Stresstest der Aufsichtsbehörden Wie sicher sind Europas Banken?

Vor dem Brexit hat die europäische Bankenaufsicht untersucht, wie krisensicher Europas Geldinstitute sind. Was genau wurde getestet? Und welche Geldhäuser sind besonders gefährdet? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Bankenviertel in Frankfurt
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Bankenviertel in Frankfurt


Zeugnistag für Europas Banken: Über mehrere Monate hat die europäische Bankenaufsicht EBA geprüft, ob europäische Banken für den Krisenfall gerüstet sind. Die Ergebnisse sollen am Freitagabend veröffentlicht werden.

Seit 2009 führen EBA und die Europäische Zentralbank (EZB) regelmäßig sogenannte Stresstests durch, in denen verschiedene Szenarien der Konjunkturentwicklung simuliert werden. Für den diesjährigen Test mussten die Institute auf Basis ihrer Bilanz Ende 2017 ein Krisenszenario durchrechnen: Wie sehr schrumpft ihre Kapitalbasis innerhalb von drei Jahren, wenn die Konjunktur einbricht, die Arbeitslosenzahlen steigen und die Immobilienpreise deutlich sinken - mit der Folge, dass dann möglicherweise mehr Kredite nicht zurückgezahlt werden?

Die Tests sollen Risiken in den Bilanzen der Banken offenlegen. Gegebenenfalls können Aufseher dann einzelnen Instituten frühzeitig auftragen, ihre Kapitalpuffer zu verstärken. Im diesjährigen Test sorgt ein besonderes Ereignis für Unsicherheit: der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union im Jahr 2019.

Was genau wurde getestet?

Dem Test liegen zwei Szenarien zugrunde: Im Basisszenario wurde ein eher positiver Wirtschaftsverlauf in den Jahren 2018 bis 2020 angenommen. Die Wirtschaft in Europa wächst, die Arbeitslosigkeit geht leicht zurück, die Preise steigen moderat. Dieses Szenario dürfte kaum einer Bank Probleme bereiten - und falls doch, sollte sie sich ernsthaft Gedanken machen.

Das zweite, sogenannte adverse Szenario rechnet mit einem wirtschaftlichen Schock. Es wird unterstellt, dass Europas Wirtschaft in den Jahren 2018 und 2019 um 1,2 Prozent beziehungsweise 2,2 Prozent schrumpft und erst 2020 wieder um 0,7 Prozent wächst. Über den Drei-Jahres-Zeitraum ergibt sich somit ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in der EU um 2,7 Prozent. Verglichen mit dem Basisszenario wäre das ein Einbruch um 8,3 Prozent.

Die Arbeitslosenquote läge im adversen Szenario im Jahr 2020 in der EU bei 9,7 Prozent, eine Steigerung um 3,3 Prozentpunkte zur Basisannahme. Die Preise für Wohnimmobilien würden in dem Krisenszenario über die drei Jahre um 19,1 Prozent abrutschen. Simuliert wird zudem ein Einbruch der Aktien- und Anleihenkurse und ein Währungsverfall.

Der Brexit wurde nach EBA-Angaben nur indirekt mit in die Berechnungen aufgenommen: Das Krisenszenario umfasse "ein breites Spektrum makroökonomischer Risiken, die mit dem Brexit verbunden sein könnten".

Daneben gibt es auch länderspezifische Szenarien. Das hat mit der jeweiligen Stärke der entsprechenden Volkswirtschaft und ihrer Banken zu tun: Zum Beispiel musste der simulierte Wirtschaftsabsturz in Deutschland in dem Test deutlich stärker ausfallen als in Italien, um die deutschen Banken einem vergleichbaren Stress auszusetzen wie die italienischen Finanzhäuser.

Welche Banken werden getestet - und welche nicht?

Insgesamt haben die Behörden in den vergangenen Monaten 48 Institute aus 15 EU-Ländern und Norwegen getestet. Sie bilden einen bedeutenden Teil der Branche ab: Alleine die 37 Banken aus der Eurozone, die sich den Aufsehern stellen mussten, stehen für rund 70 Prozent der Bilanzsumme aller Häuser in der Währungsunion.

