Teure Grundversorgung Energiekunden zahlen mehr als eine Milliarde Euro zu viel

Kunden in der sogenannten Grundversorgung für Strom und Gas zahlen nach SPIEGEL-Informationen jedes Jahr gewaltige Summen drauf. Neben trägen Verbrauchern werden auch sozial Schwache geschröpft.

Stromzähler
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Verbraucher in der sogenannten Grundversorgung zahlen jährlich rund 1,15 Milliarden Euro zu viel für ihre Energie. Das ergibt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die die Grundversorgungstarife mit den mittleren Preisen anderer Anbieter verglichen hat. Die Erhebung, die dem SPIEGEL vorliegt, soll zu Beginn kommender Woche veröffentlicht werden.

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Heft 3/2019
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Ein Grundversorger ist gesetzlich verpflichtet, all jene Verbraucher mit Strom und Gas zu versorgen, die nicht selbst zu einem anderen Energielieferanten wechseln. Manche tun dies aus Trägheit nicht, andere werden wegen schlechter Bonität von keinem neuen Anbieter übernommen.

Die Grundversorgung deckte 2016 rund 31 Prozent des Stromverbrauchs und 22 Prozent des Gasverbrauchs ab, Lieferanten sind meist große Energiekonzerne wie RWE und Uniper. Die Grundversorger können ihre Preise weitgehend frei gestalten und streichen laut Verbraucherschützern hohe Margen ein.

"Ausgerechnet die sozial Schwachen werden hier teils als Melkkühe missbraucht", moniert Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Grundversorger selbst geben an, die teuren Preise seien eine Folge der erhöhten Prozesskosten und Zahlungsausfälle in diesem Marktsegment.

Mögliche Maßnahmen gegen überhöhte Preise

Um die Verbraucher zu entlasten, fordert die FES, die Grundversorgung bei der nächsten Vergaberunde im Juli 2021 auszuschreiben. So würde nicht mehr wie bislang automatisch das Unternehmen mit den meisten Kunden in einem bestimmten Netzgebiet zum Grundversorger werden, sondern die Firma, die das günstigste Angebot macht.

Verbraucherschützer Sieverding hält diesen Ansatz für zu aufwendig. "Von einer solchen Ausschreibung würden nur Kunden profitieren, die neu in die Grundversorgung kommen", sagt er. "Es würde sehr lange dauern, bis eine signifikante Zahl von Verbrauchern entlastet wäre." Dem geringen Effekt stünden ein hoher bürokratischer Aufwand und ein großes politisches Konfliktpotenzial gegenüber.

Grundsätzlich aber sei es positiv, nach Wegen zu suchen, um die Preise in der Grundversorgung zu senken, sagt Sieverding. Verbraucher mit guter Bonitätsnote sollten ohnehin so schnell wie möglich zu einem günstigeren Anbieter wechseln.

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insgesamt 45 Beiträge
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Achmuth_I 12.01.2019
1. Zu viel?
Das ist doch eine offensichtliche Verdrehung der Wahrheit. Zu viel würden die Kunden bezahlen, wenn mehr berechnet würde als genutzt wurde, oder wenn die abgerechneten Tarife höher als die vereinbarten wären. So bezahlen die Kunden ganz einfach mehr. Wenn es dann wie hier aufgeführt auch noch eine Begründung für das warum gibt, dann sollte zumindest auch eine Erklärung für das zu viel kommen. Dazu reicht nicht dass es prinzipiell für andere KLientel günstigere Modelle gibt.
Harald Schmitt 12.01.2019
2. Dauerwechseln nervt gewaltig
Wenn man Geld sparen will ist man ja gezwungen zum Dauerwechseln. Die Stromtarife immersten JAhr inkl. Prämien sind nur lockangebote. Wenn man vergisst zu kündigen wird man abgezockt und ist 12 Monate im Vertrag gefangen. Im zweiten Jahr holen die Anbieter dann die Prämien wieder rein und sind dann oft teurer als die Grundversorgung. Die Preise auf den Seiten sind gelten meist nur fürs erste Jahr. Dauerhaft günstige Anbieter habe ich noch nicht gefunden, selbst wenn man ohne Prämie mehr bezahlt, erhöhen die im zweiten Jahr erst mal saftig die Preise. Es ist zwar einfach zu wechseln aber es nervt auch gewaltig und jedes Jahr bekommt ein neuer Anbieter haufenweise persönliche Daten von einem.
M. Michaelis 12.01.2019
3.
Der Grundversorgertarif ist so kalkuiert dass auch die Kosten offener Rechnungen und Forderungsausfälle abdeckt. Das wird gerne mal vergessen.
tomymind 12.01.2019
4.
Die Jobcenter zahlen den überwiegenden Teil der Energieosten. Warum nicht direkt an den Lieferanten? Warum schreiben diese nicht aus und alle Empfänger von Hartz 4 wechseln dorthin? Sicherer als monatlich Geld vom Staat geht nicht. Und es ist ein Witz, dass ein Hartz 4 Bezieher nicht sparen kann, aber der Millionär
Jucken 12.01.2019
5.
Es ist also wie immer: Wer schon Geld hat kann sparen, wer wenig Geld hat muss noch draufzahlen. Wie bei Solarstromanlagen: Kein Geld dafür und kein eigenes Dach, aber man darf die EEG-Umlage zahlen. Ist das diese soziale Gerechtigkeit von der alle immer reden?
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