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10. Oktober 2016, 17:35 Uhr

Stuttgart 21

Bitte alle aussteigen!

Von , Stuttgart

Für die Deutsche Bahn ist der Bau des Tiefbahnhofs in Stuttgart unumkehrbar. Doch die Stuttgart-21-Gegner fordern auch nach der Grundsteinlegung, die Arbeiten abzubrechen - und präsentieren einen Gegenentwurf.

Zu ihrer Sitzung am Donnerstag in Berlin werden die meisten Aufsichtsräte der Deutschen Bahn wohl mit dem Auto anreisen. Der Weg über die Tiefgarage in das Bahn-Hochhaus am Potsdamer Platz hat den Vorteil, dass die Aufseher einer Gruppe von Protestierenden aus dem Weg gehen, die sich vor dem Bahn-Tower platzieren wollen. Motto der Stuttgart-21-Gegner: "Ihr werdet uns nicht los, wir Euch schon!"

Zwar gehen inzwischen weit weniger Menschen gegen das Projekt auf die Straße als noch vor ein paar Jahren. Doch die verbliebenen Kritiker des Großprojekts sind hartnäckig, ihr Widerstand hat sich verfestigt und professionalisiert. Einige Gegner haben sich so tief in das Thema eingegraben wie die Mineure in die Berge rund um Stuttgart.

Dass die Gegner auch nach der Grundsteinlegung nicht aufgeben, zeigt eine Veranstaltung in Berlin an diesem Montag. Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" hatte in die Landesvertretung Baden-Württembergs eingeladen, um seine Argumente gegen den Tiefbahnhof vorzutragen.

"Aus der Kontrolle entglitten"

Die Initiatoren, darunter Ingenieure und Verkehrswissenschaftler, bescheinigen der Bahn "falsche verkehrspolitische Weichenstellungen": Das Projekt Stuttgart 21 sei den "Verantwortlichen gänzlich aus der Kontrolle entglitten".

Das Bündnis kritisiert nicht nur, es hat unter dem Titel "Umstieg 21" auch ein Gegenmodell entworfen. Es sieht vor, dass der bestehende Kopfbahnhof erhalten wird. In die bereits ausgehobenen Gruben für die quer zum bisherigen Gleiskörper geplante neue unterirdische Trasse wollen die Initiatoren ein neues Parkhaus und einen Busbahnhof bauen.

Die Kosten des planerischen Gleiswechsels auf halber Strecke laut der Projektgegner: 1,5 Milliarden Euro. Das seien 6,5 Milliarden Euro weniger als der Weiterbau, argumentiert das Bündnis, knapp zwei Milliarden seien schon verbaut worden.

Die Gegner kalkulieren anders als die Bahn. Sie prognostizieren Gesamtkosten von rund zehn Milliarden Euro für Stuttgart 21 und berufen sich dabei auf einen Bericht des Bundesrechnungshofes an den Haushaltsausschuss des Bundestags, der Kosten in dieser Höhe für möglich hält, eingeschlossen Risiken bei Verzug sowie Zinskosten.

Die Bahn hingegen veranschlagt die Kosten für den neuen Verkehrsknotenpunkt auf 6,5 Milliarden Euro. Das sollen auch neue Zahlen belegen: Die Bahn hat eine Expertise bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und dem Schweizer Ingenieurbüro Ernst Basler in Auftrag gegeben. Dieses Gutachten soll der Aufsichtsrat am Donnerstag beraten. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" schätzen die Prüfer die Kosten des Tiefbahnhofs ebenfalls auf insgesamt rund 6,5 Milliarden Euro.

Die Kritiker von Stuttgart 21 werden diese neuen Zahlen indes kaum überzeugen. Sie haben außerdem ein eigenes Gutachten bei der Verkehrsberatung Vieregg Rössler in Auftrag gegeben, das ebenfalls mit bis zu zehn Milliarden rechnet. Und sie verweisen auf Großprojekte wie die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf oder den Schnellen Brüter Kalkar: Diese seien trotz bereits getätigter Ausgaben gekippt worden.

"Das Projekt ist unumkehrbar"

Allerdings ist es ausgeschlossen, dass der Umstieg realisiert wird. Im September feierte die Bahn die Grundsteinlegung für den Tiefbahnhof. Bahnchef Rüdiger Grube sagte im Festzelt: "Das Projekt ist unumkehrbar. Der Bahnhof kommt."

Die von den Grünen geführte Regierungskoalition in Baden-Württemberg unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht sich an das Ergebnis der Volksabstimmung von 2011 gebunden: Damals sprach sich eine Mehrheit der Baden-Württemberger gegen den Ausstieg aus. CDU, FDP und SPD stehen mehrheitlich hinter Stuttgart 21.

Bislang sind prognostizierte Horrorszenarien ausgeblieben - dennoch verweist der nicht abreißende Protest auf eine Reihe von Problemen, die das Projekt begleiten:

In den kommenden Wochen stehen weitere Termine an, die die Diskussion um Stuttgart 21 befeuern werden: Der Stuttgarter Gemeinderat wird insgesamt zehn Stunden öffentlich über den Bahnhof beraten, die Gegner haben bereits beantragt, dort ausführlich gehört zu werden.

Am 7. November tagt der Lenkungskreis, in dem auch das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart vertreten sind. Das Land will sich über die bereits zugesagten 930 Millionen hinaus nicht an Kosten beteiligen.

Während für die beiden anderen umstrittenen Großprojekte, Elbphilharmonie und Berliner Flughafen, Eröffnungstermine absehbar sind, wird sich Stuttgart 21 ins nächste Jahrzehnt ziehen: Die ersten Züge sollen den neuen Bahnhof Ende 2021 befahren. Diesen Zeitplan sehen viele Beteiligte allerdings als zu ehrgeizig an, womöglich eröffnet der Bahnhof später.

Bei der Grundsteinlegung gab sich zumindest Bahnchef Grube noch zuversichtlich: "Wir fahren 2021 zusammen nach Ulm."


Zusammengefasst: Die Gegner von Stuttgart 21 fordern noch immer, den Bau des Tiefbahnhofs abzubrechen. In Berlin präsentierten sie unter dem Titel Umstieg 21 ihren Gegenentwurf - aus ihrer Sicht ist Umplanen günstiger als Weiterbauen. Für die Deutsche Bahn ist das Projekt jedoch längst unumkehrbar. An diesem Donnerstag berät der Aufsichtsrat über die neueste Kostenprognose.

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