Stuttgart 21: Grubes grobe Fehler

Ein Kommentar von , Stuttgart

Stuttgart 21 wird wieder mal teurer - und die Bahn lernt nichts dazu. Wer wie der Staatskonzern stets nur scheibchenweise mit der Wahrheit herausrückt darf sich nicht wundern, wenn Großprojekte keine Akzeptanz mehr finden. Denn schon jetzt ist klar: Auch 6,8 Milliarden Euro werden kaum reichen.

Kerze im Stuttgarter Schlossgarten: Zeit, dass die Bahn endlich den Mund aufmacht Zur Großansicht
dapd

Kerze im Stuttgarter Schlossgarten: Zeit, dass die Bahn endlich den Mund aufmacht

"Lasst uns reden!" Gut zwei Jahre ist es jetzt her, dass Rüdiger Grube diesen Satz gesagt hat. Zugegeben, der Bahn-Chef war ziemlich verzweifelt damals. Die Polizei hatte im Stuttgarter Schlossgarten mit Wasserwerfern auf Schülerdemonstranten gezielt. Der gewitzte Protest der Mutbürger, das Fluchen der Wutbürger, war zu einem wilden Vuvuzela-Dröhnen angeschwollen. Der Bahn, der Stadt, den Bürgern fehlten die Worte für das, was da geschah, es gab nur noch "dafür" oder "dagegen". Für oder gegen Stuttgart 21.

Dann eröffnete der Schlichter im Stuttgarter Rathaus seine Heiner-Geißler-Festspiele. Unter den Augen der bundesweiten Livestream-Öffentlichkeit stritten die Schwaben mit der Bahn um das "neue Herz Europas", um das "bestgeplante Infrastrukturprojekt aller Zeiten". Werbephrasen versus Schwarzmalerei, Durchgangsbahnhof versus Kopfbahnhof.

"Vertrauensverlustmomente" diagnostizierte der Schlichter. Mehr Transparenz, so entschieden Arzt und Patient gemeinsam, wäre die einzig wirksame Medizin in diesem Fall. Es gab einen Schlichterspruch, Schwarz auf Weiß war da nachzulesen: Dies war ein Dialog auf Augenhöhe, das Demokratieexperiment ist geglückt. Wenn es wieder Probleme gibt: Redet miteinander!

Inzwischen ist viel passiert im Ländle. Die Grünen stellen jetzt den Ministerpräsidenten. Die Volksabstimmung hat ein Votum für den Weiterbau des Bahnhofs ergeben. Stuttgart wird demnächst vom grünen Bahnhofsgegner Fritz Kuhn regiert.

Und die Bahn? Die Bahn kriegt noch immer den Mund nicht auf.

Seit rund zehn Tagen wird in der Öffentlichkeit schon über Mehrkosten in Milliardenhöhe spekuliert. Nun hat der Bahnvorstand dem Aufsichtsrat neue Zahlen vorgelegt: Das Bahnprojekt wird mindestens 1,1 Milliarden Euro teurer als zuletzt geplant. Inklusive neuem Risikopuffer gehe man nun von 6,8 Milliarden aus.

Am liebsten schweigt die Bahn trotzig

Der so unprofessionell wirkende Umgang der Bahn mit den jüngsten Kostensteigerungen folgt einer unseligen Kommunikationstradition des Unternehmens. Schon in der Vergangenheit hat der Konzern immer nur dann Zahlen und Fakten auf den Tisch gelegt, wenn diese nicht mehr zu leugnen waren - und die Daten selbst schon wieder überholt. Am liebsten schweigt die Bahn nämlich trotzig, und erst recht, wenn es irgendwo nicht so richtig gut läuft.

Dass beim umstrittenen Grundwassermanagement plötzlich doppelt so viel Wasser abgepumpt werden muss wie ursprünglich geplant: Sollen wir das wirklich "zeitnah" herausposaunen, fragte man sich offenbar im Konzern. Müssen wir der Stuttgarter Polizei gegenüber wirklich rechtfertigen, wann wir diese oder jene Ecke im Schlossgarten roden? Die sollen das einfach mal weiträumig absperren. Dass im Oktober zum dritten Mal innerhalb eines Vierteljahres ein Zug am Hauptbahnhof entgleiste... Ja, was soll man dazu schon sagen.

Mitten in den Stuttgarter OB-Wahlkampf platzte dann die Meldung, dass das mit dem Brandschutz, schon in der Schlichtung ein Aufreger, im unterirdischen Bahnhof keine einfache Sache wird. "Auf den Grube ist eben Verlass im Wahlkampf", spottete ein Grüner nach Kuhns Wahlsieg.

