Tarif-Ranking Stromkonzerne halten Preise künstlich hoch

Bereichern sich die Energiekonzerne auf Kosten der Kunden? Laut einer Studie der Verbraucherzentrale NRW sind die Einkaufspreise für Strom zwischen 2010 und 2014 im Schnitt um ein Viertel gesunken - doch bei den Verbrauchern kam davon nichts an.

Strommasten: Bereichern sich die Versorger auf Kosten der Verbraucher?
DPA

Strommasten: Bereichern sich die Versorger auf Kosten der Verbraucher?

Von


Hamburg - Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen wirft den Energieversorgern vor, die sinkenden Einkaufspreise für Strom nicht an ihre Kunden weiterzugeben. Grundlage dafür ist eine Langzeitanalyse aller 106 Grundversorger in NRW von Dezember 2010 bis Juni 2014.

Haushalte, die in NRW in der sogenannten Grundversorgung sind, mussten demnach im Juni 2014 durchschnittlich 23 Prozent mehr für Strom zahlen als im Dezember 2010. Und das, obwohl die Bezugskosten für Strom im selben Zeitraum deutlich gesunken sind. Eine Untersuchung anderer Bundesländer dürfte ein ähnliches Ergebnis haben, schätzen die Verbraucherschützer.

Die Energieversorger begründen Preiserhöhungen mit den Kosten der Energiewende. In ihren Anschreiben an Kunden heißt es oft, Ökostromumlage und Netzentgelte seien gestiegen, sie hätten den Gesamtpreis in die Höhe getrieben und damit auch die Steuern auf den Strompreis. Der Branchenverband BDEW wiederholte diese Aussage erst Mitte September in einer Pressemitteilung.

Um die Argumentation der Konzerne zu widerlegen, haben die Verbraucherschützer den Preis für Endkunden aufgedröselt. Bei jedem einzelnen der 106 Grundversorger haben sie Abgaben, Umlagen und Netzentgelte - sprich: jene Kosten, die vom Staat vorgegeben sind - vom Endkundenpreis abgezogen. Übrig bleibt die sogenannte Unternehmensspanne: jener Teil, den die Versorger durch unternehmerische Entscheidungen selbst steuern können. Die Unternehmenspanne setzt sich ihrerseits aus drei Teilen zusammen:

  • Vertriebskosten, also Kundenbetreuung, Neukundengewinnung und Verwaltung;
  • Bezugskosten, also das Geld, das der Versorger ausgibt, um Strom einzukaufen oder selbst zu produzieren;
  • Marge, also die Summe, die das Unternehmen als Gewinn einstreicht.

Der Studie zufolge blieb die Unternehmensspanne in den vergangenen vier Jahren nahezu konstant: Im NRW-Durchschnitt liegt sie demnach seit Dezember 2010 bei rund 8,6 Cent pro Kilowattstunde - obwohl die durchschnittlichen Bezugskosten im selben Zeitraum um gut ein Viertel gesunken seien.

"Die Stromkonzerne haben entweder schlecht eingekauft oder deutlich mehr Gewinn eingestrichen", sagt Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie bei der Verbraucherzentrale NRW. Es sei kaum anzunehmen, dass die Vertriebskosten seit 2010 um ein Viertel gestiegen seien.

Beispiel: So setzt sich der Strompreis zusammen
Verbraucherzentrale NRW

Beispiel: So setzt sich der Strompreis zusammen

Beim Energiekonzern RWE ist das Missverhältnis von Bezugskosten und Unternehmensspanne besonders groß. Der ortsansässige Grundversorger des Unternehmens belegt in einem Vergleich aller Anbieter des Bundeslandes NRW fast den letzten Platz; auf den unteren Plätzen finden sich zudem auffällig viele Stadtwerke, an denen RWE direkt oder indirekt beteiligt ist, zum Beispiel die West Energie und Verkehr, die Emscher-Lippe-Energie, die NEW AG, die Stadtwerke Düren oder die EWV Energie- und Wasserversorgungs GmbH.

Der Energiekonzern E.on rangiert ebenfalls im unteren Mittelfeld der Tabelle. Mustergültig schneiden hingegen die Stadtwerke Oerlinghausen ab: Ihre Unternehmensspanne liegt rund 25 Prozent unter dem NRW-Durchschnitt.

Der große Vergleich: So schneidet Ihr Versorger ab
RWE und Co. sind zum wiederholten Male in der Kritik. Laut einer Studie des Berliner Beratungsunternehmens Energy Brainpool aus dem Jahr 2013 ließen sich bei Haushalten in der Grundversorgung jährlich rund 395 Millionen Euro Kosten sparen, wenn die Energieriesen ihre gesunkenen Einkaufspreise konsequent weitergeben würden.

Unangreifbar sind solche Studien nicht. Ihre größte Schwäche ist, dass sie bei den Einkaufspreisen nur Durchschnittswerte anlegen können. Denn jeder Versorger hat eine individuelle Beschaffungsstrategie. Diese ist ebenso geheim, wie es die Produktionskosten der Kraftwerke sind. Die Angaben der Verbraucherzentrale NRW sind entsprechend nur Näherungswerte.

Die Untersuchung wirft dennoch Fragen auf.

  • Schon bei einer durchschnittlichen Beschaffungsstrategie hätte die Unternehmensspanne von Konzernen wie RWE deutlich sinken können - warum ist sie in einigen Regionen um fast 19 Prozent gestiegen?
  • Warum schaffen es andere Unternehmen, wie die Stadtwerke Oerlinghausen, ihre Unternehmensspanne deutlich zu senken, der ungleich größere Energiekonzern und seine Töchter dagegen nicht?

