Studie zur Moral an der Wall Street: Lügner, Schwindler, Egomanen

Von , New York

Wall Street mit dem New York Stock Exchange: Moralischen Kompass verloren Zur Großansicht
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Wall Street mit dem New York Stock Exchange: Moralischen Kompass verloren

Seit der Finanzkrise kämpft die Wall Street um ihren Ruf. Jetzt bestätigt eine große Studie die schlimmste Kritik: Demnach sind Betrug, Selbstsucht und Raffgier in der Branche gängiger denn je.

Helden oder Schurken? Das ramponierte Image der Wall Street offenbart sich gerade in Saal 15A des US-Bezirksgerichts New York, beim spektakulären Betrugsprozess gegen den Ex-Goldman-Sachs-Trader Fabrice Tourré, 34. Den zeichnete Staatsanwalt Matthew Martens schon zum Auftakt als Personifizierung der Finanzkrise: "Bei diesem Fall geht es Lügen, Täuschung und Habgier der Wall Street."

Das ist zunächst natürlich nichts als der Bombast des Anklägers. Am Ende entscheiden die Geschworenen, ob Tourré, der "fabelhafte Fab", ein Betrüger ist - oder "ein Sündenbock", so Verteidigerin Pamela Chepiga.

Das Urteil über die Wall Street selbst dagegen scheint längst gefallen. Jedenfalls bestätigt sich die schlimmste Kritik in einer neuen Studie, die jetzt parallel erschien: Lange nach der Rezession bleiben Betrug, Selbstsucht und Raffgier in der US-Finanzbranche gängig - sind offenbar gängiger denn je.

Die Wall-Street-Kanzlei Labaton Sucharow, die sich auf die Vertretung von Whistleblowern spezialisiert hat, interviewte dazu 250 Insider aus Dutzenden Firmen: Trader, Banker, Broker, Analysten, Portfolio- und Hedgefondsmanager. Die Ergebnisse sind schockierend.

Schon der Titel sagt alles: "Die Wall Street in der Krise - ein Unwetter zieht auf." (Download der Studie im PDF-Format)

"Auf neue Skandale gefasst machen"

Dieses Unwetter manifestiert sich demnach als "erbärmlicher Niedergang" von "individueller Integrität, Führungskraft und Konzernkultur" in der ganzen US-Finanzbranche. "Viele in der Finanzindustrie scheinen ihren moralischen Kompass verloren zu haben", klagt Anwalt Jordan Thomas, der Initiator der Studie. "Die Main Street kann sich auf neue Skandale gefasst machen."

Fast fünf Jahre nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers wiederholt sich die Geschichte. Besonders erschreckend: Vor allem die jüngste Generation der Wall Street habe "Fehlverhalten als notwendiges Übel" akzeptiert. "Das ist eine wirtschaftliche Zeitbombe, die die verantwortlichen Organisationen unverzüglich entschärfen müssen, oder sie zahlen einen hohen Preis."

Das beginnt beim Selbstbild. Nur 36 Prozent der Befragten glauben, dass sich ihre Branche zum Besseren verändert habe. 52 Prozent sind dagegen überzeugt, dass die Konkurrenz in "illegale oder unethische" Aktionen verstrickt sei. Fast ein Viertel will das im eigenen Haus erlebt oder "aus erster Hand" erfahren haben.

Mehr noch: So schlimm sei das doch gar nicht. 29 Prozent halten unethische oder illegale Tricks für notwendig, "um erfolgreich zu sein". Das waren 17 Prozent mehr als im letzten Jahr, als die Studie erstmals durchgeführt wurde. Die Bereitschaft zu Betrug und Schwindel ist also sogar gestiegen, nicht gefallen.

Insiderhandel ist gerechtfertigt

Und zwar am meisten bei den Jüngeren: Während nur 18 Prozent der Wall-Street-Veteranen mit mehr als 20 Berufsjahren windige Tricks befürworten, haben 36 Prozent der Nachwuchsbanker mit weniger als zehn Jahren Erfahrung damit keine Probleme.