Mangelnde Transparenz und Schweigen, wo reden vermitteln könnte

"Der Stuttgarter Bahnhof hat mit dem Berliner Flughafen nichts zu tun", heißt es bei der Bahn gerne. Doch das Grundproblem ist bei beiden Katastrophenprojekten das Gleiche: schlechte Kommunikation. Mangelnde Transparenz. Schweigen, wo reden wenn schon nicht retten, so doch noch vermitteln könnte zwischen Konzern und Politik und Bürger. Das ist tödlich für die Akzeptanz von Großprojekten.

In Stuttgart kommuniziert die Bahn heute noch immer wie anno 2010. Als hätte es keine Wasserwerfer gegen Schüler, keine Schlichtung, keine Wahlen gegeben. Als gäbe es kein grünes Verkehrsministerium, das nun belastbare Zahlen einfordert. Als gäbe es keinen überparteilichen Landtagsbeschluss, der klar sagt: Keinen Cent mehr für Stuttgart 21.

Jetzt, wo der sogenannte Kostendeckel nicht nur wackelt, sondern gesprengt wurde, greift die sogenannte Sprechklausel: Alle Projektpartner sind vertraglich verpflichtet, sich wieder gemeinsam an einen Tisch zu setzen - und zu reden. Es ist Zeit, dass die Bahn endlich den Mund aufmacht. Denn es sind schon lange nicht mehr nur die hart gesottenen Demonstranten im Stuttgarter Kessel, die glauben: Auch mit den jetzt veröffentlichten 6,8 Milliarden Euro wird man bei weitem nicht auskommen.

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1.
rainer_daeschler 12.12.2012
Ein Kommentar von Simone Kaiser, der sich gewaschen hat!
2. Aha...
peterbond0815 12.12.2012
Zitat von sysopdapdStuttgart 21 wird wieder mal teurer - und die Bahn lernt nichts dazu. Wer wie der Staatskonzern stets nur scheibchenweise mit der Wahrheit herausrückt darf sich nicht wundern, wenn Großprojekte keine Akzeptanz mehr finden. Denn schon jetzt ist klar: Auch 6,8 Milliarden Euro werden kaum reichen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/stuttgart-21-die-bahn-verfehlte-kommunikationsstrategie-a-872565.html
6.800.000.000 EUR reichen also nicht. Man hat sich ja schon an solche Unsummen gewöhnt, aber kann mir mal jemand erklären, was da genau soviel Kohle verschlingt? Wir reden hier über einen Bahnhof! Dieser besteht zum Großteil aus Stahl, Beton und Glas. Die Unternehmer werden dafür sorgen, dass ein Großteil der beteiligten Human Resources nicht viel kosten. Wer steckt sich also die ganze Kohle in den Sack?
3.
kimba2010 12.12.2012
Zitat von sysopdapdStuttgart 21 wird wieder mal teurer - und die Bahn lernt nichts dazu. Wer wie der Staatskonzern stets nur scheibchenweise mit der Wahrheit herausrückt darf sich nicht wundern, wenn Großprojekte keine Akzeptanz mehr finden. Denn schon jetzt ist klar: Auch 6,8 Milliarden Euro werden kaum reichen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/stuttgart-21-die-bahn-verfehlte-kommunikationsstrategie-a-872565.html
Mit fast 7 Milliarden Euro hätte man das ganze Gebäude theoretisch aus Gold bauen, oder? Unglaublich, wie hier wieder Steuergeld verplempert wird.
4. Nicht schlecht, Simone Kaiser...
mainzelmännchen 1 12.12.2012
...aber es reicht nicht: Zuviele Nutznießer in Halbhöhenvillen rund um die Villa Reitzenstein - und im Vetternstand der LBBW, bohrende Herrenknechte dazu, den Fisch lässt keiner mehr vom Haken, tolle Planungskostenmilliarden und Gutachtenmillionen, ein paar Computer füttern - und schon reicht´s wieder für das Ferienhäuschen am Zürichsee.
5. Wer zahlt?
Drummer 12.12.2012
Zitat von sysopdapdStuttgart 21 wird wieder mal teurer - und die Bahn lernt nichts dazu. Wer wie der Staatskonzern stets nur scheibchenweise mit der Wahrheit herausrückt darf sich nicht wundern, wenn Großprojekte keine Akzeptanz mehr finden. Denn schon jetzt ist klar: Auch 6,8 Milliarden Euro werden kaum reichen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/stuttgart-21-die-bahn-verfehlte-kommunikationsstrategie-a-872565.html
Also der Bund zahlt nicht, das Land auch nicht. Folglich zahlt die Bahn, indem sie die Ticketpreise erhöht, also zahlen wir. Kann dem Grube doch egal sein, wessen Geld er ausgibt.
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