VDI-Studie: Ingenieurmangel kostet deutsche Wirtschaft Milliarden

Die Konjunktur zieht an, doch den Unternehmen fehlen Fachkräfte. Laut einer Studie sind mehr als 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt. Allein im vergangenen Jahr habe die heimische Wirtschaft dadurch acht Milliarden Euro verloren. Experten sehen die deutsche Innovationskultur in Gefahr. 

Raumfahrtingenieur bei EADS: Sorge vor Innovationsflaute Zur Großansicht
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Raumfahrtingenieur bei EADS: Sorge vor Innovationsflaute

Hannover - Angesichts der Euro-Krise wirkt Deutschland wie eine Insel der Seligen. Ökonomen sagen der heimischen Wirtschaft trotz flauer Weltkonjunktur ein solides Wachstum voraus. Deutsche Firmen melden gestiegene Exporte und der Arbeitsmarkt ist stabil. Doch laut einer Studie des Ingenieurverbands VDI und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist der Höhenflug der heimischen Wirtschaft wegen eines Mangels an Fachkräften in Gefahr. Die Zahl der Ingenieure hinke der Nachfrage der Firmen weit hinterher.

Demnach entstand in Deutschland allein im vergangenen Jahr ein Wertschöpfungsverlust von knapp acht Milliarden Euro, weil monatlich rund 92.000 offene Ingenieursstellen nicht besetzt werden konnten. "Wenn wir die Ingenieurlücke nicht schließen können, wird der weiter fortschreitende Fachkräfteengpass zu einer Bedrohung des Geschäftsmodells Deutschland führen", sagte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös.

Laut VDI hat sich die Lage seit 2010 verschärft. Damals fehlten im Schnitt monatlich 61.000 Ingenieure, erklärte VDI-Direktor Willi Fuchs. Das habe die wirtschaftliche Leistung schon damals verringert: 2010 fiel demnach durch Ingenieurmangel ein Wertschöpfungsverlust von 3,3 Milliarden Euro an.

Mit dem Aufschwung in Deutschland ist laut VDI die Nachfrage nach Fachkräften gestiegen. Demnach gab es im März dieses Jahres 110.400 offene Ingenieurstellen in Deutschland. "Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im August 2000", sagte Fuchs. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sei die Zahl der offenen Stellen um mehr als 26 Prozent gestiegen. Zugleich seien im März 18.850 Ingenieure arbeitslos gewesen.

Die meisten Fachkräfte fehlen demnach im Maschinen- und Fahrzeugbau mit fast 37.000 offenen Stellen. Bei den Elektroingenieuren werden demnach 23.000 Fachleute benötigt. Die höchste Nachfrage gibt es laut der Studie in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Hohe Gehälter machen kleinen Firmen Probleme

Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen werde der Engpass zu einem Problem, sagte der VDI-Chef. Sie fänden einerseits kaum noch Bewerber. Andererseits stiegen die Gehälter und kleine Firmen könnten sich die Fachkräfte deshalb nicht mehr leisten. Die Diskussion um den Fachkräftemangel wird allerdings kontrovers geführt. Manche Experten werfen dem VDI Panikmache vor und warnen sogar vor einem Überangebot an Fachkräften.

Mit der aktuellen Studie, die in Zusammenarbeit mit dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft entstanden ist, hält der Ingenieurverband nun dagegen. Langfristig rechnet der VDI mit einem jährlichen Bedarf von 80.000 Absolventen. Aktuell gebe es pro Jahr 50.000 Erstabsolventen, sagte Fuchs. "In keinem anderen Land Europas sind so viele ältere Ingenieure am Arbeitsmarkt wie in Deutschland." Jeder fünfte erwerbstätige Ingenieur sei 55 Jahre oder älter. "Folglich werden in den kommenden Jahren in großem Ausmaß Ingenieure aus dem aktiven Erwerbsleben ausscheiden."

Die Autoren der Studie warnen vor einem Innovationsverlust durch den Ingenieurmangel. In den Branchen mit der höchsten Ingenieurdichte würden jährlich rund 73 Milliarden Euro in Innovationen investiert, sagte IW-Geschäftsführer Klös. Dies entspreche 60 Prozent der gesamten Innovationsaufwendungen in Deutschland.