RWE ist hoch verschuldet, sein Kerngeschäft ist durch den Atomausstieg und den Boom der erneuerbaren Energien bedroht. Versucht der Konzern seinen Umsatzschwund abzumildern, indem er Kunden in der Grundversorgung benachteiligt?

Die Energieversorger kommentieren ihre Beschaffungsstrategie grundsätzlich nicht. In der Branche ist jedoch zu hören, dass man sich nun einmal in einem freien Markt bewege, in dem man Preise frei bestimmen dürfe.

RWE-Beteilligungen an Stadtwerken

Platz im Ranking Versorger und Tarifgebiet Beteiligungsstruktur
100 Stadtwerke Duisburg AG 80% kommunal, 20% RWE
101 Stadtwerke Düren GmbH 75% RWE
102 Stadtwerke Coesfeld GmbH 100% Stadt Coesfeld
103 EWV GmbH (Stolberg) 50% RWE
104 Stadtwerke Neuss GmbH 100% Stadt Neuss
105 ELE Emscher-Lippe-GmbH (TG Gelsenkirchen) 50,1% RWE, 49,9 kommunal
106 RWE Vertriebs AG (TG Dorsten) 100% RWE
107 Stadtwerke Iserlohn GmbH 100% Stadt Iserlohn
108 SWK Energie GmbH (Krefeld) 100% Stadt Krefeld
109 Stadtwerke Lemgo GmbH 100% Stadt Lemgo
110 RWE Vertriebs AG (TG Winterberg) 100% RWE
111 ELE Emscher-Lippe-GmbH (TG Gladbeck) 50,1% RWE, 49,9 kommunal
112 RWE Vertriebs AG (TG Mettmann) 100% RWE
113 enwor GmbH (Herzogenrath) 100% kommunal
114 NEW AG (Korschenbroich) 44,39% RWE, 55,61% kommunal
115 GWG Grevenbroich GmbH 60% NEW [44,39%RWE], 40% kommunal
116 West Energie und Verkehr GmbH (TG Geilenkirchen) 50% NEW [44,39% RWE], 50% kommunal
117 West Energie und Verkehr GmbH (TG Niederkrüchten) 50% NEW [44,39% RWE], 50% kommunal
Doch ganz so einfach ist es nicht. Laut Energiewirtschaftsgesetz hat die Grundversorgung eine besondere Bedeutung. Sie soll, wie der Name schon sagt, dafür sorgen, dass jeder Verbraucher Zugang zu Strom hat. Bundesweit sind knapp 37 Prozent der Haushalte in der Grundversorgung - darunter auch Sozialhilfeempfänger, die aufgrund schlechter Schufa-Einträge kaum ein Versorger als Kunde annimmt.

Die Energieexperten Dietmar Hempel und Peter Franke vertreten die Ansicht, dass der Tarif "so preisgünstig wie möglich zu gestalten ist". Nach dieser Auslegung würden Energiekonzerne, die sinkende Einkaufspreise nicht an ihre Kunden weitergeben, womöglich sogar das Gesetz brechen. Ob dem wirklich so ist, könnte letztlich nur gerichtlich geklärt werden.

Die Verbraucherzentrale NRW will darauf nicht warten. Sie will, dass die Energieversorger schon im kommenden Jahr die Preise senken. Ihre Studie hat sie deshalb ans Kartellamt geschickt; dieses soll nun prüfen, ob die Konzerne ihre Marktmacht missbrauchen - ein Vorwurf, dem die Unternehmen stets widersprochen hatten.

Verbraucher, die noch in der Grundversorgung sind, brauchen nicht abzuwarten, wie das Kartellamt reagiert. Sie können schon jetzt in einen günstigeren Tarif wechseln.

Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Die Stiftung Warentest zeigt, welche Einstellungen bei der Tarifsuche wichtig sind
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
Lange ging das gar nicht. Inzwischen bestehen in einigen Fällen auch hier alternative Angebote.

Der Autor auf Facebook

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 230 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eisbaerchen 25.09.2014
1. Überrascht das hier
jemanden?
kdshp 25.09.2014
2.
Ich meine das ist politisch auch so gewollt sonst würden die ja etwas dagegen tuen da sie ja für den bürger da sind mit ihrer politik. Würde der preis für uns verbraucher auch um 25% fallen würden der regierung wieviel mrd an steuern/abgaben/umlagen entgehen? Und ich gehe davon aus das der strompreis weiter steigen wird WETTEN.
tiehrhawtreisnezlegeips 25.09.2014
3. Klare Absicht
Das sind Mafiöse Strukturen, welche zerschlagen werden müssen. Alles was GEGEN den Menschen geht, hat kein Existenzrecht.
willibrand 25.09.2014
4. Ueberrascht das jemanden ?
wann reagieren endlich die Politiker die von den Verbrauchern und nicht von den Konzernen gewàhlt wurden ? Ich fuerchte am Sanktnimmerleinstag um die Antwort vorweg zu nehmen
kraftmeier2000 25.09.2014
5. Das ist
ja was ganz Neues. Was anderes hätte ich von diesen Unternehmen auch nicht erwartet, und von unserer Regierung ebensowenig. Sind alle nur darauf aus den Bürger abzukassieren, die Stromunternehmen eben Ihre Kunden, und die Regierung über z. B. den Soli die ganze Bevölkerung. Was die einmal haben, geben die nicht mehr her. Bei der Regierung könnte man eventual abhilfe schaffen, wenn der der Deutsche "Michel" es wirklich will, das ganze Gesindel in die Wüste jagen, aber nur mit einem Bruchteil Ihrer Alterseinkünfte, denn die sind absolut überhöht, und grenz an Betrug der Arbeitenden Bevölkerung gegenüber.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.