Weitere Resultate:

  • 17 Prozent rechnen damit, "dass ihre Chefs wegschauen, wenn sie einen Top-Performer des Insiderhandels verdächtigen". Freie Bahn: Ein Viertel wäre zu Insiderhandel bereit, "wenn sie damit ungeschoren mindestens zehn Millionen Dollar verdienen könnten". Beim Nachwuchs steigt dieser Anteil sogar auf 38 Prozent.

  • Als ein Motiv dafür gelten zu niedrige Saläre: 26 Prozent glauben, "dass die Vergütungspläne oder Bonusstrukturen ihrer Unternehmen Ansporn seien, ethische Normen zu verraten oder das Gesetz zu brechen". Auch hier eine Generationenkluft: Bei den Jüngeren sind es 31 Prozent, bei den Älteren 21 Prozent.

  • Der Kunde ist König, sagen die Banken. Doch hier finden 28 Prozent, dass die Branche "die Interessen der Klienten nicht voranstellt".

"Die Wall Street hat ein handfestes Problem", resümiert die "New York Times". "Der Bericht reflektiert die beunruhigende Realität, dass es in der Branche mehr als nur ein paar faule Äpfel gibt." Fabrice Tourré ist kein Einzelfall.

Dabei rühmen sich die Wall-Street-Firmen seit der Krise ihrer tollen, verschärften Verhaltenskodizes. "Kein finanzielles Incentive rechtfertigt eine Abkehr von unseren Werten", schreibt etwa Goldman-Vorstandschef Lloyd Blankfein darin.

Wie auch immer, es funktioniert: Am Dienstag vermeldete Blankfein fette Quartalszahlen.

Ein Anlass zur Freude ist das freilich kaum: "Missetaten sind wie schlechtes Wetter", schreiben die Verfasser der Studie in ihrem Schlusswort. "Sie kommen überall vor."

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insgesamt 74 Beiträge
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1. neu?
tulius-rex 17.07.2013
Hat irgendwer jemals etwas anderes geglaubt? Wer bis 30 nicht Millionär ist, ist in diesen Kreisen eine Flasche oder zu gutmütig. Wohlgemerkt alles mit fremdem Geld.
2. .
TS_Alien 17.07.2013
Man nehme doch nur den Libor-Skandal. Die Chefs müssen gewusst haben, was ihre Banken tatsächlich für Kredite bezahlen. Da müssen sie sich doch gewundert haben, wenn der Libor etwas ganz anderes sagt. Also handelt es sich bei dem Libor-Skandal keinesfalls um Straftaten nur von Untergebenen. Anstifter, zumindest aber Mitwisser, muss es unter den Chefs gegeben haben. Allein das ist ein Grund, den beteiligten Banken ihre Lizenz zu entziehen. Und die Schadenersatzforderungen aller Geschädigten (bis hin zu den Privatkunden) dürften so manche Bank in den Ruin stürzen. Wer so viele Verbrecher beschäftigt wie die Banken, wird es auch mit der Bilanzierung nicht so genau nehmen. Im Prinzip kann niemand Außenstehender sagen, wie eine Bank momentan wirtschaftlich dasteht. Vermutlich kann das auch kein Verantwortlicher der Bank sagen. Aber Hauptsache, der Bonus fließt auf das eigene Konto.
3. Nichts,
nettermensch 17.07.2013
was noch nicht bekannt war. Allerdings wäre eine solche Studie zu Regierungsbeteiligten aufschlußreich.
4. Recruiting
D0nJuAn 17.07.2013
Das Problem beginnt bei der Suche nach Nachwuchsbankern. Wenn man immer nur leute mit der selben Denke, dem selben Profil von den selben Unis und bereits vorhanden Kontakten zum jeweiligen Unternehmen, jedem anderen bevurzugt ergibt sich daraus immer der selbe gleich denkende elitäre Einheitsbrei.
5. Braucht man dafür eine Studie ?
geckox 17.07.2013
Geld und keine Reglementierung , das führt zum Bestem im Menschen .
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