Der VDI fordert, in den Schulen technische Bildung mehr zu fördern, um Jugendliche für Ingenieurberufe zu begeistern. "Ohne diesen Schritt ist die technische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes dauerhaft nicht mehr zu halten", sagte Fuchs.

mmq

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1. Fata Morgana
ergoprox 23.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Konjunktur zieht an, doch den Unternehmen fehlen Fachkräfte. Laut einer Studie sind mehr als 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt. Allein im vergangenen Jahr habe die heimische Wirtschaft dadurch acht Milliarden Euro verloren. Experten sehen die deutsche Innovationskultur in Gefahr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828777,00.html
Wieso kriegt der VDI eigentlich immer wieder diese Plattform? Fachkräftemangel als Fata Morgana Mythos Fachkräftemangel: Von Schweinen und Ingenieuren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,821166,00.html) Das ist nichts als ein Verein der Industrie, der diese Sau seit nahezu Jahrzehnten durchs Dorf treibt und immer falsch lag. Es geht lediglich darum die Politik zu animieren billigere Fachkräfte aus dem Ausland zuzulassen und damit Druck auf die Vergütungsstruktur der Ingenieure auszuüben.
2. ...
deus-Lo-vult 23.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Konjunktur zieht an, doch den Unternehmen fehlen Fachkräfte. Laut einer Studie sind mehr als 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt. Allein im vergangenen Jahr habe die heimische Wirtschaft dadurch acht Milliarden Euro verloren. Experten sehen die deutsche Innovationskultur in Gefahr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828777,00.html
Arbeitslose Ingenieure: Wir wurden aussortiert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,785005,00.html) Tausende arbeitslose Ingenieure. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen.
3.
blub2blub 23.04.2012
Gab es nicht vor wenigen Wochen erst einen Artikel darüber, dass es in Deutschland gar keinen Ingeneursmangel gibt? Also bitte mal entscheiden, so ein hin und her bewirkt nämlich nur eines: Eine Untergrabung der eigenen Glaubwürdigkeit.
4.
brazzo 23.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Konjunktur zieht an, doch den Unternehmen fehlen Fachkräfte. Laut einer Studie sind mehr als 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt. Allein im vergangenen Jahr habe die heimische Wirtschaft dadurch acht Milliarden Euro verloren. Experten sehen die deutsche Innovationskultur in Gefahr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828777,00.html
VDI sagt doch alles... Mythos Fachkräftemangel: Von Schweinen und Ingenieuren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,821166,00.html)
5. Deutschland schafft sich ab!
polyphemos 23.04.2012
Zitat von sysopdapdDie Konjunktur zieht an, doch den Unternehmen fehlen Fachkräfte. Laut einer Studie sind mehr als 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt. Allein im vergangenen Jahr habe die heimische Wirtschaft dadurch acht Milliarden Euro verloren. Experten sehen die deutsche Innovationskultur in Gefahr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828777,00.html
Aber nicht im Sinne des unsäglichen Sarrazin-Geschreibsels, sondern dadurch, dass Deutschland seine Kinder aufwachsen lässt in einer Spaßidiotenkultur. Kinder sind (in ihrer Mehrheit) heutzutage keine neugierigen, ausdauernden Forscher mehr, sondern nur noch Prinzen und Prinzessinen, die gieren nach Lob und Aufmerksamkeit - und zwar minütlich und ohne Anstrengung. Schuld daran sind die faulen Eltern, das korrupte Schulsystem, die hinterhältige Wirtschaft, die Kinder nur zu willigem Konsumvieh dressieren will, und andere. Aus solchen Kindern werden keine Ingenieure! Das weiß jeder, der öfter mit Kindern zu tun hat. Das Gejammere über fehlenden qualifizierten Nachwuchs ist durch und durch verlogen.
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Top-Arbeitgeber: Die Lieblinge der Ingenieure

