künftig für welche Gruppen unter den 160.000 Beschäftigten verhandeln darf. Ein entsprechender Grundlagentarifvertrag ist Ende Juni ausgelaufen. Die GDL will nun nicht mehr nur für rund 20.000 Lokomotivführer, sondern auch noch für 17.000 weitere Beschäftigte in den Zügen verhandeln. Im Gegenzug will die EVG ihre Zuständigkeit ebenfalls ausweiten. Neben rund 140.000 Bahn-Angestellten wie Zugbegleiter und Lokrangierführer will sie auch für die ihr angehörenden 5000 Lokführer verhandeln.

Beide Gewerkschaften wollen zudem mehr Geld für ihre Klientel aushandeln. Die GDL fordert für Lokführer und das restliche Zugpersonal fünf Prozent mehr Lohn und zwei Stunden weniger Arbeitszeit pro Woche. Die EVG fordert sechs Prozent mehr Lohn für ihre Mitglieder, mindestens aber 150 Euro mehr pro Monat. Die Bahn hatte eine Übergangsregelung vorgeschlagen. Sie bot den rund 20.000 Lokführern für das zweite Halbjahr eine Einmalzahlung in Höhe von 350 Euro an. Das haben beide Gewerkschaften abgelehnt.

6. Wie stehen die Chancen auf eine schnelle Einigung?

Eher schlecht. Die GDL hat Streiks nicht mehr ausgeschlossen. Und die EVG sieht trotz aller Konkurrenz mit der GDL die Bahn als Hauptgegner. "Wir werden nicht einen Streik der GDL unterlaufen", sagte EVG-Chef Alexander Kirchner dem "Handelsblatt". Es könnte also hart werden für die Bahn, wenn sie erst den Fahrgästen Streiks zumuten und am Ende noch verschiedene Tarifverträge mit unterschiedlichen Inhalten für Mitarbeiter ein und derselben Beschäftigtengruppe unterschreiben muss.

7. Besteht für Reisende noch Hoffnung auf eine streikfreie Sommerzeit?

Wohl kaum. Aber bei den drohenden Streiks von Lokführern und Piloten wollen sich die zuständigen Gewerkschaften zumindest terminlich koordinieren. "Wir bemühen uns, durch Absprachen zu verhindern, dass es parallel zu Streiks kommt", sagte ein Sprecher der Lokführergewerkschaft GDL. "Wir Spartengewerkschaften gehen verantwortungsbewusst mit unserem Streikrecht um." Die GDL und die Pilotenvereinigung Cockpit seien "in Gesprächen, in Abstimmungen drin".

8. Kann die Macht von Mini-Gewerkschaften grundsätzlich eingeschränkt werden?

Dass Spartengewerkschaften wie GDL und Cockpit so mächtig sind, hat vor allem mit einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) im Jahr 2010 zu tun. Damals kippten die Richter den alten Grundsatz der Tarifeinheit. Seitdem dürfen mehrere Gewerkschaften in einem Unternehmen unterschiedliche Tarifverträge abschließen.

Arbeitsministerin Andrea Nahles will diese Macht der Mini-Gewerkschaften wieder beschneiden. In einem Unternehmen soll nur ein Tarif gelten und die Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern die grundsätzliche Richtung vorgeben. Das Vorhaben der Regierung ist aber verfassungsrechtlich heikel, denn eine solche Regelung kollidiert mit dem Grundrecht der Koalitionsfreiheit, auf das Spartengewerkschaften wie die Pilotenvereinigung Cockpit oder die Lokführergewerkschaft GDL pochen. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnt eine gesetzliche Regelung zur Tarifeinheit ab, sofern damit eine Einschränkung der Tarifautonomie und des Streikrechts verbunden ist.

mit Material von dpa und Reuters

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung