Neun Durchfaller im Stresstest Der Verlierer heißt Italien

Italiens Banken werden zum Sorgenfall: Gleich neun Geldhäuser des Landes rasselten durch den Bilanzcheck der Europäischen Zentralbank. Doch auch bei den deutschen Instituten ist längst nicht alles so schön, wie es aussieht.

Mailänder Skyline: Sorgenkind Italien
Corbis

Mailänder Skyline: Sorgenkind Italien

Von Anne Seith, Frankfurt am Main


Das Epizentrum der Eurokrise ist längst nicht mehr Griechenland, sondern Italien - zumindest nach diesem Sonntag scheint es so, an dem in Frankfurt pünktlich zur Mittagszeit die Ergebnisse des großen Bilanzchecks der europäischen Bankenbranche verkündet wurden.

25 Institute sind bei dem Check durchgefallen, verkündete der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Vítor Constâncio. Darunter seien allein neun italienische Häuser. 9,7 Milliarden Euro frisches Kapital fehlte den Instituten insgesamt. Vor allem die traditionsreiche Banca Monte dei Paschi steht miserabel da: Gäbe es wirklich eine Krise, wie sie der Stresstest im schlimmsten Szenario simulierte, hätte sie am Ende gar keine eigenen Finanzmittel mehr übrig.

Es ist ein Armutszeugnis. Immerhin hatten die Banken mehr als ein Jahr Zeit, um ihre Häuser in Ordnung zu bringen und frisches Geld zu suchen, mit dem sich mögliche Schocks abfedern lassen. Die meisten übrigen der 130 Institute der Eurozone, die die Europäische Zentralbank überprüft hat, kamen deshalb auch wesentlich besser weg als zunächst gedacht. Rechnet man die Aufräumarbeiten der Banken aus diesem Jahr dazu, müssen in den nächsten sechs bis neun Monaten noch 13 Banken insgesamt zehn Milliarden Euro frisches Geld auftreiben.

Falsche Sicherheit

Entsprechend erleichtert zeigten sich europäische und deutsche Aufseher bei der Präsentation der Ergebnisse in Frankfurt. Die Bilanzprüfung sei ein Meilenstein, erklärt EZB-Vizepräsident Constancio, der das öffentliche Vertrauen in den Bankensektor endlich wiederherstellen könnte.

Doch die vergleichweise guten Ergebnisse täuschen auch eine Sicherheit vor, die es so nicht gibt. Das gilt vor allem für das miserable Abschneiden der italienischen Häuser. "Das Land steht wirtschaftlich sehr schwach da. Das hinterlässt natürlich Spuren in den Bankbilanzen. Die Kreditausfallraten sind zum Beispiel in den letzten Jahren deutlich gestiegen", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Das Drama werde seit Wochen diskutiert, deshalb dürfte es nicht unmittelbar für große Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgen, glaubt der Ökonom. Doch das macht es nicht besser. "Wenn Italien es nicht schafft, einen glaubwürdigen Reformkurs durchzusetzen, wird das Land in jeder Hinsicht in Schwierigkeiten kommen", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim. "Irgendwann werden die Kapitalgeber sagen, dem traue ich nicht mehr." Spätestens dann werde das Geld wieder knapp werden, und die Eurokrise sei zurück.

Schon in der jetzigen Situation werden einzelne Banken des Landes, die jetzt nach frischem Geld suchen, wohl am Ende den Staat um Hilfe bitten müssen, schätzt Burghof. "Und der muss dann womöglich den europäischen Rettungsschirm ESM anzapfen", fügt er hinzu. Woher solle das Geld schließlich sonst kommen.

So funktioniert der Stresstest
Worum geht es?
Es ist der bisher größte Bankencheck in Europa. Ein Jahr lang hat die EZB mithilfe der nationalen Aufsichtsbehörden und der Beratungsfirma Oliver Wyman die 130 größten Banken in der Eurozone untersucht, darunter 24 deutsche.
Wo liegen die größten Risiken für jedes einzelne Institut? Sind die Kredite in den Bilanzen richtig bewertet? Und schließlich der Stresstest: Wie würden die Banken eine neue schwere Wirtschaftskrise überstehen? In dieser letzten Stufe wurden in Zusammenarbeit mit der europäischen Aufsichtsbehörde EBA auch Banken aus Nicht-Euro-Ländern wie Großbritannien oder Dänemark mitgeprüft.
Was soll der Test bringen?

Der Test soll vor allem Vertrauen schaffen, das bisher fehlt. Seit der Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 herrscht immer noch Misstrauen in der europäischen Bankenbranche. Zwar haben viele Institute ihr Eigenkapital seitdem gestärkt und sind damit krisenfester geworden. Doch noch immer gibt es Zweifel, ob einige Institute wirklich so gesund sind, wie sie nach außen glauben machen wollen.

Die umfassende Prüfung soll nun Transparenz bringen. Anhand der Ergebnisse, so die Hoffnung, können Investoren und Gläubiger sehen, wie es einzelnen Banken wirklich geht. Diejenigen Geldhäuser, bei denen Probleme auftreten, werden zum Nachbessern gezwungen.

Was genau wurde getestet?

Im Stresstest mussten sich die Banken zwei Szenarien stellen. Im ersten wurde ein eher positiver Wirtschaftsverlauf in den Jahren 2014 bis 2016 angenommen. Die Wirtschaft in Europa wächst, die Arbeitslosigkeit geht leicht zurück, die Preise steigen moderat.

Im zweiten, dem sogenannten adversen Szenario, wurde ein wirtschaftlicher Schock simuliert, der auch die Finanzmärkte erfasst: Die Wirtschaftsleistung geht um gut zwei Prozent zurück, Aktien- und Immobilienmärkte brechen ein, die Zinsen steigen und Banken kommen schwieriger an frisches Geld.

Um den Stresstest zu bestehen, müssen die Teilnehmer bestimmte Eigenkapitalquoten erfüllen. Dabei geht es um jenes Kapital, das der Bank in Form von Aktienkapital oder einbehaltenen Gewinnen zur Verfügung steht. Dieses Polster wird ins Verhältnis gesetzt zu den Risiken in der Bankbilanz, also vor allem Kredite und Wertpapiere. Im ersten Szenario darf die Eigenkapitalquote der Institute nicht unter acht Prozent fallen, im Stressszenario liegt die Grenze bei 5,5 Prozent.

Was passiert mit den Banken, die durchfallen?

Wer schon das Normalszenario im Stresstest nicht übersteht, dürfte arge Probleme bekommen. Wenn er sich seit dem Prüfungsstichtag 31.12.2013 nicht schon frisches Eigenkapital besorgt hat, muss er dies nun tun. Zwei Wochen haben die betroffenen Banken Zeit, den Aufsehern entsprechende Pläne vorzulegen. Werden diese genehmigt, müssen die Institute ihre Kapitallücken innerhalb von sechs Monaten füllen.

Institute, die nur im harten Stressszenario durchfallen, haben es etwas leichter. Falls sie sich das fehlende Kapital nicht schon seit Jahresbeginn besorgt haben, bekommen sie nun neun Monate dafür Zeit.

Banken, die es nicht schaffen, die Anforderungen in der vorgegeben Zeit zu erfüllen, müssen damit rechnen, abgewickelt zu werden. Die Kosten tragen die jeweiligen Nationalstaaten.

Doch auch im Rest der Eurozone besteht keinen Grund, die Champagnerkorken knallen zu lassen. Denn immer wieder bescheinigen Wissenschaftler den Banken Europas bedenkliche Schwäche. Vor allem in der Eurozone sei ein Großteil nicht fähig, nachhaltig Kredite für die Wirtschaft bereitzustellen, hieß es etwa kürzlich in einer Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein anderes internationales Forscherteam bescheinigte dem Sektor, er sei im Vergleich zur restlichen Wirtschaft gefährlich aufgebläht und viel zu konzentriert.

Die Bundesbank mahnt Fusionen an

Es war ein Vorstand der Bundesbank, der die Feierstimmung am Sonntag deshalb auch gewaltig trübte. Andreas Dombret, einer der obersten Bankenaufseher des Landes, saß im trauerdunklen Anzug zwischen mehreren Aufsichtskollegen und las den heimischen Bankmanagern trotz aller guten Ergebnisse die Leviten. "Die deutschen Banken müssen sich zunehmend dem internationalen Wettbewerb stellen und hier schneiden sie nicht so gut ab", sagte Dombret. Und nur wenn Banken nachhaltig Geld verdienten, könnten sie auf Dauer auch Krisen überstehen.

Derzeit aber verdienen auch Deutschlands Banken bedenklich wenig Geld. Einer Studie der Unternehmensberatung Bain zufolge betrug die Eigenkapitalrendite zwischen 2011 und 2013 gerade einmal mickrige 1,6 Prozent. Lange vorbei sind die Zeiten, als Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann von einer Zielmarke von 25 Prozent schwadronierte.

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Bankenprüfung: Der Stresstest im Überblick
Bei der Reform ihrer Geschäftsmodelle liegen die hiesigen Häuser "auf den hinteren Plätzen", wie Dombret heute betonte. Um zu sehen, wie recht er hat, muss man sich nur jene Häuser genauer ansehen, die lange als Wackelkandidaten galten und jetzt doch noch irgendwie durch den Stresstest gerutscht sind. Die HSH Nordbank etwa brachte es selbst im schlimmsten Stress-Szenario noch auf eine Eigenkapitalquote von 6,1 Prozent. Gefordert waren 5,5 Prozent.

Die HSH habe ihre Kapitalstärke bewiesen, tönten die Hamburger Banker daraufhin stolz in einer Pressemitteilung. Dabei sind die Probleme des Hauses alles andere als gelöst. Der weltgrößte Schiffsfinanzierer nämlich sitzt auf Abermilliarden von wackeligen Krediten, weil die Handelsschifffahrt in der vielleicht größten Krise ihrer Geschichte steckt.

Auch andere deutsche Banken haben gewaltige Probleme: "Die mittelgroßen Häuser stürzen sich jetzt alle auf den Mittelstand", sagt Finanzprofessor Burghof. "Die Frage ist, wie viele man in diesem Bereich denn braucht."

Bundesbanker Dombret mahnte denn auch schon mal Fusionen unter den deutschen Geldhäusern an - und kündigte gleichzeitig auch für die Zukunft harte Kontrollen an. "Nach dem Stresstest ist vor dem Stresstest", warnte Dombret. Und auch die neue EZB-Aufsichtschefin Danièle Nouy machte klar, dass mit Milde in Zukunft nicht zu rechnen sei. Man werde allen Schwächen, die man bei dem Stresstest erkannt habe, weiter nachgehen kündigte sie an. Der Stresstest sei zwar sehr erfolgreich verlaufen, erklärte die Französin mit der gestrengen Aura einer Lateinlehrerin. "Gleichzeitig ist er aber nur der Startpunkt für unsere neue Aufgabe. "

Das sind die Durchfaller 2014

Deutschland Münchener Hypothekenbank
Österreich Österreichischer Volksbanken-Verbund
Belgien Axa Bank Europe
Belgien Dexia
Zypern Bank of Cyprus
Zypern Cooperative Central Bank
Zypern Hellenic Bank
Spanien Liberbank
Frankreich C.R.H. Caisse des Refinancement de l'Habitat
Griechenland Eurobank
Griechenland National Bank of Greece
Griechenland Piräus Bank
Irland Permanent tsb
Italien Monte dei Paschi di Siena
Italien Banca Carige
Italien Veneto Banca
Italien Banco Popolare
Italien Banca Popolare de Milano
Italien Banca Popolare di Vicenza
Italien Credito Valtellinese
Italien Banca Popolare di Sondrio
Italien Banca Popolare dell'Emilia Romagna
Portugal Banco Comercial Portugues
Slowenien Nova Kreditna Banka Maribor
Slowenien Nova Ljubljanska banka

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
leiboldson 26.10.2014
1. Italien ist der Verlierer?
Darunter seien allein neun italienische Häuser. 9,7 Milliarden Euro frisches Kapital fehlte den Instituten insgesamt. Woher soll denn das Geld kommen? Es wird bestimmt eine "europäische Lösung" kommen und wir sind mit 27 Prozent dabei.
Ulrich Berger 26.10.2014
2. Der Verlierer heisst Italien?
Na, da wird doch sicherlich der Merkel etwas einfallen - z.B. mit den nicht in der Ukraine verbratenen deutschen Steuerzahler-Milliarden. Nein, liebe italienische Bankster, macht Euch keine Sorgen, Ihr koennt voller Vertrauen auf die Merkel sehen.
dedoors 26.10.2014
3.
Italien ist nicht pleite und wird es auch nicht sein und in 2,3,5 Jahren kräht kein Hahn/Mensch mehr danach. Mal wieder deutscher Panic-Room"§.
ludwig49 26.10.2014
4. Die Inszenierung...
...eines sogenannten Banken-Stress-Testes ist völlig irrelevant, weil die Ergebnisse folgenlos sind. Man benötigt halt "frisches Geld", welches auf speziellen Plantagen geerntet wird...vielleicht sind es einmal Bio-Anbaugebiete, dann weiß man auch, wo das frische Geld jeweils her kommt.
Liberalitärer 26.10.2014
5. Kleinkrams
Zitat von leiboldsonDarunter seien allein neun italienische Häuser. 9,7 Milliarden Euro frisches Kapital fehlte den Instituten insgesamt. Woher soll denn das Geld kommen? Es wird bestimmt eine "europäische Lösung" kommen und wir sind mit 27 Prozent dabei.
9,7 Mrd. sind ja Klamauk oder Peanuts. Der Wert dieses Tests an den Kapitalmärkten dürfte gegen null gehen und damit wurde das Ziel verfehlt. Garantiert wurden jedwede Staatsanleihen in der Bankbilanz wieder als entweder sicher oder mit dem Marktwert (der da ist whatever it takes bewertet). Wie sollte es auch anders sein? Ohne ein anderes Einlagensicherungssystem ändert sich nichts und ein richtiger Schock wurde nicht eingepreist. Die Märkte werden das als Anhaltspunkt betrachten und insofern ist das immerhin nett, mehr aber auch nicht.
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