Fachkräftemangel
Sag mir, wo die Fachkräfte sind
Im Aufschwung brummte es bei den Unternehmen. Aber zugleich wurden die Alarmrufe lauter, hochqualifizierte Fachkräfte würden fehlen. Wo es hakt, was man dagegen tun kann - ein Überblick.
Die MINT-Lücke
Im Februar 2011 konnten 117.000 Jobs für Spezialisten der MINT-Fachgebiete (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht besetzt werden. Das meldet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Der Fachkräftemangel werde zum "Bremsklotz für die konjunkturelle Erholung", warnte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA).
Trotzdem viele arbeitslose Ingenieure
Techniker sind am stärksten gefragt. "Ein Abschluss als Ingenieur ist derzeit nahezu eine Jobgarantie", so Willi Fuchs vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Den vielen offenen Ingenieursstellen - laut VDI 76.400 - standen im August knapp 20.400 Arbeitslose gegenüber. Viele seien schwer zu vermitteln, weil sie nicht die geforderte Qualifikation mitbrächten (im Fachjargon "Mismatching"), meist wegen längerer Erwerbslosigkeit - so sehen es zumindest die Arbeitgeber.
Das Potential älterer Ingenieure
Ob es tatsächlich einen flächendeckenden Mangel gibt oder Engpässe in einigen Ingenieurberufen, ist in der Fachwelt umstritten. Einig sind sich fast alle Experten, dass Unternehmen stärker auf den Sachverstand älterer Ingenieure zurückgreifen könnten. Linderung der Not erwartet die Wirtschaft von der Anhebung des Rentenalters ("Rente mit 67"), die 2012 beginnt: Werde ein Jahr länger gearbeitet, blieben damit 50.000 Hochqualifizierte länger im Job.
Abbrecher: Fix aus dem Studium herausgeprüft
Die Branchenverbände trommeln seit vielen Jahren vehement, um mehr Abiturienten ins MINT-Studium zu locken. Technik, die nicht immer begeistert: Die deutsche Ingenieurs-Ausbildung ist eher wenig einladend - teils trist und praxisfern, teils übertrieben hart. So beendeten 2008 nur 52 Prozent aller Maschinenbaustudenten ihr Studium erfolgreich; 34 Prozent brachen es komplett ab, der Rest wechselte das Fach. Dass bei Maschinenbau-Prüfungen mitunter 80 Prozent durchfallen, sei "kein Beweis von Qualität", kritisierte BDA-Bildungsexpertin Barbara Dorn. Es gehe auch nicht an, dass Hochschulen die Studierenden schon im zweiten oder dritten Semester "hinauskomplimentieren".
Dauerstreit um Zuwanderer
Hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland könnten um Fachkräfte barmenden Unternehmen helfen, doch das ist ein notorisch heikles Thema. Nach langen Debatten hat die Bundesregierung Ende Juni die Vorrangprüfung für ausländische Ärzte und Ingenieure der Fachrichtung Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Elektrotechnik abgeschafft. Danach mussten Arbeitgeber bisher bei der Anstellung von Einwanderern immer erst nachweisen, dass der Arbeitsplatz nicht auch mit einem vergleichbar qualifizierten Deutschen besetzt werden kann.

Außerdem wurde angekündigt, ausländische Berufsabschlüsse schneller und unbürokratischer anzuerkennen als bisher - auch als Willkommenssignal. Gabriele Sons von Gesamtmetall plädierte dafür, die Gehaltsgrenze für die uneingeschränkte Anwerbung qualifizierter Ausländer zu senken: von derzeit 66.000 auf rund 40.000 Euro im Jahr. Den Vorschlag unterstützt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und die FDP-Fraktion im Bundestag. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) kritisiert den Status quo: Es könne nicht sein, "dass ein Zuwanderer mehr verdienen muss als ein Hochschulprofessor, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen".
Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?
In den Hörsälen und Labors des klassischen Ingenieurstudiums: eher nicht. In allen MINT-Fächern war 2009 ein Drittel aller Absolventen weiblich, in den technischen Disziplinen aber nur gut ein Fünftel, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Bisher gelingt es den Ingenieurwissenschaften kaum, junge Frauen für ein Technikstudium zu begeistern. (mamk/jol)