Stuttgart 21 Bitte alle aussteigen!

Für die Deutsche Bahn ist der Bau des Tiefbahnhofs in Stuttgart unumkehrbar. Doch die Stuttgart-21-Gegner fordern auch nach der Grundsteinlegung, die Arbeiten abzubrechen - und präsentieren einen Gegenentwurf.

Pläne für Stuttgart 21: So soll es im neuen Tiefbahnhof aussehen
Aldinger & Wolf

Pläne für Stuttgart 21: So soll es im neuen Tiefbahnhof aussehen


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Zu ihrer Sitzung am Donnerstag in Berlin werden die meisten Aufsichtsräte der Deutschen Bahn wohl mit dem Auto anreisen. Der Weg über die Tiefgarage in das Bahn-Hochhaus am Potsdamer Platz hat den Vorteil, dass die Aufseher einer Gruppe von Protestierenden aus dem Weg gehen, die sich vor dem Bahn-Tower platzieren wollen. Motto der Stuttgart-21-Gegner: "Ihr werdet uns nicht los, wir Euch schon!"

Zwar gehen inzwischen weit weniger Menschen gegen das Projekt auf die Straße als noch vor ein paar Jahren. Doch die verbliebenen Kritiker des Großprojekts sind hartnäckig, ihr Widerstand hat sich verfestigt und professionalisiert. Einige Gegner haben sich so tief in das Thema eingegraben wie die Mineure in die Berge rund um Stuttgart.

Dass die Gegner auch nach der Grundsteinlegung nicht aufgeben, zeigt eine Veranstaltung in Berlin an diesem Montag. Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" hatte in die Landesvertretung Baden-Württembergs eingeladen, um seine Argumente gegen den Tiefbahnhof vorzutragen.

"Aus der Kontrolle entglitten"

Die Initiatoren, darunter Ingenieure und Verkehrswissenschaftler, bescheinigen der Bahn "falsche verkehrspolitische Weichenstellungen": Das Projekt Stuttgart 21 sei den "Verantwortlichen gänzlich aus der Kontrolle entglitten".

Das Bündnis kritisiert nicht nur, es hat unter dem Titel "Umstieg 21" auch ein Gegenmodell entworfen. Es sieht vor, dass der bestehende Kopfbahnhof erhalten wird. In die bereits ausgehobenen Gruben für die quer zum bisherigen Gleiskörper geplante neue unterirdische Trasse wollen die Initiatoren ein neues Parkhaus und einen Busbahnhof bauen.

Gegenmodell Umstieg 21: Kritiker wollen Kopfbahnhof erhalten
Kunz-AV / Klaus Gebhard

Gegenmodell Umstieg 21: Kritiker wollen Kopfbahnhof erhalten

Die Kosten des planerischen Gleiswechsels auf halber Strecke laut der Projektgegner: 1,5 Milliarden Euro. Das seien 6,5 Milliarden Euro weniger als der Weiterbau, argumentiert das Bündnis, knapp zwei Milliarden seien schon verbaut worden.

Die Gegner kalkulieren anders als die Bahn. Sie prognostizieren Gesamtkosten von rund zehn Milliarden Euro für Stuttgart 21 und berufen sich dabei auf einen Bericht des Bundesrechnungshofes an den Haushaltsausschuss des Bundestags, der Kosten in dieser Höhe für möglich hält, eingeschlossen Risiken bei Verzug sowie Zinskosten.

Die Bahn hingegen veranschlagt die Kosten für den neuen Verkehrsknotenpunkt auf 6,5 Milliarden Euro. Das sollen auch neue Zahlen belegen: Die Bahn hat eine Expertise bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und dem Schweizer Ingenieurbüro Ernst Basler in Auftrag gegeben. Dieses Gutachten soll der Aufsichtsrat am Donnerstag beraten. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" schätzen die Prüfer die Kosten des Tiefbahnhofs ebenfalls auf insgesamt rund 6,5 Milliarden Euro.

Die Kritiker von Stuttgart 21 werden diese neuen Zahlen indes kaum überzeugen. Sie haben außerdem ein eigenes Gutachten bei der Verkehrsberatung Vieregg Rössler in Auftrag gegeben, das ebenfalls mit bis zu zehn Milliarden rechnet. Und sie verweisen auf Großprojekte wie die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf oder den Schnellen Brüter Kalkar: Diese seien trotz bereits getätigter Ausgaben gekippt worden.

"Das Projekt ist unumkehrbar"

Allerdings ist es ausgeschlossen, dass der Umstieg realisiert wird. Im September feierte die Bahn die Grundsteinlegung für den Tiefbahnhof. Bahnchef Rüdiger Grube sagte im Festzelt: "Das Projekt ist unumkehrbar. Der Bahnhof kommt."

Die von den Grünen geführte Regierungskoalition in Baden-Württemberg unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann sieht sich an das Ergebnis der Volksabstimmung von 2011 gebunden: Damals sprach sich eine Mehrheit der Baden-Württemberger gegen den Ausstieg aus. CDU, FDP und SPD stehen mehrheitlich hinter Stuttgart 21.

Fotostrecke

9  Bilder
Mega-Bauprojekt: Grundsteinlegung bei Stuttgart 21

Bislang sind prognostizierte Horrorszenarien ausgeblieben - dennoch verweist der nicht abreißende Protest auf eine Reihe von Problemen, die das Projekt begleiten:

  • Im Kernabschnitt rund um den Stuttgarter Bahnhofstrog liegt die Bahn erheblich hinter ihrem Zeitplan.
  • Mehrfach musste umgeplant werden, zum Beispiel die Fluchttreppenhäuser für den Brandschutz. Die neuen Gleise und Bahnsteige müssen mit einer leichten Neigung gebaut werden - Gegner warnen deshalb davor, dass Züge und Kinderwägen wegrollen könnten.
  • Immer wieder verzögern diverse Auflagen den Weiterbau. So müssen entlang der Strecke zum Beispiel Populationen von geschützten Mauereidechsen eingefangen und umgesiedelt werden.
  • Ob die städtebauliche Chance, Stuttgart durch den Bau des neuen Tiefbahnhofs aus seiner eingeschnürten Kessellage zu befreien, tatsächlich genutzt wird, ist noch unklar. Jüngst beschwerte sich etwa der Düsseldorfer Architekt des Bahnhofs, Christoph Ingenhoven, über mangelnde Ideen für die 100 Hektar frei werdenden Grund.
  • Die Vorteile für Bahnfahrer könnten am Ende die Investitionen nicht rechtfertigen: So sparen Reisende nach Fertigstellung zwischen Stuttgart und München nur eine halbe Stunde, und die geht vor allem auf das Konto des Streckenausbaus zwischen Stuttgart und Ulm, der noch einmal drei Milliarden Euro kostet.

In den kommenden Wochen stehen weitere Termine an, die die Diskussion um Stuttgart 21 befeuern werden: Der Stuttgarter Gemeinderat wird insgesamt zehn Stunden öffentlich über den Bahnhof beraten, die Gegner haben bereits beantragt, dort ausführlich gehört zu werden.

Am 7. November tagt der Lenkungskreis, in dem auch das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart vertreten sind. Das Land will sich über die bereits zugesagten 930 Millionen hinaus nicht an Kosten beteiligen.

Während für die beiden anderen umstrittenen Großprojekte, Elbphilharmonie und Berliner Flughafen, Eröffnungstermine absehbar sind, wird sich Stuttgart 21 ins nächste Jahrzehnt ziehen: Die ersten Züge sollen den neuen Bahnhof Ende 2021 befahren. Diesen Zeitplan sehen viele Beteiligte allerdings als zu ehrgeizig an, womöglich eröffnet der Bahnhof später.

Bei der Grundsteinlegung gab sich zumindest Bahnchef Grube noch zuversichtlich: "Wir fahren 2021 zusammen nach Ulm."


Zusammengefasst: Die Gegner von Stuttgart 21 fordern noch immer, den Bau des Tiefbahnhofs abzubrechen. In Berlin präsentierten sie unter dem Titel Umstieg 21 ihren Gegenentwurf - aus ihrer Sicht ist Umplanen günstiger als Weiterbauen. Für die Deutsche Bahn ist das Projekt jedoch längst unumkehrbar. An diesem Donnerstag berät der Aufsichtsrat über die neueste Kostenprognose.

Auszüge aus dem S21-Gutachten
Grundlagen
"Unsere Überprüfung der Simulationsergebnisse hat gezeigt, dass die geforderten 49 Ankünfte im Hauptbahnhof Stuttgart in der am meisten belasteten Stunde und mit dem der Simulation unterstellten Fahrplan mit wirtschaftlich optimaler Betriebsqualität abgewickelt werden können. Die vom Schlichter (Heiner Geißler) geforderten anerkannten Standards des Eisenbahnwesens sind eingehalten."
Unstimmigkeiten in der Simulation
"Auch nach den Zusatz-Überprüfungen bleiben eine Anzahl Unstimmigkeiten im Simulationsmodell bestehen. Sie sind nach unserer Einschätzung in einer Größenordnung, die das Gesamtresultat zwar zahlenmäßig etwas verändern, ohne dass jedoch die Resultatseinstufung aus dem Bereich "wirtschaftlich optimal" heraus fällt."
Tendenz zur Verspätung
"Es kommt zu einem leichten Verspätungsaufbau im Zulauf zum Hauptbahnhof und anschließend auch wieder auf der Wegfahrt von Stuttgart nach außen. Die im Hauptbahnhof eingeplanten Fahrplanreserven erlauben dagegen einen Verspätungsabbau, der größer als die beiden anderen Durchschnittswerte ist, woraus sich die Gesamteinstufung "wirtschaftlich optimal" mit leicht abnehmender Verspätungstendenz ergibt.

Es kann nicht Aufgabe eines Audits sein, die in Deutschland geltenden Normen in Zweifel zu ziehen. Dieses Thema gehört auf die politische Ebene und berührt die Frage, welche strategischen Vorgaben der Unternehmenseigner an die Unternehmensführung vorgibt."
Anbindung des Flughafens
"Zweigleisige westliche Anbindung des Flughafens an die Neubaustrecke: Diese ist notwendig zum Erreichen des Qualitätsziels. Es kommt bei der Fahrplankonstruktion zu Zugkreuzungen auf der besagten Anbindung."
Wendlinger Kurve
"Große Wendlinger Kurve (zweigleisige und kreuzungsfreie Anbindung der Strecke aus Tübingen an die Neubaustrecke): Die Untersuchungen zeigen, dass mit der vorgelegten vereinfachten Wendlinger Kurve zwei Züge pro Stunde und Richtung zulässig sind. Ein dritter, vom Land Baden-Württemberg geforderter Zug in den Spitzenstunden ist die auslösende Ursache für einen kreuzungsfreien Ausbau, womit selbstredend zusätzliche Kapazität und Flexibilität für das ganze Projekt geschaffen wird. Die Frage nach dem Kosten/Nutzen-Verhältnis kann im Rahmen des vorliegenden Audits nicht beantwortet werden."
Erweiterung um zwei Gleise
"Erweiterung des Tiefbahnhofs um ein 9. und 10. Gleis: Alle Simulationsdurchläufe erfolgten ohne die Unterstellung eines 9. und 10. Gleises. Die Fahrplankonstruktion nutzt die Möglichkeit, an den 400 Meter langen Bahnsteigen zwei Nahverkehrszüge hintereinander halten zu lassen. Kombiniert mit den im Fahrplan relativ langen Haltezeiten der meisten Nahverkehrszüge genügen die acht Gleise für einen stabilen Betrieb. Die Detailanalysen der Verspätungsverlaufs-Diagramme zeigen, dass die beim unterstellten Fahrplan eingeplanten - teilweise langen - Haltezeiten in Stuttgart Hauptbahnhof lokal zu einem Verspätungsabbau beitragen."

dpa
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mettwurstlolli 10.10.2016
1. Verbohrtheit
Schon erstaunlich, dass Laien den Profis Unprofessionalität vorwerfen, weil diese die technische Komplexität dieses Großprojektes angeblich nicht beherrschen. Gleichzeitig machen die Laien aber zur Prämisse "Ihres" Projektes, dass sie selbstverständlich die Komplexität beherrschen und im Rahmen von Kosten, Qualitäten und Terminen fertigstellen. Erinnert mich an Fleischhauers Kolumne über die Laien, die sich für die besseren Journalisten halten... Dem Durschnittsbürger und seinem "gesunden Menschenverstand" scheint nichts unmöglich...
Neophyte 10.10.2016
2. Ich bewundere den Zeitüberschuss der Stuttgart21 Gegner
Aber ich habe so den Eindruck, ich habe mit meinen Steuern diese Gegenbewegung merklich mitfinanziert, obgleich ich für das Projekt bin. Allerdings sollte für zukünftige Großprojekte eine zentrale Koordinierungsstelle in Deutschland eingerichtet werden, wie auch in anderen Ländern üblich.
wo_st 10.10.2016
3. Stuttgart Flughafen Hauptbahnhof
Der einzige Bahnhof den Stuttgart braucht ist der Hauptbahnhof Flughafen. Der kann oberirdisch am Stuttgarter Kessel vorbei angefahren werden.
Freidenker10 10.10.2016
4.
Schade das keiner mehr von den damaligen Politikern redet die sich mit diesem unglaublichen Schwachsinn auf Steuerzahler Kosten ein Denkmal setzen wollten! Politiker wie auch Topmanager sollten für ihr Treiben endlich auch haftbar gemacht werden und nicht noch durch gigantische Pensionen oder Bonis belohnt werden!!!!
traurigeWahrheit 10.10.2016
5. Stuttgart 21 zeigt,
wie wichtig Volksabstimmungen sind. Knapp 60% haben sich in BW für Stuttgart 21 ausgesprochen, selbst in Stuttgart fand die Abstimmung eine (knappe) Mehrheit. Lautstärker waren immer die Gegner von S21, auch kreativer war der Protest, trotzdem zeigte das Referendum eindeutig, die Gegner sind in der Minderheit. Es ist undemokratisch, ein solches Abstimmungsergebnis zu ignorieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.