Die Zahl der geprüften Banken nahm damit jedoch erneut ab: Bei der Übernahme der Euro-Bankenaufsicht durch die EZB hatte diese 2014 noch 130 Geldhäuser getestet, vor zwei Jahren waren es 51. Aus Deutschland waren beim Stresstest vor vier Jahren 24 Häuser dabei - dieses Mal sind es acht.

Neben den beiden privaten Großbanken Deutsche Bank und Commerzbank sind die vier Landesbanken BayernLB, LBBW, Helaba und NordLB, die nordrhein-westfälische Förderbank NRW-Bank sowie die DZ Bank dabei.

Nicht veröffentlicht werden die Ergebnisse eines parallelen Tests, den die EZB bei 54 von ihr beaufsichtigten Instituten durchgeführt hat. Von diesen stammten elf aus Deutschland.

Der Test für die vier größten griechischen Finanzinstitute Alpha Bank, Eurobank, National Bank of Greece und Piraeus Bank war wegen des auslaufenden Rettungspakets für das Land vorgezogen worden. Bei der Veröffentlichung der Testergebnisse im Mai hatte die EZB bei keinem der vier Prüflinge eine Kapitallücke festgestellt.

Welche Folgen hat der Stresstest für die Banken?

Wie schon im Stresstest 2016 wird es keine Urteile im Sinne von "bestanden" und "durchgefallen" geben. Allerdings können die Aufseher die Ergebnisse verwenden, um den einzelnen Banken Vorgaben zu machen. Die geforderten Kapitalzuschläge werden jedoch nicht veröffentlicht - es sei denn, die Banken tun dies selbst.

Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg einer Bank wird sein, wie stark sich ihr sogenanntes hartes Kernkapital unter dem angenommenen Szenario reduziert - also der wichtigste Puffer für den Fall einer Krise.

Aufseher sehen einen Wert von 5,5 Prozent als Minimum dessen, was Banken in Krisenzeiten noch vorweisen sollten. Beim Test im Jahr 2014 hatten EBA und EZB noch verlangt, dass die Kapitalquote auch im Krisenszenario nicht unter diese Schwelle fällt. Damals fielen 25 von 130 untersuchten Instituten durch.

Im Test berücksichtigt werden sowohl die Auswirkungen auf die ausgereichten Kredite als auch auf Wertpapierbestände im Handelsbuch einer Bank, also etwa Staatsanleihen oder Aktien, die das Institut hält. Wie bereits vor zwei Jahren wird auch das Risiko gemessen, das sich aus dem Fehlverhalten von Bankern ergibt. Verstöße gegen Vorschriften hatten vielen Häusern, insbesondere der Deutschen Bank, hohe Strafen eingebrockt.

Indirekt werden Investoren, Gläubiger, Ratingagenturen und nicht zuletzt die Öffentlichkeit dennoch Rückschlüsse auf die Stabilität jedes einzelnen Instituts ziehen können. Sinkt nämlich die Kapitalquote bei dem Test unter den Wert, ab dem die Aufsicht anordnen darf, dass keine Boni oder Dividenden mehr ausgeschüttet werden, offenbart das Probleme.

Welche Banken müssen zittern?

Unter den deutschen Banken ging die NordLB, die aktuell auf Investorensuche ist, mit dem geringsten Kapitalpolster in den Stresstest. Laut der Nachrichtenagentur Reuters ist es unter dem Krisenszenario auf rund sieben Prozent geschmolzen.

Unabhängige Experten und der deutsche Bankenverband BdB halten den Stresstest für noch strenger als die vorherigen Belastungsproben in Europa. Laut EBA ist er auch strenger als vergleichbare Tests der US-Notenbank Federal Reserve bei den US-Banken.

Kritiker bemängeln jedoch, dass etwa das Risiko eines Ausfalls von Staatsanleihen im aktuellen Test nicht ausreichend berücksichtigt sei. Zudem profitierten Banken mit hohem Anteil fauler Kredite von den Kriterien, weil Banken Zinseinkünfte aus solchen Krediten im diesjährigen Test einrechnen dürfen.

Beides spielt zum Beispiel Italiens Banken in die Hände. Diese halten nicht nur hohe Bestände an Wertpapieren ihres Heimatstaates, sondern auch viele problematische Kredite. Das Abschneiden der italienischen Banken wird daher besonders interessant sein.

kko/dpa/ Reuters



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